Arbeiterwiderstand in Südbayern

Arbeiterwiderstand in Südbayern – im Umland der „Hauptstadt der Bewegung“ und der „Reichsparteitage“ der Nazis? Ja, den gab es und er verdient eine eingehende Betrachtung. Dies jedenfalls kann man den Dokumenten entnehmen, die Max Brym eingesehen hat.

Während die Geschichte der Arbeiterbewegung Weimars und ihr Widerstand gegen das NS-Regime in der ehemaligen Reichshauptstadt gut dokumentiert sind und auch in anderen großen Zentren wie Dortmund oder Hamburg darüber viel bekannt ist, sieht es in den kleineren Städten oft anders aus. Manchmal gibt es Geschichtswerkstätten oder eine gepflegte „oral history“. Manchmal bleibt jedoch das meiste unter dem berühmten Teppich. Der große Vorzug der Abhandlung Bryms besteht darin, ein Bild erstellt zu haben, das den ganzen Raum der Region erfasst. Zutage kommen Ansätze politischer Klugheit örtlicher Gruppen, die sich über die Fehleinschätzungen iher Führungen hinwegsetzen und Eigenes ausprobieren. Es wird klar, warum welche Arbeiterschichten welche Parteibindung gesucht haben und warum sich das auch ändern konnte. Zuletzt ist Bryms kleine Geschichtsexkursion auch ein anerkennendes Gedenken an Mut und Standfestigkeit jener Aktivisten der sozialistischen Arbeiterbewegung, die gestützt auf große Teile ihrer Klasse den erbittertsten Widerstand gegen die Machtübertragung an den deutschen Faschismus geleistet haben. Und sie legt nahe, sich erneut zu vergegenwärtigen, dass der Faschismus eine Gefahr bleibt, den erfolgreich zu bekämpfen das Bewusstsein über die Irrwege des antifaschistischen Kampfes voraussetzt.

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LESEPROBE

Die Nazis allerdings nahmen die Realität zur Kenntnis. Ihre Partei machte sich über ihren Hauptgegner, die Arbeiterbewegung, keinerlei Illusionen.Nach dem 9. März 1933 und dem Gesetz zur sogenannten „Gleichschaltung der Länder“ setzte der Terror gegen die organisierte Arbeiterbewegung in Bayern ein. Massenverhaftungen begannen, oft verbunden mit der Abriegelung ganzer Stadtteile in den größeren Orten. Und am 22. März 1933 wurde das KZ Dachau fertigstellt. Das entlastete die Polizeigefängnisse in den Orten. Denn auch die Zuchthäuser waren überfüllt. Vielen Arbeiter war klar, dass sie vom III. Reich nichts zu erwarten haben und sich ihre Situation nur zum Schlechteren wenden würde. Der KPD-Aktivist Simon Vorburger aus Burghausen wird vor 1933 in Polizeiberichten immer wieder mit dem Satz zitiert: „Haben wir Hitler, kommt der Krieg.“ Diese Erkenntnis war weit verbreitet. Die Arbeiterklasse wusste, was Krieg bedeutet und hatte noch genug vom letzten. Auch verfing das Gift des Antisemitismus im marxistisch infizierten Milieu – im Gegensatz zur bürgerlichen Welt, vor allem im Kleinbürgertum kaum. So bestand die größte Berufsgruppe vor 1933 unter den Mitgliedern der Nazipartei in München aus Zahnärzten. Das hatte einen sehr einfachen Grund: Schon im Kaiserreich diskriminierte der antisemitische Professorenpöbel jüdische Studenten. Sie mussten besser sein als ihre „deutschen Mitstudenten“. Letzteres hatte zur Folge, dass es in den Zwanzigerjahren einen überproportional hohen jüdischen Zahnarztanteil in München gab. Klar, die „arischen Recken“ hatten in ihrer Studienzeit herum gesoffen und sich in Burschenschaften Schmisse verabreichen lassen. Im Ergebnis waren die „jüdischen Zahnärzte“ besser. Wer Zahnschmerzen hat, fragt allerdings nicht nach der Religion des Zahnarztes. Der „Sozialismus“ der Nazis versprach den ehemaligen Burschenschaftlern nun die Praxis seines Konkurrenten.

In den Betrieben fassten die Nazis nur schwer Fuß. Die Betriebsratswahlen im April 33 endeten für die Faschisten auch in Bayern katastrophal. Immer wieder tauchten illegale Flugzettel, Zeitungen und Parolen aus der Arbeiterschaft auf. Das alles über sehr lange Zeit, trotz schrecklichem Terror und Lebensgefahr.

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