Sehnsucht Demokratismus?

„Wer wird das lesen wollen! Gott weiß es nicht, ich auch nicht“[1] – ein Stoßseufzer, den Friedrich Nietzsche vermutlich ein weiteres Mal ausgestoßen hätte, wenn er unserem Rezensionsgegenstand begegnet wäre. Schließlich handelt es sich um die durchaus überraschende, ja riskante, irgendwie auch waghalsig erscheinende Unternehmung, Richard Wagner (1813-1883), Karl Marx (1818-1883) und eben Friedrich Nietzsche (1844-1900) auf 720 (siebenhundertzwanzig) Seiten für 34 (vierunddreißig) Euro ins Gespräch zu bringen; und zwar mit dem Ziel, der Welt von heute die Welt im Umbruch anschaulich nahe zu bringen, wie es sie im deutschen 19. Jahrhundert gegeben habe.

Von Berno Hoffmann

Man möge ihm also seine spontan ausbrechende Verzweiflung nicht übel nehmen und sich zum Ressentiment gegen sein Projekt einer Fröhlichen Wissenschaft verführen lassen. Vielmehr ist empfehlenswert, seine heitere Stimmung aufzunehmen, die sich entwickelt hat, weil es weniger schwierig gewesen ist, den Tod Gottes zu überleben, als über Jahrtausende befürchtet worden ist, und zu postulieren: „Ernst nehmen. – Die liebliche Bestie Mensch verliert jedesmal, wie es scheint, die gute Laune, wenn sie gut denkt; sie wird ‚ernst‘! Und ‚wo Lachen und Fröhlichkeit ist, da taugt das Denken Nichts‘: − so lautet das Vorurtheil dieser ernsten Bestie gegen alle ‚fröhliche Wissenschaft‘. – Wohlan! Zeigen wir, dass es ein Vorurtheil ist!“[2]

Es ergibt sich sodann fast wie von selbst eine erste gute und wegweisende Antwort auf des Friedrich Nietzsche vermutlichen, fast schon philiströsen Skeptizismus in dieser diffizilen Angelegenheit, nämlich: Nun, werter Herr Nietzsche, sicher wollen das nicht nur die Zeitgenoss:innen lesen, die nicht wissen, dass es bessere Instrumente gibt, um die Armmuskulatur zu trainieren oder im Büro die empfohlenen körpergymnastischen Übungen zu absolvieren! Definitiv handelt es sich in quantitativer Hinsicht um ein passables Preis-Leistungsverhältnis. Hierzu beigetragen haben dürfte, dass der international renommierte und vielfach preisgekrönte Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der mittlerweile den Status eines Emeritus erreicht hat und von seinen Arbeitspflichten an der Humboldt-Universität zu Berlin unter Beibehaltung seines Entgelts befreit worden ist, regelmäßig Bücher produziert, die zu Bestsellern werden. Gleichzeitig dürfte diese ökonomische, kulturindustrielle Dimension eine Erklärung dafür sein, dass unser Rezensionsgegenstand, der sich recht routiniert zwischen Fach- und Sachbuch bewegt, einige skeptische Fragen von Seiten der „Philosophie und andere(n) Künste(n) und Wissenschaften“[3] aufwirft, was seine Form und seinen Inhalt betrifft.

I.

Zweifellos haben wir es mit einem Buch zu tun, das sich gut liest und auf seinen siebenhundertzwanzig Seiten nicht langweilig wird, obzwar so manche Detailverliebtheit des Autors zur Ermüdung zumindest des Rezensenten, der in dieser Hinsicht keine universalistischen Ansprüche vertritt, beigetragen hat. Hierfür dürfte nicht nur die über Jahrzehnte entwickelte Schreibkunst des Autors, sondern auch ein überdurchschnittlich ausgestattetes Lektorat gesorgt haben, wie es einer Autor:in immer dann spendiert wird, wenn der Verlag sicher ist, wieder ein gutes Geschäft machen zu können. Das heißt: Niemand muss sich mit der Befürchtung plagen, seinem geistigen Verdauungsapparat schwer verständliche und umständlich geschriebene Kost zuzuführen, weil er nicht in der Politikwissenschaft und angrenzenden wissenschaftlichen Disziplinen daran gewöhnt worden ist, Fachsprache kompetent zu nutzen und anzuwenden. In dieser Hinsicht überschlagen sich die Rezensionen in den journalistischen Formaten, die wie selbstverständlich fast zeitgleich zusammen mit der Auslieferung des Buches durch den Verlag erscheinen und die Ungeduld des Meinens weiterhin weitgehend schamlos feiern, förmlich vor Lob.[4] Indes interessiert den Verfasser der Rezension mehr die Frage, ob der Rezensionsgegenstand irgendeinen Beitrag zur Erkenntnis der „Welt im Umbruch“ oder zu „Marx, Wagner, Nietzsche“ leistet. Musste dieses Buch geschrieben werden? Erfährt die Leser:in etwas über das 19. Jahrhundert oder Karl Marx, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, was im interessierten Fachpublikum oder in der Fachwelt als Neuigkeit gelten darf? Finden sich Fehler oder einseitige Positionierungen in an sich kontroversen Fachdiskursen, die verschwiegen oder nicht hinreichend kenntlich gemacht werden? Wäre das Buchprojekt besser eingestellt worden oder sollten wir uns in Dankbarkeit und Demut vor die Füße des großartigen Herfried Münkler werfen?

Man beleidigt den Autor mitnichten, wenn festgestellt wird, dass sein opulentes Schreibwerk nicht als übermäßig originell gewertet werden sollte. Münkler selbst stellt fest, dass es ihm mit Bezug auf Marx, Wagner und Nietzsche nicht darum gehe, eine neue Werksinterpretation, Biographie oder Einzelstudie vorzulegen. Sein Ziel sei es, die drei vergleichend zu betrachten, „auf Ähnlichkeiten wie auch auf Unterschiede hin: Marx, Wagner und Nietzsche als Beobachter, Kritiker und Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts – ein Jahrhundert, das eines des Umbruchs war, und zwar stärker noch in mentaler als in materieller Hinsicht. Alle drei haben diesen Umbruch verfolgt, doch die Schlussfolgerungen, die sie daraus zogen, waren sehr unterschiedlich“ (S. 12). Sicher doch, um nicht zu sagen, wer hätte das gedacht angesichts der gewaltigen „Wirkung, die Marx, aber auch Wagner und Nietzsche im 20. Jahrhundert hatten“ (ebd.), sind es doch die Namensgeber für den Marxismus, Nietzscheanismus und „wagnerisme“ (ebd.). Anders gesagt, wem diese drei Begriffe Fremdwörter sind, sei der Rezensionsgegenstand zum Kauf empfohlen, um die signifikanten Mängel der Allgemeinbildung in einer längeren Leseübung zu eskamotieren, die sich gut in die Freizeit-, Wochenend- und Urlaubsgestaltung erbaulich wie erholsam integrieren lässt.

Als besonders überzeugend darf alles gelten, was der Autor zu Marx schreibt, ist er doch Anfang 1993 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit der Weiterführung der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) betraut worden (S. 713). Hier erlebt man selbst dann Überraschungen, wenn man der gerechtfertigten Überzeugung ist, ein Marx-Kenner zu sein. Wer es nicht ganz so genau wissen will, wie der Autor es weiß und meint, vermitteln und lehren zu sollen, kann flüchtiger lesen, ohne Gefahr zu laufen, den Überblick zu verlieren oder entscheidende Stellen zu verpassen.

Etwas weniger profund und überragend sind des Autors Kenntnisse zu Wagner und Nietzsche. Hier hat er seine Sicht der Dinge mit Expert:innen abgeglichen, die in diesen Forschungsgebieten die Expertise aufweisen, die ihm bei Marx eigen ist. Mit Nietzsche, was noch mit Bezug auf unseren Titel „Sehnsucht Demokratismus?“ auch mit Bezug auf die Marx-Wagner-Interpretation sowie die Beschreibung des 19. Jahrhunderts gesondert ausgeführt wird, ist der Rezensent nicht in jedweder Hinsicht einverstanden. Bei Wagner darf  er nur festhalten, dass des Autors Darstellung insoweit überzeugt, als die referierten wissenschaftlichen Kontroversen zur Wagner-Interpretation nachvollziehbar reflektiert werden, die sich positionierende Argumentationsführung kohärent ist und sich die Unsicherheit einstellt, ob der Autor seinen zweiten Liebling neben Marx im Unterschied zu diesem nicht zu freundlich vorgestellt hat. Als Eindruck bleibt, dass man bei Wagner so wenig wie bei Nietzsche und Marx in die Irre geschickt wird. Vielmehr entsteht die Überzeugung, dass man nun mit ihrem Werk und Leben vertraut ist und sich bei Bedarf gut gerüstet in ein Eigenstudium begeben kann, wenn man dank des Autors auf den Geschmack gekommen ist, um sich einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten.

Summa summarum kann also behauptet werden, dass man sich den Kauf von drei Biographien spart, wenn man sich für unseren Rezensionsgegenstand entscheidet und weniger wissenschaftliche als neugierige oder voyeuristische Ambitionen hat. Allerdings muss der Überzeugung des Autors dahingehend scharf widersprochen werden, dass sich das deutsche 19. Jahrhundert, mit seiner gedanklichen Vielfalt und seiner gesellschaftlichen Dynamik, kaum besser als dadurch erzählen ließe, dass man Marx, Wagner und Nietzsche, wie zu ergänzen ist: philosophisch ins Gespräch bringe; oder, wie es auch heißt, obwohl das doch etwas völlig anderes ist, zumindest für ein:e Philosoph:in, miteinander zu ausgewählten Themen des 19. Jahrhunderts, wie ebenfalls zu ergänzen ist: politikwissenschaftlich vergleiche. Ein großer Erzähler ist der Politikwissenschaftler Herfried Münkler im Vergleich zu seinen Kollegen aus der Geschichtswissenschaft jedenfalls nicht. Hier muss man nicht allein an Eckart Conze denken, der ebenfalls Bestseller zum 19. Jahrhundert geschrieben hat. Gleichfalls darf dieser Satz mit Bezug auf die noch fachlicher, sprich notorisch intendiert schwerfällig erzählenden Autoren wie Thomas Nipperdey, Hans-Ulrich Wehler oder Heinrich August Winkler und deren überragenden Gesellschaftsgeschichten gesagt werden.

Vor diesem Hintergrund drängt sich zudem die Frage auf, warum der Autor uns überhaupt das 19. Jahrhundert und dann noch ein sogenanntes deutsches nahebringen will. Faktisch enthält sein Buch keine Neuigkeiten. Schlimmer noch, wenn man nur es liest und die Standardgeschichtsschreibung nicht kennt, stellt sich nicht wirklich eine Idee davon ein, warum das sogenannte deutsche 19. Jahrhundert eine Zeit des Umbruchs gewesen sein sollte.[5] Der Autor bleibt hier sehr im Allgemeinen und scheitert daran, mit seinen drei Helden so klar, konkret und wegweisend zu werden, wie sie es waren, im Guten wie im Schlechten. Sicher ist nicht falsch, was er sagt, aber das es so schon richtig wäre , darf gleichsam bezweifelt werden: „So wurde das 19. Jahrhundert zu einer Epoche des Umbruchs, in der sich auf der Grundlage unterschiedlicher Erfahrungen und Erwartungen politisch konträre Strömungen herausbildeten. Das Herkommen wurde als Richtmaß entthront, das Religiöse verlor an politisch-gesellschaftlicher Relevanz, die Theologie büßte ihre Rolle als Leitwissenschaft ein, und mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften verband sich das Versprechen einer bis dahin unvorstellbaren Beherrschbarkeit der Welt. Die entstehenden Sozialwissenschaften … fügten alldem den Gedanken der Planbarkeit sozioökonomischer Abläufe hinzu. Dem Rausch unendlich vermehrter Optionen setzte Charles Darwin seine biologische Evolutionstheorie entgegen, in deren Licht die menschlichen Gestaltungsmöglichkeiten wieder zusammenschrumpften.“ (S. 20).

Ferner darf moniert werden, dass diese Gemeinplätze für die Regierung der versuchten geschichtswissenschaftlichen Erzählung, des angestrebten philosophischen Gesprächs oder dem sich immer wieder unter der Hand habitualisiert zur Geltung bringenden politikwissenschaftlichen Vergleich keine strukturierende Rolle spielen. Tatsächlich ist das Buch in neun plausible Kapitel untergliedert worden, ergänzt um die obligatorische „Einleitung: Licht und Schatten“ (S. 11-21) und ein die Fantasie angenehm anregendes, erheblich ausdauernderes „Nachspiel“ (S. 603-621). Die sechsundfünfzig Seiten „Anmerkungen“, die viele relevante Hinweise, Ergänzungen und Vertiefungen enthalten, sind leser:innenfreundlich zusammen mit dem sparsamen Literaturverzeichnis an das Ende des Buches gepackt worden. „Namensregister“ und „Dank“ schließen das Werk ab. Ein Sachregister fehlt leider. Dafür gibt es einen „Bildnachweis“ (S. 717 f.) für die sehr gelungene Illustrationen des ausführlichen Textes.

II.

Die neun Kapitel seien nun inhaltlich kurz und unvollständig besprochen, damit eine ungefähre Idee entsteht, was die Leser:in zu erwarten hat, bevor des Autors Methodologie systematisch mit der Frage diskutiert wird, inwieweit ein besseres, spannenderes und für die kritische Öffentlichkeit von heute nützlicheres Buch entstanden wäre, wenn uns erzählt worden wäre , dass Wagner, Marx und Nietzsche stellvertretend für das deutsche 19. Jahrhundert von der unausgesprochenen Sehnsucht nach Demokratismus angetrieben worden seien ; oder wenn des Autors Helden zu dieser Fragestellung in ein philosophisches, nach Erkenntnis suchendes Gespräch gebracht worden wären oder der Autor politikwissenschaftlich präzise gefragt hätte, wer von den dreien am nächsten an der Explikation dieser Sehnsucht dran war. Unter Demokratismus sei hier eine freiheitlich-demokratische menschenrechtliche Grundordnung oder eine soziale Kooperation freier und gleicher Personen verstanden, die sich mit dem Maßstab Fairness in der Weltgesellschaft als Weltgesellschaft nach dem Tod Gottes menschenrechtlich wie menschenwürdig selbst regiert, anpasst und verbessert.[6]

Das Kapitel 1 (S. 23-60) „Nähe, Distanz, Abneigung“ fokussiert darauf, wie sich Wagner, Marx und Nietzsche begegnet sind, verpasst und mit persönlichen Wertungen bedacht haben. Es ist insoweit gelungen, als man die fast schon sinnliche Erfahrung generiert, dass Wagner, Marx und Nietzsche sich tatsächlich ungefähr so nahe gewesen sind, wie heute der Verfasser, der Autor und die Leser:in.

Kapitel 2 (S. 61-92) hat „Die Wiedergeburt der Antike. Eine Kontroverse“ zum Gegenstand und macht sehr schön deutlich, welche menschheitsgeschichtlichen Hoffnungen noch im 19. Jahrhundert mit der Wiederentdeckung der Antike verbunden gewesen sind und wie sie sich Schritt für Schritt in Luft aufgelöst haben, weil sie wie der Gottesglauben wissenschaftlich desavouiert worden sind.

Kapitel 3 (S. 93-136) nimmt „Krankheit, Schulden, Selbstkritik: Hemmnisse bei der Arbeit, Leiden am Leben“ in den Blick. Es wird zum einen demonstriert, wie sich das Leiden am Leben mit den jeweiligen Lebenswerken verbindet. Zum anderen wird recht unterhaltsam vermittelt, welch Fortschritt der medizinische Sektor der modernen Gesellschaft gemacht hat, indem der Dilettantismus der Patienten Wagner, Marx und Nietzsche und der ihrer Ärzte dargelegt wird.

Kapitel 4 (S. 137-205) konzentriert sich auf die „Gescheiterte Revolution, gelungene Reichsgründung. Deutschland als politisch-kulturelle Projektionsfläche“. Wer Wagner bisher nur als Anti-Semiten, Reaktionär und Ideengeber für die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie gekannt hat, erfährt hier, dass er anders als Marx nicht nur geistig, sondern auch körperlich an der 1848-Revolution teilgenommen und sich erst nach ihrem Scheitern Schritt für Schritt mit dem monarchisch-absolutistischen Herrschaftsapparat arrangiert hat sowie zum reaktionären Feind der Demokratie geworden ist. Hat er also seine Sehnsucht, den Demokratismus, komplett verraten? Hätte eine günstigere gesellschaftsgeschichtliche Dynamik eine andere Biographie ermöglicht? Oder hat keine Transformation seiner Persönlichkeit stattgefunden, da sein liberaldemokratisches Bekenntnis und Engagement bloß ein zufälliges Oberflächenphänomen gewesen sind? Der Rezensionsgegenstand motiviert hier anders als bei Marx und Nietzsche, wo man zur vom Rezensenten präferierten Forschungshypothese Demokratismus als Sehnsucht gedrängt wird, keine Festlegung.

Kapitel 5 (S. 207-289) „Zwischen Religionskritik und Religionsstiftung“ analysiert sehr fein die religionstheoretischen Differenzen zwischen Wagner, Marx und Nietzsche. Sehr aufschlussreich ist, wie der Autor Wagners Oper Parsifal als Versuch wertet, eine neue Religion zu stiften, die dem Menschen besser gerecht werde als das Christentum. Mit solchen Erlösungsgedanken hat Nietzsche nichts anfangen können. Er hat auf Selbstüberwindung und Schaffung des Übermenschen gesetzt, Marx hingegen auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und den Übergang zur herrschaftsfreien Gesellschaft, die sich vom quasi-religiösen Fetischcharakter der Ware, den er in seinen ökonomischen Analysen und dem Kapital ausarbeitet, befreit habe. Nietzsche und Marx als religiös oder ersatztheologisch zu deuten, lehnt der Autor ab.

Kapitel 6 (S. 291-352) „Analyse und Erzählung“ geht es darum, wie die drei Denker das Verhältnis von Mythos und Logos gesehen und bearbeitet haben. Sicher muss man sich hier nicht der vorgeschlagenen Interpretation von Nietzsches Zarathustra anschließen und darf sie als eine von vielen von der Nietzscheforschung generierten Lesarten werten. Bei der Beschreibung von Wagners Arbeit am Mythos wird die Frage generiert, ob bei der detailgetreuen Wiedergabe für alle, die weder Wagner- noch Opernfans sind, weniger nicht mehr gewesen und die straffe Reproduktion von Marx‘ analytischer Darstellungsweise dieses Gegenstandes nicht ebenfalls ausreichend gewesen wäre.

Im Kapitel 7 (S. 353-434) „Bourgeois, Proletarier, Mittelmäßige: Drei Gesellschaftsanalysen“ löst Verwunderung aus, dass Wagners Ring und Nietzsches Kulturkritik als Gesellschaftsanalysen und Gesellschaftskritiken verarbeitet werden. Hier hat man doch den Eindruck, dass des Autors Versuch, Personen in ein philosophisches, nach Erkenntnis suchendes Gespräch zu bringen, die nicht miteinander sprechen, weil sie keinen gemeinsamen Gesprächsinhalt entdecken können und nicht auf gemeinsame Erkenntnissuche gehen wollen, unter einer gewissen Künstlichkeit und Zwanghaftigkeit leidet. Auch ist die Rede von „Nietzsches … Verachtung der Mittelmäßigen“ (S. 420 ff.) vornehmlich die Reproduktion eines verbreiteten Vorurteils, das Nietzsche entgegengebracht wird. Der Grund hierfür ist, dass man seine Verteidigung des Perfektionismus gegen vulgärsozialistische Vorstellungen radikaler Gleichmacherei für das Ganze seiner allerdings nur sehr sporadisch ausformulierten Utopie der Kooperation freier Geister nimmt. Diese lässt wie auch der Liberalismus von John Rawls[7] soziale Ungleichheiten zu, insoweit sie der Fairness und Gerechtigkeit nicht widersprechen und auch das Leben der in der Gesellschaft am schlechtesten Gestellten verbessern und nicht verschlechtern: was auch immer das angesichts des notorisch kontroversen Begriffs der Gerechtigkeit und Fairness konkret heißen mag. Mit anderen Worten, wenn man Nietzsches Philosophie verstehen will, ist nicht hilfreich, sich positivistisch auf einzelne Sätze oder Satzkomplexe zu stürzen und die hermeneutische Differenz von Gesagtem und Gemeinten zu ignorieren, auf die der Autor gerade bei Marx und Wagner meisterhaft rekurriert.

Kapitel 8 (S. 435-490) hört auf „Die europäischen Juden bei Marx, Wagner und Nietzsche“. Hier wird eingangs die allgemeine Annahme problematisiert, „dass es in Deutschland einen Antisemitismus im strikt rassistischen Sinne erst seit 1879 … gegeben habe“ (S. 435). Hier hält der Autor mit der Behauptung dagegen, dass „das Jahr 1879 vor allem für die politische Formierung des Antisemitismus“ steht (ebd.), da es „eine Judenfeindschaft, die sich nicht auf das religiöse Bekenntnis und die zeremonielle Praxis konzentriert, sondern eine selbst durch die christliche Taufe nicht ablösbare Identität behauptet“, schon lange davor gegeben hat (ebd.). In diesen grassierenden Antisemitismus werden sodann Wagner, Marx und Nietzsche eingebettet. Ein manifester Antisemitismus wird allein bei Wagner festgestellt. Bei Marx erschreckt hingegen hauptsächlich, wie selbstverständlich er in Phasen von Frust, Verzweiflung und Leid selbst ihm wohlgesonnene Juden mit anti-semitischer Rhetorik bedacht und herabgewürdigt hat, obwohl er sich für die Judenemanzipation und ihre Anerkennung als vollständig gleichberechtigte Bürger:innen engagiert hat. Von diesem Alltagsantisemitismus habe sich allein Nietzsche befreien können. Insofern stimmt Münkler der Rede der Nietzscheforschung vom Anti-Antisemitismus Nietzsches vorbehaltlos zu, ohne zu verschweigen, dass sich auch Nietzsche in seiner Rhetorik jüdischer Klischees bedient hat – allerdings immer um den Antisemitismus zu kritisieren und seine zunehmende Verachtung der Deutschen seiner Zeit kämpferisch zum Ausdruck zu bringen.[8] Der gute Europäer ist für Nietzsche, kurz gesagt, nur möglich, wenn er jüdisch konstituiert wird, insofern hierunter nicht das prophetische, auf Erlösung zielende, vom Christentum angeeignete Judentum, sondern das des alten Israels und des Westeuropas seiner Zeit verstanden werde (vgl. Fußnote 159, S. 667). Demgegenüber steht mit Bezug auf Wagner die Frage im Vordergrund, wie sehr sein Antisemitismus von seinem Werk reproduziert und befördert wird. Diese hochgradig komplexe Kontroverse kann hier nicht referiert, des Autors Position allein angedeutet werden: „Wenn es einen Strang gibt, der von Wagners Antisemitismus zum Nationalsozialismus führt, dann gibt es ebenfalls einen, der von der weltgeschichtlichen Verschwörungsvorstellung Nietzsches zur Ermordung der europäischen Juden führt[9] – freilich einen, der auf Verfälschungen und Missverständnissen beruht und gegen Nietzsches eigenes Projekt der Züchtung einer europabeherrschenden Kaste unter Einschluss der Juden nachträglich hergestellt worden ist. Wo Wagners Vorstellungen überzeichnet und radikalisiert wurden, ist Nietzsche gegen seine expliziten Absichten verstanden worden.“ (S.490).

Das Schlusskapitel 9 (S. 491-602) „Das große Umsturzprojekt: Gesellschaft, Kunst und Werteordnung“ stellt uns dann Wagner, Marx und Nietzsche als antibürgerliche Denker im Jahrhundert des Bürgers und der Bürgerlichkeit vor und unterscheidet skrupulös die Entwicklung ihrer Vorstellung von Revolution. Mit Bezug auf Nietzsche löst allerdings die Vorstellung Verwunderung aus, dass der im Januar 1889 erfolgte Absturz in den Wahnsinn nicht ausschließlich als Folge der syphilitischen Paralyse begriffen werden müsse. Vielmehr spielte die Radikalisierung seines Denkens, die Aufgabe, in die er sich hineingeschrieben habe und die Tatsache, dass er an der Umwertung der Werte gescheitert sei, ebenfalls eine Rolle (vgl. S. 600 ff.): Zum einen sollte die Diagnose der fortgeschrittenen Paralyse aufgrund einer in jungen Jahren in einem Basler Bordell erlittenen Syphilisinfektion als eine Spekulation in einem Indizienprozess ohne naturwissenschaftlichen Beweis gewertet werden.[10] Zum anderen erscheint doch fast schon als Reproduktion der Nietzsche feindlich gesonnenen philiströse Küchenpsychologie des 19. Jahrhunderts, dass lebenslanges radikales Denken in Verbindung mit gefühlter Erfolglosigkeit im Alter von 44 dazu geführt haben könnte, dass Nietzsche in die ewige geistige Umnachtung übergetreten ist, als die er schließlich mit 55 verstirbt. Fakt ist, dass Nietzsche mit 44 kurz vor seinem Durchbruch gestanden hat, da der einflussreiche Georg Brandes ihn gerade entdeckt und der Generation Thomas Mann schmackhaft gemacht hat.[11] Seinen Erfolg konnte Nietzsche nicht mehr erleben, weil eine körperliche Erkrankung seinen Geist zerstört hat. Ob sein Geist länger gehalten hätte, wenn ihm nicht verwehrt gewesen wäre, seinen Durchbruch noch zu erleben? Vielleicht ein paar Monate, meine Spekulation.

III.

Soweit zum Inhalt. Nun nochmals zur Methodologie von des Autors Reise ins sogenannte deutsche 19. Jahrhundert und dem systematischen Zweifel , ob man mit der Frage, inwieweit Wagner, Marx und Nietzsche stellvertretend für das sogenannte deutsche 19. Jahrhundert von der unausgesprochenen Sehnsucht nach Demokratismus angetrieben worden sind, nicht das bessere, spannendere und für die kritische Öffentlichkeit von heute nützlichere Buch geschrieben hätte. Unter Demokratismus sei hier, wie gesagt, eine freiheitlich-demokratische menschenrechtliche Grundordnung oder soziale Kooperation freier und gleicher Personen verstanden, die sich mit dem Maßstab Fairness in der Weltgesellschaft als Weltgesellschaft menschenrechtlich wie menschenwürdig nach dem Tod Gottes selbst regiert, anpasst und verbessert.

Grundsätzlich darf festgestellt werden, dass unser Autor mit seinem vielfältig ambitioniertem Buch: Biographie, Gespräch, Vergleich und deutsches 19. Jahrhundert, zu viel gleichzeitig unter einen Hut bringen wollte und deswegen weniger erreicht hat, als mit einem konsequent umgesetzten roten Faden wie zum Beispiel „Demokratismus als Sehnsucht?“ meiner Überzeugung nach möglich gewesen wäre. Hieran mag schuld sein, dass die Gesamtkonzeption nicht so systematisch ist, wie die Einleitung suggeriert, sondern ad-hoc, zufällig und idiosynkratrisch entstanden ist, wie man im „Dank“ (S. 713 ff.) nachlesen kann. Zuerst sollte es nur um einen Vergleich zwischen Marx und Wagner gehen, was aufgrund ihres ähnlichen Geburtsjahres, 1818 der erstgenannte, 1813 der andere, und des sie verbindenden Interesses an kultur- und gesellschaftskritischen sowie politischen und sozialen Fragen plausibel ist. Später kommt dann Nietzsche hinzu. Sicher, Nietzsche zeichnet sich durch analoge Interessen aus. Aber er gehört der nächsten Generation (Jg. 1844) an. Seine geistige Reife erreicht erst zu einem Zeitpunkt, als Marx und Wagner, beide verstarben 1883, nicht mehr in lebendiger Form aktuell sind. Das heißt, der Autor vergleicht beispielsweise die nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen Schriften des Jünglings Nietzsche, der fast schon besessen versucht von der Philologie- zur Philosophieprofessur zu wechseln und scheitert, mit denen von gestandenen Denkern. Sonderlich erkenntnisfördernd ist ein solches Vorgehen nicht, auch wenn es in einer Dreierbiographie wohl schwer zu vermeiden ist.

Besser wäre gewesen, wenn der Autor die Frage in den Vordergrund gestellt hätte, ob sich im Schrifttum Nietzsches im Vergleich mit dem von Marx und Wagner ein Generationenbruch nachweisen lässt und ob ein solcher Bruch etwas damit zu tun hat, dass es im 19. Jahrhundert nicht nur einen Bruch wie die gescheiterte Revolution von 1848 gegeben hat. Diese Perspektive liegt insoweit nahe, als die Rede vom revolutionären Bruch im Denken des 19. Jahrhunderts ein bewährter Topos der philosophischen Geschichtsschreibung und Reflexion ist.[12] Dieser deutet an, dass man Wagner, Marx und Nietzsche zwar in ein Gespräch bringen kann, man aber in diesem Fall den kontrafaktischen Charakter dieser Dreierkonstellation betonen und methodologisch sauber reflektieren muss, um die Produktion einer Erfindung zu vermeiden, die keine Entdeckung ist. Es gibt dann den Bruch, der sich auf dem Weg zwischen Hegel, den ersten Junghegelianern und Nietzsche philosophieintern ereignet, und den, der als politisch und sozial zu bezeichnen ist und mit der Jahreszahl 1848 explizit gemacht wird. Es erscheint als faszinierende Herausforderung, diese sozialen Tatsachen in einem fiktiven Gespräch zwischen Wagner, Marx und Nietzsche unter der Überschrift „Sehnsucht Demokratismus?“ erkenntnisfördernd zu rekonstruieren und so das19. Jahrhundert aus der Perspektive der deutschen Gesellschaftsgeschichte heraus zu erzählen. Indes setzt sich diese erweiterte systematische Fragestellung einer Kritik aus, die auch mit Bezug auf den hier diskutierten Rezensionsgegenstand unvermeidlich ist: Das sogenannte deutsche Jahrhundert ist ohne Hegel (1770-1831), Friedrich Schleiermacher (1768-1834), Wilhelm von Humboldt (1767-1835) oder allgemeiner: die Denker der deutschen Klassik (1786-1832) ebenso wenig wie ohne Arthur Schopenhauer (1788-1834) und die ersten Junghegelianer, von denen Karl Marx nur einer gewesen ist, kongenial zu erzählen.[13] Wer es mit der kontrafaktischen Dreierkonstellation Wagner, Marx und Nietzsche kritisch erzählen will, sollte zumindest verdeutlichen, was verloren gegangen ist, weil einem die Kraft gefehlt hat, auch in die andere Richtung ein fiktives Gespäch zwischen Wagner, Marx und deutsche Klassik oder eines zwischen Wagner, Marx und erste Junghegelianer in Gang zu setzen. Diesen Einwand kann man nicht mit dem Hinweis kohärent abwenden, dass man dadurch das 18. Jahrhundert ins 19. Jahrhundert hineinholt. Denn Nietzsche gehört nur deswegen nicht zum 20. Jahrhundert, weil er ungewöhnlich früh verstorben (1900) bzw. seinen Verstand (1888/89) verloren hat. Faktisch ist er mit Beginn des 20. Jahrhunderts posthum zu einem der einflussreichsten Intellektuellen seiner Zeit geworden.

Jedenfalls ist auffällig, dass Marx und Wagner zumindest bis 1848 engagierte Revolutionäre in der Tradition der Ideen von 1789 waren, Marx es danach wenngleich auf erneuerte Art und Weise blieb, während Wagner mit Ausnahme seiner Umwälzung von Kunst, Musik und Oper zunehmend reaktionäre politische und soziale Haltungen entwickelte. Indes ist sich die Forschung bei Nietzsche noch nicht einig,[14]

  • inwieweit er erstens als ein Demokrat avant la lettre interpretiert werden sollte,
  • zweitens der Demokratismus im Sinne einer sozialen Kooperation freier und gleicher Personen, die sich mit dem Maßstab Fairness in der Weltgesellschaft als Weltgesellschaft nach dem Tod Gottes menschenrechtlich wie menschenwürdig selbst regiert, anpasst und verbessert, seine wahre Sehnsucht ist und
  • drittens er zu der nietzscheanischen Kritik der Demokratie nachhaltig angeregt hat, die vom Ideal der freiheitlich-demokratischen menschenrechtlichen Grundordnung lebt.[15]

Jedenfalls stellt der international renommierte Nietzscheforscher Christian Niemeyer erstmals 2018 in der Sozialwissenschaftlichen Literaturrundschau fest:[16] „Dass der Demokratiebegriff von Nietzsche … nicht …ad acta gelegt werden kann, zeigt Nietzsches von Berno Hoffmann (2017: 209) ins Zentrum der Debatte gerücktes Wort aus Menschliches, Allzumenschliches II: ‚Ich rede von der Demokratie als von etwas K o m m e n d e n‘ – in der Tat kein Wort, das einen Demokratieverächter kennzeichnet“.[17] Tatsächlich ist die Interpretation dieses Zitats auch in der Nietzscheforschung umstritten, was nicht wundert, wenn man es vollständig zur Kenntnis nimmt:[18] „Ich rede von der Demokratie als von etwas Kommendem. Das, was schon jetzt so heisst, unterscheidet sich von den älteren Regierungsformen allein dadurch, dass es mit n e u e n P f e r d e n fährt: die Strassen sind noch die alten, und die Räder sind auch noch die alten. – Ist die Gefahr bei d i e s e n Fuhrwerken des Völkerwohls wirklich geringer geworden?“.[19] Manche Autor:innen meinen, dass Nietzsche bei Demokratie an das deutsche Kaiserreich denke, weil dort ein sehr fortschrittliches Wahlrecht eingeführt worden sei. Eckart Conze problematisiert diese Überzeugung immanent, indem er darauf hinweist, dass die Verwendung des Begriffs Demokratie mit Bezug auf es empirisch unhaltbar ist und demokratieaffine Elemente unzulässig verallgemeinert.[20] Auch kann man sich fragen, ob Nietzsche anders als Jacques Derrida nicht froh darüber gewesen sei , dass die Demokratie auf kommende Zeitalter verschoben ist.[21] Das bedeutet, wer ihm ein Bedauern unterstellt, setzt sein Denken, Handeln und Fühlen mit dem von uns demokratieverliebten Zeitgenoss:innen gleich. Meine Überzeugung geht eher in die Richtung, dass Nietzsche die USA oder England im Blick hat, die ja auch von Marx analysiert werden, wie der Autor unseres Rezensionsgegenstandes darlegt, und Sklaverei und Ausbeutung als konstitutive Elemente der modernen Demokratie nicht ausblendet, also die Postcolonial- und Decolonial Studies von heute vorwegnimmt. In dieser Perspektive ist ihm damit ein kritischer Realbegriff der Demokratie unterstellt, der ihn, anders als er glaubt, mehr mit Platon als mit Hegels kritischem Idealbegriff verbindet.[22] Das wird daran deutlich, dass er immer wieder zu verstehen gibt: „Ich sage dies nicht als Wünschender: mir würde das Entgegengesetzte eher nach dem Herzen sein“.[23] Damit wäre dann im Ansatz gerechtfertigt, Dewey als Hegel-Nietzsche-Synthese zu bezeichnen, da seine sozialwissenschaftlich qualifizierte Philosophie, auch Pragmatismus genannt, sowohl einen Real- als auch einen Idealbegriff der Demokratie enthält.[24]

Es gibt also Anlass, so heißt es sinngemäß im Aufsatz des Rezensenten aus 2017, Nietzsche in die Nähe von John Dewey, Hilary Putnam und sogar dem John Rawls zu rücken, der ihn in seiner Theorie der Gerechtigkeit aufgrund dessen Perfektionismus massiv kritisiert.[25] Diese außergewöhnlichen Denker stehen für das Projekt einer Pädagogik und Philosophie der Demokratie, befinden sich in einem nachhaltigen Arbeitsbündnis mit den zeitgenössischen Vertretern der Kritischen Theorie Frankfurter Provenienz, namentlich Jürgen Habermas und Axel Honneth, und können mit neo-pragmatistischer Demokratismus auf einen guten heuristischen Begriff gebracht werden.[26] Zentral ist hier der Zweifel, inwieweit die Rede von einer Postdemokratie gerechtfertigt ist, wenn man sich doch des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Demokratie: verstanden als eine freiheitliche-demokratische menschenrechtliche Grundordnung oder soziale Kooperation freier und gleicher Personen, die sich mit dem Maßstab Fairness in der Weltgesellschaft als Weltgesellschaft nach dem Tod Gottes menschenrechtlich wie menschenwürdig selbst regiert, anpasst und verbessert, noch vor uns liegt. Tatsächlich haben schon die Begründer der Kritischen Theorie der Gesellschaft, namentlich Theodor W. Adorno und Max Horkheimer gelehrt: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“[27] Das heißt, man ist sich darüber im Klaren, welche Folgen es haben kann, „wenn die Realität jene Autonomie, schließlich jenes mögliche Glück nicht einlöst, das der Begriff von Demokratie eigentlich verspricht“;[28] nämlich, zu Papier gebracht mit Blick auf die sogenannte Weimarer Demokratie: „In ihrer Breite lechzte die deutsche Kultur, gerade wo sie am liberalsten war, nach ihrem Hitler“.[29] Heute nimmt Philip Manow[30] diesen gesellschafts- und sozialisationstheoretischen Erklärungsstrang wieder auf. Dieser wird von Honneth insoweit vorbildlich problematisiert, als er die Rede von den Psychopathologien und Deformationen der Gesellschaften nur unter allergrößten Bauchschmerzen zu prozessieren gewillt ist.[31] Bei Nietzsche selbst, der vornehmlich kulturkritisch und psychologisch philosophiert und sich lieber an Richard Wagner als an Karl Marx abarbeitet, finden sich solche soziologisch-sozialwissenschaftlichen Reflexionen und Gesellschaftskritiken nur höchst fragmentarisch,[32] was indes Adorno nicht an seinem Bekenntnis zu Nietzsche hindert: „Es ist … Nietzsche … dem ich … am meisten von allen großen Philosophen zu verdanken habe – in Wahrheit vielleicht noch mehr als von Hegel.“[33] Hingegen ist die Verwendung von Krankheitsmetaphern und pejorativer Sprache bei Nietzsche notorisch. Doch ändert das nichts daran, dass sich auch die Linie der kritischen Theorie in der Foucault-Tradition enthusiastisch zu Nietzsche bekennt: „Nietzsche war eine Offenbarung für mich. Ich hatte das Gefühl, da ist jemand, der ganz anders war, als man es mich gelehrt hatte. Ich las ihn mit großer Leidenschaft und brach mit meinem bisherigen Leben; ich kündigte die Stelle im Krankenhaus und verließ Frankreich. Ich glaubte, in einem Gefängnis zu sein. Durch Nietzsche wurde mir das alles sehr fremd (…) Ich bin sehr stolz darauf, dass manche Leute glauben, ich sei eine Gefahr für die geistige ‚Gesundheit‘ der Studenten. Wenn Menschen anfangen, bei geistigen Aktivitäten über Gesundheit nachzudenken, dann ist etwas faul.“[34] Die Sache mit den Pathologien und Deformationen der Gesellschaft, die sich auch beim Individuum zeigen müssen, ist halt eine vertrackte Angelegenheit.

Mit anderen Worten, man muss bei Nietzsches pejorativem Gebrauch der Begriffe Demokratie, Demokrat und Demokratismus, der sich paradigmatisch nach Allzumenschliches, Menschliches in Jenseits von Gut und Böse sowie Zur Genealogie der Moral findet, sehr genau hinschauen, mit welchem propositionalen Gehalt er sie ausstattet und wen er im Blick hat. Es sind, mit Karl R. Popper gesprochen,[35] die Feinde der offenen Gesellschaft, die seiner freigeistigen, in der Tradition der liberalistischen Strömungen der neuzeitlichen Demokratiebewegung verankerten Grundhaltung gegen den Strich gehen. Folglich darf man vom Standpunkt der Philosophie der Demokratie heute sagen, dass Nietzsche den Demokratismus mit dem Nationalsozialismus, Faschismus und Stalinismus verwechselt. Er reproduziert in modernisierter Form den Fehler Platons, nämlich Demokratie mit der Herrschaft, wie es in Hegels Rechtsphilosophie heißt, des armen Pöbels und Oligarchie mit der des reichen gleichzusetzen.[36] Ähnlich wie Platon, der deshalb von Popper zusammen mit Hegel und Marx im Grunde mit Stalin, Hitler und Mussolini verwechselt worden ist, ist Nietzsche anders als die Philosophie der Demokratie noch nicht in der Lage, den vernünftigen Kern der aristokratischen Tugendlehre im Begriff der Demokratie zu beschäftigen und den Rawlsschen Gedanken zu explizieren, dass Bestenauslese und Ungleichheiten in der freiheitlich-demokratischen menschenrechtlichen Grundordnung zu respektieren sind: und zwar  wenn sie von der Gerechtigkeit regiert werden und den fairen Wert der Grundfreiheiten nicht verletzten, mithin dem Prinzip der Unantastbarkeit der Menschenwürde nicht zuwiderlaufen.[37] Daher plädiert Nietzsche für eine erneuerte, nicht an der Herkunft, sondern der Leistung orientierte freigeistige und europäische Aristokratie, die im Kern auf altisraelische und westeuropäische Art und Weise jüdisch sei. Hierbei merkt er nicht, dass er das fordert, was der beste Begriff der Demokratie und des Demokratismus in Wahrheit verlangt: nämlich die komplexe Gewaltenteilung einer repräsentativen Demokratie mit starken plebiszitären Elementen, die von der Menschenwürde und ihren Menschenrechten regiert und als (radikale) Demokratietheorie ausdrücklich hergestellt wird.[38] Folglich dürfen wir ihn zwar nicht als Demokraten, aber als Demokrat avant la lettre bezeichnen und ihm als Sehnsucht den Demokratismus in unserem Sinne unterstellen. Das heißt, Nietzsches partieller Dilettantismus sollte nicht mit Bösartigkeit und reaktionärer Gesinnung verwechselt werden, obzwar dieser häufig ganz weit nach rechts ausschlägt und seine eigentlich a-politische Philosophie insofern eine signifikante politische Gefahr für wahre Demokratie prozessiert und militant macht.

Ein analoges Argument kann mit Bezug auf Karl Marx noch leichter vorgebracht werden. In diesem Fall wird es vom Autor selbst unterstützt, weigert dieser sich doch konsequent, Marx dem Marxismus-Leninismus oder Stalinismus zuzusprechen. Auf den Punkt gebracht heißt es beim Nachspiel: „Hätte er in der Sowjetunion Stalins gelebt und so geschrieben, wie er das zu seiner Zeit tat, so wäre er zwangsläufig wegen Rechts- oder Linksabweichung zum Tode verurteilt und erschossen worden … Womöglich wäre es Engels genauso ergangen, aber so sicher wie bei Marx kann man sich bei ihm nicht sein (…) Natürlich kann man Engels nicht das … Desaster des Realsozialismus in die Schuhe schieben“ (S. 604 f.). Anders ausgedrückt, es ist nicht zu gewagt, die Überzeugung für gerechtfertigt zu halten, dass Marx, dem die Sozialdemokratische Partei Deutschlands bei allem heftigen Streit immer sehr am Herzen gelegen hat, mit unserer Unterstützung heute in einem philosophischen Gespräch zu Nietzsche sagen möchte, dass er besser sogleich das Manifest des Demokratismus geschrieben hätte und Nietzsche als einen Bruder im Geiste anerkennt. Jedenfalls klingt dieses notorische Zitat nicht sonderlich nach dem, was wir heute mit Kommunismus verbinden, sondern nach dem Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“[39]. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass man zu Beginn des 19. Jahrhunderts alles dafür getan hat, den lebensgefährlichen Verdacht von Demokratismus zu vermeiden, wie zum Beispiel Klaus Vieweg am Beispiel Hegels mit Bezug auf Jens Uwe Wandel verdeutlicht.[40] Die Anfänge der Demokratie und Demokratiebewegung mussten in Deutschland auf den offensiven Gebrauch der  Begriffe Demokratie, Demokrat und Demokratismus weitestgehend verzichten.[41]

Etwas schwerer macht es uns Wagner. Hier kann der Verfasser nur sagen, dass sich für die Perspektive Demokratismus als Sehnsucht ebenfalls Elemente im Rezensionsgegenstand finden, er aber aufgrund seiner Kompetenz nicht in der Lage ist, sie in diesem Sinne fruchtbar zu machen. Der grausame Antisemitismus, von dem der Autor ausführlich berichtet, darf hierbei jedenfalls nicht unterschlagen werden. Die Frage muss transparent erörtert werden, ob sich nicht aus diesem Grunde Wagner by Default aus dem Demokratismus ausgeschlossen hat oder man ihm zugutehalten darf, dass er eine Person des 19. Jahrhunderts gewesen ist. Definitiv nicht zur Verhandlung steht, dass der Antisemitismus im Demokratismus definitionsgemäß, sprich aus der kritischen Geschichte des Begriffs der Demokratie und des Demokratismus heraus überhaupt keinen Platz hat. Wagner als Demokrat avant la lettre wäre also ein von seinem Antisemitismus befreiter rational rekonstruierter Wagner, der dem historischen Wagner mit wohlwollender, sozialpädagogisch ambitionierter Verachtung begegnete, um ihn mit zweihundert Jahren Verspätung zur Vernunft zu bringen und in dieser Form in die (kritische) Philosophie (der Demokratie) der menschenrechtlichen Lebensform von heute zu inkludieren. In dieser ist für Deutschtümelei und nationale Chauvinismen im Sinne des historischen Wagner kein Platz, für die universalistischen Perspektiven von Marx, Nietzsche und der deutschen Klassik schon. In der Konsequenz stellt sich womöglich die Erkenntnis ein, dass man mit der Rede von einem deutschen 19. Jahrhundert dem historischen Wagner unnötige Anerkennung verschafft und den Weltgeist Hegels, sprich, unseren Demokratismus: die soziale Kooperation freier und gleicher Personen, die sich in der Weltgesellschaft als Weltgesellschaft mit dem Maßstab Fairness menschenrechtlich und menschenwürdig selbst regieren, anpassen und verbessern will, verraten hat.

Herfried Münkler: Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch. Berlin: Rowohlt 2021. 720 S.; 34 € (ISBN-978-3-7371-0105-9).

Berno Hoffmann, Jg. 1967, Dr. phil., Dipl.-Päd., Erziehungswissenschaftler und Philosoph mit den Arbeitsschwerpunkten: Allgemeine Pädagogik/Bildungs- und Erziehungsphilosophie, Sozialpädagogik, Pädagogik und Philosophie der Demokratie, Theorie der Pädagogik und Sozialpädagogik, Nietzsche, Geschlechterforschung, Kinder- und Jugendhilfe, Soziale Arbeit. 

Die Rezension erscheint auch in Heft 2/2022 der Sozialwissenschaftlichen Literaturrundschau (SLR).

Anmerkungen:

[1] Nietzsche, F. (1880): Nachgelassene Fragmente. Zit. n. Niemeyer, C. (Hrsg. 2012): Nietzsche: Die Hauptwerke. Ein Lesebuch. Tübingen: Narr Francke Attempto, S. 40.
[2] Ders. (1882-87): Die fröhliche Wissenschaft. („la gaya scienza“), in: Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari. 9. Auflage. 2015. München: dtv, S. 555.

[3] Goodman, N. / Elgin, C. Z. (1988): Revisionen. Philosophie und andere Künste und Wissenschaften. 1993. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[4] „Das Ziel ist die Einsicht des Geistes in das, was das Wissen ist. Die Ungeduld verlangt das Unmögliche, nämlich die Erreichung des Ziels ohne die Mittel“ (Hegel, G. W. F. (1807): Phänomenologie des Geistes. Werke Band 3. 5. Auflage 1996. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 33) und endet in der Vergänglichkeit des Verwirrung stiftenden Meinens.

[5] Vgl. z. B. Wehler, H.-U. (1987a): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 1. 1700-1815. München: C. H. Beck. Ders. (1987b): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 2. 1815-1845/49. München: C. H. Beck. Ders. (1995): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 3. 1849-1914. München: C. H. Beck.

[6] Vgl. Hoffmann, B. (2017): Zur nietzscheanischen Kritik der Demokratie anlässlich Christian Niemeyers „Nietzsche als Erzieher“, in Aufklärung & Kritik 24 (1), Zeitschrift für freies Denken und humanistische Psychologie, herausgegeben von der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg, S. 184-197. Ders. (2019a): Pädagogik der Demokratie II. To The Theory of Education. 502 Seiten. Essingen. Unveröffentlichtes Manuskript. Ders. (2019b): Nietzsche als Demokrat avant la lettre. Zu den Anfängen der nietzscheanischen Kritik der Demokratie. Vortrag auf dem 30. Internationalen Nietzsche-Kongress am 20. Oktober 2019 in Naumburg (Saale). Unveröffentlichtes Manuskript. Ders. (2021a): Elemente von Nietzsches Kritik der Digitalisierung. Zur Schaffung des Homo Digitalis als demokratisierende Kunst der Gesellschaft. Vortrag für den 31. Internationalen Nietzsche-Kongress am 15. Oktober 2021 in Naumburg (Saale). Unveröffentlichtes Manuskript. Ders. (2021b): Bemerkungen zur zeitgenössischen Phänomenologie des rechten Denkens, in: haGalil. Zeitschrift für jüdisches Leben online. 30. 09. 2021. https://www.hagalil.com/2021/09/phaenomenologie-des-rechten-denkens/. Ders. (2022a): Pädagogik der Moderne als Kunst des Vergessens. Eine nietzscheanische Reflexion des Vergessens in der Pädagogik der Demokratie, in: Zirfas, J. u. a. (Hrsg. 2022): Vergessen. Erziehungswissenschaftliche Figurationen. Weinheim und Basel: BeltzJuventa. Im Erscheinen.

[7] Vgl. Rawls, J. (1971): Eine Theorie der Gerechtigkeit. 1975. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ders. (1993): Politischer Liberalismus. 2003. Frankfurt: Suhrkamp. Ders.. (2001): Gerechtigkeit als Fairness. 2003. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[8] Manche mögen hier einen Verweis auf Christian Niemeyer (2019: ‚Auf die Schiffe, ihr Philosophen!‘ Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens. München: Karl Alber) vermissen, wo diese Argumentation vorbildlich differenziert und reflektiert entfaltet wird.

[9] Gemeint ist hier Nietzsches, wie ich meine: überkomplexe Argumentationsfigur Sklavenaufstand in der Moral: Vgl. Nietzsche, F. (1886): Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, in: Kritische Studienausgabe. Band 5. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari. 14. Auflage 2016. München: dtv, Fünftes Hauptstück, S. 105-128. Ders. (1887): Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift, in: Kritische Studienausgabe. Band 5. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari. 14. Auflage 2016. München: dtv, Erste Abhandlung, S. 257-289.

[10] Vgl. Niemeyer, C. (2020): Nietzsches Syphilis – und die der Anderen. Eine Spurensuche. München: Karl Alber.

[11] Vgl. Brandes, G. (1890): Nietzsche. Eine Abhandlung über aristokratischen Radikalismus. Mit einer Einleitung von Klaus Bohnen. 2004. Berlin: Berenberg.

[12] Löwith, K. (1941): Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des 19. Jahrhunderts. 9. Auflage 1986. Digitaldruck 1995. Hamburg: Felix Meiner.

[13] Zur Komplexität des Begriffs Junghegelianismus vgl. Habermas J. (2019): Auch eine Geschichte der Philosophie. 2 Bände. Berlin: Suhrkamp.

[14] Vgl. Fußnote 6,

[15] Vgl. Fußnote 6.

[16] Vgl. Niemeyer, C. (2018): Nietzsche und die Neue Rechte. Eine Zwischenbilanz nach 150 Jahren völkischer Bewegung, in: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau 41 (76-77), S. 59-79 u. S. 100-119.

[17] Ders. (2021): Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essay, Lexikon. Mit Online-Materialien (Bildung nach Auschwitz I). Weinheim und München: Beltz Juventa, S. 250.

[18] Vgl. Drochon, H.(2016a) ‘An Old Carriage with New Horses’: Nietzsche’s Critique of Democracy, History of European Ideas 42 (8), 1055-1068. Ders. (2016b): Nietzsche’s Great Politics. Princeton, New Jersey: University Press.

[19] Nietzsche, F. (1878-80): Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, in: Kritische Studienausgabe. Band 2. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari. 7. Auflage. 2016. München: dtv, S. S. 685.

[20] Vgl. Conze, E. (2020: Schatten des Kaiserreiches. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe. München: dtv.

[21] Vgl. Derrida, J. (2003): Der letzte der Schurkenstaaten. Die ‚kommende Demokratie’, zum Öffnen zweimal drehen, in: Menke, C. / Raimondi, F. (Hrsg. 2011): Die Revolution der Menschenrechte. Grundlegende Texte zu einem neuen Begriff des Politischen. Berlin: Suhrkamp, S. 349-370.

[22] In den Worten des die blutige Zensur des Preußischen Absolutismus austricksenden Hegels: „Das Prinzip der neueren Welt überhaupt ist Freiheit der Subjektivität, dass alle wesentlichen Seiten, die in der geistigen Totalität vorhanden sind, zu ihrem Rechte kommend sich entwickeln. Von diesem Standpunkt ausgehend, kann man kaum die müßige Frage aufwerfen, welche Form, die Monarchie oder die Demokratie, die bessere sei. Man darf nur sagen, die Formen aller Staatsverfassungen sind einseitige, die das Prinzip der freien Subjektivität nicht in sich zu ertragen vermögen und einer ausgebildeten Vernunft nicht zu entsprechen wissen.“ (Hegel, G. W. F. (1821): Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Werke Band 7. 1. Auflage 1986. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 439 f.). Vgl. auch Vieweg, K. (2019): Hegel. Der Philosoph der Freiheit. München: C. H. Beck.

[23] Nietzsche, 1886, a. a. O., S. 140.

[24] Vgl. Dewey, J. (1929): Philosophie, in: Ders. (2004): Erfahrung, Erkenntnis und Wert. Herausgegeben von Martin Suhr. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 196-215. Hoffmann, B. (2020): Bildung? In: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau 81 (2), S. 53-59. Westbrook, R. B. (1991): John Dewey and American Democracy. Ithaca, New York: Cornell University Press.

[25] Vgl. Rawls, 1971, a. a. O., S. 360 ff.

[26] Vgl. Hoffmann, B. (2008): Pädagogik der Demokratie I. Ein philosophischer Essay. 859 Seiten. Berlin: PDF. Unveröffentlichtes Manuskript. Ders. (2022a), a. a. O. Ders. (2022b): Erziehung als Grundstruktur der Vergesellschaftung. Die Perspektive eines neo-pragmatistischen Demokratismus in der Theorie der Erziehung, in: Schierbaum, Anja u. a. (Hrsg. 2022): Erziehung Quo Vadis? Weinheim und Basel: BeltzJuventa. Im Erscheinen.

[27] Horkheimer, M. (1939): Die Juden und Europa. In: Studies in Philosophy and Social Science, Band 8. The Institute of Social Research, New York, S. 115.

[28] Adorno, T. W. (1959): Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 – 1969. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 23.

[29] Ders. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 21. Auflage 1993. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 67. Heute kann man hier durchaus an Boulevardmedien a la BILD oder die Partei AfD denken.

[30] Vgl. Manow, P. (2019): Die Politische Ökonomie des Populismus. 2. Auflage. 1. Auflage 2018. Berlin: Suhrkamp.

[31] Vgl. Hoffmann, B. (2021b): Rezension von Axel Honneth: Die Armut unserer Freiheit. Aufsätze 2012-2019. Berlin: Suhrkamp 2020, in: Zeitschrift für Pädagogik 67 (4), S. 614-617. Honneth, A. (2020): Die Armut unserer Freiheit. Aufsätze 2012-2019. Suhrkamp: Berlin, S. S. 165 ff.

[32] Vgl. auch Adorno 1951, a. a. O.

[33] Ders. (1963): Probleme der Moralphilosophie. 2. Auflage 2015. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 255.

[34] Foucault, M. (1993): Wahrheit, Macht, Selbst. Ein Gespräch, in: Martin, L. H. u. a. (Hrsg. 1993): Technologien des Selbst. Frankfurt am Main: Fischer, S. 19 f.

[35] Popper, K. R. (1945): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Zwei Bände. 7. Auflage 1992. Tübingen: J. C. B. Mohr.

[36] Hegel, 1821, a. a. O.. Vieweg, 2019, a. a. O.

[37] Vgl. Freeman, S. (2007): Rawls. London and New York: Routledge. Rawls, 1971, a. a. O. Ders., 1993, a. a. O. Ders., 2001, a. a. O.

[38] Vgl. Comtesse, D. u. a. (Hrsg. 2019): Radikale Demokratietheorie. Ein Handbuch. Berlin: Suhrkamp.

[39] Marx, K. / Engels, F. (1848): Manifest der Kommunistischen Partei, in: Dies. (1980): Werke. Band 4. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Berlin: Dietz, S. 482. Die Schwächen dieser Werksausgabe problematisiert der Autor. Seine Kritik trifft aber nicht auf das Zitat zu.

Artikel 2 GG lautet: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Das Sittengesetz ist selbstverständlich ebenso mit Nietzsche zu bespötteln wie der Präambel Anfang: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott …“.

[40] Vgl. Vieweg, K., 2019, a. a. O. Wandel, U. J. (1981): Verdacht von Demokratismus? Studien zur Geschichte von Stadt und Universität Tübingen im Zeitalter der Französischen Revolution. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck).

[41] Vgl. Riethmüller, J. (2002): Die Anfänge der Demokratie in Deutschland. Sutton: Erfurt.

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