Koscher und halal

In dem Spielfilm „Nicht ganz koscher“ überwinden ein Beduine und ein ultraorthodoxer Chasside zahlreiche Hindernisse. Zwei deutsche Regisseure spielen mit Stereotypen, um zur großen Verständigung zu kommen.

Von Gaston Kirsche

„Von den Tränen des schlafenden Drachen kommt der ganze Sand“, erklärt der Beduine Adel (Hitham Omari) seinem Begleiter Ben (Luzer Twersky), der sich als orthodoxer Jude in seinem schwarzen Mantel unerwartet und schwitzend in einer kargen Landschaft wiederfindet. Mitten in einer Sandwüste voller von Erosion geformter Sandsteinberge.

Die Fels – und Sandwüste, sie spielt stumm die dritte Hauptrolle in „Nicht ganz koscher – eine göttliche Komödie“. Der Titelzusatz ist unglücklich gewählt, mit einer leichten Komödie hat der Spielfilm nichts zu tun, mit Dante auch nicht. Es ist eher ein Roadmovie, wenn denn zu Fuß abgelaufene Wüstenpfade und Kamelreiten mitzählen, wobei es lange auch in einem Pickup vorwärts geht über staubige Pisten.

Als sie den Pickup schon zurücklassen mussten wegen eines Kolbenfressers und fehlendem Kühlwasser, da eröffnet Adel seinem Begleiter Ben, den er gerade seit zwei Tagen kennt, seine beduinische Vorstellung von der Welt: Lange vor dem Islam gab der Gott Sin dem Land, in dem sie unterwegs sind, den Namen Sinai. Und vor Sin war der schlafende Drache da, aus dessen Tränen der ganze Sand und die ganze Welt entstand. Warum weinte der Drache, fragt Ben. Weil alle Dinge sterben müssen, alles vergänglich ist. Dann ist dein Großvater hierher in die Berge zurückgegangen als er alt war, um wieder zu Sand zu werden? Ja. Dialoge zu großen Fragen gibt es viele – Tod, Liebe, Wasser, Glaube, Arbeit, Lebensweise und nicht zuletzt dass, was wir Nahostkonflikt nennen, koscher und halal Essen, und die ganzen anderen jeweiligen Glaubensvorschriften.

Normalerweise wären sich Adel und Ben nie begegnet, sondern in ihren Welten geblieben, ohne die religiösen, lebensweltlichen Vorstellungen des jeweils anderen zu kennen. Ihre zufällige Begegnung bringt ihre beiden Leben durcheinander. Hinein ins Offene.

Alles beginnt mit einem Todesfall in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria: Die kleine jüdische Gemeinde der Stadt ist mitten in der Vorbereitung für Pessach. Das jüdische Fest, welches ausgerechnet an den Auszug der versklavten Juden unter der Leitung von Moses aus Ägypten nach Israel erinnert. Für einen Gottesdienst in der Synagoge ist eine Versammlung von mindestens zehn männlichen Juden nötig, um einen Minjan zu bilden, eine Betgemeinde. Nach dem Todesfall gibt es nur noch neun Juden in Alexandria. Das Pessachfest droht auszufallen – und schlimmer: Wenn die Gemeinde zu klein ist, um Gottesdienste zu feiern, fällt ihr gesamter Besitz an den Staat. Vor dem Gemeindehaus, in dem im Film auch der Gebetssaal untergebracht ist, sind Polizisten positioniert, die auf Anweisung des Polizeipräfekten (Youssef Abuwarda) genau beobachten, wie viele Juden zur Teilnahme kommen.

Der betagte Gemeindevorsteher Gaon (Makram J. Khoury) telefoniert mit Gott und der Welt, um irgendwo einen zehnten Juden für das Pessachfest aufzutreiben. Zwischendurch trifft er sich im Gentlemens Club of Alexandria mit dem Polizeipräfekten, um wie seit Jahren in großen Ledersesseln gegeneinander Schach zu spielen.

Gaon ruft auch bei seinem Schwager in Jerusalem an – der erwartet gerade seinen Neffen Ben aus New York, um ihn endlich zu verheiraten. Der Heiratsvermittler der ultraorthodoxen Gemeinde ist schon dabei, anhand von Fotos eine Ehefrau für Ben auszusuchen. Ben hat sich aber heimlich in die Verkäuferin in der Bäckerei in Brooklyn verliebt, bei der er immer seine Bagels kauft, ohne sie auch nur anzusprechen. Heiraten kann er sie nicht, da sei sein Vater strikt gegen, vertraut Ben sich Adel später in der Wüste an: Sie trage das Haar offen, würde zusammen mit Männern arbeiten, sei nicht orthodox. Obwohl sie Jüdin sei – no way.

Als Ben zufällig erfährt, dass die jüdische Gemeinde in Alexandria einen zehnten Mann für Pessach benötigt, sieht er seine Chance gekommen, der fremdbestimmten Verheiratung zu entgehen. Eilig geht es zum Flughafen. Eigentlich ist Fliegen die einzige Möglichkeit für Juden, aus Israel auszureisen – alles andere ist entweder zu unsicher, oder unmöglich, weil es von den Anrainerstaaten nur mit Ägypten und Jordanien überhaupt Friedensverträge gibt. Aber Ben verpasst den Flug nach Kairo. Kurzentschlossen und ohne sich Gedanken um mögliche Schwierigkeiten zu machen, fährt er mit einem Taxi an die Grenze zu Ägypten. Der Fahrer bezeichnet ihn wegen seines Outfits als Pinguin und macht aus seiner Ablehnung der Ultraorthodoxen keinen Hehl. Die Grenzbeamten sind zwar verwundert, aber lassen den weltfremden Ben passieren. Doch einige der im Bus in Ägypten von der Grenze über den Sinai nach Kairo Mitfahrenden empören sich lautstark, ein Jude dürfe nicht mitfahren. Die beiden überrumpelten Fahrer lassen die Fahrgäste abstimmen: Zuerst ist eine Mehrheit dafür, ihn mitfahren zu lassen. Aber nach ein paar Stopps mitten in der Sinaiwüste, als wieder einer der Befürworter aussteigt, ist die Mehrheit gegen ihn. Stoisch geht er zu Fuß weiter und trampt. Adel hält mit seinem Pickup an und nimmt ihn mit. Es gibt ein altes Beduinengesetz: Hilfesuchende müssen unterstützt werden. Ben steigt ein, Adel fährt los. Ohne Worte. Gesprochen wird erst später. Zuerst nur Worte: Warum nicht Bus? Bus Problem. Nach zwei Tagen fragt Ben in einem Streit, warum Adel ihn mitgenommen hat, und erfährt so von dem Beduinengesetz. Wie so vieles andere. Beide entwickeln zuerst Respekt, dann Freundschaft.

Das Lachen bleibt einem aber trotz bizarrer Missverständnisse im Halse stecken – den die Geschichte hinter dem Film ist zu bedrohlich. Auf dem Sinai agieren seit zehn Jahren islamistische Gruppierungen. Für Juden ist es dort lebensgefährlich, aber auch für Moslems, Christen und Beduinen: So veröffentlichte der Islamische Staat, IS, im April ein Video, in dem zu sehen ist, wie ein bis dahin auf dem Sinai lebender koptischer Christ und zwei junge Beduinen vor laufender Kamera ermordet wurden. Ihr angebliches Vergehen: Sie hätten mit den ägyptischen Sicherheitsbehörden zusammengearbeitet. Im November 2017 massakrierten Kämpfer des IS bei einer Attacke auf eine Moschee bei Bir al-Abd während des Freitagsgebets über 300 Gläubige. Die Rawda-Moschee galt als Zentrum des Sufismus, einer mystischen Auslegung des Islams.

Gedreht wurde „Nicht ganz koscher“ denn auch nicht auf dem Sinai, sondern im Wadi Rum, einer Fels- und Sandwüste in Jordanien mit dem wunderschönen Sandsteinberg Jebel Khazali. Die in Alexandria spielenden Stadtszenen wurden in Nordisrael in Haifa aufgenommen. In Alexandria steht zwar die restaurierte Eliyahu-Hanavi-Synagoge, aber in der Großstadt leben derzeit kaum mehr als zwanzig Juden, tausende wurden nach Israel vertrieben – viele nach dem Sechstagekrieg 1967, als in Ägypten willkürlich Männer verhaftet wurden, weil sie Juden waren. Nur die in Jerusalem spielenden Szenen entstanden tatsächlich in Jerusalem.

Nicht ganz koscher, D 2022, Drehbuch/Regie: Stefan Sarazin, Peter Keller; Kamera: Holger Jungnickel, Alexander Hasskerl; Schauspieler: Luzer Twersky, Hitham Omari, Makram J. Khoury, Youssef Abuwarda. Kinostart 4. August 2022

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