„Kritik des Antisemitismus“ als Einführung

Der Politikwissenschaftler Andreas Peham legt eine Einführung zu Erklärungsansätzen und Ideengeschichte der Judenfeindschaft vor. Der informative Band hätte indessen durch mehr Struktur und weniger Zitate gewonnen.

Von Armin Pfahl-Traughber

Da der Antisemitismus mit schrecklichen Folgen schon seit Jahrhunderten verbreitet ist, entstanden auch zahlreiche Einführungen zur Judenfeindschaft als Monographien. Eine solche hat auch der Politikwissenschaftler Andreas Peham, Mitarbeiter des „Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands“ in Wien, vorgelegt. „Kritik des Antisemitismus“ lautet der Titel. Diese Formulierung irritiert zunächst, lässt sie doch Einwände gegen judenfeindliche Stereotype erwarten. Solche finden sich zwar auch in dem Band, gleichwohl geht es bei der „Kritik des Antisemitismus“ um etwas anderes. Dazu heißt es: „Eine Kritik des Antisemitismus reduziert diesen nicht auf antijüdische Feindschaft oder auf die Summe antijüdischer Ressentiment(s), sondern fasst ihn als universale Sinnstiftung (Mythos) zu Lasten von Jüdinnen und Juden“ (S. 62). In Anlehnung an die Kritische Theorie könnte noch ergänzt werden, dass es auch um die Einbettung der Judenfeindschaft in die „Strukturprinzipien bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung“ (S. 64) gehen soll.

Insgesamt hat der Autor aber eine ideengeschichtliche Darstellung vorgezogen, zumindest sind die meisten Kapitel in diesem Sinne gehalten. Am Beginn geht es aber zunächst um Definitionsfragen, wobei auch die zwischen Antisemitismus und Rassismus bestehenden Unterschiede hervorgehoben werden. Dem folgen Beschreibungen zu sozialwissenschaftlichen Theorien, womit Forscher seit über hundert Jahren die Judenfeindschaft erklären oder untersuchen wollten. Da geht es etwa um individuelle Dispositionen oder Korrespondenztheorien, Krisentheorien oder Sündenbocktheoreme. Dem folgen Ausführungen zu den Deutungen der Kritischen Theorie und zuvor zu Judenfeindschaft und Sexismus. All diese Ausführungen sind überaus zitatenlastig, was für die Belesenheit von Peham spricht. Indessen ist nicht immer klar: Steht eine zitierte Aussage auch für seine Position oder nur für die des Zitierten? Darüber hinaus werden komplexe Aussagen zu komplizierten Fragen allzu knapp und kursorisch vorgenommen.

Dies ist sicherlich für jeden Einführungsband ein grundsätzliches Problem. Gleichwohl hätte hier eine entwickelte Struktur und Typologie vielleicht für mehr Verständnis gesorgt. Den bislang genannten theoretischen Aspekten folgen dann Darstellungen zur ideen- und realgeschichtlichen Entwicklung der Judenfeindschaft. Dabei geht der Autor bis auf das vierte Jahrhundert vor der Zeitrechnung zurück, wobei aber etwas unklar ist, inwieweit hier schon von Antisemitismus gesprochen werden kann. Angesichts des im Christentum aufkommenden Gottesvorwurfs stellt sich dieses Problem für die späteren Zeiten nicht. Ausführlich widmet sich dann Peham solchen Zusammenhängen, wobei langfristige Kontinuitäten und Wirkungen hervorgehoben werden. Damit hebt sich der Autor auch von anderen Darstellungen ab, konstatiert er doch zutreffend: „Ein Großteil der Antisemitismustheorien vernachlässigt die Kontinuität und den Einfluss der christlichen Mythen“ (S. 158), welche auch – so darf man ergänzen – in säkularer Form weiter Verbreitung finden.

Dem folgt dann eine ausführlicher Darstellung der Entwicklung „Von der Aufklärung zum rassistischen Antisemitismus“ und dann zu „Wege in den Nazismus“, während der „Antisemitismus nach 1945“ nur sehr knapp thematisiert wird. Dabei fallen einige nicht so richtig nachvollziehbare Lücken auf: „Linke und Israel“ ist nur auf vier Seiten ein Thema. Und dann bleibt unklar, inwieweit hier von einem besonderen Antisemitismus gesprochen werden kann. Auch die Judenfeindschaft unter Muslimen ist durchgängig ein Nicht-Thema. Danach folgen noch Ausführungen zu „Juden-Bilder“, etwa als „Lügner“, „Parasit“ „Teufel“ oder „Wucherer“. Und schließlich wird noch auf „strukturellen Antisemitismus“ verwiesen, wobei die interessanten Anmerkungen zu einer fetischisierten Judenfeindschaft doch viel zu knapp geraten sind. Insgesamt ist ein informativer und interessanter Band entstanden, der allerdings durch mehr Struktur und Systematik gewonnen hätte. Mitunter wird die Lektüre auch durch etwas inflationäre und nicht immer nötige Zitate erschwert.

Andreas Peham, Kritik des Antisemitismus, Stuttgart 2022 (Schmetterling-Verlag), 240 S., Bestellen?

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