Superhelden vor den Auschwitztoren treffen auf sensible Malerei

Vom 25. März bis 1. Mai 2022, zeigt der Kunstverein Krefeld eine Werkschau des russisch – deutschen Künstlers Yury Kharchenko. Diese Einzelausstellung stellt zwei Werkgruppen des Künstlers vor: Superhelden Gestalten vor den Toren von Auschwitz treffen auf sensible Malerei in Haus- und Blumenbildern.

Der 1986 in Moskau geborene Yury Kharchenko ist 1998 zusammen mit seiner Familie als jüdischer Kontingent-Flüchtling nach Dortmund ins Ruhrgebiet gekommen und lebt seit 12 Jahren vorwiegend in Berlin lebt. Seine Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität fängt in seinen Bildern mit der Reflexion der eigenen Familiengeschichte und dem erlebten Antisemitismus in Deutschland an. Sein Großvater wechselte den Namen Grynszpan in Kharchenko, um die familiäre Verbindung zu Herschel Grynszpan zu verstecken und so von nationalsozialistischen und antisemitistischen Übergriffen verschont zu bleiben.

Herschel Grynszpan war der 17- jährige jüdische Junge, der den Nazi Attaché Ernst vom Rath erschoss, was Hitler als Vorwand für die Reichspogromnacht nahm. 70 Jahre nach der Shoah erlebt der Enkel Yury Kharchenko in Deutschland den neuen Nachkriegs – Antisemitismus, besinnt sich auf sein Jüdisch-Sein und lotet aus, wie es auf seine Malerei einwirkt. Für Yury Kharchenko sind Kunst und Leben eins. Er malt Bilder von Herschel Grynszpan, Porträts von jüdischen Persönlichkeiten, die Anfang des Jahrhunderts in Deutschland gelebt haben, so z.B. von Freud, Kafka oder auch Alfred Flechtheim, der die Avantgarde der 30 Jahre begründet hat und von den Nazis als Jude verfolgt wurde, aber auch heutige Persönlichkeiten, wie Amy Winehouse. All das kulminiert in seinen jüngsten Auschwitz-Bildern, wo Disney-Protagonisten wie Superman, Batman, Dagobert Duck oder Figuren aus Fernsehserien wie Beavis und Butthead vor dem Auschwitz- Tor „Arbeit macht Frei“ posieren. Der Künstler stellt damit die Frage nach der Utopie des Heroismus.

Gleichzeitig verweist er auf den derzeitigen Niedergang der deutschen Erinnerungskultur, die ihre Aufgabe des Erinnerns nicht mehr wirklich erfüllt und mehr und mehr zu einem Aufhänger der politischen Korrektheit wird: Wird das Erinnern nicht sowohl von jüdischer als auch von deutscher Seite für eigene Selbstverwirklichungzwecke eingespannt und tritt nicht die Selbstvermarktung in den Vordergrund ?: „There is no other buiseness“ than a Shoah Buisness lautet ein bekanntes US-amerikanischen Sprichwort. Für Kharchenko droht das Erinnern in eine Trash-Geschichte zu verfallen. „Das darf nicht geschehen, wir brauchen eine ethische Komponente“, sagt er.

Seine allerjüngsten Bilder sind Blumen Bilder. Grosse Gemälde von 2 Meter Höhe zeigen versunkene Pflanzen, Stämme mit Knospen oder Blüten und entfaltete Rosen. Ein Fluss von Farben, die in verschiedensten Regenbogentönen herunterfließen. Ähnlich wie in seinen Haus- und Porträt-Bildern trifft hier die flüssige Malerei auf die pastosen Passagen. Ein ganzes Repertoir an malerischer Virtuosität trifft aufeinander und erzeugt ein Mysterium und starke Gefühle beim Betrachter. Bei einem Knospen-Bild denkt man an ein Leben, das sich noch nicht entfaltet hat, aber vielleicht doch kurz vor der Entfaltung steht. Das Thema Blume, ist für Yury Kharchenko zu einem neuen Zyklus geworden. Darin sieht er eine Verbindung zur Natur und der darin verborgenen Plastizität, Metamorphose, Sensibilität und des Drangs zum Leben und sich Entfalten, aber auch zum Vergehen und zum Wiederaufleben. Wenn seine vorigen Bilder die existenzielle Auseinandersetzung mit der Verarbeitung des Horrors des 20. Jahrhunderts thematisieren, so sprechen seine neusten Bilder von der Vergegenwärtigung des Lebensdrangs und von der Entfaltung im Schatten des allgegenwärtigen Abgrunds der Welt.

Yury Kharchenko sieht sein Leben und seine Kunst unzertrennlich. Seine malerische Laufbahn fing er mit kleinen 50 x 40 cm großen Magic Windows an, in denen das Thema der Hoffnung auf den Menschen trifft und zum ersten Mal sein sensibler Umgang mit der Farbe zum Ausdruck kommt. Weiterhin entdeckt er für sich das Thema Haus als Passepartout und entwickelt seine virtuose Malerei in einer eher abstrahierten Darstellungsform des Hauses weiter – auch hier ist die Hoffnung präsent, im Sinne der Zuflucht – des ambvivalenten zu Hause Seins. Nach den Haus-Bildern entstehen Porträts von herausragenden Persönlichkeiten dieser Welt, mit denen sich der Künstler identifiziert. Als nächsten Schritt bezieht er die jüdische Biografie seiner Familie in seine Kunst ein und geht auf die Zeit des Nationalsozialismus und des Lebens eines Juden im heutige Deutschland ein. Das Miteinander der radikalen Auschwitz-Bilder und der Blumen-Bilder könnte Betrachter zum Nachdenken bringen.

Krefelder Kunstverein e. V.
https://krefelder-kunstverein.de/

Eröffnung: Freitag, 25. März 2022, um 19:00 Uhr
Dauer: 25. März 2022 01. Mai 2022

Ausstellungszeiten:
Dienstag und Freitag von 10 bis 15 Uhr
Sonntag von 11 bis 13 Uhr

Bild oben: Yury Kharchenko, Waiting for a Super Hero – Darkwing Duck, in front of Auschwitz gates, 200x150cm, Acrylic on canvas, 2020

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