Rechte(s) von A-Z

Folge 5: E bis Euthanasie

Von Christian Niemeyer

Dieses Lexikon gibt Informationen in kompakter Form sowie weitergehende Literaturhinweise, basierend auf Forschungsliteratur sowie allgemein zugänglichen Nachschlagewerke, zumeist in Printversionen. Internetquellen, etwas das Belltower-Lexikon sowie Wikipedia, wurden konsultiert. Ersteres ist aber zu unspezifisch und im Übrigen schlecht aufgebaut und unvollständig. Letzteres ist zu spezifisch, mitunter unzuverlässig. Das Handbuch Rechtsradikalismus (2002) von Thomas Grumke & Bernd Wagner setzte in beiden Hinsichten neue Maßstäbe. Es hat nur einen Nachteil: es ist zu alt, im Vergleich zum im Folgenden dargebotenen Material (Redaktionsschluss: Juli 2021), das ab jetzt auf hagalil.com in mehreren Folgen erscheinen wird und dem Online-Anhang meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte (2021) entnommen wurde. Am Ende eines jedes Eintrags finden sich in eckigen Klammern in Fettdruck die Seitenzahlen, auf denen die jeweilige Person oder Sache in der Printversion erwähnt wird. Damit gewinnt dieses Lexikon den Charakter eines Sach- und Personenregisters im Blick auf jene Printversion. Literaturhinweise finden sich in jenem kostenlos auf der Homepage des Verlags Beltz Juventa (Weinheim) als Download verfügbaren Online-Material.

 

Eichsfeldtag. Neo-Nazi-Open-Air-Veranstaltung der NPD in Thüringen (seit 2010). Von Alexander Gauland 2017 als Drohkulisse gegenüber der Integrationsbeauftragten Aydan Özuguz aufgebaut. (vgl. Pfahl-Traughber 2019: 9) [740]

 

Eigentümlich frei. 1998 von André F. Lichtschlag gegründetes neu-rechtes Monatsmagazin (auch Online), gedacht als Gegenbewegung zu Sozialismus und Politik und gedacht für u.a. „Libertäre, Eigentumsbefürworter, Unkorrekte, GEZ-Geschädigte.“ (zit. n. Schudoma 2018a: 140)

 

Ein Prozent. Neu-rechtes Netzwerk und Kampagnenprojekt, geleitet von Philip Stein. [51, 438]

 

Einsatzgruppen. SS-Todesschwadronen unter Leitung Heinrich Himmler sowie Reinhard Heydrich, die, als Vorschein für Auschwitz, sowohl nach dem Einmarsch in Polen 1939 als auch nach Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 in den von den Wehrmacht eroberten Gebieten – auch in Griechenland, wie das von Hubert Lanz und Alexander Löhr zu verantwortende Massaker an ital. Kriegsgefangenen zeigt (s. Essay Nr. 13.5), – mithilfe örtlicher Polizeibehörden die Judenfrage durch Massenerschießungen zu lösen suchten. Hierzu gehören das Massaker vom 29./30. September 1941 von Babi Jar unweit Kiew (mit 33.771 getöteten Juden), sowie, unter Beteiligung der Wehrmacht in Gestalt von Walther von Reichenau, der Kindermord in Bjelaja Zerkov b. Kiew vom August 1941. (vgl. Wette 2002: 115 ff.) Hinzugerechnet das von Himmler angeordnete Massaker von Rumbula vom 7./8. Dezember 1941, bei welchem 23.000 Juden aus Riga sowie 1.000 Juden aus Berlin, die gerade mit dem Zug eingetroffen waren, erschossen wurden. Zwischen 1941 und 1945 sollen die E. auf diese Weise mehr als zwei Millionen Menschen getötet haben. Im E.-Prozess 1947/48 wurden 14 Todesurteile sowie 2 lebenslange Haftstrafen verhängt, später von anderen Nationen nochmals vier Todesurteile gesprochen und verhängt. (vgl. Snyder 2015: 197 ff.; s. Essay Nr. 19) [436]

 

Eisleben, Johannes. Arzt u. Mathematiker, neu-rechter Ideologe u. Verschwörungstheoretiker, publiziert regelmäßig in der Jungen Freiheit, bei achgut.com, in Tumult sowie, am 11. September 2020, m. Hans-Georg Maaßen, auf telospress.com, übersetzt von Andreas Lombard in Cato (vgl. Maaßen / E. 2021).

 

Elsässer, Jürgen (*1957) aus Pforzheim. Berufsschullehrer (bis 1994). In den 1980er Jahren bei den Grünen, danach beim Kommunistischen Bund. Hinwendung zur Neuen Rechten, gemeinsame Auftritte mit Götz Kubitschek, Gründer von Compact (vgl. Schudoma 2018: 135), hier mit extrem aggressiver Rhetorik auffällig und sich als „Sprachrohr der AfD-Fundamentalisten“ (Lang 2017/18: 168) gerierend. 2013 öffnete E. durch ein Interview mit Alexander Dugin den neu-rechten Blick auf eben diesen und dessen Heidegger-Bild. (vgl. Brumlik 2020: 57 ff.) [51, 115, 348, 789]

 

Epting, Karl (1905-1979), aus Odumase, brit. Kolonie Goldküste. Aus der Jugendbewegung stammender, ab 1933 beim DAAD in Paris tätiger Frankreichexperte mit in der Kindt-Edition bagatellisierter Biographie, auch was seine NSDAP-Mitgliedschaft (1939) sowie rechtsextreme Gesinnung nach 1945 angeht. 1946 von den Amerikanern interniert, im November 1948 in Frankreich u.a. wg. Plünderung der Sammlungen Rosenberg u. Seligmann angeklagt, im Februar 1949 freigesprochen. Als Leiter des Greven-Verlags veröffentlichte er die Memoiren von Otto Abetz. 1960 bis 1969 leitete er trotz seiner Vergangenheit ein Gymnasium. Noch 1974 rechnete ihn ausgerechnet Günther Franz von der Burg Ludwigstein „dem Geist der Jugendbewegung“ zu. 1977 edierte E. im rechtsradikalen Hohenstaufen-Verlag des Alt-Nazis Gerhard Schumann sein auf Motive Paul de Lagardes Bezug nehmendes Buch Die Gedanken eines Konservativen. (vgl. Niemeyer 2013: 35 ff.; s. Essay Nr. 22.4) [151, 287, 619-622]

 

Erfurter Resolution der AfD von 2015 mit dem „heimlichen Autor“ (Frei et al. 2019: 205) Götz Kubitschek, gerichtet gegen den damaligen Parteichef Bernd Lucke, dem vorgeworfen wurde, sich dem „Technokratentum, der Feigheit und dem Verrat an den Interessen unseres Landes“ (zit. n. Bensmann/Hauptmeier/Röttger 2017: 81) schuldig zu machen. Abgezeichnet von André Poggenburg, Björn Höcke und Alexander Gauland als Erstunterzeichner, wird die AfD hier im Geiste des völkischen „Flügel“ als „Bewegung unseres Volkes gegen die Gesellschaftsexperimente der letzten Jahrzehnte (Gender Mainstreaming, Multikulturalismus, Erziehungsbeliebigkeit und so fort)“ (zit. n. Bender 2017: 159) definiert, also als Re-Reeducationprogramm gegen die 68er in Stellung gebracht. „Auf dem im Sommer 2015 folgenden Essener Parteitag konnte sich Frauke Petry gegen Lucke als Parteisprecherin durchsetzen – der rechtsradikale Schwenk war geglückt“ (Frei et al. 2019: 205) und wurde vollendet durch die nachfolgende Demontage Petrys, die im Machtkampf Höcke unterlag und die Partei zugunsten einer hoffnungslosen Neugründung verließ. (vgl. Schreiber 2018: 160 ff.) [31, 140 f.]

 

Ernst, Stephan (*1973), aus Wiesbaden. E., der die Ausländerfeindlichkeit seines Vaters, eines ihn schlagenden Alkoholikers, übernommen haben will (vgl. Steinhagen 2021: 103 ff.), war Mitglied der NPD (von 2000 bis 2004) und in Verbindung stehend mit Combat 18 und Blood and Honour wird verdächtigt, im Umfeld des NSU agiert zu haben sowie im Februar 2003 ein (fehlgeschlagenes) Attentat begangen zu haben auf den Kasseler Geschichtslehrer S. wg. dessen Engagement gegen den Rechtsextremismus. (SP Nr. 10/2020: 46) Schuldig gesprochen wurde E. des Mordes an Walter Lübcke (CDU), der am 2. Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses wg. seiner flüchtlingsfreundlichen Haltung als – so E. gegenüber seinem Anwalt – „Volksverräter“ erschossen wurde. E. trägt damit Verantwortung für den „wohl ersten Neonazimord an einem Politiker in der Bundesrepublik.“ (SP Nr. 3/2020: 44) E. war, zusammen mit dem nachträglich von ihm als eigentlichen Schützen beschuldigten Markus Hartmann, „seit vielen Jahren […] in der Neonaziszene in Kassel unterwegs“ und hatte „in den Neunzigerjahren wegen beinahe tödlichen Angriffen auf Migranten mehrere Jahre im Gefängnis gesessen.“ (SP Nr. 3/2020: 44) Hartmann soll auch das Video vom Herbst 2015 gedreht und vor Ort mit dem Satz „Verschwinde!“ kommentiert haben, das im Nachhinein als Lübckes Todesurteil in Betracht kommt, insofern hier des Regierungspräsidenten Satz, gerichtet gegen rechte Pöbler, zu hören ist: „[W]er diese Werte [gemeint ist vor allem das Asylrecht] nicht vertritt, der kann dieses Land jederzeit verlassen.“ (SP Nr. 3/2020: 44) [99, 155, 449]

 

Euthanasie. Ein seit der Zwangssterilisationen (angeblich) Erbkranker sowie den – Stichwort Aktion T 4 – systematischen Patientenmorden an (angeblich) Lebensunwerten in der NS-Zeit im neu-rechten Sprachgebrauch vermiedener Ausdruck im Vergleich zum (beschönigenden) Ausdruck Biopolitik. Karlheinz Weißmann, IfS-Rechtsideologe, rechnet hierzu Themen wie (1.) Fortpflanzung („Klärung der Frage, unter welchen Umständen die Geburt eines Kindes erwünscht, hinnehmbar oder unerwünscht sei“), (2.) Krankheit („Bestimmung, wem welche Hilfe zwecks Gesundung zugestanden wird“) sowie Alter (3.) („Berücksichtigung der schwindenden Selbständigkeit und Lebenskraft, mit der häufig eine enge Berührung zu 2. gegeben ist“; Weißmann 2009: 18 f.). In Übersetzung geredet und auf die Gegenwart (der Corona-Pandemie) hin bedacht: E., verstanden als Hilfeverweigerung für Alte und Schwache resp. Lebensunwerte, steht, Weißmann als Maßstab genommen, durchaus auf der neu-rechten Agenda – wie unlängst auch von der Rechtsextremismusforscherin Natascha Strobl beobachtet: „Es trifft aus Sicht der Rechten ja nur die Kranken und Schwachen. Die haben im faschistischen Weltbild ohnehin keinen Wert. Man schleppt sie mit, aber sobald sie zu einer Last für die Starken werden, muss man sie zurücklassen, notfalls ausmerzen. Alles andere wäre schädlich für den gesunden Volkskörper.“ (zit. n. SP Nr. 21/16.5.2020: 119) Immerhin: Weißmann anerkennt den Umstand des (nicht näher qualifizierten) „Mißbrauchs“ eugenischer Politikkonzepte in der NS-Zeit – dominierend allerdings und von den Folgen her fatal ist sein Hinweis auf die „Vorherrschaft linker Interpretationsmuster“, denen geschuldet sei, dass es „bis dato keine Klarheit [gibt] über den Weg, der zwischen einer (illusionären) biopolitischen Selbstbestimmung und einen (totalitären) biopolitischen Durchgriff beschritten werden könnte.“ (Weißmann 2009.: 20) Dass jener Durchgriff nicht illusionär sei, ist damit zugleich mitgesagt und erklärt vielleicht den Spott neu-rechter Politiker wie den des AfD-MdB (seit 2017) Stefan Keuter: Nach dessen Besuch der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam (in der NS-Zeit Sitz eines Erbgesundheitsgerichts sowie eines Gerichtsgefängnisses für politisch und rassisch Verfolgte) erstattete die Gedenkstättenleiterin Ende 2019 Anzeige gegen Keuter wg. dessen Spott über die E. (s. Essay Nr. 12) [49, 166, 256, 259, 273-276, 371-374, 378-384, 431, 445, 463, 616, 619, 678]

 

[Zum Autor: Christian Niemeyer, Prof. (i.R.) für Sozialpädagogik an der TU Dresden. Zum Text: Dieses Lexikon wurde, wie die noch ausstehenden Folgen, wurde dem Online-Material (S. 21-106) meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon (= Bildung nach Auschwitz 1). Mit Online-Materialien. Weinheim Basel 2021 entnommen. Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Beltz Juventa.]

Bild: Verlegung von Behinderten im Rahmen der Euthanasie-„Aktion T 4“ aus der Pflegeanstalt „Schloß“ Bruckberg der Diakonissenanstalt Neuendettelsau, Frühling 1941

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