Der James Bond Israels rettet die katholische Kirche

In seinem neuen Gabriel-Allon-Thriller lässt Daniel Silva den israelischen Top-Agenten eine innerkatholische wie politische Verschwörung aufdecken. Zwar beherrscht der Autor die Spannungseffekte, verhebt sich aber bei der Handlung doch sehr mit den Realitätsbezügen.

Von Armin Pfahl-Traughber

Gabriel Allen ist der James Bond Israels, jedenfalls in den Romanen von Daniel Silva. Der frühere Auslandskorrespondent von CNN kündigte 1997 seinen Job und schrieb fortan Polit-Thriller. Mit „Double Cross – falsches Spiel“ hatte er einen ersten internationalen Erfolg, beherrschte Silva doch das Spannungsgenre. Denn die ebenso fiktive wie verwickelte Handlung aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs faszinierte weltweit. Auch seine Gabriel Allon-Reihe fand eine lang anhaltende und internationale Leserschaft. Ungewöhnlich daran war, dass ein israelischer Agent die zentrale Hauptfigur ist. Mittlerweile liegen zwanzig Romane vor, jeweils mit weltweiten Übersetzungen. Der erste Band „The Kill Artist“ erschien 2000, der letzte Band „The Order“ 2020. In den jeweiligen Nachworten betont Silva, dass es sich um Unterhaltungsromane handelt. Gleichwohl lehnen sie sich an tatsächliche Ereignisse an und überdehnen sie zu einer spannenden Handlung. Dabei ist der in den Darstellungen auszumachende Realismus mal mehr und mal weniger ausgeprägt.

Während im ersten Band noch die Jagd auf einen palästinensischen Terroristen im Zentrum stand, muss es im zwanzigsten Band eine internationale Verschwörung sein. Worum geht es in „Der Geheimund“, der deutschen Übersetzung? Angeblich führte ein Herzinfarkt dazu, dass der Papst starb. Doch es muss dann Mord in einem Spannungsroman gewesen sein. Da nun aber Gabriel Allon ein Freund des Papstes war, bittet ihn dessen Privatsekretär um Unterstützung. Schnell findet die mittlerweile zum Chef des israelischen Geheimdienstes aufgestiegene Hauptfigur heraus, dass dahinter ein machtgieriger und reaktionärer Orden steckt, welcher mit rechtsextremistischen Kräften grundlegende politische Verschiebungen weltweit vornehmen will. Dazu soll dann ein neuer Papst mit entsprechender Zielsetzung gewählt werden. Allon verhindert das, wie sich das für einen Serien-Helden gehört. Daher ist es auch erlaubt, das gute Ende schon in einer Rezension zu verraten. Denn ansonsten könnte es ja keine weitere Fortsetzung der erfolgreichen Reihe geben.

Wie schon angedeutet, steht es um den Realitätsgehalt eher schlecht. Überall in Europa stehen rechte Extremisten kurz vor der Machtübernahme. Für Deutschland sollen es übrigens die „Nationaldemokraten“ sein, wozu dann im Nachwort doch Silva schreibt: „Zum Glück gibt es in Deutschland keine als Nationaldemokraten bezeichnete rechtsextremistische Partei …“ Da hätte der Autor indessen besser recherchieren und der Übersetzer aufmerksamer sein können. Und dann muss es auch noch um ein Geheimnis der Geschichte gehen: das Evangelium nach Pilatus. Nach diesem begingen nicht die Juden, sondern eben Pilatus ein schändliches Verbrechen. Gemeint ist der angebliche Gottesmord an Jesus, welcher allein die jahrhundertelange Judenfeindschaft erkläre, zumindest laut der Romanhandlung. Aber jetzt wird dann doch möglicherweise zu viel von der Handlung verraten, womit die durchaus vorhandene Spannung minimiert werden könnte. Sein Handwerk versteht Silva sicherlich, er überschlägt sich hier aber mit unrealistischen Verschwörungsgeschichten.

Auch wenn es dafür einen wahren Kern gibt, wie im Nachwort vom Verfasser aufgezeigt wird, so verstören doch die Phantastereien und Überzeichnungen. Auch muss Allon immer als Superagent rüber kommen. Dass ein hauptamtlicher Geheimdienstchef dann noch selbst operativ arbeiten soll, steht auch nicht unbedingt für ausgeprägte Realitätsbezüge. Da stand es bei den ersten Bänden besser, fiel doch so immer ein besonderer Blick auf den Nahost-Konflikt. Auch im aktuellen zwanzigsten Band beeindrucken mehr die Erinnerungen an jüdisches Leben als die überzogenen Spannungsmomente im Verschwörungskontext. Damit hat sich hinsichtlich der Inhalte doch Silva etwas verhoben. Leider liefert der Nahost-Konflikt genügend realistischeren Stoff, um daraus nicht nur eine spannende Handlung, sondern auch politische Reflexionen abzuleiten. Wenn dann aber der James Bond Israels noch die katholische Kirche retten muss, dann dominieren doch inhaltliche Klischees und schiefe Vorstellungen. Silva könnte man insofern empfehlen: zurück zu den Wurzeln.

Daniel Silva, Der Geheimbund. Ein Gabriel Allon-Thriller, Hamburg 2021 (Harper Collins), 446 S., 16 Euro, Bestellen?