Weitererzählen

Die Erziehungswissenschaftlerin und Exilforscherin Inge Hansen-Schaberg legt mit dem neu herausgegebenen Buch Weitererzählen. Die Cohn-Scheune – Jüdisches Museum und Kulturwerkstatt ein Stück jüdischer Regionalgeschichte des Landkreises Rotenburg/Wümme vor.

Von Malte Gerken

Ausgangspunkt des Buches sind neue Rechercheerkenntnisse zur Familie Cohn, nach der die gleichnamige Scheune in Rotenburg/Wümme benannt ist. Hildegard Jacobsohn geb. Cohn ermöglichte durch Fotos, Dokumente und eigene Erinnerungen die Entstehung der Cohn-Scheune in ihrer jetzigen Form. Anfang des Jahres ist sie 101-jährig in Dresden verstorben.

Ums Weitererzählen geht es dem Buch auch in dieser Hinsicht: Der Kreis der (jüdischen) Zeitzeugen wird immer kleiner, die Bedingung zur Möglichkeit von Erinnerung, die über abstrakte Fakten und Daten hinausgeht, ist gefährdet.

Weitererzählen dient dem Buch als wiederkehrender Leitfaden. Zuerst: Nationalsozialismus war kein Phänomen der Großstädte. Die Erforschung der NS-Geschichte, die sich nicht entkoppeln lässt von jüdischer Geschichte in Deutschland zwischen 1933 und 1945, ist auch und vielleicht besonders für den regionalen Raum notwendig. Judenverfolgung des NS war kein abstraktes Ideologem, sondern greifbar im Alltag und in der Lebenswelt auch auf dem Land. Diese regionale Rückbindung gelingt dem Band durch einzelne Familiengeschichten im Raum Rotenburg/Wümme: von den Familien Seligmann und Moses in Sottrum (Claudia Koppert), der Familie Alexander aus Visselhövede (Almuth Quehl) sowie dem jüdischen Leben in Zeven (Roland Sperling) und der Familie Walbaum in Scheeßel (Inge Hansen-Schaberg, Karsten Müller-Scheeßel, Tom Schaberg). Sie alle zeigen, dass Jüdinnen und Juden das Dorf- und Stadtleben über Jahrzehnte und Jahrhunderte prägten. 

Weitererzählen bedeutet auch, die NS-Zeit nicht aus ihrer Vor- und Nachgeschichte herauszulösen. Der Nationalsozialismus und der ihm eingeschriebene Antisemitismus entstanden nicht im Vakuum. Der ideologische Boden wird in der ersten Hälfte des Jahrhunderts und noch davor schon bereitet, und mit Kriegsende kommt er nicht zu seinem Ende, sondern gerinnt in seiner Kontinuität zu einer neuen, postnazistischen Form.

Die Geschichte der Cohns und die anderer jüdischer Familien im Band wird weiter erzählt als nur von 1933 bis 1945. In der Mitte des 19. Jahrhunderts setzen die Beiträge an und beginnen schon 1848, zur Zeit der formalen Emanzipation aller Jüdinnen und Juden in Preußen. Ab diesem Zeitpunkt ist es ihnen erlaubt, ihren Wohnsitz frei zu wählen und formal gleichberechtigt als Teil der Dorf- und Stadtgesellschaften zu leben, arbeiten und sesshaft zu werden. Und so werden sie es auch im Raum Rotenburg: als Viehhändler in Zeven, als Arzt in Scheeßel oder als erster jüdischer Bürgermeister im Deutschen Reich.

Der Band setzt mit seinen Recherchen nicht nur weitaus früher ein, er blickt auch bis in die 1950er der neuen Bundesrepublik. So wird von dem nach Zeven zurückgekehrten Werner Blumert berichtet, der die Täter der Pogromnacht vom 9. November anklagt; von denen jedoch nur drei von acht Personen geringe Strafen bekamen. Oder von Meta Walbaum, der Frau Dr. August Walbaums, bis 1938 Arzt in Scheeßel, der sich aus Gründen rassischer Diskriminierung das Leben nahm. An ihr lag es zu beweisen, dass ihr Mann sich nicht aus gesundheitlichen Gründen das Leben nahm, sondern tatsächlich aufgrund „nationalsozialistischer Drangsalierung“. Dass zur Klärung dieser Frage auch der ehemalige NSDAP-Ortsgruppenleiter und ein SA-Mitglied befragt werden, deutet an, dass der NS zwar formal besiegt war, die antisemitische Kontinuität aber demokratisch konserviert fortexistieren konnte und kann.

Nahe geht das Buch, wenn es abstrakt-historische Forschung mit konkret-Biographischem unterfüttert. So sind im Mittelteil Erinnerungen von 1980 und 2010 sowie Briefe zwischen 1939 und 1943 aus dem englischen Exil von Hildegard Jacobsohn geb. Cohn an ihre Eltern Hermann und Gertrud Cohn wiedergegeben. Man erschauert als Leser angesichts des Fortgangs der Geschichte und all des Hoffens und Bangens, das für Hildegards Eltern im März 1943 in Auschwitz beendet wurde.

Schon knapp drei Jahre vorher, im Mai 1940, als NS-Deutschland die Niederlande überfällt, werden zwischen Hildegard und ihren Eltern aus seitenlangen Briefen kurze Nachrichten: Der vorher über Verwandte in den Niederlanden gesicherte Postweg ist unmöglich geworden, es bleiben nur Rot-Kreuz-Briefe mit maximal 25 Wörtern. Aber sie reichen, um den Liebsten nur zu sagen, dass man am Leben ist und aneinander denkt. 25 Wörter reichen auch dem Weitererzählen, damit nur niemals über Leid geschwiegen wird.

Inge Hansen-Schaberg (Hg.): Weitererzählen. Die Cohn-Scheune – Jüdisches Museum und Kulturwerkstatt, Hentrich & Hentrich 2021, 220 S., 100 Abb., Euro 19,90, Bestellen?

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