Diffuse Betrachtungen zur Erinnerungskultur

Der Historiker und Schriftsteller Per Leo legt mit „Tränen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur“ seine Reflexionen zur NS-Vergangenheitsbewältigung vor. Zwar gibt es auch beachtenswerte Einwände und interessante Zuspitzungen, diffuse Aussagen, und krampfhaftes Provozieren prägen aber den Text…

Von Armin Pfahl-Traughber

Gegenwärtig eskalieren – mal wieder, muss man schreiben – einige Geschichtsdebatten, wobei es nicht um neue Erkenntnisse durch erweitertes Faktenwissen, sondern um neue Interpretationen durch politische Verschiebungen geht. Dafür steht auch die Auseinandersetzung darüber, ob der Kolonialismus nicht für die Shoah eine prägende Vorgeschichte ist. Es erfolgt hierbei eine Auseinandersetzung darüber, ob von einer historisch singulären judenfeindlichen Vernichtungspolitik gesprochen werden könne. Eine solche Auffassung gilt manchen Kritikern als eine Position, die aufgrund eines bloßen Bekenntnisses dazu, die inhaltliche Beschäftigung mit dem Themenkomplex für obsolet erklärt. Gleichzeitig postulieren andere Kritiker, mit der Fixierung auf die Judenvernichtung würden die Kolonialverbrechen verdrängt. Das Holocaust-Mahnmal diene als eine allgemeine Reinwaschung nach einem partiellen Schuldbekenntnis. In diese Debatte interveniert Per Leo mit seinen neuen Reflexionen „Trägen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur“.

Der Autor ist promovierter Historiker und freier Schriftsteller. In dem genannten Buch geht er auf die unterschiedlichsten Gesichtspunkte der gegenwärtigen Kontroversen ein, was allerdings weder durch klare Einschätzungen noch durch eine inhaltliche Struktur geschieht. Der Autor springt zwischen autobiographischen Berichten, ironisierenden Darstellungen, konkreten Fallbeispielen und philosophischen Reflexionen hin und her. Entsprechend sind dann auch die Kapiteltitel überschrieben mit „1986 und wir“, „Das Licht der Opfer“, „Post-arische Trauerschleier“ oder „East of Erinnerung“. Es gibt dann auch nichts- wie vielsagende Sätze wie etwa: „Die Ermordung der europäischen Juden war ein Verbrechen der Maßlosigkeit. Ein Denken, das es erfassen will, ganz gleich mit welchen Mitteln, darf darum nicht selbst maßlos sein“ (S. 57). Diese Aussagen zur Form des Textes sind wichtig, weil ansonsten nicht die auffällige Diffusität oder gewollte Provokation verständlich werden. So ist eine nur in Details interessante Erörterung der genannten Themenkomplexen entstanden.

In den ersten Kapiteln geht Leo auf die NS-Vergangenheit in der öffentlichen Wahrnehmung ein. Durchaus zutreffend heißt es zu Beginn: „Vom Nationalsozialismus wird in Deutschland oft maßlos, selten genau gesprochen“ (S. 11). Indessen gilt für den Autor dann Letzteres auch. Er geht zunächst auf die „Singularitätsthese“ ein, macht mal Anmerkungen zu dem Historiker, mal zu dem Statement. Berechtigt problematisiert er eine mögliche Instrumentalisierung, bleibt aber auch hier bei vagen Reflexionen stehen. Da heißt es etwa: „Dass der Singularitätssatz in dogmatischer und damit potentiell theologischer Form auftreten kann, spricht also genauso wenig gegen ihn, wie seine Geltung allein schon durch die Thesenform verbürgt wäre“ (S. 46). Unklar bleibt jeweils, was gemeint ist und wohin es denn gehen soll. Lediglich bei konkreten Aussagen oder Ereignissen wird Leo klarer, was etwa für die Ausführungen zu berühmten Reden gilt, womit hier die über die „Auschwitz-Keule“ von Martin Walser oder die über die „Befreiung“ von Richard von Weizäcker gemeint sind.

Gegenwärtige Aspekte stehen am Ende der über zweihundert Seiten im Zentrum. Da findet man dann Aussagen wie „Unter der Flagge des Anti-Antisemitismus kommt bei uns heute die breite Mitte der Holocaustbetroffenheit zusammen mit der links-rechten Verstrickung in den zionistischen Mythos“ (S. 184). Der Autor gefällt sich hier als Provokateur, doch wäre mehr Erkenntnisgewinn als Selbstgefälligkeit wünschenswert gewesen. Was soll etwa eine Aussage wie „Es wäre an der Zeit, die Entgrenzung des Antisemitismusbegriffs auch in Deutschland als das zu bezeichnen, was sie ist: eine begriffspolitische Kampagne, deren Ziel die einseitige Parteinahme für Israel ist“ (S. 190)? Geht es da nicht differenzierter? Antisemitismusvorwürfe mögen instrumentalisiert werden, doch sollte man aber immer auch ihre mögliche Berechtigung untersuchen. Bewertungen zu Büchern im Internet enden gelegentlich mit „Klare Leseempfehlung!“. Eine solche kann allein schon aufgrund der Diffusität hier zu Leos „Tränen ohne Trauer“ schwerlich ausgesprochen werden.

Per Leo, Tränen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur, Stuttgart 2021 (Klett Cotta), 269 S., 20 Euro

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