Mein Wahlomat

Heute: Marc Jongen (AfD), auf Herz und Nieren geprüft in unserer neuen „Redfix“-Folge Das Sloterdijk-Projekt

Dr. Marc Jongen, Jg. 1968, also irgendwie auch ein „68er“, MdB-AfD seit 2017 und heißer Kandidat bei der Urwahl der Landesliste Baden-Württemberg für die Bundestagswahl 2021, ist sicherlich der schönste aller Reußen. Kunststück, kommen doch aus Meran, wo die Welt sein Licht erblickte, von jeher, spätestens jedoch seit 1945 die Schönsten aller Braunen. Ein Braun-, besser: Brain-Drain also, denn man bedenke: Wer in kurzer Zeit originelle Slogans raushaut wie „Make Made in Germany great again!“, hochintelligente Analysen wie „Helmut Kohl würde sich im Grabe umdrehen!“ sowie subtile Kommentare (zu den Grünen) wie „Rückwärts immer, Vorwärts nimmer!“, muss es einfach drauf haben. Jongen gilt denn auch als „Parteiphilosoph“, „Chefideologe“ resp. „Vordenker“ der AfD, Kunststück als Peter-Sloterdijk-Schüler und Nietzsche-Experte. Obgleich: Als der so allseits Gelobte vor Jahren (am 25. Mai 2016) in der Zeit erklären sollte, was es mit Nietzsche auf sich habe, blieb mir nur sprachloses Staunen. Nach Überwindung desselben raffte ich mich auf zu einem Leserbrief (leider nie gedruckt, wie fast nie nichts von mir!). Damit ist nun Schluss. Deswegen hier: Erst mein Leserbrief von damals, gleich darauf, beides als Teil meiner Wahlempfehlung zu lesen, mein Script zur leider noch nicht gesendeten „Redfix“-Folge Das Sloterdijk-Projekt.

Von Christian Niemeyer

Mein erwähnter Leserbrief an die Zeit lautete wie folgt und erschien nach Ablehnung dort erstmals in der Zeitschrift für Sozialpädagogik (Heft 3/2016) und jetzt eben hier, bei HaGalil.com sowie im erweiterten Kontext, in meinem Roman 2029: Game over, AFD! (2019), wird aber auch, als für sich stehende Glosse, im August 2021 in meinem Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Essays, Glossen, Lexikon erscheinen:

Sehr geehrter Herr Dr. Jongen, bitte: Geben Sie doch uns [der Zeitschrift für Sozialpädagogik; d. Verf.] einmal ein Interview, ich verspreche Ihnen, hier werden Sie nicht Fragen auf Schülerzeitungsniveau (Kostprobe aus dem Fundus der Zeit-Journalisten Jens Jessen und Ijoma Mangold: „Wen haben Sie vorher gewählt?“) zu befürchten haben, und wir werden Ihnen auch nicht, wie Jessen/Mangold, jeden Unsinn kommentarlos durchgehen lassen, wie etwa den folgenden: „Von dem, was Nietzsche in der Genealogie der Moral über das Ressentiment schreibt, lässt sich eine direkte Linie zum Gutmenschentum ziehen, dem sich die AfD entgegenstellt.“ Da ich – und das will für einen Nietzschespezialisten schon etwas heißen – indes nicht wirklich weiß, wovon Sie hier reden (deswegen ja auch das zugegebenermaßen wenig eloquente Hilfssubstantiv ‚Unsinn‘), darf ich vielleicht ersatzweise meine ‚direkte Linie‘ ziehen, die Sie gerne auch als (im doppelten Sinn) ‚rote Linie‘ begreifen dürfen: Sehr geehrter Herr Dr. Jongen, die Not der AfD in Sachen geistiger Beistand in allen Ehren, aber bitte, bitte – beinahe hätte ich, für einen Nietzscheaner eigentlich unerlaubt, gesagt: um Gotteswillen –, lernen Sie, in diesem Punkt wenigstens, von dem diesbezüglichen Fehlgriff der NSDAP und lassen Sie Nietzsche in Ruhe! Er nämlich kannte tatsächlich – auch wenn Ihnen Ihr akademischer Lehrer (von Ihnen, wie Sie am besten wissen, auch „Meister“ geheißen) Peter Sloterdijk möglicherweise anderes zu erzählen versuchte und versucht – nur die von Ihnen in ihrem Zeit-Interview angeführten giftigen (thymotischen) Register „wie Neid und Ressentiment“, nicht die von Ihnen hoffnungsfroh angeführten edleren „wie Selbstbewusstsein und Stolz“, über die Nietzsche wohl nur gespottet hätte nach dem Muster seines Bonmot: „Deutsch denken, deutsch fühlen, ich kann Alles – aber das geht über meine Kräfte.“ (VI: 301) Aber es kommt noch schlimmer für Sie und ihre groteske Partei: Nietzsche hätte, würde er heute noch leben, jene erstgenannten giftigen Register wohl vor allem bei Ihnen und bei Ihresgleichen diagnostiziert und sie alle als „Menschen des Ressentiment“ rubriziert und einzelne vermutlich als Steigerungsform desselben, nämlich als „antisemitische Schreihälse“ schon längst via Paraguay oder Chile expediert, so „kriegerisch“, wie er, seiner Selbsteinschätzung zufolge und durchaus nicht im Widerspruch zu seinem Pazifismus (dem man ja auch ‚kriegerisch‘ huldigen kann), war. So betrachtet, sehr geehrter Herr Dr. Jongen: Freuen Sie sich einfach, dass ich nicht Nietzsche bin und in speziell dieser Frage eher die klammheimliche Vorfreude darauf bevorzuge, dass Sie sich demnächst erneut irgendwo (wie gesagt: gerne auch bei uns) hoffnungslos im Nietzsche-Dschungel verfangen, ausgestattet mit Ihrem Navi ‚made by Sloterdijk‘.

Der letzte Satz war es, der mich in der Folge umtrieb und meine Fantasie beschäftigte, was, um alles in der Welt, Jongen dereinst bei Sloterdijk gelernt haben könnte. Ein trockenes Thema, ich weiß – bis mir eines Nachts träumte, ich sei „Redfix“-Autor und beauftragt mit dem Script zur Folge Das Sloterdijk-Projekt. Hier ist es, zum ersten Mal bei HaGalil.com (sowie, auch dies wissen Sie ja bereits, aber es kann, wie mir unlängst ein Typ wie Schweinsteiger versicherte, nicht oft genug gesagt werden: nachlesbar auch als weitere eigenständige Glosse ab August in meinem Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Essays, Glossen, Lexikon). Wichtig dabei ist vielleicht noch der Hinweis: Das hier, wie schon die Rolle der Lolita zeigt, nach „Redfix“-Vorgaben etwas aufgepeppte Stück spielt 2029. Deutschland wird von einer AfD-Nachfolgepartei namens Volkspartei regiert, Marc Jongen ist Wissenschaftsminister – und Peter Sloterdijk (besser: ein Typ ähnlich diesem) wird aktiviert, um die Sache zu stoppen.

Das Sloterdijk-Projekt

Der 13. April 2029, im Nachhinein auch ‚The Day Before‘ genannt, begann strahlend schön. Nach zwei Tagen sanften Landregens ging die Sonne wie ein auf das Weitere neugieriger Zeuge über der dampfenden schwarzen Muttererde auf, über die jetzt ein schwerer schwarzer Tesla rollte. Und zwar das allerneueste Modell Sun Shine State, in Deutschland eigentlich unerschwinglich wegen der 2026 verhängten protektiven Zölle. Mit den Kennzeichen HGW–ML 1 rollte der Tesla lautlos über den Kies einer Auffahrt am Ende einer langen und windigen Straße hin zu einer wahrhaft majestätischen, in der Morgenröte eines neuen Tages vielversprechend funkelnden Villa, im Umland, eher spöttisch denn ehrfurchtsvoll, ‚Der Glaspalast‘ geheißen. Legenden – so hätte vielleicht Heinz Konsalik an dieser Stelle weitergemacht – umrankten dieses vor fast zwei Jahren fertig gewordene prächtige Anwesen mit Tiefgarage, Tennisplatz und Drohnenlandeplatz, unweit von Greifswald gelegen. Die einen warteten mit einer schier unglaublichen Mär darüber auf, was es mit dieser einfach nur grässlich zu nennenden Feuertreppenkonstruktion auf sich habe, die den ‚Glaskasten‘ in Höhe des zweiten Stocks umspannte, als handele es sich um ein gigantisches Requisit aus einem Laden für S-M-Bedarf. Die anderen wollten wissen, der Bauherr diese Ungetüms, Dr. Manfred Landsberger, habe sich als Ingenieur beim Bahnhofsprojekt ‚Stuttgart 21‘ eine goldene Nase verdient und später beim Berliner Großflughafen ebenso. Ein Jahr später, während eines Weihnachtsurlaubs, den Dr. Landsberger, inzwischen verwitwet, in seinem Ferienhaus auf Teneriffa verbracht hatte, habe er das große Los bei der spanischen Weihnachtslotterie gezogen. Man sprach von 250 Millionen Euro. Die anderen oder jedenfalls doch die meisten der anderen wussten den Rest und hatten damit sogar Recht: Der doppelt bedachte Glückpilz hatte das meiste Geld – abgesehen von zwanzig Millionen, die er für den Bau der Villa, inklusive Nebengebäuden, abzwackte – postwendend in Betongold der besonderen Art investiert, sprich: Bei der Neuerschließung der deutschen Ostseegebiete nach den Bundestagswahlen im September 2025 hatte Dr. Landsberger seine Hände im Spiel gehabt und konnte sich am Ende über beträchtliche Ländereien und Ferienwohnungen im neuen Bruderland Polen freuen, die er von einem neben der Villa erbauten Bürotrakt aus verwalten ließ. Gleichsam als Wiedergutmachung für den schrecklichen Tod seiner geliebten Frau beim fürchterlichen islamistischer Terroranschlag am Berlin-Brandenburger Flughafen BER, der am Vorwahlabend 2025 mehr als sechshundert Menschenleben gefordert hatte. Oh, wie sehr hatte Dr. Landsberger unter dieser Tat gelitten, wie gebannt hatte er der Tagesschau gelauscht, die nichts Dümmeres wusste als ungeprüft und sehr zur Freude von Bundesinnenminister Hans-Georg Maaßen (CDU) das Bekennerschreiben eines syrischen Flüchtlings namens Benjamin David zu präsentieren.

Gut, am Montagmorgen stand fest, dass es sich um eine schlichte Brandkatastrophe infolge eines verschmorten Kabels gehandelt habe und die meisten Toten einer defekten Rauchmelder- und Sprinkleranlage sowie einer unsachgemäß verbauten Entrauchungsanlage in Rechnung zu stellen waren. Der Rauch war nicht nach außen, sondern nach innen abgeleitet worden. Aber für die Wahlen war diese Nachricht zu spät gekommen: Der AfD-Nachfolger Volkspartei unter der Alice-Seidel-Bezwingerin Magdalena Rinklin – schlicht als „nicht lesbisch“ und als „Schneewittchen“ zeichnend, womit ihr, dieser schwarzhaarigen Schönheit, 2023 ein AfD-interner Männer-Putsch gelungen war – fuhr mit über 50 % einen triumphalen Wahlsieg ein. Dass die Auszählung der Briefwahlstimmen diesen Wert dann doch noch weit unter diese Marke drückte, war eigentlich unerheblich. Auch, dass eine wie unter Trance wirkende Nachrichtensprecherin des ZDF – es war, wie Dr. Landsberger sich noch genau erinnerte, die einfach unvergessliche Marietta Slomka – gegen 22 Uhr verkündete, das Bekennerschreiben habe sich als Fälschung erwiesen. Es sei, abgezeichnet von einem Kommando Oberleutnant Franco A., Ortsgruppe Freital/Sachsen, schon von Beginn an verdächtig gewesen wegen der vielen Rechtschreibfehler. Am desaströsen Wahlergebnis änderte dies freilich nichts mehr. Genauso wenig wie das kurz eingeblendete Statement des kurz angebunden wirkenden sächsischen Polizeipräsidenten, ihm persönlich sei am Bekennerschreiben die „irgendwie nicht stimmige Schlussformel ‚Mit deutschem Gruß‘“ durchaus schon früh aufgefallen. Nur habe man mit der Bekanntgabe dieses Verdachts noch gezögert, um die Täter nicht wissen zu lassen, wie nahe man ihnen auf der Spur sei.

Dr. Landsberger, inzwischen längst Teil der sich über die Neue Mittwochsgesellschaft organisierenden Opposition, entstieg jetzt, in eben diese Gedanken versunken, dem nachtschwarzen Tesla, der soeben zum Stillstand gekommen war wie ein edler Rappe nach längerem Galopp. Ihm auf dem Fuß: Vier weitere Personen, die es etwas mühsam hatten, da – der einzige Nachteil dieses Modells – bei diesem Selbstfahrer ein Chauffeur nicht mehr erforderlich war und die nun auf der Freitreppe sichtbar werdende Hausangestellte zu spät kam, um ihre hilfreiche Hand darzubieten. Den sich öffnenden Flügeltüren entwanden sich schließlich des Weiteren Prof. Dr. Axel Teichmann nebst Gattin Maria sowie Dr. Daniel Feengrund nebst Begleiterin, die auf den ersten Blick wie eine Krankenschwester wirkte, sich aber beim zweiten Hinschauen als bessere – übrigens deutlich jüngere – Ehehälfte des in dieser Gegend zuletzt häufiger gesehenen Gastes herausstellte. Diese Fünf strebten nun nach einer kurzen Phase des Reckens und durchaus auffälligen Um-sich-schauens – als dürften sie nicht entdeckt werden, ein in dieser menschenleeren Gegend nicht wirklich schlüssiges Verhalten – der Freitreppe zu, während die beiden Kofferräume des Tesla systematisch entleert wurden von einem wie aus dem Nichts kommender dunkelhäutiger Lakai, ein Geschenk des Rassismus-Beauftragten der Volkspartei an politisch Opportune, das man besser nicht zurückwies. Die ganze Corona schwebte jetzt der Lobby zu, als …. mich als Autor der „Redfix“-Oberschreiber per Headphone ermahnte, nicht zu weitschweifig zu werden.
Also gut, zweiter Versuch:
 
*

Anderntags, nach dem opulenten Frühstück, musste Dr. Landsberger einräumen, dass Dr. Daniel Feengrund alias ‚Prof. Dr. Peter Sloterdijk‘ wunderbar geraten war. So lebensecht, dass man darüber nachdachte, ihn doch nicht nur per Skype zuzuschalten, sondern live auftreten zu lassen. Wenngleich: Dass das Original gut sieben Jahre älter war als die Fälschung, ließ sich nicht wirklich kaschieren.

„Lassen Sie mal gut sein, junge Frau!“, tröstete Daniel ‚seine‘ Lolita, diese Sonnenstudio-Beauty mit den gezupften Augenbrauen und den Rastalocken. „So genau kommt es nicht drauf an!“

Und er bot ihr, unbesorgte um seine eifersüchtig im Hintergrund lauernde ‚Krankenschwester‘, das Du an, da das ewige „Herr Doktor!“ ihn störte und es ihm im Übrigen auf ganz unnötige Art dort Distanz betonte, wo Nähe unvermeidlich war, allein schon rein körperlich. Lolita, einen, wie Daniel schien, ihr von Natur aus zukommenden süßlich wie südlich lockenden Duft ausströmend, nahm das ‚Du‘ freudig an – was Daniel zugleich zu weiteren Erläuterungen animierte:

„Weißt Du, Lolita: Ich spiele einen Doktorvater, den sein Schüler offenbar schon seit gut zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Wohl auch, weil ich…“

„… also der, den Du spielst…“

„… genau, Lolita!“

Daniel überlegte, ob er die Intelligenz seiner Maskenbildnerin möglicherweise unterschätzt hatte – so, so wie er eigentlich schon seit Henrieke die Intelligenz aller Frauen…

„Und der längst schon zurückgezogen auf Schloss Elmau lebt, verbissen an seinem neuen Projekt arbeitend?“

„Moment, Lolita! Woher weißt Du das?“

„Das mit Elmau? Vom Briefing!“

„Das meine ich nicht!“

„Das mit dem Projekt? Och, das hat mir der Herr Dr. Habelhuber erzählt, vorhin, in der Umkleide!“

„Dr. Habelhuber!? Lolita, ich muss Dich warnen vor diesem Mann! Nicht alle wollen nur…“

„…mit mir ins Bett? Oh, Daniel, sag‘ bloß!“

Dazu ein lasziver Blick aus wildkatzenartigen Pupillen.

„Verdammt, Lolita! Ich wollte enden mit: … Dein Bestes!‘“

Immerhin: Daniel hatte sich akribisch vorbereitet und beinahe alle Texte von Marc Jongen und Peter Sloterdijk insbesondere aus der späten Systemzeit (wie man dies in Deutschland seit der Rückwende 2025 unter dem Regiment der Volkspartei zu heißen genötigt war) gelesen. Das hier, in der abhörsicheren Landsberg-Villa in Greifswald, versammelte selbstorganisierte subversive Block-Seminar wollte die Idee prüfen, ob man Fake News auch einem sinnvollen Gebrauch zuführen könne. Etwa indem man, wie durch Björn Höcke in der Systemzeit angeregt, die Kanzlerin in der Zwangsjacke aus dem Kanzleramt führte, nachdem man sie zuvor mit Fake News bombardiert und in den Wahnsinn getrieben hatte. Daniel, inzwischen ein mehr als rüstiger Mitsiebziger, guckte zwar jedes Mal spöttisch, wenn jemand diese These verfocht. Allerdings war er bereit gewesen, die These selbst im Rahmen einer Art Generalprobe zu testen, sprich: die Rolle des Peter Sloterdijk zu übernehmen, als Gegenpart seines alten Freundes Axel Teichmann in der Rolle des Marc Jongen als Versuchsperson.
Die Entscheidung pro Sloterdijk-Rolle fiel Daniel allein schon deswegen leicht, weil er eigentlich ein Sloterdijk-Fan der ersten Stunde war, ausgehend von einem denkwürdigen Vortrag des damals etwa Fünfunddreißigjährigen an der FU Berlin. Sloterdijk galt damals, im Sog seines fulminanten Bestsellers Kritik der zynischen Vernunft (1983), als der kommende Mann, verehrt, zumal von Frauen, auch wegen seines verschmitzt lässigen Understatements, mit dem er unfassbar anrührende Utopien vom „gelungenen Leben“ vortrug wie etwa die folgende:
 
„In unseren besten Augenblicken, wenn vor lauter Gelingen auch das energischste Tun im Lassen aufgeht und die Rhythmik des Lebendigen spontan uns trägt, kann sich der Mut plötzlich melden wie eine euphorische Klarheit oder ein wunderbar in sich gelassener Ernst […]. Im Lichte solcher Geistesgegenwart ist der Bann der Wiederholungen gebrochen. Jede bewußte Sekunde tilgt des hoffnungslos Gewesene und wird zur ersten einer Anderen Geschichte.“ (Sloterdijk 1983: 953)
 
Daniel war in seinen ehrlichen Stunden, die sich erstaunlicherweise im Alter häuften, sogar bereit zu konzedieren, dass dies Nietzsche war, zeitgemäß übersetzt. Und dass er gerne so wie Sloterdijk damals gewesen wäre. Was er denn auch hin und wieder in Seniorenresidenzen oder auf Kreuzfahrten auslebte. Stets zur Zufriedenheit des auf diese Weise gut unterhaltenen Bürgertums. Und dabei zurückgreifend auf Erfahrungen aus seinen ‚Savignyjahren‘ (über die wir hier im Folgenden besser den Mantel des Schweigens betten wollen). Auf ewig unvergessen war ihm Sloterdijks Satz vom Sommer 1981:
 
„Wir spüren eine zweite Aktualität Nietzsches, nachdem die erste, die faschistische Nietzschewelle verebbt ist.“ (ebd.: 9)
 
Dies war damals geredet mitten hinein ins Herz der von Habermas um ihr letztes bisschen Nietzscheverstand gebrachten Spät-68er. Umso empörter war Daniel Jahrzehnte später, als er etwas mitbekam von der Hinwendung Marc Jongens zur AfD. Entsprechend war wild entschlossen, diesem Emporkömmling die Leviten zu lesen, in der Maske von dessen Doktorvater.

„Er ist jetzt da!“, drängte Lolita erneut und schob ihn in Richtung Keller. Auf diese Weise blieb ihm der Blick auf seinen Freund Axel Teichmann erspart, der im vollen Volkspartei-Wichs auftrat, begleitet von seinem ‚Referenten‘ und einem ‚Bodyguard‘. Beide zusammengetrommelt aus dem erweiterten Personenbestand der von Landsberger ins Leben gerufenen, selbstredend geheimen Neuen Mittwochsgesellschaft. Auftritt und Mimik aller drei machten klar, dass es nur einen Sieger geben würde: ‚Marc Jongen‘! Also nichts für „Pussies“. So ähnlich, also durchaus im Sound des 45. Präsidenten der USA, sprach es denn auch aus dem ‚Herrn Minister‘ heraus, vor jeder förmlichen Begrüßung. Christian vom Blockseminar war ein wenig besorgt und bemerkte, dass der wirkliche Marc Jongen weder Minister sei noch Mitglied in der Volkspartei. Aber Teichmann blieb ungerührt der Rolle treu, die ihm offenbar gefiel, wie seine Antwort zeigte:
„Ach, unser aller Genie, der junge Feengrund. Sie können mir doch gewiss sagen, wo ihr Herr Vater ist, dessentwegen ich hergebeten wurde. Also: Wo ist ‚Professor Sloterdijk‘?“

Die Frage war allzu berechtigt, und die Antwort lag auf der Hand beziehungsweise saß auf einem Stuhl im Keller, noch genauer: auf einem komfortablen Sessel neben einer Couch im ‚Aufnahmestudio‘, das von Rosie Bündelmann mit diversen Devotionalien à la Schloss Elmau aufgepeppt worden war. Wir waren nämlich übereingekommen, den ‚Herrn Minister‘ wissen zu lassen, leider habe Herr Professor Sloterdijk nicht persönlich kommen können, er sei nicht gut zu Fuß. Zum Glück aber habe er aber zugestimmt, sich per Skype von seiner Seniorenresidenz auf Schloss Elmau Marc Jongens Fragen zu stellen. Der ‚Herr Minister‘ schaute erfreut, runzelte aber bei dem Wort „Seniorenresidenz“ die Stirn. Diese Zustimmung sei ihm, dem Herrn Professor, vor allem deswegen leichtgefallen, weil der Name ‚Marc Jongen‘ bei ihm fast wie ein Art ice breaker gewirkt habe.

Damit sei ja wohl alles geklärt, meinte Herr Dr. Landsberger und bat den „Herrn Jongen“ ins Kaminzimmer, wo, wie er gerade über head-set vernommen habe, die Leitung stünde. Der ‚Herr Minister‘ monierte postwendend den Anglizismus (head-set) sowie den Umstand, dass er soeben lieblos und ohne Titel und ohne Nennung seiner Funktion angesprochen worden sei. „Ihr Herr Vater soll ja ein wilder Hund gewesen sein“, witzelte er noch Richtung Christian, als sei dies ein Kompliment. Ansonsten aber begab er sich fügsam, seinen ‚Referenten‘ nebst ‚Bodyguard‘ im Schlepptau, ins Kaminzimmer, zumal ‚Professor Sloterdijk‘ via Skype drängelte, um zwölf Uhr gebe es in Elmau Risotto mit Jakobsmuscheln, sein Leibgericht. Aber nicht nur deswegen sei er, wie er vertrauensselig hinzufügte, sehr zufrieden mit Elmau. Er müsse auch einräumen, dass er bei Tisch sehr viel Erfolg habe mit dem Erzählen von Nietzsche-Witzen wie dem folgenden, direkt in die Kamera gesprochenen:

„Der Vortheil des schlechten Gedächtnisses ist, dass man die selben guten Dinge mehrere Male zum Ersten Male geniesst.“ (II: 334)
Weit weniger gut laufe, in absteigender Folge: „Im sechzigsten Lebensjahr verliert sich häufig noch die Scham; dann tritt der siebzigjährige Alte ganz als entschleierte Bestie vor uns hin: man sehe nur nach Augen und Gebiß.“ (VIII: 336)

Sowie: „Die Langsamen der Erkenntniss meinen, die Langsamkeit gehöre zur Erkenntniss.“ (III: 512)

Der Erfolg war ein durchschlagender, der ‚Herr Minister‘ lag fast unter dem Tisch und japste: „Das isser‘, der Peter Sloterdijk, wie ich ihn kenne und liebe!“

Der nun weitermachte mit dem Eigen-Zitat: „In besseren Zeiten ging es in meinem Kopf zu wie in einer Hauptstadt-Zeitungsredaktion: Tag und Nacht saßen die Sparten-Verantwortlichen in ihren Büros nebeneinander, jeder sammelte das Seine für die kommende Ausgabe“ (Sloterdijk 2018: Rückumschlag) – um bitter hinzuzufügen: „Nun, mein Lieber: diese ‚besseren Zeiten‘ scheinen sich allmählich dem Ende zu nähern.“

Dies war verabredungsgemäß – also richteten wir unseren fragenden Blick in Richtung ‚Marc Jongen‘: Sein vormaliger Karlsruher Chef, kommentierte dieser, wirke in der Tat ein wenig verlangsamt, sei auch nicht mehr so gut bei Stimme. Aber dass mit dem Leibgericht sei korrekt. Und dass Sloterdijk hin und wieder ein wenig depressiv herüberkomme und, andererseits, begeistert sei über Nietzsches ja durchaus etwas speziellen Humor, ihn hin wieder gar zu kopieren neige, sei ja unstrittig. Zwar hätte er ihn sich etwas älter vorgestellt. Er könne aber substantiell nichts Auffälliges finden, was auf einen Fake – sorry, man müsse ja vorsichtig sein heutzutage – hindeute. Allerdings könne dies auch am schlechten Bild liegen.

Wie wenig klar der Blick von ‚Marc Jongen‘ für die Realitäten war, zeigte sein launiger Zusatz, die Technikfrage sei eben doch keine Klassen-, sondern eine Stilfrage – wie schon Nietzsches Satz „Eins ist Noth. – Seinem Charakter ‚Stil‘ geben“ (III: 530), zeige. FW 290 – ein ‚Kronaphorismus‘ für alle Lagerfelds dieser Welt. In diesem Moment quäkte es aus den Lautsprechern:

„‚Eins ist Noth: seinem ‚Charakter‘ Stil geben‘ – Du weißt am besten, lieber Marc, dass dies immer meine Devise war. Deswegen heute und im Rückblick auf die letzten zehn, fünfzehn Jahre meine Frage: Warum hältst Du Dich nicht an Sie?“

Der so Angesprochene saß da wie vom Donner gerührt, registrierte aber zugleich erfreut das „Du“, wodurch aus Stimme und Stimmführung herrührende Bedenken zerstreut wurden. Wie als Kommentar hierzu kam es aus den Lautsprechern:

„Übrigens, lieber Marc: Ich hatte vor Jahren eine eklige Stimmbandoperation – einfach zu viele Vorträge. Du hattest mich ja immer schon gewarnt und mir manches Mal, etwa in Wien, das Wasser direkt vor die Nase gestellt, weißt Du noch? Deshalb: Meine Stimme kommt Dir vielleicht etwas unbekannt vor, aber….“

„Du musst nicht weiterreden, Peter, ich kann mich erinnern, vor allem an Deine Wiener Seminare Anfang der 1990er Jahre. Ach, was war das noch für eine schöne Zeit!“

„Ja, Marc, Du hast Recht. Weißt Du eigentlich noch, wie Du Dich einmal unserer ‚ersten Begegnung im November 1989 bei einem Vortrag im Wiener Rathaus‘ erinnertest, mit dem Zusatz, ich sei ein ‚Starkstromdenker‘, unter dessen Einfluss ‚einen‘ zuweilen die Sorge anwandelte, ‚dass die eigenen Sicherungen durchbrennen und es zu kurzschlussartigen Übernahmen des Meisterdiskurses kommen könnte‘ (Jongen 2009: 145)?“

„Oh, ja, ich weiß, Peter: Das ist jetzt zwanzig Jahre her und entstammt meinem Vortrag zu Deinem 60. Geburtstag, dessen Du später so freundlich, als ‚Überraschungscoup‘, gedachtest. Einige Seiten später hast Du übrigens von ‚unserer Schule‘ (Sloterdijk 2012: 372) gesprochen, weißt Du noch?“

„Hör gut zu, mein lieber Marc: Kann es sein, dass Dir später einige Deiner eigenen Sicherungen durchgebrannt sind, ganz ohne mein Zutun?“

Wenn jetzt der Referent oder der Bodyguard misstrauisch werden würde und, Eins und Eins zusammenrechnend, aufstehen und im Nebenraum Dr. Daniel Feengrund vor einem PC entdecken würde, waren wir geliefert. Aber nichts dergleichen geschah. Die beiden hatten zwar gemerkt, dass da ein ziemlich verkalkter Opa aus irgendeiner Seniorenresidenz Ihren Chef, den ‚Herrn Minister‘, schwer beleidigt hatte. Aber da der so Angegangene vergleichsweise ruhig blieb, gab es keinen Grund zur Sorge.

Tatsächlich aber ging mit unserem so von seinem Doktorvater Angegangenen eine merkwürdige Veränderung vor: Aus dem sonst so Selbstbewussten entwich fast die Luft, und es kam nur noch ein jämmerliches:
„Ich habe Dich damals geliebt, Peter!“

„Ich weiß, Marc, Du sagst es ja überdeutlich in jenem Festvortrag zu meinem 60., dem Du als Motto das Nietzsche-Zitat voranstelltest: ‚Ich verstand ihn, als ob er für mich geschrieben hätte.‘“ (Jongen 2009: 144)

„Ich weiß, Peter, wie sollte ich es nur vergessen. Aber dass Du Dich dessen erinnerst – es ist zu schön!“

Ein Satz wie aus dem Behandlungszimmer eines Psychoanalytikers. Zumal es jetzt schien, als wimmerte irgendjemand leise vor sich hin. Auch der Bodyguard schaute auf. Aber da kam es schon wieder aus den Boxen, begleitet von einem nun ganz nah vor die Kamera rückenden ‚Peter Sloterdijk‘:

„Du weißt, Marc, auf wen sich das ‚ihn‘ bei Nietzsche bezog!?“

„Ja, natürlich: auf Schopenhauer!“

„Bin ich also damals Dein Erzieher gewesen, wie 120 Jahre zuvor Schopenhauer jener Nietzsches. Der in den späten 1860er Jahren so alt war wie Du in meiner Wiener Zeit?“

‚Marc Jongen‘ wusste nicht so recht, was er seinem Doktorvater antworten sollte, meldete aber nicht wirklich Widerspruch an.

„Dann weißt Du ja auch, Marc, wie es Schopenhauer in the long run erging!“

„Nietzsche beging, Jahre später, ‚Vatermord‘, indem er Schopenhauer … Moment mal, Peter, Du willst doch nicht etwa sagen…“

„Doch, mein Lieber, genau das will ich: Deine ganze Hinwendung zur AfD ist im Wesentlichen eine Art von Vatermord!“

‚Marc Jongen‘ erstarrte. Genau dieses Thema hatte er befürchtet. Wie in Notwehr zog er per Gedankensteuerung einige ältere Sloterdijk-Titel auf seine Variante des XtremeReader, in Deutschland seit 2027 als Lies’ mich! im Angebot, darunter die auf die Jahre 1993 bis 2012 bezogene Interviewsammlung Ausgewählte Übertreibungen (2013), um schließlich triumphierend vorzulesen, dass sein Doktorvater 2006 mit Blick auf die „Verachtfachung der islamistischen Populationen von 150 Millionen im Jahr 1900 auf 1,2 Milliarden im Jahr 2000“ von „offensiver Kampffortpflanzung“ gesprochen habe sowie davon, dass dahinter „eine massive biopolitische Regie“ stehe, die „die aggressive Vermehrung der Nationalpopulationen zum politischen Mittel erhoben hat.“ (Sloterdijk 2013: 298)

„Ich hätte es nicht besser ausdrücken können, mein lieber Peter!“, triumphierte er.

‚Peter Sloterdijk‘ rutschte erkennbar ratlos auf seinem Stuhl im fernen Schloss Elmau hin und her, wollte auf den Titel hinweisen, auch auf die geheime Ironie im Zwischentitel – Also sprach Sloterdijk – des in Rede stehenden Abschnitts, aber es half alles Nichts: ‚Marc Jongen‘ war schneller:

„Und erzähle mir bitte nicht, lieber Peter, dies sei nicht ernstgemeint – so wenig ernst gemeint wie Dein Kommentar in Deinem eben schon beigezogenen Tagebuch von 2008-2011 zu des Bundespräsidenten Wulff Feststellung, der Islam gehöre zu Deutschland. Moment, ich hab’s gleich, ach ja hier: „Daß fast 27 Millionen Schweine in Deutschland ‚leben‘ – dazu hat der Bundespräsident noch nicht Stellung genommen.“ (Sloterdijk 2012: 531) Weißt Du eigentlich, Peter, dass das damals bei uns extrem gut ankam!? So hat mir beispielsweise ein gewisser Maik G. aus Dresden…“

„Halt, Marc: Woher hast Du mein Tagebuch?“

‚Peter Sloterdijk‘ war erkennbar auf dem falschen Fuß erwischt worden, auch mangels unzulänglicher Vorbereitung. Beim Briefing war ihm ausdrücklich Zeilen und Tage als Pflichtlektüre benannt worden, ebenso wie der Interviewband Ausgewählte Übertreibungen.
Derweil zog ‚Marc Jongen‘ wohlgemut Sloterdijks Tagebücher der Jahre 2011 bis 2013 auf seinen Lies‘ mich! und las vor, mit dem Vermerk, der Eintrag sei vom 25. April 2013 und behandle das Stichwort ‚neuer Nationalismus‘, der „auf dem Vormarsch“ sei: „Die im Februar gegründete europakritische Alternative für Deutschland könnte […] das Zeug zu einem deutschen Front National“…

„Moment, Marc“, donnerte es da aus dem Lautsprecher. „Du zitierst selektiv, und lässt die Stelle ‚könnte ein Sammelbecken für alle Arten von Dumpfheiten und Ängsten werden‘ (Sloterdijk 2018: 467), einfach weg. Dabei ist mit ihr der status quo eurer bescheuerten Volkspartei ziemlich exakt umschrieben. Und zwar sechzehn Jahre vorher.“

„Sorry, Peter, aber so leicht entkommst Du mir nicht! Und lass das mit der Volkspartei. Da gehöre ich nicht hin. Und blättere bitte in Deinem Buch ein paar Seiten vor, da schreibst Du, unter dem Datum 18. April 2013, Sankt Petersburg: ‚Die querulatorische Internationale drängt nach vorn: Man liest, ein türkischer Verein aus Berlin, der mit Sarrazins Sticheleien in seinem Lettre Internationale-Interview vom Oktober 2009 noch nicht fertig ist, soll soeben vor einer UNO-Instanz mit seiner Rassismus-Klage erfolgreich gewesen sein – wobei sich die Vorwürfe gegen einen einzelnen Autor zu einer Klage gegen ein Land ausweiten. Der Vorgang ist bezeichnend für die Freisetzung von Aggressivität, die durch die fortschreitende Verrechtlichung der Moral ausgelöst wird – man spräche besser von einer Professionalisierung des Beleidigtseins.‘“ (ebd.: 458 f.) Ich kann dazu nur sagen: Chapeau, lieber Peter: Besser hätten wir von der AfD es nicht ausdrücken können, angefangen vom eleganten UNO-Bashing (‚querulatorische Internationale‘) bis in die Feinheiten des Pejorativen hinein: ‚aggressiv‘ sind die Türken, Sarrazin hingegen hat nur ein wenig ‚gestichelt‘ – nochmals, Peter: Chapeau – und komm‘ mir nicht mit ‚Vatermord‘!“
Daniel alias ‚Peter Sloterdijk‘ hatte dieser Einlassung mit wachsender Sorge zugehört. Schon beim ‚Briefing‘ war er über diese Stelle gestolpert. Daran gab es wahrlich nichts zu beschönigen, das war Rassismus pur! Und diesen Sloterdijk, der dies 2013 so sah und 2018 so veröffentlichte, sollte er nun, hier und jetzt, also 2029 gegen ‚Marc Jongen‘ in die Schlacht führen? Unmöglich! Was also tun?

Vielleicht eine Scheinattacke reiten vom Typ ‚Frechheit siegt‘, etwa wie folgt:

„Sag mal, Marc, wie der Buschfunk meldet und die Neue Züricher Zeitung heute, hat euch der Kollege Stakleburgh aus den USA vorgestern im Neuen Audimax ganz schön eingeheizt. Nun ja, Du warst persönlich nicht anwesend, wegen Deiner – übrigens offenbar in Rekordschnelle verheilten – Blinddarmgeschichte. Trotzdem: Wie konntet ihr nur so blöd sein, das Philosophische Institut in Elisabeth Förster-Nietzsche-Institut umzubenennen? Da hatte Stakleburgh – übrigens ein guter Freund von mir seit der Stanford-Konferenz zu Nietzsche vom Herbst 2024 – natürlich leichtes Spiel mit seiner Polemik. Tja, solche Fehler passieren halt im Rausch des Vatermordes, nicht wahr?“

Der Erfolg dieser Intervention war ein durchschlagender: ‚Marc Jongen‘ war für einen Moment sprachlos.

„Oh sorry, Marc, Du weißt nicht, wovon ich rede. Hast also mein eben beigezogenes Buch nur sehr selektiv studiert, nicht wahr? Nur die Dir genehmen Stellen plündernd, gell?“

‚Marc Jongen‘ wusste noch immer nicht, wo die Reise hinging.

„Niedlich, Marc, diese Deine holde Unwissenheit. Okay, ich will Dich erlösen: Hättest Du ca. 150 Seiten nach vorne geblättert in meinen eben von Dir ins Spiel gebrachten Neuen Zeilen und Tage 2011-2013, wäre Dir wohl kaum der Passus entgangen: ‚[D]aß Elisabeth Förster-Nietzsche den Spazierstock ihres Bruders dem ‚Führer‘ schenkte […], das ist die Sünde wider den Geist, die nie vergeben wird, solange ein denkendes Wesen einen Fuß vor den anderen setzt.‘ (Sloterdijk 2018: 344) Daraus kann ich nur folgern, dass Du als ‚denkendes Wesen‘ im definierten Sinne nicht mehr willst gelten können – und dies wiederum im Rausch des Vatermordes an mir. Denn dass mir an der Förster-Nietzsche noch nie etwas lag, dürfte Dir kaum entgangen sein in den vielen Jahren unsrer Zusammenarbeit.“

Da ging ein Ruck durch ‚Marc Jongen‘, er schien förmlich zu neuer Größe aufzulaufen, als er jetzt dem Alten in der Seniorenresidenz via Skype entgegenschleuderte:

„Okay, Peter, und weil dem so ist, lässt Du Deinen Adlatus Rüdiger Schmidt-Grépály in Vorbereitung der von Dir abgesegneten 19-bändigen Lagerfeld-Steidl-Edition Friedrich Nietzsche – Werke letzter Hand (LSD) einen Eintrag zu Elisabeth Förster-Nietzsche durchgehen wie den folgenden: ‚Sie ist die Einzige, die von Nietzsche mitgeteilt bekommt, dass er nach dem Zarathustra an seinem ‚Hauptwerk‘ arbeitet, dem Willen zur Macht. Sie konnte sich in Weimar, in dem von ihr gegründeten Nietzsche-Archiv, durchaus als diejenige verstehen, die versuchen sollte, dieses Hauptwerk zu rekonstruieren.‘ (Schmidt-Grépály 2018: 234 f.) Mensch, Peter, beides zugleich geht nun mal nicht: Mir Vatermord vorwerfen wegen meiner Billigung der Namensgebung à la EFNI – und Deinen Adlatus einen Persilschein ausschreiben lassen in Sachen der Namensgeberin und ihrer Der-Wille-zur-Macht-Edition von 1906.“

Daniel alias ‚Peter Sloterdijk‘ blieb ganz gelassen. Er hatte sich per Lektüre (etwa Niemeyer 2020: 301 f.), zumindest was diesen Punkt angeht, perfekt vorbereitet, wie seine Antwort zeigte:

„Oh Marc, verschone mich bitte mit billigen Tricks vom Typ: ‚Inhaftnahme für Fehler Deiner Mitarbeiter‘ – Du müsstest, jetzt als Chef, selbst wissen, dass man sich nicht um alles kümmern kann. Einverstanden: Da ist ein Fehler passiert, offenbar unter Fixierung auf einen in jenem Band wiedergegebenen Brief Nietzsches an seine Schwester und seinen Schwager in Paraguay vom 2. September 1886 bei gleichzeitiger Beiseitesetzung seines abschlägigen Bescheides in Sachen Der Wille zur Macht anderthalb Jahre später – ein Brief übrigens, den die Schwester eben deswegen bei der Erstellung ihrer Briefedition 1909 unterschlug. Was ‚mein Adlatus‘ – wie Du ihn zu nennen beliebst – gleichfalls nicht erkannt hat. Ein weiterer gravierender Fehler also, der allerdings etwa zu jener Zeit (2018/19) auch anderen unterlief, etwa dem Förster-Nietzsche-Biographen Ulrich Sieg. (vgl. Sieg 2019: 200 ff.) Was aber, mein lieber Marc, habe ich damit zu tun? Ich erinnere nur an mein Wort aus der Zeit der Vorbereitung dieses Projekts: ‚Dass der gesamte Komplex namens ‚Wille zur Macht‘ in der Werk-Revue von Ecce homo mit keinem Wort erwähnt wird, das kann man als Autoren-Aussage in eigener Sache nicht hoch genug veranschlagen.‘ (Sloterdijk 2013a: 53) Angesichts dieser meiner Grundposition ist es natürlich Vatermord, wenn das EFNI mit DFG-Geldern eine Nietzsche-Edition plant mit Der Wille zur Macht im Zentrum. Eine Edition, die erkennbar die von mir mit aufs Gleis gesetzte Lagerfeld-Steidl-Edition (LSD) konterkarieren soll. Lustig zu sehen in diesem Zusammenhang, lieber Marc, dass euch infolge der Stakleburgh-Vorlesung die besten Leute für dieses Projekt allmählich von der Fahne gehen.“

„Moment, Peter, woher willst Du das wissen? Etwa von Deinem Freund Stakleburgh persönlich? Dann richte ihm bitte aus, falls er sich der Fantasie hingäbe, seine lächerliche Rede, die von Plagiaten durchzogen war, habe konterrevolutionäre Wirkungen gehabt, sei er falsch gewickelt. Uns jedenfalls hätten zahllose Bewerbungen um Mitarbeit erreicht. Von der Fahne gegangen sind nur grünversiffte Spät-Hippies sowie ein bisexueller Halbwaise mit prekärem Elternhaus und aufgewachsen ohne jede Zucht und Ordnung. Ich meine einen gewissen Christian Feengrund, Lehrersohn, der hier in Greifswald im letzten Wintersemester das Genie unter den ‚Ersties‘ gab, aber von uns demnächst auf Vordermann gebracht werden wird. Zusammen mit seinem etwas in die Jahre gekommenen Vater.“

Am anderen Ende der Leitung, in Schloss Elmau, blieb es beunruhigend still.

„Und noch etwas, Peter: Hat irgendjemand von uns etwa eure Edition, deren erster Band 2024, also vor unserer Zeit erschien, behindert? Das wart ihr doch selbst: Zwischen 2013 und 2018 laut mit den Flügeln schlagen – und dann nicht liefern, dafür noch den Tod eures Mäzen, dieses jüdischen Kosmopoliten und Modezars, als Vorwand nutzend…“

„Halt Marc, so redest Du nicht über Karl Lagerfeld! Sonst breche ich das Gespräch auf der Stelle ab!“

An dieser Stelle hatte ich als Moderator der Veranstaltung eine Eingebung:

„Ich schlage vor, lieber Herr Jongen, lieber Herr Sloterdijk, dass wir deeskalieren und den Fokus leicht verschieben. Thema ist nicht mehr, was Sie, Herr Jongen, an Herrn Sloterdijk gut oder schlecht finden. Thema ist vielmehr eine Art Quiz, sprich: Jeder der Herren liest dem anderen ein im weiteren Sinne auf Nietzsche und/oder die AfD- resp. Volkspartei-Thematik bezügliches Zitat seiner Wahl vor und der andere muss raten, von wem es sein könnte. Herr Professor Sloterdijk beginnt. Einverstanden?“

Gottseidank waren beide einverstanden.

„Okay, Marc! Erste Frage: Von wem ist das Zitat: ‚Jeder Besucher, der von außen kommt, nimmt die moralische Klimakatastrophe […] als das erste wahr, was einem bei der Einreise in die Wohlstandszone entgegenschlägt: Den Ankommenden ist unbegreiflich, warum die materiell reichste Gesellschaft der Geschichte…‘“

‚Marc Jongen‘ lachte hell auf:

„Oh, Peter, Du brauchst nicht weiter zu lesen: Ich kenne Sätze wie diese zuhauf aus der Systemzeit, wo dies in jeder zweiten Verlautbarung grünversiffter Fanatiker der Willkommenskultur zu lesen war. Und wenn ich das schon höre: ‚moralische Klimakatastrophe‘! – es gibt weder eine solche noch eine, folgend aus Wetter-Anomalien! Hirngespinste von Kranken mit Asperger-Diagnose, wie dieser kleinen Schwedin vor zehn…“

„Dann, mein lieber Marc, müsstest Du mich auch einen Aspie nennen. Denn das Zitat ist aus meinem Buch Die nehmende Hand und die gebende Seite. (vgl. Sloterdijk 2010: 42). Ebenso übrigens wie der Satz: ‚Es ist an der Zeit, den sozialen Zusammenhang von der Gabe her zu denken.‘ (ebd.: 53) Dies meint selbstredend auch: Von der Gabe der Flüchtlingshelfer her, lieber Marc!“

Das nun einsetzende Grübeln des so Angesprochenen – das mit der Gabe war doch ganz anders gemeint gewesen, verdammt! – nutzte ‚Peter Sloterdijk‘ zum nächsten Coup:

„Vom wem, lieber Marc, ist das folgende Zitat: ‚Luther predigte gleichsam einen christlichen Salafismus‘…“

„Brauchst nicht weiter zu reden, Peter… ich habe keinen Schimmer!“

„Vielleicht hilft Dir der Hinweis, dass diese Worte am 16. Mai 2017 in der Sankt-Matthäus-Kirche Berlin erklangen, aus meinem Mund, nachlesbar in meinem Buch Nach Gott. Berlin 2017: 62. Übrigens parallel zum Lärm eures Petr Bystron (AfD Bayern) in der Huttington Post von wegen: Luther wäre auf den Evangelischen Kirchentag nicht erwünscht etc. pp.“

„Mai 2017… da waren wir mitten in den Wahlvorbereitungen…“

„Deswegen nannte ich ja gerade diesen schrecklichen Per Bystron. Der sich heftig geärgert haben dürfte, dass euch eure ‚Schwesterpartei‘ NPD den wunderbarsten Wahlslogan aller Zeiten weggenommen hatte! Jenen, den der gebildete und zumal der evangelisch-lutherisch sozialisierte ‚Wutbürger‘ in der Folge, nach gewisser Recherche, sich in seine armselige Selbstrechtfertigung einbauen konnte. Um fortan weiter seinem gottlosen und aller Barmherzigkeit entbehrenden ausländerfeindlichen Tun zu huldigen…“

„Du meinst…“

„Ja, Marc, endlich ist der Groschen gefallen: Ich meine den wenig später breit plakatierten Spruch Luther würde NPD wählen!

„Moment mal, Peter, willst Du damit etwa sagen…“

„Ja, Marc, genau das will ich damit sagen: Ihr unterscheidet euch substantiell in keiner Weise von den ISIS-Terroristen, deren Untaten ihr letztlich eure ganzen Wahlerfolge verdankt! Und eben diese Einsicht wurde im Mai 2017 in jener Kirche verkündet. Und zwar, mein lieber Marc, von eben dem, der Dir hier von Schloss Elmau per Skype zugeschaltet ist! Dessen Schüler zu sein Du Dich noch heute hier und da erfrechst! Ich verbiete Dir diese Anmaßung, ab jetzt und in alle Ewigkeit!“

‚Marc Jongen‘ wirkte erkennbar angeschlagen, hatte offenbar auch alles nicht so rasch auf die Reihe gekriegt. Ein wunderbarer Moment, von Schloss Elmau aus den Ko. zu platzieren:

„Vom wem, lieber Marc, ist das folgende Zitat: ‚Daß völkische Politik auf der kläglichen Neigung zur Erniedrigung des Fremden beruht – wer hat dies schärfer auf den Begriff gebracht als Nietzsche, der schon im Wilhelminismus den Hooliganismus spürte?‘“

„Oh Peter, Du bist doch wahrlich noch immer der alte Schelm. Suggerierst mir, es gehe jetzt um Dich – und liest mir dann so ein Geschreibsel vor! Welches man, entsprechende Bösartigkeit vorausgesetzt, glatt als berechtigte linksradikale Kritik der aktuellen Zustände im Vierten Reich durchgehen lassen könnte.“

‚Peter Sloterdijk‘, ganz Prüfer, verzog keine Miene:

„Ich höre? Von wem?“

„Keine Ahnung… Jedenfalls von irgendeinem dieser Gesundbeter Nietzsches! Ah, ich weiß: Es würde mich nicht wundern, wenn es vom Verfasser dieses Buches wäre, diesem Schmierfinken Christian Niemeyer.

„Durchgefallen, Marc! Der ‚Schmierfink‘, wie Du zu sagen beliebst, bin ich. Ich zitierte soeben aus meiner bald dreißig Jahre alten Rede zum 100. Todestag von Friedrich Nietzsche, gehalten in Weimar am 25. August 2000. (vgl. Sloterdijk 2001: 60) Sicherlich: Eine Petitesse, um die ein echter Schüler Sloterdijks nicht wissen muss, nicht wahr? Jedenfalls nicht, wenn er keinen Vatermord vorhat, oder?“

Nun ging es Schlag auf Schlag:

„Lass‘ Dir noch gesagt sein, lieber Marc: In meiner eben zitierten Rede vom August 2000 findest Du auch den Satz: ‚Hitlers Anhang hat Nietzsche mit der Schere bearbeitet und in ein kollektivisches Evangelium geklebt‘ – damit ein Vorbild gebend für ‚Antinietzscheaner, die bis heute über die Zusammenstellung von selbstgeklebten Belastungs-Dossiers nicht hinauskommen.‘ (ebd.: 59) Mir will scheinen, dieses ‚bis heute‘ könne man ausweiten bis auf ‚hier und heute‘, 2029. Insbesondere die erste Satzhälfte scheint mir geradezu zeitlos gültig angesichts eures verbrecherischen Projekts! Ein, um etwas Nettes über Dich zu sagen, ‚Vatermordprojekt Peter Sloterdijk‘, ergo besser abzukürzen mit VPPS!“

Ob ‚Marc Jongen‘ diese letzten, im Hohn gesprochenen Worte noch wirklich mitbekommen hatte, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Eher unwahrscheinlich, denn er hing nach diesem zweiten Schlag in Folge mit stierem Blick in seinem Stuhl wie ein angeschlagener Boxer in den Seilen. Ihm war, wie dereinst von seinem ‚Meister‘ geweissagt: „Die Eine Kugel ist implodiert, nun gut – die Schäume leben.“ (Sloterdijk 1999: 582) Referent und Bodyguard, offenbar einschlägig leidgeprüft, nahmen ihren Boss entschlossen unter die Arme und schleppten ihn mit vereinten Kräften in den Salon – als, aus dem Schatten des Gummibaums heraustretend, Lolita auftrat, nach aufwändiger Maske mit entsprechender Perücke aus langen blau-schwarzen Echthaaren fast wie die Kanzlerin wirkend. ‚Marc Jongen‘ schien es jedenfalls so:

„Aber Frau Kanzlerin Rinklin, was machen Sie denn plötzlich hier?“

Diese Worte nahmen sich deshalb nicht wirklich vorteilhaft aus, weil ausgerechnet jetzt der Notarzt um die Ecke bog, seines (merkwürdigen) Zeichens Psychiater. Auffällig auch: Dass der Herr Minister gleich darauf den Begleiter Lolitas, einen weiteren Studierenden aus unserer Theater-AG, den man aufwändig à la Donald Trump geschminkt hatte, mit den erstaunten Worten anrief:

„Aber Herr Präsident, ich dachte, Sie seien in Camp David!“

Dem folgte nahtlos, in heller Aufregung gesprochen:

„Ist denn hier, zum Teufel, alles falsch?“

Nicht wirklich optimal, wie der Notarzt noch Monate später seinen Studierenden im Blick auf den Fall des „Patienten J.“ erläuterte.

Zumal in exakt diesem Moment ein älterer Herr aus dem Keller kam, der etwas ungepflegt wirkte, mit dem Rest ‚Risotto mit Jakobsmuscheln‘ in seinem recht dünnen weißen Walrossbart. Und ‚Marc Jongen‘ nun ausrief:

„Aber Peter! Du warst doch gerade noch in Schloss Elmau! Hast Du etwa den Teleporter benutzt!“

Dass Professor Sloterdijk sogleich versicherte, er wisse nichts von einem Teleporter und halte die in diese Technik investierten Hoffnungen für absurd, verbesserte die Lage nicht wirklich. Selbst dem Bodyguard war etwas mulmig geworden, und er klammerte sich, zusammen mit dem Referenten und im Gleichklang mit diesem „den Professor Sloterdijk“ anstarrend wie eine Schreckensgestalt aus dem Nirwana, angstvoll an seinen Chef. Beide beharrten darauf, bei ihm bleiben zu dürfen, egal, wohin der Weg sie führe.

Der endgültige Niederschlag erfolgte durch den derart Dämonisierten: ‚Professor Sloterdijk‘ gab sich dem Notarzt gegenüber lächelnd als „Dr. Daniel Feengrund“ zu erkennen, der ‚diesen Professor Sloterdijk‘ gar nicht kenne. Ebenso wenig wie dieses ominöse Schloss Elmau. Nach dieser, wie er bildungsstolz verriet, Präliminarie, warf er, befreit von der Last seiner Rolle im Keller des ‚Glaspalastes‘, unbeschwert seinen ersten Stein und erklärte dem Notarzt:

„Der Patient ist schon vor vielen Jahren, wie ich dokumentarisch belegen kann, von der Sorge umgetrieben worden, ihm könnten eines Tages ‚die eigenen Sicherungen durchbrennen.‘ Nun ist es offenbar passiert.“

Der Notarzt, sich des Näheren als Psychiater Prof. Dr. Dr. Jens Thunberg zu erkennen gebend – etwas überqualifiziert für einen Notarzt, dachte Fritz, der beim Briefing nicht richtig aufgepasst hatte –, erklärte daraufhin, er hielte dies für hochinteressant und vermute ein Asperger-Syndrom. Patienten dieser Ausrichtung pflegten ein extremes Schwarz-weiß-Denken, das Abwägen und Differenzieren sei nicht ihre Sache. Er werde die – ihm geschäftlich verpflichtete – Greta-Thunberg-Stiftung in Stockholm kontaktieren wegen eines Therapieplatzes. Nach einem längeren, zunehmend vertraulicher werdenden Gespräch „mit dem werten Kollegen Dr. Feengrund“ rückte Thunberg mit dem Bekenntnis heraus, ihm sei schon vor Jahrzehnten wegen der sich häufenden Zahlen von Pyromanen und Querulanten im AfD-Umfeld zunehmend die Sorge überkommen in Sachen dieser Partei sowie der geistigen Zurechnungsfähigkeit ihrer Protagonisten und Wähler, kurz: Man schied im besten Einvernehmen! Dr. Feengrund – „Okay: Daniel! Angenehm, Jens!“ – dürfe sich sicher sein, dass man genau wisse, was nun in Sachen des Patienten geboten sei. Es gäbe da, mit Verbindungen nach Stockholm und Wunstorf, eine Art Netzwerk.

Hochinteressant!, dachte Daniel noch, ein wenig unter dem Gummibaum verweilend. Muss unbedingt mal mit Dr. Landsberger sprechen, ob er schon von diesem Netzwerk gehört hat. Falls nein, könnte dies auch auf hohe Professionalität schließen lassen.

Der einzige, der ein bisschen sauer war, weil man ihn nun doch nicht gebraucht hatte, war Christians Stiefvater Dr. Gottlieb Lendenschmalz. Er kam plötzlich wie der Weihnachtsmann in Loriots Weihnachten mit Familie Hoppenstedt um die Ecke, nur dass er nicht rief: „Benötigen Sie noch einen Weihnachtsmann?“ Ganz so verrückt war er denn doch nicht, nur ein wenig: Lendenschmalz, so hob er an, habe seelsorgerischen Beistand für den ‚Patienten J.‘ anzubieten, im Tausch für möglichst exklusives Material. Dieses wolle er, gegebenenfalls in anonymisierter Form, seinem für 2040 angedachten literarischen Sachbuch Deutschland im Lichte des Beichtstuhls einfügen.

Die eisige Ablehnung des Notarztes traf unseren Seelsorger allerdings tief ins Mark. Nun, er tröstete sich rasch: „Prima Generalprobe, wie mir scheinen will! Mit Professor Teichmann à la Marc Jongen und Dr. Feengrund à la Peter Sloterdijk, jeweils vorzusehen für einen Oscar!“ Und dann, mit einem triumphierenden Blick in die (fiktive) Kamera, ignorierend, dass ein derartiger Gruß aus dem Jahr 2029 zurück ins Jahr 2021 nicht wirklich ohne Zauberei machbar war:

„Bloß nicht wählen am 26. September 2021, diesen Dr. Marc Jongen von der AfD! Der ist verlogen bis ins Marc! Und wohl nur deswegen rechts, um Sloterdijk zu ärgern!“

Prof. Dr. Christian Niemeyer, Erziehungswissenschaftler und Psychologe, Jg. 1952, geb. in Hameln, Prof. (i.R.; seit 2017) f. Sozialpädagogik an der TU Dresden (ab 1992), davor FU Berlin (1988-92), geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Sozialpädagogik (seit 2002), Nietzscheforscher, zahlreiche Bücher, für August 2021 ist angekündigt: Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon (= Bildung nach Auschwitz, Bd. 1) mit Online-Material. 796 S., 39,95 Euro, Weinheim Basel.

Bild oben: Marc Jongen am Landesparteitag der AfD Baden-Württemberg 2015, Foto: Robin Krahl, CC BY-SA 4.0

Literatur:

Nietzsche wird zitiert nach nach römischen Ziffern, also: I-XV = KSA: Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hg. v. G. Colli u. M. Montinari. München 1988.

Einzeltitel:

Jongen, M. (2009): Wir sind nie zur Welt gekommen. Peter Sloterdijks Maieutik der Existenz. In: Ders./Tuinen, S. van/Heimelsoet, K. (Hg.): Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. München 2009, 144-162.
Niemeyer, Ch. (2019): 2029: Game over, AFD! Oder: Sozialpädagogik als Sexualpädagogik, reloaded. Ein Beitrag vom Typ „fröhliche Wissenschaft“ zu einer notwendigen Neuorientierung der Politik als Lesebuch (E-Book). Weinheim Basel.
Niemeyer, Ch. (2020): Nietzsches Syphilis – und die der Anderen. Eine Spurensuche. Freiburg / München.
Schmidt-Grépály, R. (Hg.) (2013): Zur Rückkehr des Autors. Gespräche über das Werk Friedrich Nietzsches. Göttingen.
Schmidt-Grépály, R. (Hg.) (2018): Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. Nietzsches Werk im Spiegel seiner Briefe. Göttingen.
Sieg, U. (2019): Die Macht des Willens. Elisabeth Förster-Nietzsche und ihre Welt. München.
Sloterdijk, P. (1983): Kritik der zynischen Vernunft. 19. Aufl. Frankfurt/M. 2013.
Sloterdijk, P. (1999): Sphären II. Globen. Frankfurt/M.
Sloterdijk, P. (2001): Über die Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches fünftes „Evangelium“. Frankfurt/M.
Sloterdijk, P. (2010): Die nehmende Hand und die gebende Seite. Sonderdruck. Berlin.
Sloterdijk, P. (2012): Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011. Berlin.
Sloterdijk, P. (2013): Ausgewählte Übertreibungen. Gespräche und Interviews 1993-2012. Berlin.
Sloterdijk, P. (2013a): Nietzsche, Autor, Reformator (= Gespräch mit Rüdiger Schmidt-Grépály). In: Schmidt-Grépály (Hg.), 27-62.
Sloterdijk, P. (2014): Der ästhetische Imperativ. Schriften zur Kunst. Berlin.
Sloterdijk, P. (2017): Nach Gott. Berlin.
Sloterdijk, P. (2018): Polyloquien. Ein Sloterdijk-Brevier. Berlin.
Sloterdijk, P. (2018a): Neue Zeilen und Tage. Notizen 2011-2013. Berlin.
Sloterdijk, P./Macho, Th. (22014): Gespräche über Gott, Geist und Geld. Freiburg i. Br.