„… ein nimmer gekannter Schrecken“

Der Roman Pollaks Arm rechnet ab mit den Idealen der Weimarer Klassik 

Von Karl-Josef Müller

Schon nach wenigen Seiten fällt es schwer, diese Lektüre zu unterbrechen. Am 17. Oktober 1943 soll ein deutscher Studienrat dem bekannten Sammler, Kunsthändler und klassischen Archäologen Ludwig Pollak das Leben retten. Eine Limousine steht bereit, die den seit langem in Rom ansässigen Gelehrten samt seiner Familie in den Vatikan bringen könnte. Eines Verbrechens hat sich Pollak nicht schuldig gemacht, doch er ist jüdischer Herkunft, und „nachdem Italien am 8. September vor den Alliierten kapituliert“ hat, „haben die Deutschen vollends die Kontrolle über die Stadt.“ Damit beginnt für Rom eine neue Zeitrechnung: „Es durchdringt ein nimmer gekannter Schrecken das Volk.“ Diesen Satz aus der Aeneis wiederholt Pollak im Gespräch mit dem Studienrat mehrfach.

Die historisch verbürgte Gestalt dieses Schreckens kommt erst gegen Ende des Romans zur Sprache. Auf Wikipedia werden die Ereignisse so lapidar wie doch auch als unerträgliches Geschehen dargestellt: „Bei der Verhaftung der römischen Juden am 16. Oktober 1943 wurde auch Ludwig Pollak mit seiner ganzen Familie festgenommen. Obwohl ihm durch Vermittlung von Seiten deutscher Freunde vom Vatikan eine Zuflucht angeboten wurde, lehnte er diese ab, da er glaubte, das Schicksal seines Volkes auf sich nehmen zu müssen. Pollaks Verbleib und der seiner Familie nach der Deportation der römischen Juden ist nicht bekannt, der Eisenbahnzug verließ Rom-Tiburtina am 18. Oktober, am 23. Oktober wurden 184 Arbeitsfähige vom KZ-Arzt Josef Mengele im KZ Auschwitz selektiert, die anderen 839 Personen wurden sofort vergast.“

Hans von Trotha ist das, was man mit einigem Recht einen Poeta doctus nennen muss. Aus den knappen Nachbemerkungen Dank und Quellen lässt sich erahnen, wie akribisch der Autor recherchiert hat, um dem außerordentlichen Schicksal Pollaks gerecht zu werden.

Dennoch lesen wir einen Roman und keine Dokumentation. Zweimal zweifelt Pollak daran, wirklich in Gefahr zu sein: „Vielleicht holen sie mich gar nicht. Ich bin alt. Was sollen sie mit einem so alten Mann?“ Und wenig später: „Und dann: Ich glaube nicht, dass sie mich holen.“ Für die Wahrhaftigkeit des Erzählten spielt es keine Rolle, ob Pollak sich wirklich dergestalt geäußert hat. Denn die quälende Dringlichkeit der Lektüre resultiert aus dem unerträglichen Widerspruch zwischen dem Ansinnen Pollaks, seine Lebensgeschichte als bedeutender Akademiker und Gelehrter auszubreiten einerseits und der unmittelbar drohenden Gefahr andererseits. Dieser eine Tag der absoluten Bedrohung wird abgewogen gegen die Geschichte unserer mitteleuropäischen Kultur und Zivilisation, insbesondere aber auch gegen die Geschichte Deutschlands als Kulturnation, gipfelnd in den Ideen der deutschen Klassik und des deutschen Idealismus. Sinnbildlich hierfür steht die Auseinandersetzung mit der Laokoon-Gruppe, zu deren Vervollständigung Pollak maßgeblich beigetragen hat. Radikaler noch scheint der Gegensatz zwischen dieser so ruhmreich und hoffnungsvoll aufscheinenden Vergangenheit auf in der Losung Winckelmanns von der edlen Einfalt und stillen Größe, die dieser an der Laokoon-Gruppe hat ablesen wollen. Dieser Idee erteilt Pollak eine radikale Absage: „Die Schlange hat längst gesiegt. Das schmerzverzerrte Gesicht zeigt das Leiden eines gerichteten Frevlers, nicht den Kampf eines mutigen Helden. Die Zuschauer sollen sich an der Darstellung grausamen Leidens laben, vielleicht darüber erschrecken. Aber ein Held ist das nicht, nichts Edles, keine Größe. Einfalt vielleicht. Und in der Stille ein markerschütternder Schrei.“

Hier müssen wir zurückkommen auf Hans von Trotha als Poeta doctus. Dieser so kurze wie beeindruckende Roman lässt sich nicht verstehen ohne Kenntnisse der deutschen und europäischen Geistesgeschichte. Denn Trotha macht Pollak zum Sprachrohr dessen, was noch uns Nachgeborenen so unbegreiflich erscheint: dass diese Hochkultur, auf die Pollak sich in seiner Rede so resigniert wie beschwörend bezieht, die Barbarei des Nationalsozialismus, diesen „nimmer gekannten Schrecken“, nicht hat verhindern können.

Wir wünschten diesem schmale Bändchen Literatur alle nur erdenklichen Literaturpreise, haben in dieser Hinsicht aber wenig Hoffnung. Hans von Trotha erwartet viel von seinen Lesern, nämlich die Fähigkeit, die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge zu erkennen, die Ludwig Pollak vor uns Lesern ausbreitet als Beleg dafür, dass er doch eigentlich nicht gemeint sein kann, wenn es um die totale Vernichtung einer bestimmten Gruppe von Menschen geht. Wir Leser folgen atemlos seinen Argumenten und möchten ihm immer nur zustimmen, wie er sich selbst ja auch. Doch Pollak ist nicht naiv, denn sein Versuch zu erklären, warum er nicht gefährdet ist, ist janusköpfig, weil er gleichzeitig die Zeichen an der Wand benennt, die seinen gewaltsamen Tod prophezeien.

Epilog

Ein Name, der im Roman nicht auftaucht, muss in diesem Zusammenhang noch genannt werden. Wir haben vor uns liegen zwei umfangreiche Bände mit dem Titel Malerei im 20. Jahrhundert. Eine Entwicklungsgeschichte und Malerei im 20. Jahrhundert. Eine Bildenzyklopädie mit 1011 Abbildungen. Erfolgreiche Bücher, erschienen im renommierten Prestel-Verlag. Unsere Doppelbände entstammen der „6. durchgesehenen Auflage 1979“, zuerst erschienen sind sie 1954.

Über den Autor Werner Haftmann heißt es auf der Rückseite des ersten der beiden Bände: „Für die Genauigkeit seiner Sprache wurde der Autor mit dem Lessingpreis ausgezeichnet. Sein Urteilsvermögen und seine Kenntnis der internationalen Kunstszene führten zu seiner Berufung zum Direktor der Nationalgalerie in Berlin.“ Und er kennt Italien ähnlich gut wie Ludwig Pollak: „Nach dem Studium in Berlin und Göttingen, wo er 1936 über das italienische Säulenmonument promoviert wurde, war er Assistent am Kunsthistorischen Institut in Florenz und hatte dort neben seiner Beschäftigung mit der italienischen Kunst der Renaissance auch die Gelegenheit, in Kontakt mit der Kunst der Klassischen Moderne zu bleiben.“ (Siehe Wikipedia)

Lange Jahre galt Haftmann als Verteidiger und Förderer der modernen Kunst, er war mitverantwortlich für die ersten beiden documenta- Ausstellungen in Kassel 1955 und 1959. 

Und doch gehörte Haftmann zu denen, die wohl nicht gezögert hätten, Ludwig Pollak in den Viehwaggon nach Auschwitz zu treiben: „Im Zweiten Weltkrieg war er Soldat. Er fungierte von Juli 1940 bis Januar 1941 als Sekretär und Dolmetscher bei der deutschen Verbindungsdelegation zur italienischen Waffenstillstandskommission mit Frankreich in Turin, anschließend bis 1944 als Verbindungsoffizier. Im Januar 1944 wurde Haftmann zum XIV. Panzerkorps der Wehrmacht versetzt und war dort wegen seiner guten Italienischkenntnisse als Ic für Feindaufklärung und Abwehr zuständig. Damit gehörte die Bekämpfung von Partisanen zu seinen Aufgaben. Ein von Haftmann unterschriebenes Vernehmungsprotokoll legt nah, dass er an der Folterung eines Partisanen beteiligt war.[4] Im Mai 1945 in Kriegsgefangenschaft geraten, wurde er 1946 entlassen und zog nach Bremen.“

Nach 1945 bedankt sich dieser „linientreue Nationalozialist, SA-Mann und Parteianwärter“ (Wikipedia) bei einigen Personen für die „besonders freundschaftliche Hilfe“ bei der Zusammenstellung des oben erwähnten Bildbandes. Unter diesen befindet sich „Frau Marianne Feilchenfeldt“. Auch das Leben von Marianne Feilchenfeldt, geborene Breslauer, hätte aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in Auschwitz enden können; und nicht undenkbar ist, dass Haftmann, Träger des Lessing-Preises, daran hätte beteiligt sein können. In Lessings Nathan berichtet Nathan selbst vom Schicksal seiner Familie: „Ihr wißt wohl aber nicht, daß wenig Tage / Zuvor, in Gath die Christen alle Juden / Mit Weib und Kind ermordet hatten: wißt / Wohl nicht, daß unter unter diesen meine Frau / Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich / Befunden, die in meines Bruders Hause, / Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt / Verbrennen müssen.“

Hans von Trotha: Pollaks Arm. Roman, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021, 144 Seiten, 18 €, Bestellen?

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