Ein Koffer erinnert

Vor wenigen Tagen wurde auf dem Marktplatz der Ortsmitte von Bütthard ein Koffer mit einem Davidstern darauf enthüllt – es hat ihn dort niemand vergessen, aber er wurde gegen das Vergessen an die Menschen dort aufgestellt, die im Laufe der NS-Zeit in die Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet wurden. Ganz besonders jedoch erinnert er auch an die ehemaligen jüdischen Mitbürger, die Bütthard verlassen mussten und ihr Leben verloren haben.

Von Israel Schwierz
Bei der Einweihung des Denkmals erinnerte Bütthards Bürgermeister Peter Ernst mit folgenden Worten an die Menschen, die durch den NS-Staat diskriminiert, entwürdigt, entrechtet, in Sammeltransporten deportiert und in Lagern ermordet wurden: „Sie waren Menschen wie du und ich, Nachbarn und Freunde. Sie sind ein Teil unserer Geschichte.“

Nach seinen Worten ist es der falsche Weg, das Geschehene zu verleugnen und zu vergessen – ganz besonders in einer Zeit, in der Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Ausländerhass immer hemmungsloser und offener gelebt werden – da sei es eben moralische Pflicht, mahnend an das Schicksal der jüdischen Bevölkerung und an das Geschehene zu erinnern. Aus diesem Grunde beteiligt sich Bütthard als Sitz einstiger einer jüdischen Kultusgemeinde an dem Denkmal „ Denk-Ort Deportationen“.Von den Gepäckstücken der Deportierten bleibt eines in der jeweiligen Gemeinde, das zweite findet seinen Platz auf dem zentralen Denkmal am Würzburger Hauptbahnhof. Der Koffer wie der, der in Bütthard gegenüber dem Haus steht, in dem die Überlebenden des Lagers THeresienstadt, Max und Mina Frank gewohnt haben, wurde von Sarah Schäfer, der Schülerin der Holzbildhauerschule Bischofsheim (Lkr. Rhön-Grabfeld), gestaltet.

Das grobe rissige Eichenholz steht, so der Bürgermeister, symbolisch für das Herausreißen der Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung. Der Tragegriff aus Stacheldraht versinnbildlicht den schmerzhaften Leidensweg, den die jüdischen Menschen gehen mussten.

Bevor der Bürgermeister mit der Vorsitzenden des Würzburger Vereins „DenkOrt Deportationen“ und Initiatorin für die Entstehung des Denkmals, Benita Stolz, den Koffer enthüllte, hielt Pfarrer George Hartmann einen Wortgottesdienst. In der berührenden Feierstunde, dem die Musikkapelle Frankonia Bütthard unter Leitung von Alfred Kemmer eine besondere Note verlieh, hob der Geistliche die Bedeutung des Erinnerns hervor.

Mit einem kurzen Bericht, der aus einem Flugblatt der Bewegung der Weißen Rose stammt, und in dem es heißt „ in Koffern und Rucksäcken schleppten sie ihre Habseligkeiten mit, die man ihnen gelassen hatte“ holte Georg Hartmann die unselige Vergangenheit auf den sonnenbeschienenen Büttharder Marktplatz zurück.

Mehr über die Deportationen und ihre schrecklichen Auswirkungen erfduhren die Zuhöhrer von Benita Stolz. Ihren Ausführungen nach wurden 2069 jüdische Kinder, Frauen und Männer aus 109 fränkischen Gemeinden deportiert. Zu den 63 Personen, die die Shoa überlebt hatten, gehörte das Büttharder Ehepaar Frank.

Eine neben dem Koffer angebrachte Plakette informiert in Kurzfassung über die lange Tradition, die jüdische Mitbürger in der Marktgemeinde hatten. Bereits 1588 wird das Haus des Juden Salomon erwähnt. Weitere jüdische Einwohner kamen im Laufe der Jahrhunderte hinzu, so dass 1820 bereits maximal 13 jüdische Familien das Wohnrecht im Dorf hatten. Die Familienvorstände übten vorrangig den Handel mit Vieh und anderen Waren aus.

Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert von rund 60 bis auf 21 im Jahre 1910 zurück. Die Jüdische Gemeinde hatte neben der Synagoge , einem Gemeindehaus mit einer Religionsschule und Wohnungen auch ein rituelles Bad. Die Toten aus Bütthard wurden auf dem Jüdischen Friedhof in Allersheim berstattet. Im Jahre 1933 lebten noch zehn Juden in Bütthard, das damals 758 Einwohner zählte.

Nachdem im Oktober 1937 die Jüdische Kultusgemeindev offiziell aufgelöst worden war und einige Juden verzogen oder emigriert waren, wurden die beiden letzten Familien Opfer der Judenverfolgung. In der Pogromnach im November 1938 drangen SA- und SS-Männer aus Ochsenfurt und Umgebung in die Wohnungen der Juden ein und verwüsteten sie.

Während ein Ehepaar nach Holland emigrieren konnte, lebten Max und Mina Frank weiterhin in Bütthard bevor sie 1942 über Würzburg in das Vernichtungslager Theresienstadt verschleppt wurden. Das Ehepaar überlebte das Ghetto und kehrte 1945 nach Bütthard zurück, bevor es dann in die USA auswanderte.

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