Von Meir zu Antony

Die ukrainisch-jüdischen Wurzeln des US-Außenministers Antony Blinken

Von Shimon Briman
Erschienen bei Ukrainian Jewish Encounter
Übersetzung: Alexander A. Dellwo

Im Jahr 2014 war Antony (Tony) Blinken für die offiziellen Stellungnahmen der US-Regierung zu den Unruhen in der Ukraine verantwortlich, doch die Wurzeln des neuen US-Außenministers mit dieser Region reichen noch wesentlich weiter in die Vergangenheit.

Meir Blinken von Pereiaslav nach New York

Meir Blinken, Antony Blinkens Urgroßvater, besuchte in seinem Geburtsort Pereiaslav (1879), einer Kleinstadt nahe Kiew, die jüdische-religiöse Grundschule (Talmud-Tora). 20 Jahre vor Meir Blinken kam dort auch Sholem Aleichem (1859), einer  der bedeutendsten jiddischsprachigen Schriftsteller und zugleich Gründervater jiddischer Literatur, zur Welt. Meir der bereits im Alter von 8 Jahren den Tod seines Vaters zu beklagen hatte, besuchte in der zweiten Hälfte der 1890er die Handelsschule in Kiew, die als Teil eines gemeinsamen Bildungsprojekts von ukrainischen und jüdischen Geschäftsleuten gegründet wurde. Hauptfinanzier dieser Einrichtung war der Kiewer Millionär und Philanthrop Lev Brodsky.

Die Große Synagoge von Pereiaslav, seit 1926 geschlossen, gegenwärtig als Stickerei zweckentfremdet

Im Januar 1898 heiratete Meir Blinken die 20-jährige Hanna-Makhla Turovskaya, eine jüdische Bauerntochter, die 2 Jahre später (1900) mit der Geburt von Sohn Moshe das erste Kind der Blinkens zur Welt brachte. Moshe nahm später in den USA den Namen Maurice an; der Großvater des aktuellen US-Außenministers. 1904, Moshe war gerade 4 Jahre alt, nahm ihn Vater Meir mit nach New York. Meirs Frau Hanna kam 2 Jahre später mit dem zweiten Sohn Salomon nach, der sich dort später in Sam umbenannte. Für Meir Blinken war angesichts des Kischinew Pogroms 1903, eher Sicherheit der primäre Aspekt zur Auswanderung.

Hester Street, New York, ca. 1903

Antony Blinkens Urgroßvater Meir, Masseur und Satiriker

Meir Blinken hatte inmitten der Lower East Side, auf dem East Broadway ein Massagestudio eröffnet und wurde so täglich Zeuge, der Betriebsamkeit und Kultur jüdischer Emigranten aus Osteuropa. Mit 115.000 Juden pro Quadratkilometer, herrschte dort damals die mit Abstand höchste Konzentration jüdischen Lebens weltweit.

Dr. Mordechai Yushkovsky, akademischer Direktor des International Yiddish Center beim World Jewish Congress, sagte gegenüber dem Ukrainian Jewish Encounter, dass Meir Blinken hauptsächlich kurze sarkastische Texte für die Satirezeitung Der Kibetzer verfasste.

Blinken porträtierte die reale Welt jüdischer Einwanderer: Armut und Nahrungsmangel, unhygienische Verhältnisse, religiöser Aberglaube, fehlende Bildung, fehlendes Verständnis für das neue Land und den Wunsch sich darin zurechtzufinden.  Die Redaktion befand sich übrigens nur 400 Meter vom heutigen Tenement Museum entfernt, dass die damalige Welt jüdischer Einwanderer nachzeichnet.

1908 veröffentlichte Meir Blinken in London sein Buch Weiber (Frauen), ein Gedicht in Prosa. Sowohl in diesem Werk als auch mit seinen Kurzgeschichten, ist der junge Schriftsteller einer der ersten jiddischen Schriftsteller, der die eheliche Untreue als Teil weiblicher Sexualität und Abtreibungen thematisiert. 1965 stellte der Literaturkritiker David Shub fest, dass Meir Blinken der erste jiddische Schriftsteller in Amerika war, der über Sex schrieb.

Buchcover von „Weiber“, 1908

Maurice Blinken, der als 4 jähriger Moshe Blinken mit Vater Meir die Vorhut bei der Ausreise in die USA bildete, heiratete später Ethel Horowitz die 1925 den gemeinsamen Sohn und späteren US-Botschafter in Ungarn, Donald Blinken zur Welt brachte; den Vater des amtierenden US-Außenministers. Der Nachgeborene Alan Blinken, Donalds Bruder und Onkel von Antony Blinken war seinerseits in Belgien US-Botschafter. Antony Blinken der fließend französisch spricht, wuchs in Paris auf und hatte in seiner Jugend bereits regen Kontakt zu Valéry Giscard d’Estaing, Leonard Bernstein, John Lennon oder Mark Rothko, während seine Mitschüler Hausaufgaben machten oder Fußball spielten. Der Künstler Christo, der von Blinkens Stiefvater Pisar juristisch vertreten wurde, erinnert sich an Blinken als einen sehr feinen, anspruchsvollen und neugierigen jungen Mann.

Blinken der Kosmopolit besuchte in Paris die École Jeannine Manuel und machte dort sein Abitur mit Prädikat. Ob er mit seiner Ernennung zum US-Außenminister bereits die Spitze seiner politischen Kariere erklommen hat, sollte stark bezweifelt werden. Zu seiner Weltläufigkeit gesellt sich neben einer außergewöhnlich hohen Intelligenz auch Durchsetzungskraft, diplomatisches Geschick und mit der eigenen Familie der unbestritten beste Beraterstab der USA.

Blinken der bereits unter Clinton und auch unter Bush in leitenden außenpolitischen Positionen tätig war, wurde am 26. Januar 2021 mit einem schon als legendär zu bezeichnendem Ergebnis, von 78 : 22 Stimmen im Senat als Außenminister bestätigt.

Tony Blinkens Stiefvater –  Sam Pisar

Tony Blinkens Stiefvater Sam Pisar, überlebte die Konzentrationslager  Majdanek, Bliżyn, Oranienburg, Dachau und den Engelbergtunnel bei Leonberg. Während des Todesmarsch von dort flüchtete er und versteckte sich in einem US-Panzer. Pisar war der einzige von insgesamt 900 Schülern seiner polnischen Schule, der überlebte. Pisars Eltern und seine jüngere Schwester Frieda wurden in der Shoah ermordet. Pisar hatte auf die Erziehung seines Stiefsohns Antony großen Einfluss; laut der amerikanisch-jüdischen Zeitung Forverts ist Tony Blinken fest davon überzeugt, dass die gewährleistete Sicherheit Israels die einzige – und beste – Garantie zum Schutz des jüdischen Volkes ist.

Es ist amüsant festzustellen, dass Zavtra (Tomorrow), die größte chauvinistische, antiukrainische und antisemitische Zeitung Russlands, Ende November 2020 die ukrainisch-jüdischen Wurzeln des neuen US-Außenministers betonte: “Blinken ist ein blutrünstiger Globalist, der 2014 eine Schlüsselrolle bei der Formulierung von Präsident Obamas Reaktion auf den faschistischen Putsch in Kiew und die Wiedervereinigung der Krim mit Russland spielte. Stets „Ja!“ an die Kiewer Junta und „Nein!“ zu allen Schritten Moskaus.“

Das US-Außenministerium wird von einem russophoben Globalisten und Urenkel eines Kiewer Jidisch-Schriftsteller geleitet – Zavtra.ru

Die Kritik eines Feindes ist manchmal das höchste Lob.

Bild oben: Meir Blinken (l.) und sein Urenkel Tony Blinken. Mitte: die jiddische Zeitschrift Der Kibetzer. Collage: Shimon Briman

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