Paraschat haSchawua: BeHaalotcha

Bereits mit dem 13. Geburtstag muss der jüdische Junge die religiösen Pflichten wie jeder Erwachsene erfüllen. Nicht selten fragt er sich, welchen Sinn die eine oder andere Pflicht (Gebot = Mitzva, Plural Mitzvot) hat. Allein das Morgengebet mit dem Anlegen der Gebetsriemen am Arm und Kopf ist umständlich. Man muss morgens früher aufstehen, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Insgesamt müssen sich aus unverständlichen, unnachvollziehbaren Gründen die Lebensgewohnheiten ändern.ץץ

B’haalotcha Numeri Kap. 8 – 12 Schabbat, 29. Mai 2021

Zwar ist das ein triviales Beispiel. Aber unsere Parascha eröffnet mit einem Thema, das ähnliche Fragestellungen aufwirft. Da heißt es: Der HERR redete mit Mose und sprach: Rede mit Aaron und sage ihm: Wenn du Kerzen aufsetzt, sollst du sie so setzen, dass alle sieben vorwärts von dem Leuchter scheinen (4. Moses 12). Gott gibt den Priestern Hinweise, wie sie den Leuchter im Tempel bedienen sollen. Da fragten sich die Gelehrten, warum tut es Gott? Sie ummanteln diese Frage in einem kurzen Midrasch (= eine von ihnen erdachte und beliebte Literaturgattung, um heikle, um nicht zu sagen ketzerische Fragen anzugehen):

Die Israeliten sprachen vor dem Geheiligten gelobt sei er: Herr der Welt, uns weisest Du an, Licht vor Dir zu machen – Du bist doch das Licht der Welt! Woraufhin Gott, nach dem Midrasch, antwortet: Da sagte der Geheilige gelobt sei er zu Moses: Sag den Israeliten, nicht weil ich euer Licht brauche, sage ich Euch Kerzen anzuzünden.

Zur Errichtung der Wohnstätte Gottes (der Stiftshütte oder des Tempels) machten die Gelehrten ähnliche Vorhaltungen im Namen der Israeliten. Im Midrasch heißt es deshalb: Da sagte der Heilige gelobt sei er zu Moses: Sag den Israeliten, nicht weil ich keinen Platz zum Wohnen habe, sage ich Euch, eine Wohnstätte zu errichten. Gott benötigt also keine von seinem Volk erbaute Wohnung, noch benötigt er ein von ihnen gemachtes Licht. Und wie verhält es sich mit den Opfergaben, über die pedantisch ausführlich in der Tora berichtet wird? Auch hierzu sagt der Midrasch im ähnlichen Stil: Da sagte der Heilige gelobt sei er zu Moses: Sag den Israeliten, nicht weil ich Eure Gaben benötige sagte ich Euch, Opfergaben darzubringen! Gott benötigt also keine Opfer, weder Brandopfer noch andere Geschenke, was eigentlich die Propheten bereits Jahrhunderte vor den Gelehrten im Talmud dem Volk zu erklären versuchten. Die Gelehrten wollten aber
durch mehrfache Wiederholungen auf die Tatsache hinweisen, dass Gott keine Bedürfnisse hat. Man kann Gott nicht versöhnlich stimmen, indem man ihm „etwas Gutes“ antut. ER braucht nichts!

Wie verhält es sich aber mit anderen Mitzvot (= Geboten), die nicht vermeintlich für Gott eingehalten werden, zum Beispiel das Schlachten. Auch hier gibt es genaue Hinweise zum Ritual der Schlachtung von Vieh oder Geflügel. Auch zu solchen und ähnlichen Fragen hat der Midrasch eine wunderbare Formulierung gefunden: Was schert es Gott, ob das Vieh vom Hals aus oder von der Nackenseite geschlachtet wird. In der Tat passt diese Frage zu vielen Geboten mit formalem Charakter. Das leuchtet jedem Denkenden ein!

Mit diesen Midraschim haben die Gelehrten klargestellt, dass Gott keiner Gaben bedarf und dass es ihn „persönlich“ auch nicht kümmert, ob manche Gebote strikt, wenn überhaupt, befolgt werden. Trotzdem konnten sie die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass all diese Gebote, Mitzvot, Hinweise und Verordnungen, in der Tora stehen. Sol dass alles unsinnig sein? Wenn Gott seinem Volk etwas verordnete (ob es von Moses selbst oder im Laufe der Zeit von Redaktoren formuliert wurde), muss es einen Sinn gehabt haben und möglicherweise immer noch haben. Rav (160 – 247) einer der bedeutendsten Gelehrten im Talmud erklärte zu dieser Frage: Die Mitzvot wurden zu keinem anderen Zweck erteilt, als die Menschen damit zu läutern. Diesen Satz werde ich in der kommenden Parascha zu erklären versuchen.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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