Todje der Gerissene und Leiser der Knicker

Aus dem Projekt „Jüdische Geschichten aus aller Welt“

Todje der Gerissene und Leiser der Knicker

Erzählt von Moira Thiele
(nach Isaac Bashevis Singer)

In einem kleinen Städtchen in Polen nicht weit von Chelm lebte einmal ein armer Mann namens Todje.

Er hatte eine Frau namens Scheindel und sieben Kinder. Todje wusste oft nicht, wie er seine Familie ernähren sollte. Er versuchte sich in mancherlei Handwerk und Handel, doch nichts wollte ihm gelingen.

Die Leute sagten: Sollte es Todje jemals einfallen, mit Kerzen zu handeln, dann geht bestimmt die Sonne nie mehr unter!

Kam er doch einmal zu Geld, dann war es nur durch einen Trick oder eine Gaunerei, denn an schlauen Einfällen mangelte es Todje nicht, und deshalb nannte man ihn allgemein „Todje der Gerissene“.

In einem Winter, der besonders streng war, gelang es Todje nicht einmal, genug Brennholz aufzutreiben. Seine Kinder kuschelten sich aneinander, um sich warm zu halten, aber gegen den Hunger half das nicht.

Denn Scheindels Speisekammer war leer und sie machte Todje bittere Vorwürfe.

„Wenn du deine Frau und deine Kinder nicht ernähren kannst, geh ich zum Rabbi und lass mich scheiden!“ – „Nu – und was willst du dann mit dem Scheidebrief anfangen? Ihn aufessen?“

Doch so gelassen sich Todje auch gab, so weh tat ihm doch der Hunger seiner Kinder, und er sann nach, wie er wohl zu Geld kommen könnte.

Im selben Schtetl lebte ein reicher Mann namens Leiser. Er war so geizig, dass er sich selber die Butter aufs Brot nicht gönnte, und anderen gönnte er nicht einmal das Brot. Er wurde allgemein „Leiser der Knicker“ genannt, und die Leute sagten von ihm: Wenn er dir die Hand gibt, zählt er darauf gleich seine Finger nach, ob nicht einer fehlt.

Als Todje zu Leiser kam, saß der gerade auf einer Kiste und aß trockenes Brot – seine Stühle benutzte er nur an Feiertagen, um die Polster zu schonen. Todje wünschte ihm höflich einen guten Abend und Leiser sah misstrauisch hoch. „Was willst du?“

„Reb Leiser,“ sagte Todje, „ich möchte Euch nur um einen Gefallen bitten!“  – „Was?“ knurrte Leiser.

„Wisst ihr, meine älteste Tochter kommt in die Jahre, sie ist schon achtzehn – höchste Zeit, einen Mann für sie zu suchen. Heute Abend kommt ein junger Mann zu uns, damit die beiden sich kennen lernen.

Ihr wisst ja, wie wenig ich besitze; nicht mal einen anständigen Suppenlöffel habe ich, und Scheindel schämt sich, den jungen Mann mit einem Blechlöffel essen zu lassen. Deshalb möchte ich Euch bitten, dass Ihr mir nur für heute einen silbernen Suppenlöffel ausleiht.“

„Ausleihen?“ fragte Leiser. „Wann würde ich ihn denn wiederbekommen?“ –

„Gleich morgen Abend bringe ich ihn zurück, ich gebe Euch mein heiliges Ehrenwort!“ Leiser wusste, dass Todje nicht wagen würde, einen heiligen Eid zu brechen. „Na gut, ich will nicht so sein,“ sagte er schließlich, ging zum Schrank und holte den silbernen Suppenlöffel heraus. Todje bedankte sich und ging.

Glaubt ihr, dass an diesem Abend ein junger Mann zu Gast bei Todje war? Mitnichten. Und es lag auch kein silberner Löffel auf dem Tisch, den hatte Todje sicher in seiner Jackentasche verwahrt. Kurz nach seiner Hochzeit hatte Todje noch selber ein Silberbesteck besessen, doch das war längst verkauft, bis auf drei silberne Teelöffelchen.

Am nächsten Tag nahm Todje einen davon und ging wie versprochen zu Leiser. Der saß barfuß – um die Schuhe zu schonen – auf seiner Kiste und löffelte eine Gemüsesuppe ohne Gemüse. „Nu, und?“ fragte er Todje. Der seufzte: „Was soll ich Euch sagen? Der junge Mann war potthässlich und stumm wie ein Fisch. Meine Tochter wollte ihn natürlich nicht. Aber ich danke Euch für Eure Hilfe. Hier ist der Silberlöffel, den Ihr mir gestern geliehen habt.“ Er legte ihn auf den Tisch und den kleinen Teelöffel dazu. – 

„Danke! Aber was ist mit dem kleinen Löffel?“ –  „Ich weiß auch nicht – am Morgen lag der Kleine da neben Eurem großen Suppenlöffel. Ich nehme an, Euer Löffel hat über Nacht ein Kind bekommen.“ –

„Was? Ein Kind? Ungewöhnlich!“ Doch die Habgier siegte rasch über Leisers Zweifel und er meinte: „Anständig von dir, Todje, dass du mir auch das Kind bringst!“ –

„Aber natürlich, wenn Euer Löffel ein Kind bekommt, egal ob hier oder bei mir, dann gehört es auch Euch, das ist doch klar!“

„Wunderbar…“ meinte Leiser, „wenn du wieder etwas brauchst, komm nur zu mir, ich helfe dir gerne!“

Nach ein paar Tagen kam Todje wieder. Leiser saß in Unterhosen auf seiner Kiste, um die Hosen zu schonen, und spülte sein trockenes Brot mit Kohlsuppe hinunter. Freundlich begrüßte er Todje: „Na, was kann ich für dich tun?“

– „Reb Leiser, heute kommt ein anderer junger Mann, Scheindel kocht Suppe für ihn…“

Leiser unterbrach ihn: “Du willst dir noch mal einen Silberlöffel ausleihen? Bitte sehr, mit Vergnügen!“

– „Morgen Abend bekommt Ihr ihn wieder“, versicherte Todje.

– „Und wenn der Löffel wieder ein Kind kriegen sollte?“ fragte Leiser.

– „Das Kind gehört dann natürlich auch Euch!“ sagte Todje.

Auch an diesem Abend kam kein junger Mann zu Besuch, aber am nächsten Abend nahm Todje den silbernen Suppenlöffel und die letzten beiden Teelöffel, die ihm geblieben waren, und ging damit zu Leiser. Der erwartete ihn schon.  „Guten Abend, Todje! Na, wie war es diesmal?“

– „Was soll ich euch sagen? Der junge Mann, der gestern kam, sah zwar ganz nett aus, aber er hat die ganze Zeit nur geredet und geredet und lauter Unsinn, es war nicht zum Aushalten. Aber ich danke Euch für Eure Hilfe!“ Und er legte den silbernen Suppenlöffel und die zwei Teelöffel auf den Tisch.

– „Danke! Und die Kleinen da, was ist mit ihnen?“ –

– „Heute morgen lagen sie neben dem Suppenlöffel; offenbar hat er über Nacht Zwillinge bekommen!“

– „Zwillinge?! Das ist unglaublich! Todje, du hast ein gesegnetes Haus! Bei mir hat noch nie ein Löffel ein Kind bekommen. Sag mal, kann es sein, dass ein Silberlöffel auch Drillinge bekommt?“

– „Warum nicht – ich habe von einem Fall gehört, da hat eine Suppenkelle Sechslinge bekommen, aber das ist wohl wirklich sehr selten.“

– „Na, Zwillinge sind auch ganz schön. Wenn du wieder irgend etwas brauchst, komm nur jederzeit zu mir!“

An einem Freitagmorgen, als das Städtchen begann, sich auf den Schabbat vorzubereiten, kam Todje wieder. Leiser ging ihm entgegen und rief: „Gut Schabbes, Todje, kann ich irgendetwas für dich tun?“  – 

„O ja, ich habe heute eine große Bitte an Euch. Heute kommt ein junger Mann zu uns aus der großen Stadt Lublin, und er bleibt über den Schabbat. Er ist aus reicher Familie, gescheit ist er und gut aussehen soll er auch. Versteht Ihr – wenn er und meine Tochter zusammenfänden, hätte unsere Not ein Ende.

Und darum möchte ich Euch bitten, dass ihr mir nicht nur einen Suppenlöffel, sondern auch ein paar silberne Schabbatleuchter gebt – unsere sind nur aus Messing und schon recht schäbig.“

Leiser zögerte, denn seine Kerzenleuchter waren groß, aus massivem Silber und sehr wertvoll; aber dann dachte er an das gute Geschäft mit den Löffeln. „Todje, ich habe vier Paar silberne Kerzenleuchter, und ich gebe sie dir alle für diesen Schabbat. – Wenn sie Kinder bekommen sollten, wirst du so ehrlich sein wie früher?“ – “Sicher! Hoffen wir das Beste!“ Und Leiser holte die acht Kerzenleuchter und den silbernen Löffel aus dem Schrank und übergab sie Todje.

Todje ging nicht nach Hause damit, sondern zum Silberschmied, verkaufte die vier Paar Silberleuchter und bekam viel Geld dafür, das er brav nach Hause brachte zu seiner Frau Scheindel.

Sie machte große Augen und wollte argwöhnisch wissen, woher er das viele Geld habe. „Eine Kuh flog übers Dach und ließ silberne Eier fallen, die habe ich verkauft!“

„Was? Eine Kuh, die Eier legt? Das wäre das erste Mal!“ – „Es gibt immer ein erstes Mal!“ erwiderte Todje. „Aber wenn du das Geld nicht willst, gib’s nur wieder her!“ – „Von Hergeben kann keine Rede sein!“ sagte Scheindel. Wer stellt schon Fragen, wenn der Magen leer ist und die Speisekammer auch!

Sie nahm das Geld und kaufte Essen, soviel sie schleppen konnte, und dann war immer noch so viel Geld übrig, dass sie Kleider und Schuhe für die ganze Familie kaufen konnte. Die Kinder daheim jauchzten und fragten, woher sie denn auf einmal Geld hätten. „Pst!“ machte Todje, „wer redet am Schabbes von Geld!“

Endlich einmal konnte die Familie den Schabbat feiern mit allem, was dazu gehört: mit duftender Hühner-suppe, gefiltem Fisch, zartem Fleisch und Gemüse, dazu Wein, und zum Schluss Kuchen und andere Köstlichkeiten. Scheindel kochte soviel gute Sachen, dass noch für eine ganze Woche davon übrig blieb.

Spät am Samstag Abend, als der Schabbat zu Ende gegangen war, ging Todje zu Leiser. Leiser erwartete ihn bereits. „Nu, Todje, wie ist es gewesen?“ – „Ach, dieser junge Mann aus Lublin, das war ein feiner Kerl! Schade, meine Tochter  hat ihm nicht gefallen.“ –  „Na, Todje, es wird schon werden!“

Todje legte Leiser den Suppenlöffel hin. „Danke fürs Ausleihen. Diesmal hat er leider kein Kind gekriegt.“ -„Na gut, es geht eben nicht jedes Mal. Und meine Leuchter? Was ist mit meinen Leuchtern?“ –

„Sie sind dahingegangen.“ – „Sie sind wohin?“ –  „Sie sind leider Gottes gestorben!“ seufzte Todje.

„Was sagst du da? Das gibt es nicht! Ein Leuchter kann nicht sterben!“ –  „Wieso? Wenn ein Silberlöffel ein Kind bekommen kann, kann ein Silberleuchter auch sterben!“ – „Das ist eine Lüge! Du hast mich he-reingelegt, du gemeiner Betrüger! Wir gehen sofort zum Rabbi, der wird entscheiden, wer hier Recht hat!“

Der Rabbi hörte sich beide an und brach in lautes Gelächter aus.

– „Das geschieht dir recht“, sagte er zu Leiser, „solange es dir in den Kram gepasst hat, hast du gerne geglaubt, dass Löffel Kinder kriegen können, dann wirst du jetzt wohl daran glauben müssen, dass deine Kerzenleuchter gestorben sind.“ – „Aber das ist doch alles Unsinn!“ brüllte Leiser.

„Ist dir Unsinn recht, wenn er dir nützt, so muss dir Unsinn auch recht sein, wenn er dir schadet.“

Das war das Urteil des Rabbi, und damit war der Fall erledigt.

Die Geschichte von den Silberlöffeln, die Kinder bekamen, und von den Kerzenleuchtern, die gestorben waren, machte schnell die Runde im Städtchen – nun, wie groß ist schon so ein Shtetl?.

Und alle gönnten Leiser dem Knicker die Niederlage und freuten sich über Todjes Sieg.

Mehr Geschichten von Moira Thiele
Mehr Jüdische Geschichten aus aller Welt

Kommentar verfassen