Mehr Schutz wagen

Bandenkriminalität, Familienfehden und Morde. Die Welle der Gewalt in den arabischen Kommunen in Israel reisst nicht ab und fordert fast täglich neue Opfer. Viele arabische Israelis werfen der Polizei Untätigkeit vor. Mittlerweile ist das Thema auch bei der Politik angekommen.

Von Ralf Balke

Sie waren die Nummer 31 und 32 in diesem Jahr. Die Rede ist von Salah Abu Hussein und Shafa Abu Hussein aus Baqa al-Gharbiya, einem israelisch-arabischen Dorf unweit von Haifa. Beide waren vergangene Woche in Tulkarem im Westjordanland unterwegs, als sich ihnen ein weiteres Fahrzeug mit israelischem Kennzeichen näherte, dessen Insassen plötzlich heraussprangen und die Brüder kaltblütig erschossen. Über die Motive sei man sich noch nicht ganz im Klaren, hieß es von Seiten der palästinensischen Polizei, die für das Gebiet zuständig ist. Dass es sich bei dem Doppelmord um eine Tat handelt, die im Zusammenhang mit dem unendlichen Kleinkriegen zwischen den vielen kriminellen Banden steht, scheint aber nahezu sicher. Erst im Oktober vergangenen Jahres war die Mutter der beiden ermordet und im Dezember drei weitere Verwandte.

Wie brutal die einzelnen Banden und Clans dabei vorgehen, zeigte sich nur wenige Tage vor den Ereignissen in Tulkarem. Mit fünf Kugeln tötete ein bis dato Unbekannter in der israelisch-arabischen Kleinstadt Tira die 38-jährige Suha Mansour in ihrem Beauty Salon. Sie wurde regelrecht exekutiert, auch hier ging es um die Fehde zweier krimineller Clans. Oftmals sind sogar Kinder und Jugendliche die Opfer. So wie der 14-jährige Muhammad Abdrelrazek und sein zwölfjähriger Freund Mustafa Osama Hamed, die nur 100 Meter neben der lokalen Polizeiwache sitzend in der Ortschaft Jaljulia niedergemäht wurden.

Zugleich zeigte sich damit, dass trotz aller Versprechen der Politik, in den arabischen Gemeinden in Israel für mehr Sicherheit zu sorgen, sowie ungeachtet der vielen Proteste innerhalb der israelisch-arabischen Gesellschaft gegen die grassierende Gewalt bislang wenig geschehen ist. So verzeichnete man 2020 einen neuen, traurigen Rekord. 96 arabische Israelis wurden in dem Jahr auf die eine oder andere Weise ermordet. Zum Vergleich: 2019 waren es 89 und 2018 immerhin noch 71. Laut Polizeistatistik ereigneten sich 2020 rund 90 Prozent aller Straftaten in Israel, bei denen Schusswaffen eine Rolle spielten, in einer arabischen Kommune. Aber auch die Aufklärungsquote solcher Verbrechen ist miserabel. Geschieht ein Mord in einer jüdisch-israelischen Ortschaft, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser schnell aufgeklärt wird und es zur Anklage kommt, mehr als doppelt so hoch wie in einer arabisch-israelischen.

„In den letzten Jahren sind Kriminalität und Gewalt in der arabischen Gesellschaft auf ein noch nie dagewesenes Niveau gestiegen“, lautet dazu auch die Einschätzung von Abraham Initiatives, einer NGO, die sich die Verbesserung der Lebensverhältnisse in den arabischen Gemeinden in Israel auf die Fahnen geschrieben hat und für mehr Miteinander zwischen israelischen Juden und Arabern wirbt. „Über die Hälfte aller Gewaltverbrechen in Israel betreffen seine arabische Bürger. Wohlwissend, dass die israelische Polizei seit Jahren ihre Arbeit in den arabischen Gemeinden vernachlässigt hat und die Beziehungen zu den Behörden oftmals angespannt sind, kämpfen arabische Gemeinden aber weiterhin um mehr Sicherheit für ihre Bewohner.“ In Städten wie Tira oder auch Umm al-Fahm sei die Situation aber mittlerweile so schlimm, dass die Bewohner Angst hätten, überhaupt auf die Straße zu gehen, wie sie es in Radio- und TV-Interviews immer wieder zum Ausdruck bringen. Und es regt sich zunehmend Widerstand. In den vergangenen zwei Jahren fanden immer wieder Demonstrationen der Bewohner arabischer Ortschaften statt, die vom Staat mehr Sicherheit einforderten. Oder von Einzelpersonen wie Kifah Aghbaria aus Umm al-Fahm, die bereits vier ihrer Verwandten verloren hatte, weil sie sich dem Zugriff der lokalen Mafia verweigert hatten und deshalb ermordet wurden. Sie steht jeden Freitag mit den Porträts ihrer Angehörigen vor der Polizeistation der Stadt, um gegen die Inaktivität der Behörden zu protestieren. „Um diese Krise zu lösen müssen wir auch über die Diskriminierung der Araber durch die Polizei sprechen“, erklärte sie gegenüber der Presse.

Unterstützung und Zuspruch erhielt man jetzt von oberster Stelle. Beunruhigt durch die grassierende Gewalt stattete Staatspräsident Reuven Rivlin dieser Tage der von Beduinen bewohnten Stadt Rahat im Negev, wo kurz zuvor drei Teenager durch Schüsse schwer verletzt worden waren, einen Besuch ab. „Der schreckliche Anblick von erschossenen jungen Menschen wie jetzt auf den Straßen von Rahat, die wir viel zu oft in unseren Städten mit einer arabischen Bevölkerung sehen, lässt mich nachts nicht schlafen“, sagte er vor Ort in Anwesenheit lokaler Würdenträger und den Angehörigen der Opfer. „Wir haben die rote Linie überschritten. Dies ist zweifellos nicht die Zukunft, die junge Frauen und Männer aus der arabischen und beduinischen Bevölkerung verdienen. Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen einen Weg finden, um endlich die Gewalt zu besiegen, die einen so hohen Preis fordert.“ Es sei ein Skandal, dass sogar während des Ramadans, der eigentlich eine Zeit des guten Willens, der spirituellen Besinnung und der Selbstverbesserung sein soll, weiterhin Menschen verletzt und getötet werden.

Eines wurde auf jeden Fall schon erreicht. Anders als früher schenkt man den arabischen Gemeinden heute deutlich mehr Aufmerksamkeit und unternimmt größere Anstrengungen, sie stärker in den Mainstream Israels zu integrieren. Das hat auch viel mit den vier Wahlgängen in den letzten zwei Jahren zu tun. Denn in allen Umfragen nannten die israelischen Araber stets die Bekämpfung der Gewalt in ihren Gemeinden als das für sie persönlich derzeit wichtigste Anliegen. Genau deshalb ging bei den Wahlen im Frühjahr vergangenen Jahres die Vereinte Arabische Liste mit dem Versprechen an den Start, endlich Abhilfe leisten zu wollen. Das Resultat war eine Rekordbeteiligung der israelischen Araber bei diesem Urnengang, was der Partei satte 15 Sitze in der Knesset bescherte und sie zur drittstärksten Kraft werden ließ. Doch weil die Serie der brutalen Morde nicht abriss und die Vereinte Arabische Liste, ein Zweckbündnis aus orthodoxen Kommunisten, Frauenrechtlerinnen und Islamisten, an ihren eigenen ideologischen Widersprüchen und den persönlichen Ambitionen einiger ihrer Protagonisten zerbrechen sollte, machte schließlich der amtierende Ministerpräsident Benjamin Netanyahu das große Unsicherheitsgefühl unter den israelischen Arabern bei den jüngsten Wahlen im März zu seinem Thema und versprach nicht nur mehr finanzielle Hilfen, sondern zudem eine bessere Ausstattung der Polizei vor Ort. Noch am 1. März bewilligte er ein 150 Millionen Schekel-Programm, umgerechnet rund 38 Millionen Euro, zur besseren Kriminalitätsbekämpfung in den arabischen Kommunen.

Aber auch Mansour Abbas, der Vorsitzende der aus der Vereinten Arabischen Liste ausgebrochenen islamistischen Partei Ra’am ging mit der Absichtserklärung, für deutlich mehr Sicherheit sorgen zu wollen, im März erfolgreich auf Stimmenfang. Er sicherte sich vier Sitze in der Knesset und damit die Rolle eines potenziellen Königsmachers in den festgefahrenen Koalitionsgesprächen. Immer wieder betonte Abbas seither, dass es eine Zusammenarbeit mit ihm nur geben kann, wenn nicht auch etwas für die bessere personelle und finanzielle Ausstattung der Polizei in den arabischen Kommunen in Israel geschehe. Doch genau das ist ein Problem. Denn nur wenige Araber sind bereit, Polizisten zu werden. Zu tief sitzt bei manchem die Angst, von seinem Umfeld als Kollaborateur der „Zionisten“ stigmatisiert zu werden. Umgekehrt finden sich aber auch auf Seiten der israelisch-jüdischen Mehrheitsgesellschaft zahlreiche Vorurteile. Man könne arabischen Polizisten nur bedingt trauen, weil ihre Loyalität gegenüber der Familie oder der Dorfgemeinschaft größer sei als gegenüber dem Staat und sie deshalb nicht neutral agieren können, heißt es dann gerne. Und überhaupt sei die Gewalt tief in der Gesellschaft verankert und gehöre dort quasi zur Norm.

Dabei sind die Hintergründe durchaus komplexer, wie ein Bericht zum diesem Thema zeigt, der von dem Büro des Ministerpräsidenten vergangenes Jahr verfasst wurde. Darin kam man zu dem gleichen Ergebnis wie bereits zahlreiche arabische Politiker oder NGOs. Sie alle betonen, dass die organisierte Kriminalität die Hauptursache für die grassierende Welle der Gewalt in den arabischen Städten und Dörfern Israels ist. Das Phänomen selbst ist relativ neu und teilweise eine Folge der effizienten Bekämpfung mafiöser Strukturen in der jüdischen Gemeinschaft. „Im Israel der 1980er Jahren war das organisierte Verbrechen zumeist jüdisch“, weiß Mahmoud Nassar zu berichten, der bereits seit zwei Jahrzehnten in Nazareth für die Verbrechenbekämpfung der Stadt zuständig ist. „Aber man arbeitete gerne mit Arabern zusammen. Diese waren damals aber weder gut organisiert, noch besetzten sie in den kriminellen Organisation besondere Positionen.“ Das änderte sich Anfang der 2000er Jahre, als der damalige Ministerpräsident Ariel Sharon den Strafverfolgungsbehörden befahl, stärker gegen das organisierte Verbrechen in den jüdischen Städten des Landes vorzugehen. Denn die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten. In den Straßen von Netanya und Ashdod kam es regelmäßig zu Showdowns zwischen den rivalisierenden Banden mit zahlreichen Toten. Und ein Bombenanschlag im Jahr 2003 auf den Mafia-Boss Zeev Rosenstein in Tel Aviv tötete drei unbeteiligte Zivilisten. Viele der prominentesten Verbrecher wie Zeev Rosenstein, Avi Abutbul oder der Abergil-Clan landeten entweder hinter Gittern oder flohen aus dem Land.

„Verbrechen ist wie aber ein Wettersystem“, ergänzt Amnon Be’eri-Soliziano, Co-Direktor der Abraham-Initiatives. „Es verschwindet nie, sondern wandert lediglich von Hochdruck- zu Tiefdruckgebieten.“ Und jahrelang waren die arabischen Gebieten eben nicht auf dem Radar der Ermittlungsbehörden. „Als der Staat begann, die Mafia in Netanya, Ashdod und Tel Aviv zu bekämpfen, ist sie einfach einige Kilometer weiter gezogen, und zwar in das sogenannte arabische Dreieck.“ Gemeint sind damit die Städte Tira, Rayyibe und Qalansuwa im Zentralbezirk von Israel. Doch zugleich wirft das alles eine wichtige Frage auf: Wenn es gelang, die Bandenkriminalität in den jüdischen Städten erfolgreich zu bekämpfen, warum startet man nicht eine zweite Kampagne in den arabischen?

Bild oben: Der 14jährige Muhammad Abdrelrazek, der 12jährige Mustafa Osama Hamed, Suha Mansour und die Brüder Salah Abu Hussein und Shafa Abu Hussein

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