Zum Asasel

Aus dem Projekt „Jüdische Geschichten aus aller Welt“

Erzählt von Moira Thiele

In einer Mellah, wie man in Marokko das jüdische Viertel nennt, lebten einmal zwei Brüder, der eine reich, der andere arm. Der Reiche pflegte dem Armen einmal im Jahr ein Maß Weizen zu schenken, damit er zum Pessachfest Matzen backen konnte. Eines Tages kam sein Bruder wie gewöhnlich zu ihm, den Weizen in Empfang zu nehmen. Doch der Reiche sah seinen Bruder nicht einmal an und sagte nur: „Geh zum Asasel!“ Man muss wohl nicht viel raten, um zu verstehen, was damit gemeint ist: so etwas wie „Geh zum Teufel!“.

Der arme Mann ging bekümmert nach Hause. Er war gutherzig und von schlichtem Gemüt, und verstand nicht, wie sein Bruder so etwas sagen konnte. Daheim er sah seine Kinder hungrig in der leeren Küche sitzen und weinen, und beschloss in seiner Verzweiflung: „Ich will wirklich zum Asasel gehen, vielleicht finde ich dort etwas, womit ich meine Kinder ernähren kann!“

Dann nahm er seinen Gebetsschal und seine Gebetsriemen und machte sich auf den Weg.

Er ging einen ganzen Tag ohne sich auszuruhen, bis er zu einem Bach kam, wo ein paar Wildbeeren wuchsen, das war sein ganzes Essen. Er segnete die Beeren und das Wasser, danach betete er das „Schma Israel“ und legte sich erschöpft dort nieder, wo er war.

Am nächsten Morgen setzte er seinen Weg fort, und wanderte, bis er vor Hunger und Müdigkeit nicht mehr konnte. Da sah er ein kleines Haus und dachte sich: „Vielleicht ist hier der Platz des Asasel!“

Doch drinnen im Haus saßen drei junge Weberinnen; die eine webte Wollfäden, die zweite Seidenfäden und die dritte Silberfäden. Sie empfingen den Wanderer sehr freundlich, baten ihn zu Tisch, gaben ihm Wasser zum Händewaschen, Brot und Salz, und dann kochten sie ihm ein gutes Essen.

Er aß sich satt, dankte und plauderte mit den Mädchen, doch er spürte, dass sie bekümmert waren. „Sagt mir bitte, warum seid ihr so traurig?“ Sie erwiderten: „Wir weben nun schon so viele Jahre mit Wolle, Seide und Silber, wir blicken aus dem Fenster und halten Ausschau nach den jungen Männern, die uns heiraten werden, doch keiner kommt.“

Der arme Mann versuchte sie zu trösten und ein wenig aufzuheitern. Er übernachtete in dem kleinen Haus, und bevor er am nächsten Morgen aufbrach, versprach er ihnen: „Wenn ich auf meinem Weg Erfolg habe, werde ich euch helfen!“

Da dankten sie ihm und gaben ihm Wasser und Wegzehrung mit.

Er wanderte den ganzen Tag, bis ihn die Kräfte verließen. Da sah er vor sich einen großen Apfelbaum; er setzte sich in den Schatten des Baumes und schlief vor Erschöpfung ein.

Als er erwachte, streckte er die Hand aus, pflückte sich einen Apfel und biss herzhaft hinein. Doch der Apfel hatte einen bitteren Geschmack. Da fragte er den Baum: „Wie kommt es, dass du so schön bist, deine Früchte aber so bitter sind?“ Der Baum erwiderte: „Wenn ich das wüsste! Jeder, der vorübergeht und einen Apfel pflückt, verflucht mich!“

Da sagte der Arme: „Sei nicht traurig. Ich verfluche dich bestimmt nicht, hast du mich doch in deinem Schatten schlafen lassen. Wenn ich auf meinem Weg Erfolg habe, werde ich herausfinden, warum deine Früchte so bitter sind, und dann kann ich dir helfen!“

Er wanderte weiter und kam schließlich an einen breiten Fluss. Eine Fähre näherte sich ihm, auf der stand ein Fährmann mit zerfurchtem Gesicht, dem liefen die Tränen herunter. Verwundert fragte der Wanderer: „Warum weinst du?“ Verbittert sagte der Fährmann: „Wie soll ich nicht weinen? Seit so vielen Jahren fahre ich nur hin und her, hin und her, und setze auf dieser Fähre Menschen über den Fluss, die danach weiterziehen und ihren Geschäften, ihren Zielen, ihrer Sehnsucht nachgehen, während ich meine Fähre nicht verlassen darf. Ich sehne mich so danach, fortzukommen und etwas von der Welt zu sehen!“ Der arme Mann bat den Fährmann, ihn überzusetzen, und versprach ihm: „Wenn ich erfolgreich bin, werde ich dich nicht vergessen, und dann werde ich herausfinden, wie du die Fähre verlassen kannst!“

Dann ging er weiter, einen Tag und noch einen Tag, bis er in einen dichten Wald kam. Tief im Wald entdeckte er eine kleine Hütte, da wohnte eine weise alte Frau, die ihn freundlich ansah, mit hellen Augen, die schon schwach waren, denen aber dennoch nichts verborgen blieb. Auch sie bat den müden Wanderer zu Tisch, brachte Brot und Salz, und dann auch Speise und Trank. Er aß sich satt, sprach den Segensspruch und dankte ihr.

Die alte Frau nickte nur bedächtig. „Wenn du mir Fragen stellen willst, werde ich dir antworten.“

„Warum ist mein reicher Bruder so hartherzig und will mir nicht helfen?“

„Weil er nie Armut gekannt hat und sie nicht sehen will!“

Darauf fragte er: „Warum finden die drei jungen Weberinnen keine Freier?“

Die alte Frau lächelte. „Weil sie ihr Haus kaum verlassen und nur aus dem Fenster schauen! Sie sollten sich hinauswagen, das schöne Gewebe auf den Markt bringen und ihre Kunst zeigen, statt sie zu verstecken. Wenn sie unter Leute kommen, wird sich alles andere finden!“

Er fragte weiter: „Warum sind die Früchte des Baumes so bitter?“

„Weil zwischen seinen Wurzeln Kupfer, Eisen und Blei in der Erde liegt. Sobald die Gefäße gehoben sind, werden die Früchte wieder süß sein.“

„Sag mir, warum kann der Fährmann am Fluss die Fähre nicht verlassen?“

„Er soll einen anderen Fährmann finden, dann kann er gehen.“

Als letztes fragte er: „Woher soll ein armer Mann wie ich Matzen nehmen für das Pessachfest, wenn ich kein Mehl habe, um sie zu backen?“

„Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder du bekommst Matzen geschenkt oder du musst sie kaufen. Wenn man sie dir schenkt, ist es doch gut; wenn du sie kaufen musst, gibt es wieder zwei Möglichkeiten – entweder du hast Geld oder du hast keins. Und wer sagt, dass du keines haben wirst?“ Dabei lächelte sie so verschmitzt, wie es nur eine alte Frau kann, die schon alles weiß. „Geh deinen Weg zurück, und es wird sich alles finden.“

Der arme Mann dankte ihr und verabschiedete sich.

Als er wieder zum Fluss kam, erzählte er dem Fährmann, was die ihm die kluge Alte erklärt hatte, und dieser dankte ihm und setzte ihn über.

Als er zum Baum kam, erzählte er ihm, was die alte Frau gesagt hatte, und bat um Erlaubnis, die Gefäße ausgraben zu können. Der Baum stimmte zu, da öffnete sich die Erde, der Arme stieg in die Erdhöhle zwischen den Ästen und fand dort einen Schatz: Kessel voller Gold- und Silbermünzen, silberne Leuchter und goldene Teller, die er alle in seinen Wandersack tat.

Dann nahm er Abschied von dem Apfelbaum, der gab ihm einen süßen Apfel auf den Weg, und er wanderte weiter zum Haus der Weberinnen. Er berichtete den Jungfrauen von den Worten der alten Frau, und sie freuten sich sehr. Zum Dank fertigten sie für ihn mit seidenen, wollenen und silbernen Fäden eine Atara, ein wunderschönes Schmuckband für seinen Gebetsschal.

Der Arme, der nun reich war, kehrte freudigen Herzens nach Hause zurück und kaufte genug Essen und Kleidung für die ganze Familie –  und natürlich Matzen.

Am Abend des Pessachfestes lud er seinen reichen Bruder zum Festmahl ein. Als dieser den prächtig gedeckten Tisch sah, packte ihn der Neid, und er fragte: „Bruder, woher hast du all diese Reichtümer?“ – „Lieber Bruder, du hast mich doch zum Asasel geschickt. Da habe ich mich auf den Weg gemacht, und dies alles habe ich von dort mitgebracht.“

Da dachte sich der Reiche: „Dann will ich auch zum Asasel gehen!“

Als das Pessachfest vorüber war, machte er sich auf, den Asasel zu suchen. Er wanderte, bis er schließlich an den breiten Fluss kam. Die Fähre legte an und er rief zum Fährmann hinüber: „Weißt du, wo der  Asasel seinen Platz hat?“ Der Fährmann begriff sogleich, worum  es ging. „Diese Fähre ist der Platz des Asasel!“

Sogleich stieg der reiche Mann auf die Fähre, und im gleichen Augenblick sprang der Fährmann ans Ufer und machte sich davon, so schnell er konnte.

Der reiche Bruder saß nun auf der Fähre fest – und wer weiß, am Ende ist er dort noch heute. Wenn ihr in die Gegend kommt – vielleicht bringt ihm ja mal jemand ein paar alte Matzes vorbei.

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