Too Little Too Late

Die Jewish Monkeys kehren aus einem kreativen Lockdown mit der Premiere eines Punk-infused Visual Reality Check zurück…

„Too Little Too Late“ ist das allerletzte – Verzeihung – wollte sagen die allerletzte, witzig wie wütende Punkrock-Attacke der Jewish Monkeys auf jene fehlgeleiteten, alternden weißen Männer der amerikanischen Baby-Boomer-Generation, die sich weit weniger von der Plage geplagt fühlen, die aktuell hunderttausende ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger umbringt, dafür umso mehr von ihrem offensichtlichen  Minderwertigkeits- und Looserkomplex. Wie seit männlichen Menschengedenken üblich wird das eigene Scheitern den weiblichen Lebenspartnerinnen vorgeworfen – sofern sie es denn geschafft haben, sich im Laufe ihrer Lebenskarriere eine solche zuzulegen.

Omer Hershman, Gitarrist und Musikproduzent der Band, vollbringt in seinem Song den simplen Kunstgriff die innere Stimme des leidenden Männchens im Grunde als die kritische Stimme der weiblichen Partnerin zu charakterisieren. Alles was der, von sich selbst und dem Glück entfremdete, ach-so-geschundene Mann noch möchte ist, dieser Stimme zu trotzen und stolz auf die wenigen Errungenschaften seines Lebens zu sein. Immer wieder betont es der Refrain des Liedes:

„I’m proud of all the things I got with hard work and faith / But you keep always telling me – too little too late / The way was long, but I stayed strong, destroyed and re-created / But still your voice inside my head – too little too late!”

Die drei Strophen des Songs behandeln die nicht untypischen Baby-Boomer-Symptome wie das Latebloomer-Spätzünder-Dasein, die Neigung, sich der tatsächlichen Realität mit Tagträumen zu entziehen, und der abschließend euphorisch-finale Klimax, das Beharren auf das „Anderssein“, die amerikanische Legende von der unzerstörbaren Individualität. Im Guten wie im Bösen sucht der alternde weiße Dummkopf, sich als sein eigener Lebensberater zu gerieren.

Biden, der Gute, versucht sich darin genauso wie Trump, der Böse, vor ihm: Beide sind dem Klischee des guten, alten, überholten Westernfilm-Cowboys verhaftet, des gerne über Leichen gehenden Revolverhelden, der Frauen verachtet und auch gerne mal versohlt. Doch dieses Mal, aufgrund seltsamer, Corona-mäßigen Gründe, tritt der gute Cowboy Joe durchgehend mit einer furchteinflößenden schwarzen Maske auf – gleich einem gottverdammter Bankräuber – während der MAGA mega-böse Cowboy Donald eine solche nur ungerne trägt, weil dies von seinen, von ihm in die Irre geführten Anbetern als weiblich, schwächlich und demokratisch interpretiert werden könnte.

Die Rinder der Cowboys grasen nicht mehr friedlich in der Prairie, sie sind sie in höllischen, unmenschlichen Schlachtfabriken eingepfercht, von der teuflischsten Industrie der Welt deformiert zu den erbärmlichsten Kreaturen der Welt: gequält und hilflos, und gleichzeitig eine Bedrohung, welche die nächste große Pandemie auslösen könnte. Ihr Fleisch, unaufhörlich von unbarmherzigen humanen Fleischfressern verschlungen, wird ohne Zweifel neuartige Killerviren oder tödliche Bakterienkulturen hervorbringen, die gegen potenziell lebensrettende Antibiotika resistent sind. Oh ja, der verstörte und verstörende Geist des antidemokratischsten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten, die viel zu langsame Reduzierung der Nutzung fossiler Brennstoffe, der Verzehr saubilliger, ungesunder und umweltzerstörender Fleisch- und Milchprodukte und die vor unseren Augen weg-brennenden Wälder der Tropen und sibirischen Tundra, all dies wird uns wohl noch einige, sehr unangenehme zeitgeschichtliche Momente lang begleiten. Und klar: Der Klimawandel wird sich nicht wandeln.

Derweil ist alles, was wir wirklich tun wollen (außer natürlich bessere Konsumenten und Wähler zu werden), mit den Jewish Monkeys mitzusingen, allein mit uns selbst, vor unseren TV-Bildschirmen und Smartphones, unserer Konzerthallen und sexy Clubs beraubt, aber immerhin zusammen mit den Freunden, die wir lieben, und den Liebespartnern, mit denen wir Sex haben wollen. Und in dem geheiligten Moment unseres Wiederauferstehung, unserer Rückkehr zur Welt in Form eines weiteren heiligen Orgasmus, werden wir – obwohl zum Tode verurteilt – unserer Individualität huldigend, die letzten Worte von „Too Little Too Late“ lauthals mitsingen :

„It´s true, that I am bit different / Than all the other faces in the crowd / But I don’t intend to change / Adapt or re-arrange / I’ll prove you wrong / I’ll sing my song out loud!”

Der israelische, nicht-christliche und nicht-muslimische Regisseur Itai Lev hat die besten Szenen einer spontanen Studio-Session eingefangen, initiiert von einem der Sänger der Band, meiner Wenigkeit, dem verrückten Performer und nicht-alternden, alten Clowns, von dem das Projekt in der fernen Vergangenheit des Jahres 2003 ins Leben gerufen wurde. Man sieht ihn ungebändigt und intoxikiert um den Schlagzeuger Henry Vered und die fulminanten Bläsersektion der Band, den Posaunisten Yaron Ouzana und den Saxophonisten Eilon Tushiner, herumtollen. Itai Lev portraitierte in seinem Dokumentarfilm „Packed Suitcases“ so ein bißchen den besagten Gründer der Band, vor allem aber die jüdische Gemeinde Frankfurts, aus der dieser stammt.

Visual Artist Jennifer Abessira, ein weiteres verrücktes Tel-Aviv-Geschöpf (die auch mit der Pariser Coverband Novelle Vague sowie der Singer-Songwriterin und Mode-Ikone Petite zusammenarbeitet), garniert das Ganze mit witzig-grotesken Slapsticks, sowie bunten, postmodern-artifiziell-brutalistischen Bildkompositionen aus ihren beeindruckenden Instagram-Kollektion.

Schaut es euch an! Und zwar alles: Abessiras Instagram-Profil ebenso wie dieses Musikvideo und die anderen der Jewish Monkeys – und selbstverständlich den Doku des Filmemachers Itai Lev… Aber dann genug Eskapismus: Zurück an die Arbeit, die bekanntlich frei macht, und weitermachen im ewigen Ringen mit der Realität!

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