Die Sache mit der Toleranz

Muss man Juden im Jahr 2020 noch tolerieren?

Von Aviel Tromm

Im Jahr 2021 feiern die Juden in Deutschland 1700 Jahre Judentum in Deutschland, denn im Jahr 321 erließ der Kaiser ein Dekret in dem es heißt: „Allen Stadträten gestatten „Wir“ durch allgemeines Gesetz, Juden in die Kurie zu berufen. Damit ihnen aber eine gewisse Entschädigung für die frühere Regelung verbleibt, lassen „Wir“ es zu, dass immer zwei oder drei das Vorrecht genießen sollen, durch keinerlei Berufung (zu Ämtern) in Anspruch genommen zu werden.“

Wir können also logisch schlussfolgern, dass zu diesem Zeitpunkt bereits eine jüdische Gemeinde existierte, denn ohne diese hätte das Dekret keinen Sinn. Mit diesem Schriftstück lässt sich belegen, dass Juden seit mindestens 1700 Jahren leben und Einfluss auf die deutsche Sprache, Kultur, Küche, Wissenschaft und Gesellschaftsstrukturen haben und auch umgekehrt. In den SchUM-Städten (Speyer, Worms und Mainz) hat sich das askenasische Judentum entwickelt und die Rabbiner dieser Zeit sind heute noch gern befragte Lehrmeister des Judentums, sprich: Es gab durchaus auch „goldene Jahre“.

Natürlich gab es immer wieder Pogrome, so wie etwa die schlimmsten vor der Shoa 1348 oder in der Bartholomäusnacht von 1349, aber Juden gab es durchgängig auf deutschem Boden und die beiden Kulturen haben sich unglaublich eng miteinander verwoben. Dies ist schon alleine daran zu erkennen, dass das Jiddische eine deutsche Sprache ist, egal ob West- oder Ostjiddisch.

Trotzdem aber war da immer der christliche Antijudaismus, der mit fadenscheinigen Anschuldigungen zu Morden und Vertreibungen führte. In dieser Zeit gab es eine gewisse „Toleranz“ gegenüber den Juden, da der Kaiser des „Heilligen römischen Reiches deutscher Nationen“ sie für Steuereinnahmen brauchte, denn die Judensteuer ging direkt an ihn. Und bis 1847 ging das so auch weiter: angeblicher Schutz gewährt für fette Zahlungen an den Kaiser teils doch oft durch Landesfürsten gebrochen. Und trotzdem standen die deutschen Juden in der Märzrevolution Seite an Seite mit den christlichen Deutschen an vorderster Front für die Freiheit und die Demokratie.

Doch es sollte noch bis zur Gründung des deutschen Reiches 1870/71 dauern, bis Juden in Deutschland als gleichwertige Bürger des Reiches rechtlich gleichgestellt wurden. So hat also der Kampf um Anerkennung, Recht und Freiheit der Juden bis hier hin ganze 1549 Jahre gedauert und wie wir heute wissen, war er noch nicht beendet.

Und heute, nach der Zeit von 1933 bis 1945? Nun, judenfeindliche Übergriffe gibt es immer noch, es hat nicht einmal lange gedauert. So wurde z.B. am 24.12.1959 die Synagoge in Köln geschändet, gerade einmal 3 Monate und 4 Tage nach der Wiedereröffnung. Judenhass gibt es auch heute noch und in den letzten 75 Jahren gab es reichlich Morde, Terrorakte und Übergriffe auf die Juden und ihre Gemeinden in Deutschland.

Heute, im Jahr 2020, sind Juden in Deutschland völlig gleichgestellt. Und doch: Wann immer in Deutschland ein antisemitischer Übergriff geschieht, an die Shoa erinnert wird oder an Attentate und Morde an Juden, braucht es nicht lange bis die politische Spitze in Deutschland das Wort „Toleranz“ bemüht.

Aber was bedeutet dieses Wort und wo kommt es her? Das zugrundeliegende Verb tolerieren wurde im 16. Jahrhundert aus dem lateinischen tolerare („erdulden“, „ertragen“) entlehnt. Bedeutet also, dass wenn die politische Prominenz den Deutschen zuruft, sie müssten sich in Toleranz üben, dass sie der Bevölkerung sagen: „Ihr müsst die Juden in Deutschland erdulden, ertragt ihre Existenz still und freundlich“. Wobei ich hier sagen muss, dass ich einigen unterstelle, dass sie weiter denken: „…bis sie endlich weg sind.“

Natürlich ist dies nicht im Sinne der Redner und deren Textschreiber, denn eigentlich wollen sie das Wort Akzeptanz benutzen und meinen genau das, nur gesagt wird es nicht. Warum dem so ist, weiß ich nicht genau, aber ich vermute einfach, dass der Gebrauch dieses Wortes so, über die 75 Jahre des Bestehens der Bundesrepublik, zu einer unüberlegt wiederholten Worthülse geworden ist. Aber sollte man diese wirklich benutzen? Toleranz gab es im ersten Kaiserreich, als Juden ertragen wurden, weil sie mit der Judensteuer die Kaiserkasse füllten. Aber nach 1700 Jahren einer sowohl fruchtbaren als auch mörderischen gemeinsamen Geschichte muss die Antwort auf die Frage, ob man Juden in Deutschland noch tolerieren muss, nein heißen, sie müssen akzeptiert werden, ohne Wenn und Aber. Juden sind genauso Bürger der Bundesrepublik Deutschland, wie es die Nachfahren der polnischen Emigranten (Anfang des 20 Jdh.) im Ruhrpott sind. Juden sind unübersehbarer Teil der deutschen Erfolgsgeschichte in 1700 Jahren, also nutzt das Wort Akzeptanz, denn sie gehören dazu!

Bild oben: Plan des jüdischen Viertels am Rathausplatz Köln, Foto: Willy Horsch, CC BY 2.5

Ein Kommentar zu “Die Sache mit der Toleranz

  1. Seit über 2050 Jahren existiert der jüdische Glauben durch Juden bereits auf dem Gebiet was wir heute Deutschland nennen; dass Judentum warf somit über 500 Jahre vor dem Christentum hier den Anker. Denn im Gefolge des Feldherrn Agrippa machten sich auch Juden aus Rom auf den Weg nach Gallien und besiedelten mit als erste die Stadt der Ubier, aus der das heutige Köln wurde. Natürlich waren es jüdische Kaufleute, welche die nun mit Stadtrechten versehene Colonia Agrippina mit Kosmetika aus Judäa, asiatischen Gewürzen, Öl aus Spanien, Gold, Edelsteinen und chinesische Seide belieferte. Im Jahr 68 d. Z. waren jüdische Händler bereits im Südwesten Indiens und über die Seidenstraße kurz darauf in China.

    Mir behagt das Ende des Schlusssatz‘ „denn sie gehören dazu!“ nicht wirklich; denn sie sind deutsche Erfolgsgeschichte und wer hier wen akzeptieren darf, dass betrachte ich ganz im Sinne eines Leo Schapiro. Es ist nun Zeit dass wir uns alle um eine bessere und voneinander getrennte Behandlung der Themen Shoa, Antisemitismus und Rassismus unseren Kindern gegenüber bemühen. Dadurch dass man Zwölfjährigen im Deutschunterricht immer noch die s/w Dokumentation russischer Kameraleute über Auschwitz zeigt, wird mehr kaputt als heil gemach. Warum bietet man den Kindern nicht eine positiv besetzte Emotionalisierung, im Sinne von wir sind stolz dass Judentum beschützen zu dürfen und überhaupt; ist dies nicht allein Aufgabe der Lehrer sondern von uns allen.

    Das man einen so wunderbaren Ansatz wie den von Adorno nicht progressiv erweiterte, sondern sich hunderte von Sozial- und Erziehungswissenschaftlern mit ihren langwierigen Sezierergebnissen anmaßen das zu bewerten, was ein pragmatisch frischer Geist direkt nach Beendigung einer emotionalen Schockstarre, als loses und keinesfalls dogmatisches Gerüst präsentierte, lässt ihn nur noch mehr vermissen. Das ein solches Gerüst auf seine Tragfähigkeit hin überprüft werden muss, steht doch hierbei vollkommen außerhalb jeglicher Diskussion; doch diese riesige Menge an geistigem Ejakulat entspricht charakteristisch exakt unseren Grundtugenden.

Kommentar verfassen