„Kurt, Weill er mehr ist!“

Ein Student von Humperdinck und Busoni, der wie selbstverständlich zwischen Synagoge, Bierkeller, Ku’damm und Broadway lebte, der Berlin der 20er, Paris der 30er und USA der 40er mitprägte, der Komponist von Youkali, dem Ort, in dem man glücklich und sorglos sein könnte, wenn er existieren würde. All das und vieles mehr war Kurt Weill. Ira Givol (Cello), Nare Karoyan (Klavier), Simone Hirsch (Sopran) über ihr neues Programm, das derzeit in Deutschland zu sehen ist…

Wie alles anfing

Nare: Zu Beginn war der Wunsch mit ganz alten Freunden zu musizieren. Diesem Wunsch hat sich die Idee gesellt im „Beethoven Jahr“ Kurt Weill zu feiern. Denn immerhin geht es um das 120. Jubiläum eines der wichtigsten deutschen Musikerpersönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was hat euch an dem Projekt gereizt?

Simone: Mit Kurt Weill bin ich – sozusagen schon lange tief verwurzelt. Eines meiner ersten Stücke überhaupt war Speak low! Der Zugang zu dieser Musik hat sich mir sofort erschlossen. Da war es reizvoll einen ganzen Abend mit seiner Musik zu gestalten. Zudem bin ich sehr interessiert daran Konzerte zeitgemäß zu gestalten um die Menschen mehr mitzunehmen. Da hat man bei der Musik Weills einen großen Gestaltungsraum. Seine theatralische Musik macht einen bunten, vielseitigen Abend möglich – und besonders an solchen Abenden habe ich meine große Freude.

Ira: Ich kann mir nur sehr wenige Komponisten vorstellen, die in so vielen verschiedenen Stilen geschrieben haben. Wenn man durch die verschiedenen musikalischen und geografischen Stationen seines Lebens geht, merkt man, wie reich sein musikalisches Schaffen war. Viele deutsch-jüdische Komponisten flohen vor dem Krieg nach Israel, und sie mussten sich auch an ihre neue Umgebung anpassen und so ihren Musikstil ein wenig ändern, wodurch die Grundlagen für die Musiktradition geschaffen wurden, zu der ich jetzt gehöre. Weill tat dasselbe, nur ging er nach Westen und nicht nach Osten. Vielleicht fühle ich mich deshalb mit ihm verbunden. Er ist Teil der „Vereinigung der im Exil lebenden Komponisten“.

Nare: Je mehr wir uns in das Projekt einarbeiteten, desto mehr haben wir bemerkt, wie wenig wir Kurt Weill eigentlich kennen. Und genau diese unterschiedlichen Facetten von seiner Musik zu beleuchten, macht auch „Kurt, Weill er mehr ist!“ aus.

Über die Stücke

Simone: Wir wollten den Liederkomponisten Weill von möglichst vielen Blickwinkeln zeigen. Der Abend beginnt mit einer Vertonung des „Kiddush“, die seinem Vater gewidmet ist, der seinerzeit der Kantor der Gemeinde in Dessau war. Das Gebet klingt – durch die unorthodoxe Vertonung im „Hollywoodstil“– mehr als ungewöhnlich. Es folgt eine bunte Mischung von Berliner Theaterstücken mit Texten von Berthold Brecht, Chanson aus seiner Zeit in Paris und schließlich seine schönsten Melodien vom Broadway und Hollywood. Schwer zu sagen, welches Stück mir am Besten gefällt – alle sind wunderbar zu singen und einfach tolle Stücke!

Ira: Die Sonate für Cello und Klavier (1920) ist ein selten aufgeführtes Werk des 20 jährigen Studenten Kurt Weill. Diese zeigt einen – der breiten Zuhörerschaft unbekannten – Weill, der stilistische Ähnlichkeiten mit der Musik von Paul Hindemith aufweist. Die Musik ist bombastisch bis grotesk, feinsinnig bis verspielt. Nur wenige Jahre später provozierte Weill in Berthold Brechts Zusammenarbeit mit der „Dreigroschenoper“, die eins von den brillanten Beispielen der Musik der Weimarer Republik ist.

Über das Format der Veranstaltung

Ira: Weill war durch und durch Kabarettist und Theatermann. Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen, seine musikalische Lebensgeschichte zu erzählen, als durch ein kleines musikalisches Taschentheater, das wir geschaffen haben. Ich denke, dass das Format der Show mit dem Charakter von Weill zusammenpasst, und ich bin mir nicht sicher, ob es auch in einem normalen Konzertformat funktionieren kann.

Simone: Um Kurt Weill mehr zu beleuchten, wird der Abend mit Briefen vom ihm bereichert. Diese haben wir sorgfältig ausgesucht aus den drei Briefbänden die von ihm existieren. Wenn man Kurt mehr versteht , so versteht man auch seine Musik mehr. Es war sehr hilfreich und inspirierend für mich durch die Briefe mehr von ihm, seinem Charakter und seinem Lebensstil zu erfahren.

Kommende Veranstaltungen:
09.09.2020, 18:00, Synagoge Dessau
03.11.2020, 18:00, Jüdische Gemeinde Dresden
26.11.2020, 19:00, Synagoge Mannheim
05.12.2020, 18:00, Sinngewimmel Bergisch Gladbach
17.1.21, Flensburg

Mit freundlicher Unterstützung des Zentralrat der Juden
Bild oben: (c) Sebastian Herzog-Geddes

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