Paraschat haSchawua: Ki teze

Bereits im Mittelalter begann im Judentum, in der jüdischen Religion, eine Art Aufklärung. Die Gelehrten, die charismatischen Führer begannen damit, um die Religion und das biblische Werk am Leben zu erhalten. Gebote, Gesetze, Regeln der Tora wurden verändert, angepasst oder notfalls sogar außer Kraft gesetzt, damit die Tora ihre Akzeptanz behielt und man an sie weiterhin glauben konnte…

Wochenabschnitt Ki Teze; 5. Moses, Kap. 21, 10 – 25; Schabbat, 29. August 2020

Dieser Prozeß verstärkte sich auffallend mit der Aufklärung in Europa, auch wenn es Minderheiten immer gegeben hat (und immer geben wird), die an alten, liebgewonnenen Glaubensweisen. Hingegen ist es erstaunlich, dass große Gruppen im Christentum, besonders in Amerika, diesen Weg in die Moderne, also die schöpferische Exegese der Tora, verweigerten, obschon sie die Tora von deren Gründern, den Juden, übernommen hatten. Jedenfalls konnten die Juden, ob religiös eingestellt oder säkular, zufrieden, und vielleicht sogar mit etwas Stolz, sich unter den Völkern behaupten.

Die Tora, also das Gesetz, betonten die religiösen Führer des Volkes, wurde geschaffen, um das Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen, und nicht um soziale Spannungen und Unverträglichkeiten zu erzeugen, wobei sie sich auf eine ausdrückliche Vorschrift in der Tora beriefen.

Diese positive Meinung vom Judentum muss ich möglicherweise, was einen Teil der in Israel lebenden Juden betrifft, in Frage stellen. In der heutigen Zeitung lese ich: Mehr als dreihundert Olivenbäume und zwanzig Feigenbäume und Weinsträucher eines palästinensischen Bauern südlich der Stadt Hebron wurden vernichtet. In den Jahren 2018, 2019 und 2020 wurden insgesamt zweitausend Bäume, die meisten von ihnen Olivenbäume, von jüdischen Siedlern zerstört.

Die Nachricht war nicht sonderlich erschütternd, da Ähnliches, wenn nicht gar Schlimmeres, oft zu lesen ist. Jedoch hat sie meine besondere Aufmerksamkeit erweckt, da die heutige Parascha sich mit einem verwandten Thema beschäftigt, und zwar geht es um das Benehmen dem Feind gegenüber in einem Kriegszustand. Da heißt es in der Tora:

Wenn du vor einer Stadt lange Zeit liegen musst, gegen die du kämpfst, um sie zu erobern, so sollst du nicht die Axt an ihre Bäume legen und sie umhauen, denn du kannst davon essen… Die Bäume auf dem Felde sind doch nicht Menschen, dass du sie bekämpfen müsstest!

Die Siedler gehören nicht zur regulären israelischen Armee. Abgesehen davon gibt es keinen Krieg gegen das palästinensische Volk und in dem berichteten Vorfall handelt es sich auch nicht um die Belagerung einer Stadt, wovon die Tora handelt, könnte man einwenden! Trotzdem ist es legitim zu bemerken, dass die Siedler in ihrer Mehrzahl religiöse Menschen sind; sie tragen alle eine Kippa und viele von ihnen tragen über den Kleidern ein Gebettuch, das wie eine Fahne im Wind weht. Womit sie ihre besondere Frömmigkeit betonen.

Es stellt sich die rhetorische Frage, ob die Siedler die Tora nicht gelesen haben. Natürlich haben sie wie alle Kinder in Israel bereits in der Schule die Tora gelernt. Das scheint sie offensichtlich nicht zu stören. Sie haben für sich ihre eigenen inhumanen Regeln und Verhaltensweisen bestimmt, und diese sind begleitet von einer extremistischen Einstellung. Wenn man dazu noch bedenkt, dass diese Menschen sich an Privateigentum vergreifen und die zuständigen Behörden (der Staat Israel), die solche Taten ahnden sollten, nichts unternehmen, könnte man fast meinen, eine genetische Mutation eines Teils des jüdischen Volkes sei im Gange.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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