Terror gegen Juden

Für 2019 konnte ein Anstieg von um die 17 Prozent bei den antisemitischen Straftaten konstatiert werden. Dazu zählten auch viele Gewalthandlungen, die gegen angebliche oder tatsächliche jüdische Einrichtungen oder Personen gerichtet waren. Doch diese Bedrohung findet meist nur anlassbezogen und sporadisch ein gewisses Interesse, was auch, aber nicht nur an der fehlenden Forschung zum Thema wahrnehmbar ist…

Von Armin Pfahl-Traughber

Dieses Defizit kann auch der Journalist Ronen Steinke nicht beheben. Der Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ will aber nachdrücklich darauf hinweisen, dass es antisemitische Gewalt gibt und sie nicht nur für Juden ein ernsthaftes Problem darstellt. Entsprechend hat er sein Buch mit „Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage“ überschreiben. Um es gleich vorweg zu sagen: Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, vielmehr werden Reportagen aneinander gereiht. Insofern darf man eine ausgeprägte argumentative Stringenz und inhaltliche Systematik nicht erwarten.

Dementsprechend fehlt sogar eine Einleitung. Der Autor „springt“ direkt ins Thema, was hier die Erinnerung an die Ermordung von Shlomo Levin und seiner Lebensgefährtin durch einen Neonazi 1980 ist. Er macht dabei auch auf bestimmte Details der polizeilichen Ermittlungen aufmerksam, hatte man doch damals die schiefsten Vermutungen. Und dann geht es um die alltägliche Bedrohungssituation in jüdischen Schulen, welche sich nicht nur in dem entsprechenden Polizeischutz zeigt. Ähnlich verhält es sich mit den Synagogen, besteht doch für diese ein größeres Sicherheitsbedürfnis. Indessen müssen die Gemeinden damit einhergehende Kosten häufig selbst tragen. Außerdem heißt es: „Theoretisch ist der deutsche Staat zuständig für Gefahrenabwehr. Praktisch wenden sich jüdische Gemeinden immer wieder hilfesuchend sogar an die israelische Botschaft“ (S. 44). Derartiges ist nicht breiter bekannt, sollte es aber sein. Denn wie der Autor bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder betont, besteht hier eine Schutzpflicht des Staates.

Danach fällt der Blick auf die extremistischen Lager. Im deutschen Rechtsextremismus spielen antisemitische Ressentiments eine große Rolle, was auch für die neuere und nicht nur die traditionelleren Varianten gilt. Beim linken Antisemitismus beschränkt sich der Autor indessen auf Fälle Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, womit nicht nur die spätere Judenfeindlichkeit im Linksterrorismus nicht thematisiert wird. Auch der muslimische Antisemitismus wird anhand von Fallbeispielen behandelt, wozu ein Anschlagsversuch auf eine Synagoge gehörte, den ein Gericht nur als „Israelkritik“ sehen wollte. Kritisch wird auf die Kriminalstatistik verwiesen, würden doch allzu schnell einschlägige Fälle der „PMK-rechts“ zugeschrieben. Und dann gibt Steinke noch jüdische Stimmen wieder, welche einschlägige Kriminalitätserfahrungen als Journalisten, Polizisten, Restaurantbetreiber oder Wissenschaftler machen mussten. Eine erschreckende Aussage lautet: „Ich bin so aufgewachsen, dass man nicht zur Polizei geht“ (S. 108).

Abschließend gibt es noch fünf Forderungen zum Thema und eine Chronik antisemitischer Gewalt nach 1945, die aber nicht nur aufgrund der Dunkelziffern eher unvollständig sein dürfte. Bilanzierend muss man das Buch wohl vor dem gewählten Erwartungshintergrund einschätzen. Wer anhand von vielen Fällen einen Problemaufriss erwartet, findet dazu zahlreiche Informationen und Reflexionen. Wer eine systematische Aufarbeitung und differenzierte Einschätzung erwartet, der wird eher von Fragmenten und Oberflächlichkeit sprechen. Indessen kommt dem Autor das Verdienst zu, auf ein in Forschung wie Öffentlichkeit bisher eher unterschätztes Thema aufmerksam gemacht zu haben. Seine Darstellung ist journalistisch wie eine Reportage gehalten. Da erfährt man auch, dass seine Gesprächspartner Jeans oder Sneaker tragen. So erklärt sich, dass zwischen Fallbeispielen und Kommentaren, Perspektiven und Themen hin und her gesprungen wird. Beachtung verdienen angesichts der realen Gefährdungssituation die Inhalte. Dies macht die Bedeutung des Buchs aus.

Ronen Steinke, Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage, Berlin 2020 (Berlin Verlag), 252 S., 18 Euro, Bestellen?

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