Der Jude, der Nazi und seine Mörderin

Nach „Hitlers Prophet“ legt der Schriftsteller Paul Kohl eine neue, spannende Erzählung vor. Diese handelt erneut in der Nazizeit und zeichnet eine widersprüchliche Familiengeschichte nach…

Von Roland Kaufhold 

Da ist einerseits der 1887 geborene Wilhelm Kube, ein überzeugter Nationalsozialist und radikaler Antisemit, der sich auch als Christ versteht und „im System“ rasch Einfluss erringt. Zu Kube heißt es im Buch: „… Dafür gründet er eine neue Kirchenpartei und nennt sie „Deutsche Christen“. Für Kube sind sie die SA Jesu Christ. (…) Kubes Programm: Ablehnung der jüdisch-marxistischen Ideologie. Rassenreinheit als Bedingung für eine Kirchenmitgliedschaft. Loslösung der Kirche von jüdischen Wurzeln.“ (S. 42)  

Sein Gegenpol ist Gustav Heimann, 1900 geborener Berliner Jude, der sich aus ärmlichen Verhältnissen empor arbeitet und entgegen der väterliche Vorstellung in einer Buchhandlung arbeitet. Sein Schicksal wird bereits am Anfang der Erzählung vorweg genommen: „Zerknirscht zieht sich der Vater zurück. Gustavs Mutter ist stolz auf ihren selbstbewussten Sohn und freut sich über seine Entscheidung. Doch wie soll er in einer Buchhandlung eine Lehrstelle finden in diesem katastrophalen Krieg, in dem alle Brot, Kartoffeln und Schuhe brauchen, aber keine Bücher? Gustav will es trotzdem versuchen. Er kann nicht wissen, dass er über zwei Jahrzehnte später in einem Massengrab bei Minsk verscharrt werden wird.“ (S. 9)

Kube, der langsam ins Alter kommt, lernt die über 30 Jahre jüngere Schauspielerin Anita Linden kennen. Er ist begeistert von ihr, verliebt sich in sie, möchte sie in seinem Sinne formen und unterwerfen – obwohl er verheiratet ist: „Anita Linden! Ein hübscher Name. Er ist berauscht von ihr. Er muss sie kennenlernen! Ganz gierig ist er darauf, sie nach der Vorstellung zu treffen. Er brennt nach ihr.“ (S. 63)

Anitas Bruder Friedel ist mit Lore verheiratet, einer Jüdin. Auf Familienfeiern treffen sie sich immer mal wieder. Als Anita einige Schriften Kubes liest ist sie verunsichert, vermag das mit „ihrem“ Gustav nicht in Einklang zu bringen: „„Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen die jüdischen Verbrecher. Wenn wir als Nationalsozialisten ehrlich bleiben wollen, dann müssen wir Antisemiten bleiben.“ Anita erschrickt, als sie das liest. Das hat ihr Wilhelm geschrieben? Ihr geliebter Wilhelm, der für sie so wunderbare Liebesgedichte ersonnen hat?“ (S. 70)

Mit Gustav geht es karrieremäßig bergauf, dann wieder bergab. Er soll sich nach dem Willen „der Partei“ beweisen: „Endlich erhält Kube vom Führer einen Auftrag. Im Februar 1941 wird er zur Bewährung in das KZ Dachau abkommandiert. Degradiert zum SS-Rottenführer soll er dort zum Wachmann ausgebildet werden und nach seinem Lehrgang als SS-Mann Konzentrationslager bewachen.“ (S. 111)

Die  Verbrechen werden deutlich benannt. Bald wird Kube von Alfred Rosenberg „berufen“, seiner „Karriere“ als Chef der Zivilverwaltung von Weißrussland scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Er ist berauscht von seinem Wiederaufstieg, seinen Möglichkeiten, der Chance zum Ausleben seiner zerstörerischen, brutalen Bedürfnisse.

Dann kommt Jelena in den Handlungsstrang hinein, eine Partisanin. Sie soll sich im Auftrag ihrer Widerstandsgruppe bei Kube einschleichen, sein Vertrauen erwecken: „Während sie so tun, als würden sie auf dem Fahrplan einen Zug suchen, und mit den Fingern über die Zeitungsangaben streichen, flüstert sie: „Bewirb dich bei Kube. Im Generalkommissariat. Als Putzfrau.“ Jelena zuckt zusammen. Beim obersten Chef der Zivilverwaltung soll sie sich bewerben? Das wagt sie nicht. Sie kennt das Gebäude des Generalkommissariats am Freiheitsplatz (…) und hat den großen Galgen mit den Gehängten gesehen.“ (S. 177)

Die sich überschlagenden Ereignisse werden spannend, flüssig lesbar entworfen. Gustav wird in das Minsker Ghetto verschleppt, ihm droht die Ermordung. Die Lebensläufe der vier Protagonisten überschneiden sich, verknüpfen sich und enden in einer Tragödie.

Eine Erzählung voller Grausamkeit und Spannung, in die das historische Wissen über die deutschen Verbrechen eingebunden und von dem 1937 in Köln geborenen Paul Kohl der neuen Generation 80 Jahre später erzählt wird.

Paul Kohl: Der Jude, der Nazi und seine Mörderin, emons Verlag 2018, 347 S., 11,90 Euro, Bestellen?

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