Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

Kurz nach Beginn der Corona-Krise begann das, was immer bei dramatischen Ereignissen von gesellschaftliche Relevanz passiert: Dubiose Konspirationsvorstellungen kamen auf. Die Elite, die Geheimdienste, die Juden, die Pharmaindustrie oder Soros sollten die Verschwörer sein…

Von Armin Pfahl-Traughber

Als Buch der Stunde erschien da: „Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ von der Psychologin Pia Lamberty und der Ökonomin Katharina Nocun, die hauptsächlich als Journalistinnen für verschiedene Medien arbeiten. Ihr wohl ohnehin vorgesehenes Buchprojekt erhielt dadurch ein besonderes öffentliches Interesse. Bereits in den Jahren zuvor waren die unterschiedlichsten Verschwörungsvorstellungen aufgeblüht. Hier gab es einen gerade aktuellen Bezugspunkt. Den Autorinnen geht es mit ihrem Buch gleichwohl um das Grundsätzliche am Thema. Denn man findet darin Ausführungen über inhaltliche Definitionen, konkrete Erscheinungsformen, korrigierende Faktenchecks, psychologische Grundlagen, materiellen  Nutzen oder themenbezogene Selbsttests.

Letzteres steht gleich am Beginn, kann da doch jeder Leser seine Neigung selbst testen. Dem folgt als Definition: „Eine Verschwörungserzählung ist eine Annahme darüber, dass als mächtig wahrgenommene Einzelpersonen der eine Gruppe von Menschen wichtige Ereignisse in der Welt beeinflussen und damit der Bevölkerung gezielt schaden, während sie diese über ihre Ziele im Dunkeln lassen“ (S. 18). Dabei müssen die Anhänger keineswegs dumm, paranoid oder verrückt sein, wie eine vereinfachende Sicht meinen mag. Die Autorinnen sehen vielmehr im Kontrollverlust eine wichtige Ursache, welche die Akzeptanz von Verschwörungsvorstellungen erklären könne: „Sie kompensieren einen erlebten Kontrollverlust … Darüber hinaus können Verschwörungserzählungen auch Mittel zum Zweck sein“ (S. 31). Dies hänge alles auch mit einem Erkenntnisbedürfnis zusammen, denn die Erklärung von dramatischen Entwicklungen sei bei Menschen als Mentalität verankert. Insofern gebe es eben auch ganz unterschiedliche Varianten von Verschwörungsdenken.

Diese werden dann anhand von angeblichen Konspirationsakteuren ausführlicher dargestellt und eingeschätzt. Da geht es um die „Lügenpresse“ und „Wahlverschwörung“, um „Klimamythen“ und „Weltgefahren“, um „Freimaurer“ und „Illuminaten“, um „Israel“ und „Juden“, um „Echsenmenschen“ und „Flache Erde“, um „Holocaust-Leugnung“ und „Reichsbürger“ oder um „Impfgegner“ und „Krebsmythen“. Die Auflistung macht deutlich, wie vielfältig Konspirationsvorstellungen sein können. Sie sollten, worauf die Autorinnen hinweisen, auch nicht als bloße Spinnereien abgetan werden. Denn: „Die Tendenz überall arglistige Mächte zu wittern, die im Geheimen Böses tun, wirkt sich nicht nur auf die Politik aus, sondern kann vielmehr unser ganzes Zusammenleben beeinflussen. Ob wir wählen gehen, welche Medikamente wir nehmen, ob wir eher YouTube oder einem wissenschaftlichen Fachmagazin vertrauen – das alles kann durch Verschwörungsglauben deutlich mehr geprägt werden, als es den meisten Menschen bewusst ist“ (S. 298f.)

Dies alles ergibt sich aus einer anschaulichen Darstellung und lockeren Schreibe. Beachtenswert auch für Kenner der Materie ist, dass immer wieder über aus dem englischsprachigen Raum bekannt gewordene psychologische Studien berichtet wird. Außerdem beschränken sich die Autorinnen nicht darauf, Fake News inhaltlich zu widerlegen. Sie veranschaulichen immer wieder, welche Gründe es dafür gibt, dass Menschen an Verschwörungsvorstellungen glauben. Auch mahnen sie berechtigt, sich hier nicht nur lustig zu machen. Längst hat man es mit einem gesellschaftlich überaus relevanten Phänomen zu tun. Erstaunlich ist indessen, dass die frühere Forschungsliteratur zum Thema kaum berücksichtigt wurde. So formulieren die Autorinnen eigene Einschätzungen, die aber schon vor zwanzig oder dreißig Jahren zu Papier gebracht wurden. Stattdessen verweisen sie auf aktuelle Internetfunde. Darüber hinaus handelt es sich mehr um ein journalistisches Buch. Gleichwohl kommt ihm eine aufklärerische Dimension gegen Verschwörungsdenken zu.

Katharina Nocun/Pia Lamberty, Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen, Köln 2020 (Quadriaga-Verlag), 348 S., Bestellen?

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