Gemeinde Oberhaid gedenkt der Opfer des NS-Völkermordes

Vor 75 Jahren, am 24.Februar 1945, wurde am Bahnhof Oberhaid auf der Bahnstrecke Schweinfurt – Bamberg ein KZ-Transportzug mit 500 jüdischen Frauen und Mädchen auf seinem Weg in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich abgestellt…

Von Judith Bar-Or

Noch heute erinnern sich die hochbetagten Zeitzeugen von damals mit Grauen an das seinerzeitige furchtbare Geschehen. Es waren dabei besonders die Geräusche, die aus dem Inneren der Viehwaggons drangen, die am Gleis 1 abgestellt worden waren: Jammern, Schluchzen, Flehen, Schreien, Wimmern  – das alles gaben die rund 500 jüdischen Frauen und Mädchen, fast verhungert, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt auf ihrem Weg ins 400 km entfernte KZ Mauthausen von sich.

Sieben von ihnen erlebten die Weiterfahrt nicht mehr – ihre Leichen wurden von den SS-Bewachern aus dem Zug geworfen, wie Müll. Sie wurden, nachdem der Todestransport weitergefahren war, in einem Gemeinschaftsgrab an der Mauer im Ortsfriedhof bestattet. Nach Kriegsende wurden sie dann in den Ehrenfriedhof in Flossenbürg überführt, wo man sie heute noch unter „Feld C, Reihe 16a, Grab Nr. 2509-2515“ finden kann. Ihre Namen sind bis heute unbekannt.

Als der Todestransport in Oberhaid gehalten hatte, versuchten einige Schuljungen von damals – heute betagte Senioren wie Baptist Stark und Karl Stretz – den Frauen zu helfen und ihnen Nahrung und Wasser durch die Schlitze im Waggon zukommen zu lassen. Die SS-Posten haben die Kinder aber weggejagt. So konnten sie nur das Jammern der Jüdinnen hören. Karl Stretz wurde mit seiner ganzen Klasse von ihrem Lehrer – einem richtigen Nazi – gezielt zum Zug beordert. Sie mussten in Blechwannen Wasser vom Brunnen zu den Waggons tragen – dann wurden sie weggeschickt. Die Geräusche aus den Waggons können er und seine Klassenkameraden bis heute nicht vergessen. Für ihn ist das heute stillgelegte Gleis 1 ein Ort der Erinnerung und Mahnung.

Am Sonntag, den 23. Februar 2020 fand auf Veranlassung des Bürgermeisters von Oberhaid Carsten Joneitis (SPD) in Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften und der Bevölkerung der Oberhaider Gemeinde erstmals eine Gedenkveranstaltung statt. Um 18:00 Uhr wurde ab der Pfarrkirche eine Lichterkette zu Gleis 1 gebildet. Angesichts der Wahlergebnisse der AfD im letzten Jahr sah Bürgermeister Joneitis dafür dringenden Handlungsbedarf.

Um 18:00 Uhr setzte sich die Lichterkette bei Sturm und Regen von der Pfarrkirche aus in Bewegung – an der Spitze ein Trommler, ihm folgten die Geistlichen Abbé Patrice, Pastoralreferent Philipp  Fischer, Vikarin Natalie Schreiber, die Vertreter der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan Ha-Tfila in Bamberg Rabbinerin Dr. Yael Deusel und Vorstand Rektor i. R. Israel Schwierz mit Frau, danach 1. Bürgermeister der Gemeinde Oberhaid Carsten Joneitis sowie der Landrat von Bamberg, Johann Kalb, dann folgte eine erfreulich große Anzahl von Bürgern des Ortes.

Am Ort des Geschehens angekommen – dort hatte die SS die Leichen der sieben Jüdinnen einfach  „entsorgt“ – sprach Bürgermeister  Carsten Joneitis sehr zu Herzen gehende Worte. Er erinnerte daran, dass hier die toten Frauen aus dem Zug geworfen worden waren, und fuhr dann fort: „ Sie sollen nicht vergessen bleiben, der Todestransport, dieser ganze Wahnsinn“.  Nachdrücklich mahnte er, dass alle diese Grausamkeiten nicht in den Geschichtsbüchern verschwinden dürften – dem solle die Gedenkveranstaltung entgegenwirken: „Es ist unser Auftrag, gegen das Vergessen und das Schweigen vorzugehen“!

Anschließend lasen Pastoralreferent Philipp Fischer und Vikarin Natalie Schreiber Worte aus der Bibel. Danach sagten Rabbinerin Dr. Deusel und Gemeindevorstand Israel Schwierz Kaddisch für die toten Jüdinnen. Sieben Frauen aus Oberhaid trugen für die sieben toten jüdischen NS-Opfer je eine Fürbitte vor, zündeten Kerzen an und legten Rosen  am Ort des Geschehens neben Gleis 1 nieder.

Zum Abschluss richtete Landrat Johann Kalb sehr eindringliche Worte des Gedenkens und der Mahnung an die Anwesenden. Er gab dabei seiner Hoffnung Ausdruck, dass das Geschehene niemals vergessen werden würde und dass sich solches oder auch nur ähnliches niemals wiederholen dürfe – angesichts der Erfolge der rechten Parteien, besonders der AfD  in  Deutschland, aber auch anderer rechter und rassistischer Parteien Europa- und weltweit eine sehr wichtige Hoffnung!

Die Gemeinde Oberhaid hat zum ersten Mal eine sehr würdige und zu Herzen gehende Gedenkveranstaltung anläßlich des 75. Jahrestags des schrecklichen Ereignisses an Gleis 1 veranstaltet. Dafür gebührt ihr – besonders aber Bürgermeister Joneitis, den Geistlichen und den Frauen des Ortes, die die Feier mitgetragen haben  – Dank und Anerkennung aller, denen der ehrliche Umgang mit der Vergangenheit ein Herzensanliegen ist.

Photos: Gemeinde Oberhaid