Zwischen Gewalterfahrung und „Vergnügen“

Sport war in den KZs und später auch in den Vernichtungslagern allgegenwärtig. Während mit dem „gewaltförmigen Sport“ die Lagerordnung in „die Körper der Häftlinge gezwungen wurde“, wie Veronika Springmann in ihrer Studie „Gunst und Gewalt – Sport in nationalsozialistischen Konzentrationslager“ schreibt, hatten die „Häftlinge beim Fußballspiel oder bei den Boxkämpfen die Möglichkeit ihre körperliche Stärke zu zeigen“ und darüber hinaus eine Gelegenheit „ihren Alltag zu organisieren und zu bewältigen“…

Die regelmäßige Praxis des „Sportmachens“ wurde als spezifische Form der Gewalt gegenüber den Häftlingen eingesetzt, um sie zu erniedrigen, zu schwächen, zu verletzen, und manchmal auch, um sie zu töten. Diese sinnlosen Übungen, wie etwa Froschhüpfen, Rollen oder Kniebeugen im Matsch, auf Sand oder im Schnee, das Laufschritt marsch, Auf und Nieder, diente einzig und allein die Gefangenen zu entmenschlichen, sie zu brechen; es war die „direkteste Form absoluter Macht“, ein Rennen auf Leben und Tod.

Der erlaubte und meist freiwillige Sport in den Konzentrationslagern hingegen war eine Gunstbezeugung, ein Anreiz, eine Belohnung, um nicht zuletzt die Arbeitskraft und -moral der Häftlinge zu stärken, denn die KZs waren auch Wirtschaftsunternehmen in der Rüstungsbranche. Ab 1942/43 wurde deshalb auf Anweisung von Heinrich Himmler eine Art Prämiensystem geschaffen, das Fußball- oder Boxwettkämpfe zuließ. Zur Belustigung insbesondere der SS-Wachmannschaften mussten bei den Faustkämpfen Männer unterschiedlichster Gewichtsklassen gegeneinander kämpfen – etwa ein Fliegengewicht gegen einen Schwergewichtler. Einer dieser Boxer war der Weltmeister im Fliegenwicht Victor Perez, der in einen Art „Boxcamp“ in Auschwitz -Monowitz regelmäßig antreten musste – auch gegen Wehrmachtssoldaten. Bei seiner Ankunft im Lager wurde er zunächst dem Küchenkommando zugeteilt, um „in Form“ gebracht zu werden. Perez starb kurz vor der Befreiung bei einem Todesmarsch im Januar 1945.

Das Fußballspiel war jedoch die am meisten praktizierte Sportart in den Lagern. Bereits in der Frühphase des KZ Dachau lässt sich das beliebte Spiel mit dem Ball nachweisen. „Auf dem Appellplatz, wo Häftlinge bis zum Umfallen schikaniert und auch sehr oft bis zum Tod gequält wurden“, durfte Fußball gespielt werden. „Trotz Hunger und täglich 12-stündiger harter Arbeit“, schreibt der Journalist Viktor Matejka in seinen Erinnerungen. Diese Spiele halfen den Aktiven und den Zuschauern, ihr Leid für einige Stunden zu vergessen. „Selbst der üble Geruch von verbranntem Fleisch, den der Wind vom nahegelegenen Krematorium herübertrug, wurde, wenn er nicht zu arg war, während der Fußballspiele weniger beachtet.“

Auch in Buchenwald, Mauthausen, Neuengamme, Sachsenhausen und in Theresienstadt wurde Fußball gespielt. In diesem von den Nationalsozialisten als „Musterghetto“ getarnten Konzentrationslager fanden in der „Liga Terezin“ sogar Meisterschaften und Pokalwettbewerbe statt. Da spielten die Elf der Kleiderkammer, der FC Wien, die Mannschaft von Hagibor Prag eine Auswahl der Gärtnerei, der Küche oder die Männer der Ghettowache. Und – kaum zu glauben – selbst im Vernichtungslager Auschwitz wurde gekickt. Dort befand sich der Fußballplatz vor den Krematorien. Der polnische Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Tadeusz Borowski thematisiert dieses nahezu Undenkbare in einer Erzählung. Während eines Fußballspiels wird eine Gruppe ungarischer Jüdinnen an der Rampe selektiert. Der Ball fliegt ins Aus: „Als ich ihn aufhob, erstarrte ich; die Rampe war leer. Zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken 3.000 Menschen vergast.“

Blick auf einen Fußballplatz in Theresienstadt. Zeichnung von Charlotta Burešová. Repro: Pamatnik Terezin (Sammlung PT 5531)

Veronika Springmanns verdienstvolle Arbeit eröffnet eine neue Sicht auf die Macht- und Gewaltstruktur in den Konzentrationslagern. Anhand von Dokumenten aus den Gedenkstätten, aus nationalen und internationalen Archiven, Zeitzeugenberichten und der Sekundärliteratur beleuchtet sie, differenziert und auf breiter Quellenbasis, ein nahezu unbekanntes Kapitel der NS-Lagergeschichte. Ihr Versuch, unter Einbeziehung der „Kategorien Gender und Race“ das „Wechselverhältnis von Geschlecht“ im Lagersystem zu analysieren, wirkt leider etwas aufgesetzt. Zudem bedient sich die Autorin der „gendergerechten“ Sprache, was manchmal zu Irritationen führt, wenn sie z. B. von Zuschauer*innen und Aufseher*innen bei Fußballspielen in Männerlagern schreibt. Fakt ist: Zum Alltag im Konzentrationslager gehörte nun einmal die strenge Geschlechtertrennung. – (jgt)

Veronika Springmann, Gunst und Gewalt. Sport in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Berlin 2019, 310 Seiten, 22,00 €, Bestellen?

Bild oben: Fußballspiel im KZ Dachau. Propagandafoto von Friedrich Franz Bauer, Repro: aus dem besprochenen Band (Bundesarchiv 152-03-13)

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