„Wer den Ort wechselt verändert sein Schicksal“

Stella Shcherbatova informierte über die Integrationsarbeit der Köln-Porzer Begegnungszentrums…

Von Roland Kaufhold

„Anfangs war es eine schwierige Zeit, auch für uns persönlich.“ Stella Shcherbatova, studierte Psychologin und langjährige Leiterin des Köln-Porzer Begegnungszentrums der Synagogengemeinde, benannte in ihrem Vortrag zu den Chancen und Hindernissen der Integration russischsprachiger jüdischer Zuwanderer die Probleme deutlich. Und doch war ihre lebensfrohe Grundhaltung den ganzen Abend lang prägend. Um die Integrationsleistung im sozial eher benachteiligten Wohnumfeld in Porz-Finkenberg zu verdeutlichen wählte sie eine Weisheit aus dem Talmud: „Wer den Ort wechselt verändert sein Schicksal.“ Dies sei auch ihre eigene Grundhaltung zum Leben, erzählte sie beim Vortragsabend im Rahmen der Lehrhaus-Reihe.

Miguel Freund von der Kölner Gemeinde und langjähriges Vorstandsmitglied der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit strich in seinem Einführungsbeitrag die Pionierleistung der Porzer Außenstelle hervor: Der Zuzug von gut 200.000 Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten insbesondere in den Jahren von 1990 bis 1996 habe zu einem starken Anwachsen der Gemeinden geführt. Etwa die Hälfte von ihnen schloss sich einer Jüdischen Gemeinde an; im Köln-Porzer Begegnungszentrum sind es heute knapp 600. Die Kölner Gemeinde reagierte auf die neuen Herausforderungen rasch: Bereits 1990 wurde der Kindergarten für Kinder russischstämmiger Juden geöffnet, 1993 wurden wegen des massiven Versorgungsdruckes sogar bewusst nur noch russischsprachige Kinder aufgenommen, um die Integrations- und Sprachlernprozesse zu beschleunigen. „Aber nach zwei Jahren entspannte sich die Situation wieder“, fügte Miguel Freund erinnernd hinzu. „Mein eigener Sohn hat anfangs keinen Platz im jüdischen Kindergarten bekommen“, berichtete Stella Shcherbatova.

In Köln wurde ein eigener Gemeinderabbiner eingestellt, speziell für die russisch-jüdischen Gemeindemitglieder. Die Herausforderungen in sozialer, kultureller und religiöser Hinsicht waren enorm, bereits 1996 wurde in Porz ein Sprachunterricht angeboten, anfangs nur durch zeitlich befristete ABM-Stellen. Die Kontinuität der Arbeit blieb gefährdet und wurde durch ein enormes ehrenamtliches Engagement ergänzt.

Hohes Ansehen in Köln

Die Arbeit des seit 2004 auch staatlicherseits offiziell als Bildungsträger anerkannten Porzer Begegnungszentrums genießt seit 20 Jahren ein hohes Ansehen in Köln. Im November 2019 erhielt es, gemeinsam mit der Köln-Chorweiler Außenstelle der Synagogengemeinde, sogar den Giesberts-Lewin-Preis der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit: „Ich habe den Preis heute Abend aber nicht mitgebracht: Er wiegt 17 Kilogramm“, bemerkte Stella lachend.

Als besonders kränkend erlebt Stella Shcherbatova eine typische Reaktion der Mehrheitsgesellschaft: „Warum seid Ihr denn nach Deutschland gekommen?“ Die Frage nach der eigene Identität stelle sich den meisten russischen Juden bis heute; selbst wenn sie, wie sie selbst, schon seit über 20 Jahren hier lebten: „Verstehe ich mich als Deutsche? Nein, das ist komplizierter. Aber als Kölnerin“, berichtete sie schmunzelnd den Zuhörern in der Judaica der Kölner Synagoge.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1988 hatte Heinz Galinski, langjähriger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Haltung des Zentralrats so beschrieben: „Wir haben die Zuwanderer aus der Sowjetunion nicht veranlasst, zu uns zu kommen. Wenn sie aber diesen Weg gewählt haben, werden wir alles tun, um ihnen in unseren Gemeinden ein neues Leben zu ermöglichen.“ In Porz wurde dies von Anfang an als eine zum Handeln auffordernde innere Verpflichtung verstanden. Die Kategorisierung als Kontingentsflüchtlinge erschien anfangs als Segen, wirft aber nun wegen der bis heute ungeklärten Rentenfrage von jüdischen Einwanderern – Volker Becks Versuche einer angemessenen gesetzlichen Wertschätzung von Lebensleistungen und Problemlösung wurden vom deutschen Bundestag bis heute gleich fünf mal abgelehnt [i]– massive Schwierigkeiten für die mittlere und ältere Generation auf: „Besucher unseres Begegnungszentrums haben große Ängste und berechtigte Sorgen, weil ihre Arbeitsleistungen in ihrem ehemaligen Heimatland nicht anerkannt werden. Einer unserer Besucher hat 15 Jahre hier gearbeitet – und erhält nun eine Rente von 300 Euro“, berichtete Stella Shcherbatova.

Jüdisch-russische Identitäten

Immer wieder kreisten ihre Reflexionen um die Frage der jüdisch-russischen Identität: Die aufnehmenden Jüdischen Gemeinden hätten 1990 Ostjuden aus dem Shtetl erwartet – es kamen jedoch Menschen meist ohne religiöse Vorerfahrung. Bei einer eigenen Befragung an der Kölner Universität nach dem Selbstverständnis als Jude bezeichneten 57 Prozent es als entscheidend, dass ein Jude aus einer jüdischen Familie stamme. Nur 13 Prozent benannten die Abstammung von einer jüdischen Mutter als wichtigstes Kriterium; und nur 5 Prozent das Bekenntnis zur jüdischen Religion. So sei es zu immer neuen Kränkungen gekommen, die von ihrer deutschen Umwelt, der Mehrheitsgesellschaft, nicht verstanden worden seien. Entscheidend sei es, dass diese Schwierigkeiten bei Grillfesten, kulturellen Veranstaltungen, im Literatursalon, bei Computerkursen aber auch bei psychologischen Beratung, die die ausgebildete Psychologin Stella Shcherbatova im Köln-Porzer Begegnungszentrum selbst anbietet, zur Sprache kommen können.

Der regelmäßige Austausch zwischen den russischsprachigen Juden, zwischen Freunden, die kostenlos Sprachkurse anbieten sowie zwischen Gemeindemitgliedern bleibe eine dauerhafte Herausforderung, aber auch eine Chance.

Jüdisches Jugendzentrum: Unterschiedliche Erwartungen

Im jüdischen Jugendzentrum hätten sich rasch unterschiedliche Erwartungen der Eltern gezeigt: Die Kinder der Alteingesessenen wollten meist, dass ihre Kinder einen Freiraum zum gemeinsamen Spielen hätten. Eltern, die selbst noch nicht perfekt im Umgang mit der deutschen Sprache seien, erwarteten hingegen eher ein zielgerichtetes Lernen im Jugendzentrum: Verschiedentlich hätten sie ihre Kinder dann aus dem Jugendzentrum wieder abgemeldet. Solche Erwartungen müssten immer wieder gemeinsam besprochen werden. Sie sei sehr froh, dass sie bereits kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland mit der russischsprachigen psychologischen Beratung hätte beginnen können, berichtete Stella Shcherbatova:„Immer wieder sprachen wir über das Gefühl, von der Gemeinde nicht ernst genommen zu werden.“

Aus der anfänglichen Euphorie seien nach schweren Enttäuschungen bei der Arbeitssuche Frustrationen, teils auch Depressionen, Ängste und Kontaktstörungen erwachsen. Ein weiteres Problem sei, dass die aus der Zeit in Russland erworbene Rente heute häufig nicht nach Deutschland überwiesen werden könne. Wer keine Verwandten mehr in Russland habe komme teils nicht mehr oder nur mit großer Mühe an die eigene Rente heran.

Bei Pilotprojekten in Porzer Schulen zum Judentum sowie zum interreligiösen Dialog hätten sie in jüngster Zeit von schlimmen antisemitischen Vorfällen erfahren. Für viele jüdische Kinder gehörten heute wüsteste antisemitische Beleidigungen durch Mitschüler zum Alltag: „Davon haben mir meine eigenen Kinder irgendwann erzählt, als sie schon erwachsen waren. Damals habe ich dies überhaupt nicht mitbekommen.“ Stella Shcherbatova wusste auf Nachfragen des Publikums aber auch ein positives Beispiel zu berichten: Ein Kölner Gymnasium habe ein übles antisemitisches Vorkommnis bewusst öffentlich gemacht, auch der Staatsschutz habe sich eingeschaltet. Tabuisierung sei kein Hilfsmittel, sondern kontraproduktiv. Sie selbst engagierten sich in Porz auch in der Flüchtlingsarbeit. Sie sei entschieden für Integration, aber die Schwierigkeiten müssten offen besprochen und die Erwartungen geklärt werden.

Eine kürzere Version dieses Beitrages ist in der Jüdischen Allgemeinen (13.2.2020) erschienen.

Bild oben: Gemeindevertreter Miguel Freund und Stella Shcherbatova, Fotos: Roland Kaufhold

Ergänzende Literatur:

Judith Kessler (1995): Von Aizenberg bis Zaidelman. Jüdische Zuwanderer aus Osteuropa und die jüdische Gemeinde heute, Reihe Miteinander Leben in Berlin. Berlin: Die Ausländerbeauftragte des Senats.

Judith Kessler (1997): Jüdische Immigration seit 1990. Resümee einer Studie über 4000 jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion in Berlin. In: Zeitschrift für Migration und soziale Arbeit, 1: 40-47.

Judith Kessler (1999): Identitätssuche und Subkultur. Erfahrungen der Sozialarbeit in der jüdischen Gemeinde in Berlin. In: Schoeps, Julius H.; Jasper, Willi; Vogt, Bernhard (Hrsg.): Ein neues Judentum in Deutschland? Fremd- und Eigenbilder russischjüdischer Einwanderer. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg: 140-162.

Judith Kessler (2003): Jüdische Migration aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990. Berlin. http://www.berlin-judentum.de/gemeinde/migration.html.

[i] Anträge von Volker Beck bzw. den Grünen: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/141/1714107.pdf; http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/127/1812718.pdf; https://dip21.bundestag.de/dip21/btp/17/17246.pdf; http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/070/1807096.pdf; http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/070/1807096.pdf.

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