Familie Schnabelmaier und der Mantel des Schweigens

Über 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors in Europa sollte die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen abgeschlossen sein. Sollte – doch als Christina Schnabelmaier aus Oberbayern im Sommer 2018 eine Reise nach Israel vorbereitete, stieß sie in einem hagalil-Beitrag auf Details zur Verfolgung ihrer Familie, die ein grelles Licht auf die Wirklichkeit werfen: Nichts von dem, was sie da las, war ihr und ihren sechs Geschwistern bekannt. Vom „üblichen Mantel des Schweigens“, der das Schicksal ihrer Großeltern und ihres Vaters überdecke, berichtete sie…

Von Michael Westerholz und Josef Eggersdorfer

Christina Schnabelmaier ist eine Enkelin der Arzteheleute Dr. Heinrich und Hildegard Schnabelmaier sowie Tochter des Sohnes Dr. Heinz Schnabelmaier aus Vilshofen. (Bild oben: Dr. Heinrich Schnabelmaier mit seinem Sohn Heinz, 1931) Auf hagalil las sie eine Serie über das DP-Camp 7 Deggendorf. Von Juni 1945 bis Ende 1949 waren darin bis zu 2000 KZ-Überlebende untergebracht. In dem Text werden auch die Großeltern der Christina Schnabelmaier  genannt:

„1910 bis 1933 hatten unter 3.468 Bürgern Vilshofens 23 Juden gelebt, 0,6 %. Bis 1940 zogen sechs Juden weg und wanderten 16 aus: Fünf  Jugendliche unter 16 Jahre nach England, je vier Erwachsene nach Frankreich und Argentinien, zwei in die USA und einer in die Schweiz. Eine Jüdin starb in Vilshofen, ein Jude lebte noch 1942 dort.

In der Reichspogromnacht des 9./10. November 1938 wurden die Schaufenster der jüdischen Läden zertrümmert. Alle zwölf hier lebenden Juden wurden aus ihren Häusern gezerrt und unter Schlägen in das Passauer Gefängnis gebracht. Ihre Wohnungen wurden verwüstet, die Menschen wurden rabiat bestohlen, jeglicher Aufenthalt in der Stadt zum Beispiel zur Ordnung ihrer Angelegenheiten wurde ihnen untersagt. Die verstörten Frauen wurden nach einigen Tagen entlassen, einige der Männer in das Konzentrationslager (KZ) Dachau geschafft.

Augenzeuge Rechtsanwalt Franz Habermann schrieb seinem Freund Joseph Hopper in Graz:

`Mein lieber Sepp!

(…) Aber heute Nacht gab es eine große Aufregung in der Stadt. Weil der Jude in Paris den Herrn von Rath erschossen hat, hat man hier alle Juden in Schutzhaft genommen und nach Passau gebracht. Was weiter mit ihnen los ist, weiß man nicht. So gegen 2 Uhr nachts gab es auf einmal einen großen Krach und Gesplitter auf der Straße. Ich dachte zunächst, es seien zwei Autos zusammengestoßen. Dann merkte ich, daß sie bei Altbayer sämtliche Schaufenster mit einem Hammer einschlugen. Hierauf holte man die Familie aus dem Bett und verfrachtete sie in Autos. Ebenso wurde es bei Finger gemacht. Schnabelmaiers sind zur Zeit in München und das war ein großes Glück für die Frau. Die wollen sie nämlich auch verhaften, damit Vilshofen ganz judenfrei wird. Ich sprach grad mit dem Ortsgruppenleiter Estner. Er sagte mir, daß es für sie gut sei, wenn sie nicht mehr hierher zurückkomme, da es ihr sonst wie den andern gehen werde. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das werden wird. Vielleicht ist sie in München sowieso schon verhaftet, denn wie es scheint, werden diese Verhaftungen überall vorgenommen. Mir tut nur Heinrich (Anmerkung: gemeint ist Chefarzt Dr. Heinrich Schnabelmaier!) außerordentlich leid. Und vor allem auch der Bub (Anmerkung: Heinrich Ludwig Schnabelmaier, *1931!) . Das kann man sich ja gar nicht vorstellen, wie denen zumute sein muß. Und dabei hat Heinrich gar nicht gewußt, daß sie eine Jüdin ist, wie er sie geheiratet hat…´

Christina Schnabelmaier: „Franz Habermann, der den Brief verfasste, war mein Pate. Die Leiden der Juden in Vilshofen und die meiner nichtjüdischen Familie waren uns Enkelkindern unbekannt. Meinen Großvater habe ich nie kennengelernt. Mein Vater starb bei einem Autounfall, als ich noch nicht 8 Jahre alt war. Meine Großmutter verschwand in der Demenz, als ich noch unwissende 12 Jahre zählte. Jetzt aber will ich alles wissen und habe Kontakt zum Stadtarchiv Vilshofen aufgenommen.“

Archivarin Klaudia Wittig fand Zeitungsberichte, drei familiäre Meldekarten und  eine  Dokumentation des früheren Archivars Peter Kugler zum jüdischen Leben in der Donaustadt. Detaillierte Angaben enthalten Entschädigungsanträge Nummer 5712/37217  für Dr. Heinrich Schnabelmaier, 5714/37218 für seine Frau Hildegard und 5713/8424 des Sohnes Heinrich („Heinz“) Ludwig. Sie gehören zur Akte LEA 33081, 1950 bis 1968, aus dem Nachlass des Rechtsbeistandes Richard Obermüller.  

Allein die Erkenntnis, dass zum Beispiel erst 1965 (sic!) über die Entschädigung des Heinz  Schnabelmaier  entschieden war, weil der sich auf einen nen windigen Vergleich einließ, beweist, dass dem deutschen Staat nicht wirklich an einer gerechten Entschädigung der NS-Verfolgten gelegen war. Dass Sachbearbeiter von Zeugen minutiöse Angaben und exakte Details zu Ereignissen verlangten, die über 20 Jahre zurücklagen, verstärkt diesen Eindruck. Psychoschäden, wie auch in der Familie Schnabelmaier zeitlebens nachwirkten, waren ohnedies irreparabel.

Schlimm auch das Nazi-Vokabular von Beamten der Wiedergutmachungs-Behörde und von Richtern. Stetig wurde Hildegard Schnabelmaier als „Volljüdin“ bezeichnet, der Sohn als „Halbjude‘“. Am 12. November 1964 urteilte das Landgerichts München: „Die Klägerin ist Jüdin“ – 50 Jahre nach ihrer Taufe! 

Dr. Heinrich Schnabelmeier war Chirurg und Gynäkologe und seit 1923 Chefarzt der örtlichen Klinik und Chefchirurg im benachbarten Osterhofen. Zwar seit 1933 wiederholt von fanatischen Nazis öffentlich kritisiert, hatte der Kreistag Vilshofen noch im Juni 1938 seinen  Vertrag  erneuert. Wenig später verlangte der NSDAP-Landrat  Grosch von Dr. Schnabelmaier ultimativ die Scheidung von seiner „jüdischen“ Frau. Der Chefarzt blieb seinem Eheversprechen treu und stand zu seiner Frau.

Am 10. Januar 1939 beschloss der Kreistag Vilshofen einstimmig,

„Jüdische oder jüdisch versippte Ärzte können mit sofortiger Wirkung in den Bezirkskrankenhäusern Vilshofen und Osterhofen keinerlei ärztliche Tätigkeit mehr ausüben. Der Vertrag mit Dr. Schnabelmaier, pr(aktischer) Arzt in Vilshofen… ist daher sofort zu kündigen.“

Am 20. April 1949 bezeugte Maria Schaber, ehemals Sekretärin der Ärztekammer Bayern:

„…Die Abberufung des Herrn Dr. Schnabelmaier (…) erfolgte aus rein politischen Gründen. Das Amt für Volksgesundheit verlangte die Absetzung (…) wegen politischer Unzuverlässigkeit, die mit jüdischer Versippung  begründet war. Die Stelle musste mit einem, wie es damals hieß, `vollkommen politisch einwandfreien Arzt´ besetzt werden, der zugleich Chirurg war. Diese Gründe wurden damals der Ärztekammer unterbreitet und diese musste dem Drängen der Parteidienststellen Folge leisten….“

Hildegard Schnabelmaier und die Familien Popper-Peters, Heß und Grafen Nákó de Nagyszentmiklós

Hildegard Schnabelmaier, *5. März 1890, stammte aus Wien. Ihr Vater, der Fabrikant alkalischer und metallurgischer Laugen, Ignaz Popper, (1861 – 1925),  kam aus einer jüdischen Familie, die ab 1650 bis 1750 in Tachau ansässig war. Dann teilte sie sich: Laszlo und dessen Sohn Jakab Popper ließen sich  in der Herrschaft Nagyszentmiklós und Teremi im kaiserlich-österreichischen Kronland Banat nieder. Sie handelten mit und produzierten Chemieprodukte. 1941 lebten Robert Popper und seine Frau Margareta geb. Singer als letzte Popper-Nachfahren in der nunmehr rumänischen Gemeinde.1

Lazar und Ruth Popper zogen nach Neu Bistritz in Südböhmen um. Ihr Sohn Benjamin übernahm den Handel der Eltern. Er und seine Frau Sara hatten einen Sohn Lazar (1825 – 1897), der eine Franziska „Fanny“ Fried heiratete. Sie hatten zwei Töchter und zwei Söhne. Ihr Sohn Ignaz Popper zog aus Böhmen weg nach Wien, wo er die am 8. November 1861 in Wien geborene  Regine, Tochter von  Moses Moritz Schweinburg und Johanna („Hanna“) geb. Kohn.2 heiratete. Sie starb 1931. Hildegard Popper hatte drei Brüder. Einer starb als Kleinkind.  Am 7. Februar 1915 ließen sich Hildegard, ihre Eltern und Bruder Oskar in einer Wiener Kirche katholisch taufen. Die Familie nahm den Namen Peters an, Hildegard die christlichen Vornamen Marie Anna Alexandria. In Vilshofen sah man sie als regelmäßige Kirchgängerin.

Hildegard Popper hatte am 4. April 1913 (laut dem Standesamt Vilshofen!) oder am 4. Juni 1914 (laut den Polizeimeldebögen Münchens!) beim Matrikelamt der Israelitischen Kultusgemeinde Wien den Gutsbesitzer von Neuburg a. d. Donau, Viehhändler und Kaufmann in Wien, Ludwig Heß,  geheiratet.  Ihre  Schwiegereltern waren  Moritz, *13. November 1844 im hessischen Offenbach am Main als Sohn einer aus Ellingen zugezogenen Viehhändler-Familie, und  Johanna Heß, geborene Bergmann, *1856 in Offenbach. 1876/79 lebten sie in Linz am Rhein, seit 1880 in München. Moritz Heß starb dort 1926. Er, seine Frau und ihre Kinder Ernst, *1878 in Linz, Berthold, *1879 in Linz, schon  1881 gestorben, und die in München geborenen Klara, *1881, Ludwig, *1883, und Klaus Jakob, *1885, besaßen die bayerische Staatsangehörigkeit.3

Der Wohnortwechsel  der Familie Heß von Ellingen nach Offenbach und dann des Sohnes Moritz mit seiner Frau über Linz am Rhein nach München war  geschäftsbedingt. Die Viehhändler Heß hatten sich als Makler neu orientiert. Zumindest Sohn Ludwig Heß half dem Vater dabei. „Gutsbesitzer von Neuburg a.  d. Donau“  war Ludwig Heß durch den Kauf eines abgewirtschafteten Anwesens in der Region, dessen Grundflächen er aufteilte und dann mit Gewinn verkaufte.  In Offenbach, Linz, zuletzt in München waren Häuser erworben, bezogen, renoviert  und nach wenigen Jahren  verkauft worden. Sohn Ernst verzog als Handlungsgehilfe nach Berlin, Tochter Klara ehelichte den Münchner Alfred Max Weidenbeck, Ludwig Heß ließ sich in Wien nieder und entdeckte dort in einer jüdischen Kultusgemeinde Hildegard Popper als seine große Liebe.4

Wien blieb der Wohnsitz  der Jungvermählten. Als Reservist gehörte Ludwig Heß jedoch weiterhin der 1. Infanterie-Kompanie des I. Ersatz-Bataillons im 15. Bayerischen Infanterie-Regiment an und musste sich von Zeit zu Zeit zu Übungen in Neuburg an der Donau melden. Das war bereits 1903 auf die Dauer von sieben Wochen geschehen. Und als er am 7. September 1916 einrücken musste, begleitete seine Frau Hildegard samt dem am 20. August 1914 geborenen gemeinsamen Sohn Friedrich Wilhelm den Unteroffizier nach Neuburg. Sie logierte bis zum Abmarsch der Einheit ihres Mannes am 30. Oktober im Hotel Krone.5 Ihren Mann und Vater sahen sie und ihr Sohn danach nie wieder. Ludwig Heß erlag am 25. Juli 1918 in einem Feldlazarett in Frankreich der Ruhr. Die Familie verarmte, denn auch die patriotischen Heß hatten ein Vermögen in staatliche Kriegsanleihen gesteckt und verloren.

Anlässlich einer Reise nach Budapest traf Hildegard Heß „Seine Exzellenz Sandor III. (Alexander) Graf Nákó de Nagyszentmiklós“.   Dessen 1382 in Griechisch-Mazedonien genannte Händler-Familie hatte im 18. Jahrhundert in ihrer neuen Heimat ein großes Gebiet gepachtet. Sie errichtete eine Wollwäscherei und wurde Heereslieferantin für Wolle, Schlachtvieh und Getreide. Von Kaiser Joseph II. ermuntert, ersteigerte sie 1781 die Grundherrschaft in Nagyszentmiklós (Großsanktnikolaus!) und Teremi (Marienfeld!). Der Dank des ungarisch-österreichischen Staates für die Investition: Am 27. Februar 1784 wurden die Brüder Cyrill und Christoph Nákós zu Grafen von Nagyszentmiklós et Terimi erhoben.

Als Angehöriger der höheren ungarischen Stände war  Graf Sándor III., ein Nachfahre des geadelten Christoph Nákó,  Landtagsabgeordneter und erbliches Mitglied des ungarischen Magnatenhauses, das dem britischen Oberhaus vergleichbar war. Seine Mutter Elisabeth Sabine  Wittenberg hatte sich einen Namen auf dem Theater gemacht. Von 1906  bis 1909 hatte Sándor III. Graf Nákó der ungarischen Krone als Gouverneur von Fiume gedient, dem großen Freihafen an der Adria. Seine Staatsaufgaben und seine Privatausgaben wurden so umfangreich, dass er 1912 seinen Stammsitz Nákó-Kastell und den Grundbesitz verkaufen musste. Nur die Herrschaftsrechte in der Grafschaft behielt er.  1896 hatte er Baronesse Eszter Lipthay de Kisfaludy et Lubelle geheiratet.  Graf Sándor III. Nákó wurde Vater der Töchter Bertha, * 1898, und Maria, *1904. Am 19. Februar 1920 wurde die Ehe geschieden.6

Schon am 28. Februar 1920  ehelichte er in Budapest die Witwe Heß  geborene Popper-Peters.  Die Deutsche Kriegerfürsorge hatte mit einem „Auslandsheimathschein“ für die  Braut bürokratische  Trauungshindernisse beiseite geräumt:7 Noch  waren Verbindungen  zwischen Ausländern und Einheimischen in den neuen Republiken Österreich, Böhmen und Ungarn nicht leicht zu legalisieren. Die Herrschaft Nagyszentmiklos war an Rumänien gefallen,  der Name zum Titel ohne große Mittel geworden.  Reichsverweser Admiral Miklós de Horthy betraute den Grafen mit diplomatischen Missionen.

Der  weltgewandte ungarische Graf und seine in sechs Lyzeumsjahren gebildete Frau Hildegard wurden am 16. April 1922 in Wien Eltern einer Tochter Elisabeth Gräfin Nákó, genannt „Hasi“.  Auf dem diplomatischen Parkett glänzte Graf Nákó, und politische Aufgaben löste  er mit Bravour. Doch die Spielsucht als dunkle Seite im Charakter des Grafen gewann die Oberhand. Am 25. Mai 1923 verspielte er in Nizza sein karges Restvermögen, in der folgenden Nacht erschoss sich der letzte männliche Namensträger des Geschlechts im Hotel.8  Hildegard Gräfin Nákó von Nagyszentmiklós, verwitwete Heß, geborene Popper-Peters,  war erneut Witwe und stand vor dem Nichts.

Die urbayerisch katholischen Schnabelmaier

Die Schnabelmaier waren eine in Altbayern verwurzelte Familie.  Glamour, der Hildegard Gräfin Nákó umgab, war ihnen fremd. Pflichtbewusstsein, Fleiß, Strebsamkeit und Verlässlichkeit kennzeichneten die Familie. Der Lehrer Jakob Schnabelmaier und seine Frau Anna, geborene Habermeier, waren in Holzkirchen daheim.9 Damals bedrückten die Lehrer willkürliche Versetzungen, miserable Löhne, sowie Zusatzaufgaben als Gemeindeschreiber, Glöckner, Mesner, Organist, Ausrufer und Friedhofsarbeiter. Lehrer Schnabelmaier war gerade nach Kirchberg im Bezirk Vilshofen versetzt worden, als am 15. Dezember 1864 Sohn Heinrich geboren wurde. Dessen Medizinstudium belastete ihn finanziell.

Dr. Heinrich I. Schnabelmaier ließ sich  in Ortenburg nieder, wurde zum Sanitätsrat ernannt und erhielt die bayerische Staatsangehörigkeit.  Er baute ein Eigenheim mit Praxis, heiratete 1893 eine Maria Schmidhuber  und stand 1918 an ihrem Grab. 1922 ehelichte der Witwer  eine Christine Brey, *20. Januar 1871 in Donauwörth. Um die vier Kinder aus der ersten Ehe  musste sich die Stiefmutter kaum mehr kümmern:  Heinrich II., *28. Oktober 1894, war bereits  Arzt, Tochter Martha, *15. Februar 1896,  heiratete den Arzt Dr. Hans Rauscher in Ortenburg,  Maria Schnabelmaier, *15. Juli 1903, den Arzt Dr. Hans Schmid in Altötting. Im Haus war nur noch Richard, am 10. Juli 1908 geboren. Auch der unstete Bohemien, oft betrunkene Richard, der in einer kurzen Ehe nichts von Treue hielt und 1945 einfach verschwand,  geriet ins Fadenkreuz der Nazis: Sie beschuldigten den Dentist kommunistischer Umtriebe und sperrten ihn einige Zeit ein. Sein Vater starb am 23. Februar 1939 in Vilshofen.

Ein Sanitätsrat aus der ländlich-verschlafenen evangelischen  Enklave Ortenburg im katholischen Niederbayern heiratet die Tochter eines Bahnmeisters. Das klang sehr normal. Es wurde bescheiden gefeiert, steckte das Land doch (bis Ende 1923) in der schlimmsten Inflation der deutschen Geschichte. Aber Christine Brey war unter dem Künstlernamen Centa Bré eine  enthusiastisch gefeierte Theater- und Filmschauspielerin.10 Mit ihr fegte ein Glamourblitz über Ortenburg.   

Ihr Stiefsohn Heinrich II. Schnabelmaier wechselte 1904 von der Volksschule in Ortenburg nach Metten, wo  Benediktiner die auch heute angesehene Oberschule führten.  Er besuchte „als Zögling des Klosterseminars das Gymnasium in den Klassen 1 bis 3 (1904 – 1907)“, teilt  Archivar Pater Dr. Michael Kaufmann OSB mit. Das Abitur schaffte er 1914 in Landshut. Heinrich Schnabelmaier scheint aber weiterhin Kontakte nach Metten gepflegt zu haben, denn die Abtei verkündete in der Nummer 24/1958 ihrer Hauszeitschrift „Alt und Jung Metten (AJM)“ auch sein Sterben. Sowohl sein Freund Habermann, als auch seine Haushalthilfe Maria Franziszi und die Zeitzeugin und Patientin Rosemarie Neumann hörten auf Fragen, wie er die furchtbare Verfolgungszeit durchgestanden habe, des Arztes knappe Aussage: „Dank Metten!“

Er studierte in München und Erlangen Medizin. Zwischendurch wurde er am 8. August 1914 ins Rekruten-Depot eines bayerischen Feld-Artillerie-Regiments eingezogen und leistete zunächst als Sanitäts-Vize-Feldwebel, dann als Unterfeldarzt Dienst in Lazaretten, ausgezeichnet  mit dem Militär-Verdienstkreuz Erster Klasse. Er promovierte 1920 und ließ sich 1923 in Vilshofen als Arzt nieder. Am 2. August 1922 heiratete er die 23-jährige Apothekerin Alwine Philippine Anna Adler aus dem oberbergischen Städtchen Hückeswagen. Nach sechs Jahren wurde die kinderlose Ehe geschieden.11 Alwine Adler-Schnabelmaier heiratete  1929 in München den Juristen Dr. Carl Simon, der in der Nazizeit das Ernährungs- und Wirtschaftsamt Vilshofen leitete.

Der junge Arzt hatte schon bald den Ruf eines Wunderheilers, der mit einem Blick in die Augen Erkrankungen erkannte. Dass der  glänzende Operateur als „Sauerbruch vom Vilshofen“ bezeichnet wurde, belustigte ihn.  „Tonerl“ Gruber, *1939, Tochter der treuen Schnabelmaier-Helferin Maria Scharl, war 15 Jahre alt, „als ich dem Doktor etwas von Schmerzen sagte. Der schaute mich an, Minuten später operierte er mir in `seinem´ Krankenhaus den Blinddarm raus. Im selben Jahr traf es auch meine Mutter und den Vater. Als Chefarzt zugleich eine Privatpraxis zu führen, schaffte Dr. Schnabelmaier glänzend.“  Er machte sich einen Namen, weil er nach Erinnerungen alter Vilshofener  „zu jeder Tages- und Nachtzeit“ erreichbar war und „unversicherte Arme kostenlos behandelte“. Er entspannte sich am  Klavier, das er bravourös bespielte.

Kontakte zum Schullerhof bei Vilshofen

Im Jahr 1880 hatte Graf Sándor II. Nákó das Gut Schullerhof in der Gemeinde Alkofen nahe Vilshofen erworben. Graf Sándor und seine Frau Sabine Elisabeth, geb Wittenberg, *9. Juli 1854 in Wien, bewohnten in dem Vierseithof hauptsächlich in den Sommermonaten das Herrenhaus. Er starb am 22. November1889 in Arco, Tirol. Das Paar hatte zwei Kinder: Sándor III., *23. Dezember 1871 in Wien, und Erzsébet Bertha Maria Mileva, *5. Juli1885 am Schullerhof. Seine Witwe Sabine Elisabeth erbte den  Hof.12 Sie ehelichte am 5. Mai 1892 in Augsburg den kgl. bayr. Hauptmann und Obstexperten (Pomologe) Maximilian Welzl.

Nach dem Selbstmord ihres Sohnes Sándor III. in Nizza nahm dessen Witwe Hildegard  Gräfin Nákó  auf. Die Witwe fand sich in einem Haushalt wieder, der unter den allgemeinen Nöten nach Krieg, Revolution und Inflation litt, aber als Selbstversorger auch Ablenkung und Kurzweil durch viele Gäste bot. Hausarzt Dr. Heinrich Schnabelmaier hatte soeben in Vilshofen soeben seine erste Praxis eröffnet. Er und Hildegard Gräfin Nákó verliebten sich. Die bürokratischen Hürden für den deutschen Arzt und die ungarische Gräfin umgingen sie mit einem Auslandsaufenthalt. Und so versprachen die Verliebten sich am 9.Oktober 1929 in der Deutschen Botschaft  in London die eheliche Treue „in guten und in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet.“

Am 17.Juni 1931 starb Maximilian Welzl in Budapest. Am 30.Oktober 1939 wurde Sabine Elisabeth Welzl geborene Wittenberg, verwitwete Gräfin Nako bei einem Zugunglück nahe St. Martin bei Linz tödlich verletzt. Sie wunschgemäß in Budapest in der Gruft der Nákós auf dem Kerepeser Friedhof zu beerdigen misslanf – der Zweite Weltkrieg hatte begonnen, die Grenze zwischen Österreich und Ungarn war gesperrt, der Übertritt wurde verweigert. Und so wurde sie am Friedhof St. Barbara in  Vilshofen von Stadtpfarrer DDr.  Carl Boeckl beerdigt. 

Der Schullerhof fiel nun an die dort geborene Erzsébet Bertha Maria Mileva Gräfin Nákó, die Schwester des Grafen Sandor III. Nákó. Sie hatte Professor Dr.med. Lajos Adam, Rektor der Pázmány Universität Budapest, geheiratet. In ihrem Haushalt lebte Erzsébet Hildegard  „Hasi“ Gräfin Nákó, die Tochter aus der Ehe des Grafen Sandor III. mit jener Hildegard, die jetzt mit Dr. Schnabelmaier verheiratet war.

Das private und berufliche Leben der Familie Dr. Schnabelmaier hatte sich zur ländlichen Idylle entwickelt. Bäuerliche Patienten beglichen die Arztrechnungen gerne mit selbst erzeugten Produkten. Zu Festtagen wurden Hühner, Gänse, Enten, auch Donaufische, an Schlachttagen frisches Fleisch und hausgemachte Würste gebracht. In der Jagdsaison hingen Hirsch- und Rehbraten, Hasen und Wildgeflügel an der Haustüre – „und angesichts so großer Mengen sah sich so mancher arme kinderreiche Patient an Ostern oder Weihnachten mit Fleisch aus dem Doktorhaus beschenkt.“13  Seine medizinischen Erfolge in der eigenen Praxis sowie in den Krankenhäusern  Vilshofen und Osterhofen, ferner die Mitmenschlichkeit in seinem Wesen machten den Mediziner zur Idealfigur eines bayerischen Landarztes, mitfühlend, Diagnose-sicher, selten rau, aber immer herzlich.14

Hier der bis hin zum Habitus unauffällige Arzt, dort seine  temperamentvolle, weltgewandte,  elegante Frau Hildegard, schien ihre Ehe auf den ersten Blick eine Feuer-Wasser-Verbindung zu sein. Doch  Dr. Heinrich II. und Hildegard Schnabelmaier  ergänzten einander. Sie beteiligten sich am gesellschaftlichen Leben der Stadt. In ihrem gastfreundlichen Haus verkehrten Menschen aus allen Ständen:  Park-Hotelier Wieninger,  der Dichter und Arzt Dr. Hans Carossa, Geistlichkeit von Passau bis zur Abtei Schweiklberg hoch über Vilshofen, Politiker, Lehrer, Handwerker, Bauern und Künstler aus der Region und aus dem benachbarten österreichischen Innviertel. 

Dr. Schnabelmaier war laut seinem Nachruf im VILSHOFENER ANZEIGER „ein begeisterter Verehrer der Kunst“,  liebte die Musik, die Literatur, das Theater und die Malerei. Er genoss es, in Buchläden zu kramen. Inmitten festlicher Fröhlichkeit hielt er sich im Hintergrund, während seine   musizierende, Tanz-begabte  lebhafte Frau die Regie führte.

Latenter  Judenhass in Vilshofen  –  Freunde und Feinde der Schnabelmaier

In Vilshofen hatte es seit 1919  Revierkämpfe der Parteien um den größten Saal in der Stadt gegeben, in dem im Anschluss an die seit 1880 amtlich erlaubten extra ordinären Vieh- und Warenmärkte die sogenannten „Aschermittwochs-Veranstaltungen“ abgehalten wurden. Sie waren der Versuch, Stimmen für kommunale, Landes- oder Reichstagswahlen zu gewinnen.  1933 hatte erstmals die NSDAP diesen Wieninger-Saal „erobert“, 1 000 Zuhörer drängten darein. Schon 1935 drehten Kameraleute der UFA einen Beitrag für die Wochenschau, das erfolgreiche Propagandainstrument der Nazis. Vilshofen wurde als d e r Ort des „Politischen Aschermittwochs“ im Lande bekannt.

Kreisleiter war der Apotheker Ernst Klee, der aber schon Ende November 1933 von Georg Poxleitner abgelöst wurde. Der war auch NS-Bürgermeister und Abgeordneter des Reichstages. Er lag häufig in Fehde mit dem für die Neuordnung der Stadt- und Gemeinderäte zuständigen Sonderkommissar Johann Pöppl. Doch vereint gelang es ihnen, Kinder im Jungvolk, Mädchen für die Wander-, Gesangs- und praktischen Angebote des Bundes Deutscher Mädchen (BDM), die Burschen für die Hitler-Jugend (HJ) zu begeistern: Als ab 1936 ein Segelflugzeug mit dem Namen der Stadt zur Verfügung stand, meldeten sich stetig noch mehr Interessenten in die einzelnen Gruppen, die mit Ausflügen, Sport, Segelunterricht für Luft- und Wasserfahrzeuge bei Laune gehalten wurden und gar nicht merkten, dass sie in einer (vor-)militärischen Ausbildung standen. Mütter wie Maria Voggenreiter, die sieben von acht Söhnen an den Fronten verlor, zahlten am blutigen Ende die Zeche.

Festliche Aufmärsche, lokale und überörtliche Sportveranstaltungen, Waffenübungen, Lichterfeste und Fahnenmeere banden die Massen, Lautmäuler wie SS-Unterscharführer Oskar „Ossi“ Schmid im Landratsamt und der aggressive Hans Schedlbauer amüsierten oder ängstigten die Bevölkerung.  Zollinspektor Schedlbauer, *1885,  wurde SA-Hauptsturmbannführer und NS-Kreisausbildungsleiter. Im Januar 1942  an die Ostfront geschickt und Ende Mai 1943 als Oberleutnant entlassen, war er kaum mehr zu bändigen. Gegen Kriegsende wurde er zum Kreisstabsführer des Deutschen Volkssturms ernannt. Dass unter ihm fünf Sachbearbeiter dienten, machte ihn stolz. Am 20. Dezember 1944 meldete er acht Bataillone an die Gauleitung in Bayreuth. Im März 1945 meldete sich letztmals ein Kreisamtsleiter Dr. Rüth aus Vilshofen mit der resignierenden Erkenntnis zu Wort, dass mit den Männern des Volkssturms zumindest in Vilshofen vor allem aus Alters- und Gesundheitsgründen kein Staat mehr zu retten sei.

Wer heute noch glauben machen will, erst der von Adolf Hitler und seinen zahllosen Anhängern und Mitläufern propagierte Arier-Wahn und der staatlich-ideologisch geförderte mörderische Judenhass habe verursacht, dass eine absolute Mehrheit der  Deutschen widerspruchslos auf die Ermordung von Millionen Juden reagierten, lügt! Die „Nürnberger Judengesetze“  missachteten die Taufe der  Hildegard Schnabelmaier, bezogen den Sohn Friedrich Wilhelm Heß in Wien, die zeitweise bei Schnabelmaier lebende Tochter Elisabeth „Hasi“ Gräfin Nákó und den am 7. Mai 1931 geborenen Sohn Heinrich III. Ludwig in die verfolgte Minderheit der Deutschen jüdischer Religion ein. Was damals geschah, war gespenstisch. Denn bis heute können Historiker  nicht erklären, wie es den Nazis gelang, die Menschen binnen weniger Jahre so zu radikalisieren und ihren humanen Traditionen zu entfremden.

Die 1331/32 und 1336 in Vilshofen registrierten Juden hatte jene Vernichtungswelle mitgerissen, die 1338 mit dem Mord an den Deggendorfer Juden losgetreten worden war und bis Braunau am Inn 20 jüdische Niederlassungen vernichtete.15  Anscheinend hatten einige Gefährdete fliehen können, denn 1392 hielten sich in Passau Juden auf, die sich nach Vilshofen benannten. In der Stadt selbst wird erst 1425 wieder ein Jude genannt.16

Unter etwa einem Dutzend Juden, die im 19. Jahrhundert zeitweilig in Vilshofen lebten, war der Kaufmann David Hoffmann, der als freier Vertreter mit Gebetbüchern handelte, aber auch jegliche sonstige Ware bis zu Bestecken, Töpfen, Wäsche usw. besorgte. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließen sich kurz hintereinander vier jüdische Kaufmanns-Familien dauerhaft in der Donaustadt nieder  und erwarben Wohn- und Bürgerrechte. Den Religionsunterricht erteilte  „Wanderlehrer“  Nathan Frank, *1880 in Wertheim/Unterfranken, seit 1903 Lehrer, Kantor und Schächter der Gemeinde in Straubing, Die Hohen Feiertage wurden bei Familie Finger gefeiert. Die verwahrte die Thorarolle auf, aus der die Kaufleute Altbaier und Altmann vorlasen.

Während es in Passau bereits 1919 meist aus Konkurrenzneid Boykottforderungen gegen jüdische Unternehmer gegeben hatte, verlangten „arische“ Viehhändler 1922 von der  Stadt Vilshofen, jüdische Händler von ihren Märkten zu vertreiben. Die Viehmärkte  waren ein wichtiges Glied in der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt. Händler und Käufer kamen aus ganz Bayern, aus Österreich und Böhmen. Viehzüchtende Bauern konnten sich nur dort mit Bargeld versorgen.  Markt-Beschicker und Kaufinteressenten belebten nach erfolgreichem Handel nicht allein Bräustüberl und Gaststätten, sondern waren ab dem späten 19./frühen 20. Jahrhundert auch die bedeutsamste Kundschaft der vier jüdischen Geschäftsleute in der Stadt.  Ihr Ansehen speiste sich aus ihren konkurrenzlos günstigen Preisen für erstklassige Ware sowie aus dem Angebot der Ratenzahlungen.  Das Gefüge zu stören war nicht ratsam – der bescheidene Wohlstand der Stadt, der Region und ihrer Bürger war mangels sonstiger Produktionswirtschaft von den Märkten abhängig.  

Als auch in Vilshofen der Sturm der Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte begann,  zeigten nur wenige  Mitbürger Zivilcourage.  Zu ihnen gehörte Hotelier Wieninger. Noch in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft lud er stets auch die jüdischen Familien Vilshofens ins Haus ein,  das deswegen in der Region zunehmend als „Judenhaus“ geschmäht wurde. Fanatische Nazis wie der 1945 von dem US-Sergeant „Jacks“ Jackson brutal ermordete SA-Hauptsturmführer Hans Schedlbauer empörten sich, dass „die Jüdin“ Schnabelmaier „sich frech in der Stadt bewege und den Judenstern nicht anlege“. Dabei war sie seit dem 10. Dezember 1939 endgültig in das eheliche Haus gebannt.  Denn auf Antrag des NS-Parteigenossen Dietel, Touristikchef der Bayerischen Ostmark,   hatten Bürgermeister und Rat verkündet:

„Mit sofortiger Wirksamkeit wird den Juden deutscher Staatsangehörigkeit (…) im Bereiche der Stadtgemeinde Vilshofen der Besuch nachstehender Örtlichkeiten verboten:

Die beiden Kriegerehrenmäler,
Konzertsaal,
Lichtspielhaus,
Viehmarktplatz,
Volksfestplatz,
die Städt.(ischen) Park- und Gartenanlagen,
die Spazierwege an der Donau- und Vilslände,
die Städt(ische) Warmbadeeinrichtung,
die Städt. Badeanlage an der Vils,
die Städt. Volksbücherei,
das Städt. Heimatmuseum.“ 17

Chefarzt Dr. Heinrich Schnabelmaier verweigerte  unbeirrt die Scheidung von seiner Frau Hildegard.  Er liebte sie, sie half ihm in seiner Praxis, erzog den gemeinsamen Sohn, organisierte den Haushalt, war nicht nur bei Patienten und häuslichen Gästen angesehen – scheinbar, wie sich bald nach 1933 herausstellte! Franz Habermanns Aussage, „…Und dabei hat Heinrich gar nicht gewußt, daß sie eine Jüdin ist, wie er sie geheiratet hat…“, war falsch. Nicht nur der Arzt hatte die jüdische Ahnentafel seiner Frau gekannt.  In seiner durchweg akademisch gebildeten Familie hatte man grummelnd auf die Heirat reagiert, obwohl doch Stiefmutter Centa Bré vertrauensvoll mit jüdischen Autoren, Schauspielern und Regisseuren zusammengearbeitet hatte. Hier im ländlichen Raum aber wurden Ressentiments gegen „die Jüdin“ laut, und Österreicherin mit ungarischem Ehemann war sie obendrein gewesen….

Aus der Sicht des Bräutigams hatte aber die jüdische Herkunft keine  Rolle gespielt.  Hildegard Popper-Peters, verw. Heß, verw. Gräfin Nákó war katholisch getauft. Und Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg dank seiner zwar vielgeschmähten, aber zutiefst demokratischen  (Weimarer) Verfassung  ein  Rechtsstaat, der Religionsfreiheit garantierte!

Ihr christliches Hausmädchen Maria Franziszi, die  Haushalt- und Praxishilfe Franziska Obermüller und Sprechstundenhilfe Resi Speckmeier, blieben unbeirrt im Dienst der Familie. Sie wurden dafür bei Einkäufen und sonstigen Besorgungen für die Familie Dr. Schnabelmaier auf offener Straße bedroht und beschimpft. Binnen Tagen waren die ehrenwerten und bis dahin scheinbar ehrengeachteten Eheleute Schnabelmaier zu Parias geworden, ihre treuen Mitarbeiterinnen geächtet.

Wie die Schnabelmaier-Verwandtschaft und Freund Habermann  bewährten sich in diesen Tagen des schieren Hasses auch  Freunde des Chefarztes aus dessen Studien- und Praktikantenzeit, ferner Mitbürger wie Kleinbauer und Mechaniker Sepp Hartl und dessen Bruder Franz, ein Priester, aus Vilshofen-Aunkirchen als verlässliche Stützen der verfolgten Familie.18 Der Münchner Studienrat Siegfried von Heindl: „Wenn ich meinen Vater in Vilshofen besuchte, ging ich ostentativ auch bei Schnabelmaiers ein und aus!“ Und selbst in der auf den nationalsozialistischen „Führerstaat“ eingeschworenen Stadtverwaltung gab es mindestens einen heimlichen Sympathisanten: Den seit 1937 im Einwohnermeldeamt  tätigen Obersekretär Max Baum, der  1933 als Nazigegner in „Schutzhaft“ genommen  worden war. 

Heinz Schnabelmaier schrieb im September 1963:

Die mit der Nazi-Gesetzgebung verbundenen Schikanen fanden nicht ihren alleinigen Niederschlag in einem Reiseverbot, Krankenhausverbot usw…(…) sie waren vielmehr begleitet von zahllosen kleinen wie größeren Aufregungen, die (…) zu dauernder Angst, zu dauerndem Gefühl der Unfreiheit und somit zu einem permanenten Zustand psychischer Anspannung führten…“

Franz Wieningers Sympathie-Bekundungen waren bedeutsam, weil seine Familie wegen ihres einstigen Reichtums  einflussreichsten Vilshofens gehörte. Wieninger waren 1796  zugezogene „Brauhaus- und Realitätenbesitzer“ Gottlieb Wieninger, mit 170 Gulden Jahresteuer reichster Bürger, war 1818 Bürgermeister geworden und 1824 in die Zweite Kammer der bayerischen Ständeversammlung, den späteren Landtag, gewählt worden. Großgrundbesitzer Felix Wieninger betrieb 1886/87 seine Danubiusmühle mit einem Stromgenerator und hatte bei seiner  Getreide-, Mehlhandels- und Maklertätigkeit auch jüdische Kunden. Seine Unternehmen fuhr er gegen die Wand, Reste des Reichtums wurden in den Bau eines Gebäudes gesteckt, das als Konzert- und Versammlungssaal sowie als Kino diente, ferner in den Umbau der familiären Villa zum etablierten Parkhotel. Der Einfluss war geblieben.19 

Kaum war der Chefarzt gefeuert, sah sich die Familie isoliert. Der in der Stadt praktizierende Facharzt für Chirurgie, Dr. Schwaabe, wurde den Krankenhaus-Mitarbeitern  von Landrat Hans Grosch persönlich als Nachfolger  vorgestellt. Der  Ex-Chefarzt verlor  auch seine Approbation als Arzt, er stürzte vom durchschnittlichen Jahreseinkommen zwischen 50- bis 80 000 Reichsmark auf null ab!  Dankbare Patienten blieben ihm treu. Ungewollt gefährdeten sie mit  nächtlichen Besuchen den Ex-Arzt, seine verfolgte Frau und den laut den „Nürnberger Gesetzen“ als „Halbjude“ ebenfalls bedrohten Sohn Heinz.

Die Willkür eines Terrorstaates offenbarte sich in Vilshofen, als Dr. Schnabelmaier wenige Wochen nach seinem Rauswurf von Landrat Grosch zum chirurgischen Dienst im Krankenhaus „gebeten“ wurde. Dr. Schnabelmaier witterte eine Falle, war ihm doch die Approbation entzogen worden. Dann aber informierten ihn treue Mitarbeiterinnen, Dr. Schwaabe sei zum Kriegsdienst eingezogen worden.  Dr. Schnabelmaier kehrte als Chirurg in „sein“ Krankenhaus zurück. Knapp sieben Monate danach schrieb

„Der Landrat An Herrn Dr. Schnabelmaier, pr. Arzt, V i l s h o f e n, 26. 4. 1940

Betreff: Ärztliche Versorgung der Zivilbevölkerung im Kreiskrankenhaus V i l s h o f e n.

Der Facharzt für Chirurgie Dr. Schwaabe wird, nachdem er auf unbestimmte Zeit aus dem Heeresdienste entlassen wurde, am Montag dem 29. April 1940 seine ärztliche Tätigkeit im Kreiskrankenhaus Vilshofen wieder aufnehmen. Damit ist Ihre vorübergehende Zulassung zu chirurg. Verrichtungen im genannten Krankenhaus gemäß meiner Verfügung vom 8. 9. 1939 wieder aufgehoben.

Soweit eine bereits begonnene Behandlung bis zum 29. 4. 1940 noch nicht abgeschlossen ist, wollen Sie dieselbe noch weiterführen.                                                                               Grosch

                                                                                               

1938: Die Reichspogromnacht, Hildegard Schnabelmaiers erste und zweite Flucht und die Rettung des Sohnes Heinz

Feindseligkeiten gegen Juden hatte es in Vilshofen auch vor 1938 schon gegeben. Nach  Angaben der Hildegard Schnabelmaier  warnte sie am 31. März 1933 der Justizbeamte und SA-Mann Eggersdorfer:  „Es könnte Schwierigkeiten geben!“ 

Wie alle Beamten hatte auch Eggersdorfer (1882 – 1944) in der Weltwirtschaftskrise seit 1929 Gehaltskürzungen hinnehmen müssen. Und wie so viele hatte er sich der SA in der Hoffnung auf bessere Zeiten angeschlossen. Er hatte als Soldat von 1903 bis 1907 in Deutsch-Südwest-Afrika gekämpft, war als Gefängnisbeamter über Rotthalmünster, Augsburg, Kronach und Griesbach 1929 nach Vilshofen gekommen. Dort war er bis 1936 SA-Ortsgruppenleiter – und Nachbar der Familie Dr. Schnabelmaier. Bis heute sind in Vilshofen Geschichten über den menschenfreundlichen „Wachtel“ Eggersdorfer im Umlauf:

Dass er der einmal zur Abholung durch die Gestapo willkürlich festgesetzten, aber noch nicht ins Haftbuch eingetragenen Hildegard Schnabelmaier auf Drängen deren Schwägerin Mariele Schmid die Flucht ermöglicht habe;

Treffen von Häftlingen mit ihren Familien arrangierte;

nächtliche Entweichungen auf Ehrenwort erlaubte –

er hatte ja keine Schwerkriminellen zu bewachen, sondern arme Teufel, die aus Not wilderten, wegen Mundraubs angeklagt wurden, gebettelt, heimlich gefischt, Miet- oder sonstige Schulden nicht beglichen hatten.

Die Warnung dieses Mannes veranlasste Hildegard Schnabelmaier zu einer sofortigen Flucht nach München. Und so entkam sie einer Horde von SA-Leuten, die am 1. April 1933 vor der Villa „nach der Jüdin“ gröhlten und ihren Mann und den Sohn sowie das Personal in Angst und Schrecken versetzten. Mit Bitternis mussten diese erkennen, dass die vielbeschworene Symbiose zwischen Juden und Nichtjuden bestenfalls in Gleichgültigkeit umgeschlagen war. Als Hildegard Schnabelmaier sich nicht mehr aus dem Haus wagen durfte und in der fortwährenden Aufregung einen Abgang beklagen musste, als überdies ihr Sohn Heinz nur mehr in  Begleitung  zur Schule gehen konnte, war sie für Juden lebensbedrohlich geworden.

Das verhängnisvolle Jahr 1938 riss die Familie in eine anhaltende Verfolgung. Am 8. November hatte die Partei den „Tag der Bewegung“ gefeiert, die Erinnerung an den 1923 gescheiterten Putsch Hitlers und der NSDAP in München. In den Tagen zuvor aber hatte GESTAPO-Chef Reinhard Heydrich Parteifunktionäre in allen Gliederungen angewiesen,  am 9./10. November

„…in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen.  Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schnellster Unterbringung der Juden in den Lagern Verbindung aufzunehmen…“

Im gleichzeitigen geheimen Fernschreiben an die Staatspolizeistellen und -leitstellen hieß es:

„Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20- 30 000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden…“

Fast nirgends im Deutschen Reich hielten sich lokale SA- und/oder SS-Schlägertrupps an die Anweisungen: Praktisch alle Juden wurden gejagt, auch in Vilshofen.  Und es wurden vermögende  und arme Juden gleichermaßen beraubt. Allerdings ereignete sich das staatliche Großverbrechen in Vilshofen erst in der Nacht, nachdem SA-Horden in Passau ihre dortige Gewaltorgie schon feierten: Vilshofens Nazi-Bosse hatten die Lizenz zum straflosen Verbrechen glatt verschlafen.

Vilshofens Kreisleiter Michael Hutter warni cht erreichbar gewesen. Und so hatte Gauleiter Fritz Wächtler den beim Passauer Fuchswirt feiernden  Nazi-Kreisleiter Max Moosbauer am 10. November 1938 gegen 1 Uhr nachts telefonisch beauftragt, sich um Vilshofen zu kümmern und sämtliche Juden in Schutzhaft zu nehmen. Mit barbarischer Härte  wurden nun Schaufenster jüdischer Geschäfte zerschlagen, die jüdischen Familien  Vilshofens an- und aufgegriffen, ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand. In einem Brief an Anna Rosmus/Passau, der im Stadtarchiv VOF verwahrt wird, beschrieb Ernesto Finger aus einer der Familien das Grauen dieser Nacht, erwähnte verbittert auch das Wüten des „Obergschaftlhubers Schedlbauer, der sich äußerst wichtig vorkam.“ NS-Ortsgruppenleiter Dr. Hans Estner, ein Zahnarzt, erschien erst, als alles vorbei war und nur noch aufgeräumt werden musste.20 

Nazis unter Max Moosbauers und Schedlbauers Führung stürmten in dieser schrecklichen Nacht auch die Villa der Familie Schnabelmaier. Doch die Frau war nicht da –  ihr  Mann hatte sie in Sicherheit gebracht.  Wer aber hatte sie vor den bevorstehenden Ereignissen des laut der Reichsregierung „spontanen Volkszorns“ in der „Reichspogromnacht“  gewarnt? Wer hatte ihnen den Weg in eine schützende Berghütte bei Berchtesgaden gewiesen?  Das  Buch „DIE WEHRLOSEN  Ein Kinderschicksal im Schatten des Dritten Reiches“ der Emmi Henemann

(Pseudonym  „Alma Sidonie Parthenay“) löst dieses Rätsel.

Emmi Henemann war eine Mitschülerin des Dr. Heinrich Schnabelmaier gewesen. Bei einer Zufallsbegegnung im Jahre 1938 informierte der Arzt sie über die katastrophale Lage seiner Familie. Henemanns Vorfahren und weitere Hugenotten waren zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Parthenay in der französischen Bretagne geflohen und in der evangelischen Grafschaft Ortenburg  aufgenommen worden.  Zum religiösen Grundverständnis der Hugenotten gehört die Affinität zum Judentum, die sich aus dem beiden Religionen gleichermaßen bedeutsamen  Alten Testament speist.  So sahen sich die Familie Henemann und weitere Hugenotten-Nachfahren als natürliche Gegner des juden- und christenfeindlichen Nazitums und als Beiständer verfolgter Juden. Henemanns  konkrete Hilfe für die gefährdete katholische „Jüdin“ Hildegard Schnabelmaier war das Angebot einer Hütte unweit von Hitlers „Berghof“ in Berchtesgaden als Versteck. Sie gehörte Familie Henemann!

Dr. Schnabelmaier brachte seine Frau in einer Gewalttour dorthin. Sie passierten Gemeinden, in denen  die Jagd auf Juden schon begonnen hatte. Dass kein Kontrollposten sie aufhielt, war reines Glück. Vorbeifahrend sahen die Fliehenden, was Juden an jenem Tag angetan wurde und auch ihnen drohte: Es schien nur noch entfesselte Deutsche zu geben, für die ausnahmslos jeder Jude zum „Volksfeind“ mutiert war.

Kaum war seine Frau auf dem Weg zur Hütte,  kehrte Dr. Schnabelmaier um und kam so rechtzeitig bei seiner Villa an, dass er von Hans Schedlbauer und dem NS-Kreisleiter Max Moosbauer angeführten NS-Funktionären entgegentreten konnte: Die illegale Durchsuchung seines Hauses konnte er nicht verhindern, doch seine Frau war in Sicherheit. Und in einer wagemutigen Aktion, an der sich Ärzte und Schwestern des Krankenhauses beteiligten, gelang es, auch den siebenjährigen Heinz Schnabelmaier aus der Gefahrenzone zu bringen, bis nach der Mord- und Zerstörungswelle, die  auch über Vilshofens  jüdische Familien Altbaier, Altmann, Finger und Haag hinweg gerast war, ein wenig Ruhe einkehrte.  Lore Altbaier-Hahn, mittlerweile in Kalifornien daheim, erzählte Anna Rosmus 1986 über die Tage danach:

„…Mit Hilfe von freundlichen Nachbarn existierten wir. Familien Schweikl (Bäcker), Sandgruber (Tierarzt) und Hopper (Schuhgeschäft) waren besonders freundlich.“ 21 

Das versteckte Ausweisformular

Als ab Frühjahr 1941 von den Landratsämtern für Juden neue Personalausweise  mit dem gestempelten „J“ = Juden ausgestellt werden mussten, wurde die Situation für Hildegard Schnabelmaier unhaltbar. Zweitschriften der Amtsformulare mussten nämlich an das „Reichssicherheitshauptamt“ (RSHA) in Berlin geschickt werden. Sachbearbeiter im Landratsamt Vilshofen war Verwaltungssekretär Oskar  „Ossi“ Schmid. Er schickte das Duplikat des Ausweisformulars der Hildegard Schnabelmaier nicht ans RSHA, sondern schob es in der Registratur im Keller des Amtes hinter einen Heizkörper.

Als „Ossi“ Schmid nach dem Ende des Nazi-Terrors ins Visier von Entnazifizierern geriet, verteidigte er sich vehement mit dem Hinweis auf das versteckte Ausweisformular der Hildegard Schnabelmaier, das tatsächlich hinter dem Heizkörper im Keller des Landratsamtes gefunden wurde. War er ein Held, nämlich ein Mensch, der unter Inkaufnahme eines gewissen Risikos Gutes tut, ohne dabei leichtsinnig zu werden?

Schmid war schon 1929 NSDAP- und SS-Mann geworden. Heimatforscher Benno Hofbrückls Vater sprach vom „windigen Ex-Schuster Schmid, der als typischer Karriere-Nazi unter dem Spott der Vilshofener seine Reisen in die NS-Zentrale in München pompös inszenierte.“  

1978 wurde gegen den anonym angezeigten Schmid wegen des Verdachts ermittelt, 1943 in die Ermordung des Pfarrers Ludwig Mitterer von Otterskirchen verwickelt gewesen zu sein. Dabei nannte Ex-Landrat Johann Michael Wabel als Zeuge Schmid  „einen subalternen Beamten und unbeliebten, geschwätzigen Wichtigmacher.“  Aber nicht einmal Landrat Wabel hatte gewusst, dass Schmid ein Spitzel im 1931 gegründeten „Sicherheits-Dienst des Reichsführers SS (SD)“ war. Dieser  Geheimdienst schüchterte die Bevölkerung ein, ermordete denunzierte „Staatsfeinde“, bekämpfte und vernichtete politische Gegner, Intellektuelle, Kommunisten und Juden in den besetzten Gebieten und im Inland.

Auf gut Bayerisch: Ein Bettelmann war aufs Ross gekommen und nichts konnte ihn mehr bändigen! Zeitzeugin Rosemarie Neumann erfuhr von Insidern, Schmid habe das Formular gegen Bargeld und als „Rückversicherung“ versteckt. Tatsache ist, Schmid war von 1939 bis 1945 mit Unterbrechungen Soldat an der Front, also unschuldig im Falle Mitterer? Unwiderlegbar beteuerte er: „Ab 1939 durfte ich die SS-Uniform nicht mehr tragen, weil ich bei einem Arzt Dr. Schnabelmaier verkehrte, dessen Ehefrau eine Jüdin war. Dr. Schnabelmaier war mein Hausarzt!“

Schmid war bis 1947 zwei Jahre im NS-Funktionärslager der US-Army in Moosburg gefangen,  von einer Spruchkammer als „Aktivist“ eingestuft. Dann hatte sich Schnabelmaier-Rechtsbeistand Richard Obermüller der Sache Schmids angenommen, der  – selbst fast zehn Jahre KZ-Häftling – Milderungen des Urteils erreichte. Schließlich wurde der „Mitläufer“ Schmid 1956 im Landratsamt Vilsbiburg eingestellt.

Leben im Untergrund

SD und GESTAPO arbeiteten Hand in Hand. Und so erfuhr die Geheimpolizei in Regensburg ungeachtet des versteckten Schnabelmaier-Formulars den Aufenthaltsort der Frau, die sich doch dank Schmid vermeintlich in Nichts aufgelöst hatte… Am 23. Januar 1945 erhielt sie einen Brief, den „Ernst Israel Hermann, Vertrauensmann der R(eichs-)-V(ereinigung) der Juden in Deutschland“ aus Regensburg  unterschrieben hatte:

„Frau  Hilde Schnabelmaier, Vilshofen, ist von der Geheimen Staatspolizei Regensburg zum Arbeitseinsatz in Theresienstadt bestimmt worden. Die Abfahrt erfolgt am 6. 2. 45 hier früh 5 Uhr 20.

Mitbringen soll sie:

Marschverpflegung für einige Tage, warme Bekleidungsstücke, Essgeschirr und Besteck, warme Decken, jedoch kein Bett. Also Gegenstände, die zum Lagerleben verwendbar sind und soviel sie selbst tragen können, da eine Gepäckaufgabe unmöglich ist.

Es handelt sich um keine Evakuierung, sondern um einen Arbeitseinsatz. Vermögensfragen werden infolgedessen nicht berührt. Es steht Ihnen auch frei, über zurückgelassenes Eigentum testamentarisch (zu) verfügen. Minderjährige Kinder sind bei Verwandten oder durch öffentliche Fürsorge unterzubringen.

Arische Ehegatten müssen zurückbleiben und leerstehende Wohnungen sind zu verschliessen und die Schüssel einem von Ihnen zu bestimmenden Treuhänder zu übergeben. Die Lebensmittelkarten der 72. Periode sind in Reisemarken umgetauscht mitzubringen, Bargeld nach Belieben. Es ist zwecklos ein Gesuch um Freistellung einzureichen, persönliche Vorsprache bei der Geheimen Staatspolizei dieserhalb ist verboten.22

Als die NS-Regierung 1939 die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“  (RJD) gründete, machte sie alle – auch getaufte – Juden zu Pflichtmitgliedern. Gewählte Vorstände der Gemeinden wie etwa Ernst Hermann (1907 – 1975), wurden nun zu Verantwortlichen der RJD, die unter der Aufsicht des RSHA und der Gestapo stand. Die Vereinigung diente als Instrument der Kontrolle der jüdischen Bevölkerung und der Durchführung der „Endlösung der Judenfrage“.

In den ersten Jahren ihrer stetigen Bedrohung war sich Hildegard Schnabelmaier noch des Schutzes ihres Mannes sicher gewesen. Doch nun, den Termin der Abholung nach Theresienstadt schwarz auf weiß vor Augen, gab es keine Hoffnung mehr. Sie gab sich nicht auf, aber es  wurde einsam um sie. Nicht einmal Verwandte und engste Freunde durften erfahren,  wo sie sich aufhielt. Und niemals sprach sie mit mutigen Gastgebern über andere Helfer – zu groß war die Sorge, hilfsbereite Mitmenschen in Todesgefahr zu bringen.

Kein Denunziant war der Stadtbeamte Baum, der ohne zu zögern Papiere ausstellte, als Hildegard Schnabelmaier sich ab September 1941 bis zum 9. September 1943 zwei Mal für jeweils fast ein Jahr nach München ab-  und nach einiger Zeit in Vilshofen zurückmeldete!  Sie begleitete ihren Sohn zu Oberstudienrat Siegfried von Heindl, tauchte unter, holte ihn aber am Schuljahresende zur Heimreise ab. Auf  Wald- und Feldwegen näherten sie sich ihren Verstecken. Die Frau wagte es weder, in den für München angegebenen Adressen, noch in der Familienvilla zu übernachten. Denn seit der Entlassung ihres Mannes aus dem Krankenhausdienst war die Villa immer öfter durchsucht und beide Eheleute gedemütigt und bedroht worden. Schnabelmaiers Säuglingsschwester des Sohnes Heinz, die spätere Treuhänderin,  Maria Franziszi:

Die Verfolgung wirkte sich bei Frau und Dr. Schnabelmaier  sowohl finanziell, als auch gesundheitlich furchtbar, letztlich unbeschreiblich aus. Die durch die Jahre nach 1933 erlittene Angst und die stetigen Sorgen verschlechterten den Gesundheitszustand bei Frau und Herrn Dr. Schnabelmaier zusehends. Ab 1938 steigerte sich auch die Verfolgung des Sohnes bei allen möglichen Gelegenheiten ins Unerträgliche. Immer wieder kamen Drohbriefe von der Kreisleitung mit schikanösen Forderungen und bedrohlichen Mitteilungen. Auch die Hausdurchsuchungen häuften sich. Willkürlich wurden durch den Landrat wunderschöne Möbel, kostbare Bilder und sonstige Wertgüter beschlagnahmt und aus dem Hause getragen. Und immer wieder musste Dr. Schnabelmaier sich bei der Kreisleitung anhören: `Lassen Sie sich halt scheiden, dann ist alles in bester Ordnung!`“

Nachdem Heinz Schnabelmaier  wiederholt blutig geschlagen und durch Beschimpfungen und Drohungen total verängstigt aus der Schule heimgekehrt war, hatte sein Vater Eltern aufgehetzter Kinder aufgesucht und sich beschwert. Die NS-Kreisleitung verbot ihm  solche Vorsprachen, setzte ihn mit häufigen Vorladungen unter Druck. Sohn Heinz Schnabelmaier schrieb am 24. April 1964 über die fortgesetzten Schikanen:

„Etwa ab 1940 begann die Serie der Haus(durch)suchungen. In meiner Erinnerung weiß ich genau, daß es meinem Vater weit weniger ausmachte, daß man Radioapparate, Wäsche, Nahrungsmittel usw. usf. beschlagnahmte, als vielmehr die Tatsache, in ständiger Bedrohung zu leben. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, daß diese Haussuchungen schrecklich aufregend waren. Gelegentlich war mein Vater nicht anwesend, so daß ich es war, der den Landrat, der gelegentlich höchstpersönlich die Durchsuchungen ausführte, durch  die Räume meines Elternhauses begleitete. Meine Mutter versperrte sich aus Furcht und Aufregung und schließlich auch, um sich nicht infamen Beleidigungen aussetzen zu müssen, meist in ein Nebenzimmer und ließ sich als krank ausgeben. Das Entsetzliche an diesen Haussuchungen war – gleich ob mein Vater oder ob ich den Landrat herumführten – die Tatsache, daß man niemals wußte,  ob (…) Gegenstände abgeholt wurden, oder ob es nicht diesmal ein Mitglied der Familie wäre. (…) Am 28. Oktober 1944, dem 50. Geburtstag meines Vaters, wurde dieser verhaftet und zum Zweck der Untersuchung für die Einziehung zur Organisation Todt beim Amtsarzt vorgeführt. Als mein Vater nach langen Stunden zurückkehrte, klagte er erstmals über ein Druckgefühl in der Herzgegend…“

Dr. Schnabelmaiers Freund Franz Habermann berichtete nach dem Krieg an Eides statt:

„Die seelischen Belastungen, denen Dr. Schnabelmaier seit 1933 in stets gesteigertem Maße ausgesetzt war, waren schlechthin unerträglich. Angefangen von der durch die NSDAP betriebenen persönlichen Diffamierung und Diskriminierung, über die Entziehung der Leitung des Krankenhauses Vilshofen bis zu der einem öffentlichen Spießrutenlaufen gleichkommenden Vorführung an den Amtsarzt durch einen Polizisten quer durch die ganze Stadt, und endlich zu der aus Sicherheitsgründen zwingend notwendig gewordenen Flucht der Ehegatten Schnabelmaier aus Vilshofen ergab sich eine ununterbrochene Kette von sich ständig häufenden Schwierigkeiten, Anfeindungen und Gefahren.. .“

Wie gelähmt vor Angst war Dr. Schnabelmaier an jenem Oktobertag 1944, als er verhaftet und vom Gendarm quer durch die Stadt ins Gesundheitsamt geführt wurde. Dessen Chef,  Dr. Johann Killinger, erzählte Rosemarie Neumann nach dem Krieg, er habe sich geschämt,  denn  ihm sei befohlen worden, „festzustellen, ob Dr. Schnabelmaier Arier war – ein Unsinn, denn wie hätte ich das feststellen können? Also schrieb ich einfach in ein Formular: `Dr. Schnabelmaier ist Arier!´“ Der Amtsarzt log: Tatsächlich hatte er die Frontdiensttauglichkeit seines Kollegen für die Organisation Todt feststellen sollen – und sie bestätigt. Dabei war nicht zu übersehen gewesen, dass Dr. Schnabelmaier an Angina pectoris litt, die schließlich seinen frühen Tod verursachte. Kurz nach der Untersuchung warnte eine Schwester des Krankenhauses ihren Ex-Chef:  „Sie werden eingezogen. Bringen Sie sich in Sicherheit!“  Dr. Schnabelmaier hat ihren Rat befolgt.

Seine Angst vor Dr. Killinger war die Folge eines Skandals, der 1936 Vilshofen erschüttert hatte – trotz aller Geheimhaltungs-Bemühungen der Nazis. 1933 war das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen worden. In der Folge wurden zahllose Menschen gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht. Chefarzt Dr. Schnabelmaier war als „jüdisch versippt“ unwürdig, Menschen zu sterilisieren. Dr. Killinger aber diagnostizierte 1936 bei einer Bauernmagd eine „angeborene Geistesschwäche“. Die junge Frau, *1915,  ihre Mutter und der Großvater kämpften verzweifelt gegen die Operation. Die aber wurde in Passau zwangsweise von Dr. Fritz Niedermayer durchgeführt. Ungeachtet dessen wurde die junge Frau bald danach von ihrem Dienstherrn, einem Großbauern bei Vilshofen, schwanger. Nun wurde die Schwangerschaft im fünften Monat durch einen Kaiserschnitt mit Kindstötung in Passau abgebrochen und die unglückliche Frau endgültig unfruchtbar gemacht. „Da will ich lieber sterben…“, hatte sie ans Erbgesundheitsgericht in München geschrieben – vergebens! Die Tragödie sprach sich herum, zumal der Großbauer als NS-Mitglied unbehelligt blieb und Dr. Killinger einräumte:  „Die Geistesschwäche ist  zwar nicht besonders ins Auge springend, besonders in den Schulkenntnissen nicht ganz schlecht…“23

Das durch Bombardierungen ausgelöste Chaos in der NS-„Hauptstadt der Bewegung“ erwies sich für Hildegard Schnabelmaier als Vorteil – zahlreiche Ausgebombte und Fliehende bevölkerten München, die Behörden mussten sich um vorrangigere Bedürfnisse der Bevölkerung kümmern als um Fahndungen. Dennoch floh sie ruhelos  von einem Versteck zum anderen, traf ihren Ehemann zufällig im Krankenhaus Altötting, dessen Chefarzt ihr Schwager Dr. Hans Schmid war.  Ferner versteckten Schwager Hans Rauscher und seine Frau in Ortenburg, die Lehrerfamilie von Heindl, Max Bertel, Fräulein Schuck, Frau Dr. Deutsch, Max und Maria Pärtl in München, die Witwe Maria Pärtl in Passau, Ludwig und Rosa Ilg in Vilshofen, Familie Hartl in Aunkirchen die verfolgte Hildegard Schnabelmaier.  Nach eigenen Erinnerungen war sie „verschiedentlich auch bei Familien, deren Namen mir nicht genannt wurden“,  untergebracht.    

In Ortenburg waren es Bauernstadl, Dachböden und Werkstätten, wo Hildegard Schnabelmaier  Unterschlupf fand. Luxusverstecke waren es nicht, in die sie schlüpfte. Die für ihr Leben traumatisierte, zuletzt demente Frau machte in ihrem Antrag auf Wiedergutmachung auch „seelische  und körperliche Belastungsfolgen des oftmaligen Hungers und der Kälte auf Dachböden und in Kellern während der Flucht“ geltend.

Ortenburg, „Inge-Gabert-Pflegeheim“ der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Zimmer 221: Hier lebte bis Herbst 2019  Johanna „Hansi“ Dietel, die über 80-jährige einzige Tochter der Arzteheleute  Dr. Rauscher und Martha geb. Schnabelmaier.  „Ich war Gymnasiastin, als „die schrecklichen Dinge auf ihren Höhepunkt zusteuerten,  die unsere gesamte Familie in Atem gehalten haben“, sagt sie. Sie schiebt sich mit einem Rollator durch das  moderne Heim, hat aber alle ihre Erinnerungen „aus der Zeit parat, da wir Schnabelmaier-Angehörigen in Sippenhaftung ausgegrenzt, als Judenknechte beschimpft und angegriffen wurden.“

Dr. Rauscher war ein ins Dorfleben voll integrierter Mediziner, Regisseur  und Darsteller des dortigen Laientheaters, Respektsperson und zugleich Spezl seiner Mitbürger, „während seine Frau Martha“, so die über 80-jährige Zeitzeugin Helga Kahlert,  „sich mit ihrem Geigenspiel nützlich machte“. Doch obwohl fanatische NS-Funktionäre  und „widerwärtige Spitzel mehr noch als die örtlichen Gendarmen“ aufpassten, was sich bei Rauschers tat, verhalfen die ihrer Schwägerin Hildegard Schnabelmaier zu Verstecken. „Ja, sie kam trotzdem bei uns und bei Bauern in der Umgebung unter“, sagt Hansi Dietel.  „Schaue ich hier aus dem Fenster, sehe ich unten im Dorf ein Bauernhaus und rings umher noch weitere, in die sie sich verkrochen hatte!“ Der Streusiedlungscharakter Ortenburgs begünstigte die mutigen Helfer.

Hansi Dietel: „Meine Eltern wie alle Schnabelmaier-Versippten standen über Jahre hinweg mit einem Bein im Gefängnis oder KZ. Denn natürlich ahnten die Häscher, dass Tante Hildegard Helfer hatte – wie sonst hätte sie sich Jahre vor der Festnahme retten können?  `Staatsfeinde´ nannten die Nazis die gesamte Familie, die mit Tante Hildegard bangte. Aber was die Tante Mariele Schmid aus Altötting wagte, ging viel weiter – die war dem Tod näher als irgendwer sonst in der Familie.“

Tante Mariele – das war eine resolute Schwester von Dr. Heinrich II. Schnabelmaier. „Sie war immer zur Stelle, wenn Verräter der Hildegard nahe kamen oder sie gar schon erwischt zu haben glaubten. Mehr als einmal war die GESTAPO informiert und sollte sie abholen. Aber Tante Mariele nahm ihre Schwägerin einfach bei der Hand und riss sie mit sich fort.  Unglaublich, wie die auf Parteileute losgegangen ist – sie war scheinbar total unerschrocken, in Wahrheit aber zerfressen vor Angst!“  Dass Hildegard Schnabelmaier und ihr Sohn Heinz überlebt haben, „ist ein glücklicher Zufall. Dass aber Tante Mariele überlebt hat, ist ein Wunder – anders kann ich das nicht nennen!“

Kaum weniger ruhelos als seine Frau lebte der aus seinem privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Leben herauskatapultierte Dr. Heinrich II. Schnabelmaier in diesen Jahren. Seine Ersparnisse schmolzen dahin. Heimlich behandelte Patienten schoben ihm hier und da Bargeld oder Lebensmittel zu. Für die sorgten auch die Mitarbeiterinnen, die auf seine Bitte in der Villa geblieben waren. Hildegard Schnabelmaiers Mann und Vater des Buben Heinz erlebte die Jahre zwischen 1940 und dem Kriegsende im Mai 1945 in stetiger Angst und Unruhe: Nicht einmal er durfte wissen, wo Frau und Kind versteckt wurden.

Im Dezember 1944 erfuhr Dr. Schnabelmaier dank der Schwester aus dem Krankenhaus, dass er in eine Strafeinheit der „Organisation Todt“ (OT) eingezogen werde, deren Angehörige mit gefährlichen Aufräumarbeiten in zerbombten Städten sowie kriegswichtigen  Firmen und Bahnanlagen beschäftigt wurden. Die Schwester  informierte ihn, dass „es für meine Sicherheit erforderlich sei, Vilshofen unverzüglich zu verlassen.“ Der 50-jährige, stark geschwächte Arzt floh erst nach Altötting. „Meine inzwischen nachgekommene Frau und ich waren in einem Zimmer untergebracht. Wir hatten anständig zu essen und auch eine menschenwürdige Schlafgelegenheit. Wir hielten uns dort bis über Weihnachten ungefähr am 26./27. Dezember 1944 auf.“ Dann flohen der von Angina pectoris geplagte Arzt und seine unter Rheumaschüben leidende Frau nach München. Siegfried von Heindl:

„Herr und Frau Schnabelmaier sind etwa Mitte Januar 1945 bei mir in München, Maria-Theresienstr. 5, aufgekreuzt und (haben) Zuflucht gesucht. Herr Dr. Schnabelmaier zeigte mir einen Einberufungsbefehl zur Organisation Todt, Frau Dr. Schnabelmaier einen Gestellungsbefehl für (das) KZ Theresienstadt vor (…) Herr Dr. Schnabelmaier begab sich nach einigen Tagen in das Nymphenburger Krankenhaus, um sich einer Operation zu unterziehen. Frau Dr. Schnabelmaier gewährten wir Unterschlupf, bis sie in einem Vorort (ich glaube Milbertshofen) untertauchen konnte…“

Der befreundete  Chefarzt Geheimrat Professor Dr. Carl Schindler nahm  Dr. Schnabelmaier am 8. Januar 1945 „zur Klärung der bestehenden Herzbeschwerden“ in die Krankenanstalt  in (München-) Nymphenburg „bis zur Befreiung durch die Alliierten unter dem Vorwand auf, ich sei Patient.“  Schindler war auch Ärztlicher Direktor und Mit-Investor. Überdies hatte er durch die Errichtung eines Gewächshauses, des Schweinestalls und einer Bäckerei für eine weitgehende Autarkie des Krankenhauses gesorgt, so dass fehlende Lebensmittelkarten nicht auffielen.

Der parteilose langjährige Berater der Abteilung „Gesundheit“ im Bayerischen Innenministerium hatte den NSDAP-Reichsschatzmeister Dr. Franz Xaver Schwarz stationär erfolgreich behandelt. Der war in dieser Zeit zwei Mal von Adolf Hitler besucht worden. Professor Schindler und sein Oberarzt Dr. Alois Schleicher nutzten den unerwarteten Freiraum. Sie bescheinigten  Schindlers herzkrankem Freund eine „absolute Frontdienst-Untauglichkeit“.  Dass Dr. Schnabelmaiers Herzleiden Folge seines von den Nazis verschuldeten Unglücks war, lag für alle Zeugen auf der Hand – für beweisfähig hielt Professor Dr. Schleicher es aber nicht.

Und Hildegard Schnabelmaier? Sie gab dem Mitarbeiter des Bayerischen Landesentschädigungsamtes in München,  Heinrich Hacker, die folgende „Erklärung an Eides statt“  zu Protokoll:

„Als mein Mann sich in das Nymphenburger Krankenhaus begeben hat, floh ich (…) zu Familie Max Pärtl, München. Hier hatte ich einige Wochen ein eigenes Zimmer und konnte, wenn auch in der stetigen Gefahr entdeckt zu werden, einigermaßen menschenwürdig leben. Dann habe ich 4 bis 5 mal die Wohnung gewechselt und hielt mich dann etwa vierzehn Tage bei einer Frau in der Tengstraße auf. Ich war auf gutmütig überlassene Lebensmittel angewiesen, musste mein Aussehen verändern, durfte mich weder auf die Straße noch bei Fliegeralarm in einen Luftschutzkeller begeben. Es dürfte entweder Mitte oder Ende Februar gewesen sein, da holte mich ein Mann ab, von dem ich nichts wusste (…). Er brachte mich in die Keferloher Straße zu einem Fräulein Maria Hochhäusler. Die Lebenshaltung war außerordentlich primitiv (…), ich behielt mein verändertes Aussehen und trug einen anderen Namen (…) Bei diesen Leuten blieb ich bis zur Befreiung durch die Alliierten.“

Laut ihrem Sohn Heinz war diese letzte Unterkunft  ein Hinterhaus in Milbertshofen. Auch er war in den allerletzten Tagen dorthin gebracht worden, unbekannt von wem und von wo aus. Heinz Schnabelmaier:

„Ich darf daran erinnern, daß das Versteck für meine Mutter als äußerst dürftig zu gelten hatte. Teilweise schlief meine Mutter trotz der kalten Jahreszeit am Fußboden. Die Ernährungsfrage ohne Lebensmittelmarken kann jeder (…) sich selbst ausmalen.  Und neben  diesen körperlichen Strapazen, die umso gravierender sind, je weniger abgehärtet man ist, die Angst vor dem allnächtlich wiederkehrenden Bombardements! Der Besuch eines Luftschutzbunkers war uns wegen des damals bestehenden Ausweiszwangs unmöglich…“

Vor seiner letzten Flucht nach München hatte Dr. Schnabelmaier den totalen Zusammenbruch all dessen erlitten, was dank seines Fleißes sein Leben gewesen war. Noch einmal  hatte er seine Villa betreten wollen und erfahren:  Der seit Juli 1942 amtierende NS-Landrat Johann Michael Wabel, Ex-Finanzamtschef in Pegnitz,  hatte die Praxis- und Wohnräume in einem Schreiben an Dr. Schnabelmaiers Bevollmächtigte Maria Franziszi gegen jedes Recht beschlagnahmt. Nun hatte  der Arzt auch den schützenden Raum für sein Leben in Würde verloren.  

Maria Franziszi nennt Landrat Wabel „den größten Gegner der Familie Schnabelmaier.“ Doch in allem Ungemach traf sie auf einen Helfer, der als Regierungssekretär für Geheimsachen im Büro des Landrats arbeitete und so Zeuge aller Pläne  des Landrats wider die Familie wurde. Der von Wabel hochgelobte Beamte Richard Offner, *1884 in Oberösterreich, verheiratet, zwei Kinder,  warnte die Schnabelmaier-Treuhänderin im Herbst 1944 zwei Mal vor Aktionen gegen die Eheleute Schnabelmaier: Nun blieb Hildegard Schnabelmaier permanent auf der Flucht, kam einmal sogar bei Nákó-Verwandten in Wien unter.  

Als das Hausmädchen Resi Speckmeier an einem Tag die Lebensmittelkarten für Familie Schnabelmaier abholte, bekam sie auch jene für die Frau mit. Das war eine Falle – doch der Beamte Offner informierte Franziska Obermüller: „Der Landrat freut sich über die Gewissheit, dass die  Jüdin lebt. Jetzt will er Dr. Schnabelmaier unter Druck setzen, damit der den Aufenthaltsort verrät.“ Franziska Obermüller schickte das Hausmädchen ins Landratsamt, wo sie die Lebensmittelkarten für die Frau zurückgeben und ausrichten musste: „Der Doktor fürchtet, dass seine Frau in Berlin bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen ist!“

Als Hildegard bald darauf kurzzeitig in Vilshofen unterkroch, wurde sie  gesehen und denunziert. Wieder warnte der Beamte Offner Mitarbeiterinnen der Familie vor einer bevorstehenden Festnahme des Arztehepaares, das unverzüglich aus Vilshofen floh. Und da der Landrat nun nach einer anderen Möglichkeit suchte, die Schnabelmaier zu fassen, warnte Offner  Schnabelmaier-Bekannte vor einer  Festnahme des Sohnes Heinz Schnabelmaier, der danach seine Verstecke noch häufiger wechselte. Der Landrat, der schon auf die Flucht der Eltern mit Tobsuchtsanfällen reagiert und nach „Verrätern im Amt“ geforscht hatte, schrie laut Offner: „Jetzt ist der Judenbengel auch noch fort, jetzt bleibt uns nur noch der Hund zum Wegräumen.“  Richard Offner starb am 14. April 1945, nur zwei Wochen vor dem US-Einmarsch in Vilshofen.

Dr. Schnabelmaier hatte seine Besuchsabsicht den Mitarbeiterinnen angekündigt, die sich auch vom amtlich einquartierten Dr. Georg Thiele nicht hatten vertreiben lassen. Dr. Thiele,  der stets in SS-Uniform auftrat, erwies sich als hemmungsloser Alkoholiker.  Patienten blieben aus. Der als „polnischer Arzt“ beschriebene „Volksdeutsche“ aus Polen und seine angeblich „tschechische Frau“ hatten sich rücksichtslos der Räume des Hauses bemächtigt. Die Schnabelmaier-Mitarbeiterinnen entdeckten, dass die Eheleute wertvolle Medizingeräte und Werkzeuge sowie private Einrichtungsgegenstände stahlen.

Die Situation im Hause wurde unhaltbar: Ende 1944 trat Dr. Thiele den Zeuginnen Maria Franziszi und Resi Speckmeier  betrunken mit einem Revolver in der Hand gegenüber und forderte Franziszi auf, „zu verschwinden oder ein letztes Vater unser zu beten; denn danach bist Du falsche Kanaille tot.“  Er stürzte sich auf die Mitarbeiterinnen, verlor im Gerangel die Waffe. Im selben Augenblick gelang den beiden Frauen die Flucht in einen Nebenraum. Dr. Thiele schoss mehrmals durch die verriegelte Türe.  Nun konnte auch Landrat Wabel seinen Spezl Thiele nicht mehr schützen: Am 23. Februar 1945 wurde der wegen des Exzesses verhaftet und in Passau in Untersuchungshaft genommen. Das Verfahren wegen einer versuchten Notzucht wurde jedoch eingestellt, der Arzt noch vor der Besetzung Vilshofens durch US-Truppen freigelassen.24  

Dr. Schnabelmaier erfuhr bei seinem heimlichen Besuch vom ruinösen Zustand seiner Wohnung und der Praxisräume. Er brach fast zusammen, musste aber unverzüglich die Stadt verlassen.  Verschwunden, später nicht mehr fahrbereit  aufgefunden, waren sein Mercedes und ein DKW. Beide Privatpraxisräume, ein Warte-, das Speisezimmer, der Salon, das Schlaf- und ein Ankleidezimmer, ein Boudoir, ein Bad, die Küche und die Souterrainräume waren verrottet. Als die Eheleute Dr. Thiele am Kriegsende das Haus fluchtartig verließen,  nahmen sie zwei Radios, Teppiche, eine Brillantbrosche, ein Vollgoldarmband und weiteren Schmuck, Koffer voller Wäsche, den Pelzmantel der Hildegard Schnabelmaier, kostbares Porzellan, ein Bild und eine wertvolle Figur mit. Das restliche Mobiliar demolierten sie.

Noch am 12. Januar 1945 hatte NS-Landrat Wabel das Schnabelmaier-Haus teilweise leerräumen lassen. Unter Berufung auf ein „Reichsleistungsgesetz“ von  1939 musste Dr. Schnabelmaiers Treuhänderin Franziszi je vier Stepp- und Wolldecken, 50 Kopfkissen- und 11 Plumeauüberzüge, 16 Leintücher, 6 Bett-Überdecken, 34 Handtücher, 40 flache und tiefe Teller und 25 kleinere Teller „zur Benützung durch die NSDAP im Amt für Volkswohlfahrt in Vilshofen für Evakuierte“ abliefern. Über eine Vergütung wurde nichts ausgesagt, wohl aber mit einer Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark (RM) gedroht, sollten Textilien und Geschirr nicht eingeliefert werden. Als die Familie Schnabelmaier nach der Renovierung des Hauses bei Kosten von rund 5 000 DM heimkehren konnte, stand  sie in leeren Räumen. In neue Schränke konnte sie nichts aus der Vergangenheit einräumen. Mangels Akten, die am Kriegsende in Vilshofen überstürzt vernichte worden waren, verweigerte die Wiedergutmachungs-Behörde jegliche Sachgut-Entschädigung. Das Leiden des Dr. Schnabelmaier wurde mit 863, das der Hildegard Schnabelmaier mit 500 DM „entschädigt“. Von diesen Beträgen mussten noch ihre Anwaltskosten abgezogen werden.  

Befreiung – aber der Albtraum geht weiter

Am 1. Mai 1945 waren US-Soldaten der 65. Infanterie-Division unter Generalmajor Stanley E. Reinhart in Vilshofen eingerückt. Die letzten deutschen Soldaten samt ihren Kommandeuren hatten sich zwei Tage zuvor „planmäßig“ abgesetzt, Der seit August 1944 amtierende Kreisleiter Carl Johann Adolf Wolf hatte den Volkssturm aufgelöst und die erleichterten Männer heimgeschickt.  Wolf hatte innerlich aufgegeben, nachdem er wie alle Vilshofener  zwei Mal zahllose US-Bomber beobachtet hatte, die sich über Vilshofen sammelten und dann in  tief gestaffelten Formationen weiterflogen: Am 13. Februar 1945  nach Dresden, am 20. April 1945  Richtung Deggendorf, wo wenig später der Deggenauer Hafen in Schutt und Asche fiel. Feuer und Rauch waren in halb Niederbayern sichtbar gewesen, die Dresdner Tragödie hatte sich trotz Nachrichtensperre rasch über das ganze Deutsche Reich verbreitet. Von deutschen  Flugzeugen war nichts zu sehen gewesen, die örtliche Flugabwehr kümmerlich und wirkungslos.

Zwei Tage vor der Besetzung Vilshofens hatte ein Wehrmachtskommando im dritten Anlauf noch die Donaubrücke gesprengt und so sowohl die Stadt, als auch weite Teile des Bayerischen Waldes isoliert.  NS-Bürgermeister Anton Willeitner legte sich mit einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus, sein Stellvertreter, Bierbrauer Georg Huber, Stadtpfarrer DDr. Carl Boeckl und Pater Theotimus Eisele SV übergaben die Stadt. Im Mai 1945 war Dr. Schnabelmaier heim- und als Chefarzt der Kreisklinik zurückgekehrt. NS-Arzt Dr. Schwaabe zog zurück in seine Praxis in der Donaugasse.

Die spätere SPD-Abgeordnete des Bayerischen Landtags, Dr. Luise Haselmayr (1921 – 2001), arbeitete nach dem Abitur im März 1945 ein Jahr als freiwillige Helferin des Roten Kreuzes im Krankenhaus Vilshofen: „Das war eine eigenartige Stimmung im Haus, fast alle fieberten der Wiederkehr des Dr. Schnabelmaier entgegen, aber niemand sprach offen darüber – die Angst vor Spitzeln, Fanatikern und SS-Leuten war zu groß. Aber kaum waren US-Soldaten in der Stadt, suchten länger dort gediente Schwestern und Helferinnen nach dem Ex-Chefarzt, von dem Wunderdinge berichtet wurden. Sein Wiederantritt war triumphal, und schnell schien sich die vor seinem Rauswurf herkömmliche Ordnung eines strengen Chefs und der ihm zutiefst ergebenen Mitarbeiterinnen wieder eingestellt zu haben – sozusagen das ganze Haus strahlte!“

Doch die Hoffnung der Eheleute Dr. Schnabelmaier, nun am Ende des Krieges Zuflucht im Eigenheim zu finden, wandelte sich zum Albtraum: US-Soldaten beschlagnahmten das Haus, Kommandierende Generäle, danach wechselnde Lokalchefs der Militärregierung  zogen ein. Unvergesslich vor allem Oberleutnant George W. Cunningham, der am 14. Mai 1945 in Vilshofen eintraf. In der allerersten Minute empfand er „Sympathie“ für die Kleinstadt Vilshofen, taxierte er den Landkreis als „reich“ und blieb den von ihm regierten Bürgern, Flüchtlingen, Vertriebenen und Überlebenden als „kaugummikauender Herrgott“ in Erinnerung. Er feuerte Altnazis aus öffentlichen Ämtern, entlarvte den Nazi Georg Heil, der mit 12 000 gestohlenen Reichsmark verschwinden wollte, und er entschied, wer mit kleinen Portionen aus einem in Vilshofen entdeckten Wehrmachtslager mit 518 Tonnen Weizen versorgt wurde.  

Eine seiner Streifen stieß am 31. Mai 1945  auf eine Herde von 2100 seltenen Karakulschafen, die aus der Umgebung von Prag nach Bayern getrieben worden waren. Und sie fassten Adolf Hitlers Friseur August Wollenhaupt, der sich als harmloser Fachmann präsentierte und klagte, dass Hitler nur wenig Trinkgeld gegeben habe.

Rücksicht auf das erlittene Leid  der Familie Dr. Schnabelmaier nahmen die US-Militärs nicht. Und deren Elend verschärfte sich am Jahresende 1945 noch einmal. Denn jetzt wurde die aus dem polnischen Grenzgebiet vertriebene evangelische Pastorenfamilie Wolschendorf in die fünf Zimmer des Obergeschosses der Schnabelmaier-Villa eingewiesen.

Dr. Schnabelmaier, seine Frau Hildegard und der Sohn Heinz richteten sich sehr beengt im „Schullerhof“ der Grafen Nákó ein, in den auch Evakuierte und Flüchtlinge eingewiesen wurden.  Am 8. Juni 1945 bestätigte die US-Militärregierung „Dr. SCHNABELMAIER AND HIS WIFE“ persönliche Vorrechte, die den Eheleuten Bewegungsfreiheit verschafften. Ungeachtet dessen musste auch Dr. Schnabelmaier jenen „FRAGEBOGEN“ ausfüllen, mit dem die US-Polit-Juristen im Entnazifizierungsprogramm jeden erwachsenen Deutschen überprüften und gegebenenfalls in Internierungslagern wie Regensburg, Natternberg und Moosburg aus der Nazi-Ideologie in ein demokratisches Denken überführten.

Hier brach sich Dr. Schnabelmaiers Verbitterung Bahn:  Er beschrieb sich als Arzt, der trotz einer Behinderung nach einer Operation des linken Knies und sonstiger Leiden seine Pflichten in den Krankenhäusern Vilshofen und Osterhofen stets erfüllt habe. Trotzdem sei er dann „Because of my Jewish relationship“ gefeuert und der Arzt Dr. Schwaabe nur aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP an seine Stelle gesetzt worden.  Dass er nicht mit beweisfähigen Dokumenten dienen könne, begründete Dr. Schnabelmaier  mit der Durchsuchung seines Hauses durch die GESTAPO „and during my flight from Gestapo in 1944“. 

Nach allem, was passiert war, wollte Dr. Schnabelmaier aber nicht mehr abseits stehen und den lokalen Politikern zuschauen. Das demokratische Bekenntnis erforderte die Bereitschaft zur  Mitverantwortung. Er ließ sich für die erste freie Gemeindewahl nach dem Krieg auf die Liste Bayerischer Volksbund/CSU eintragen und wurde am 21. Januar 1946 in den Stadtrat Vilshofens gewählt. Die Wahlbeteiligung war mit 93 Prozent hoch. NS-Mitglieder waren nicht stimmberechtigt.

Einige der 16 gewählten Persönlichkeiten hatten in der NS-Zeit offen oder versteckt auf der Seite der verfolgten Familie Dr. Schnabelmaier gestanden, darunter Franz Wieninger, der nun zum Bürgermeiser gewählt wurde, Ludwig Ilg, der Hildegard Schnabelmaier wiederholt versteckt hatte, Elektromeister Erhard Dobler, der während der Nazijahre und nach dem Krieg half, Technikschäden in der Villa zu beheben.

Auch Franz Habermann und Bankdirektor Ludwig Ramelsberger waren dabei: Diese Schnabelmaier-Freunde hatten am 3. Juni 1945 das „Komitee für den Wiederaufbau der Donaubrücke“  gegründet, das binnen kurzer Zeit 271 500 Reichsmark sammelte – man war sich der Bedeutung dieser Brücke für das Gedeihen der Stadt bewusst. Der von der US-Militärregierung zum Landrat ernannte Habermann wollte den Kreis rasch wieder an die Stadt anbinden. Doch schon nach zwei Monaten trat Habermann zurück – er war schon am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten und für die US-Administratoren untragbar. Trotz aller Anstrengungen konnte die Brücke erst am 17. August 1950 eingeweiht werden.

Landrat Wabel wurde inhaftiert, als „Nazi-Aktivist“ bestraft, seine Pension wurde gestrichen. Er schlug sich später als Steuerbevollmächtigter durch. 1966 wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Mordbeihilfe in der NS-Strafsache gegen Pfarrer Ludwig Mitterer von Otterskirchen eingestellt. Der Pfarrer war 1943 vom Volksgerichtshof wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt worden. Er hatte zur NS-Schwester Hedwig Staiger gesagt: „Der Krieg ist verloren, es ist schade um jeden Soldaten, der noch sein Leben lassen muss!“ Der Pfarrer wurde am 1. Dezember 1943 in Plötzensee bei Berlin geköpft. Wabels Mitwirkung an der Mordsache konnte nicht bewiesen werden.

Bald darauf erlebte Tonerl Scharl-Gruber, dass Dr. Schnabelmaiers Ansehen im Umland nicht gelitten hatte. Die Leute freuten sich, ihn wieder zu sehen. „Er fuhr in der Weihnachtszeit zu einem Patienten in Windorf und nahm mich in seinem Auto mit. Als er aus dem Haus trat, schenkte der Bauer ihm eine Gans. `O mei, ned scho wieda´, sagte der Doktor, `ham mia ja eh scho so vui!´“

Dr. Schnabelmaier hatte an einen wirklichen Aufbruch geglaubt, wurde aber wie alle Demokraten rasch enttäuscht: Schon 1948 wurde der NS-Bürgermeister Willeitner nunmehr in freier, geheimer Wahl in das Amt gewählt! Wenn Dr. Schnabelmaier gehofft hatte, nach all den Repressalien und beklemmender Niedertracht wie einst in der Blüte seiner ärztlichen Tätigkeit arbeiten zu können, sah er sich getäuscht. Es gab keine „Reise in ein Früher, das auf magische Weise konserviert worden und wieder zugänglich war“  (Historiker Valentin Groeber/Luzern). Sein Ruf litt, ohne dass er Fehler gemacht hatte. Bei der Rückkehr ins Krankenhaus hatte er eine totale Mangelwirtschaft vorgefunden. Und dann passierte ein Unglück, über das Helmuth Rücker 70 Jahre danach im VILSHOFENER ANZEIGER berichtete:

Am Spätnachmittag des 28. Mai 1945 spielten ungefähr zehn sechs- bis zwölfjährige Buben auf einer innerstädtischen Wiese. Dann holte ein Bub aus einem leer stehenden Haus ein Glas mit unbekannter Flüssigkeit. Er brannte ein Heubüschl an und goss die Flüssigkeit darüber – Benzin! Eine riesige Stichflamme setzte den Buben in Brand. Der schleuderte das Glas reflexartig hinter sich und traf seinen Spezl Rudolf Sperlein direkt ins Gesicht. Beide brennenden Buben rannten  schreiend los, US-Soldaten erkannten die Not, stießen die Buben zu Boden und erstickten mit ihren Jacken das Feuer.

Hilflos stand Chefarzt Dr. Schnabelmaier an den Kinderbetten – es gab weder Medikamente, noch Verbandsmaterial.  „Bei Verbrennungen 2. und 3. Grades haben die Kinder keine Überlebenschance“, grämte sich der Arzt. Doch da half die US-Army. Soldaten besorgten Brandsalben, Schmerzmittel und Binden, deckten die Eltern mit  Schokolade, Orangen und Bananen zur Kräftigung der Kinder ein, schafften auch Waschmittel für die Binden heran, fuhren die zu ihren Eltern entlassenen Kinder täglich ins Krankenhaus zur Behandlung – zweifellos hatten sie ein schlechtes Gewissen; denn sie hatten halbleere Kanister in einem für jedermann zugänglichen Haus stehen lassen, in dem der Bub Flüssigkeit in ein Einmachglas umgeschüttet hatte. In Umkehrung der wahren Schuld äußerte Rudolf Sperlein 70 Jahre danach: „Den Amerikanern verdanke ich mein Leben!“ Dr. Schnabelmaiers Leistung blieb unerwähnt.

Ganz anders die Erinnerung von Josef Eggersdorfer: Als Mitglied eines Knaben- und Männerchors übernachtete er nach abendlichen Musikübungen wegen des weiten Heimwegs im Haushalt des Musiklehrers Karl Meister. In einer dieser Nächte blähte sich Eggersdorfers Bauch plötzlich stark auf. Der schmerzgeplagte Bub wurde ins Krankenhaus transportiert, Dr. Schnabelmaier angerufen. Er kam sofort, öffnete nach kurzer Untersuchung den Bauch, entfernte den „abgekapselten Blinddarm“ und erkannte, dass der Darm durch einen Verschluss zu platzen drohte. „Eine Aktion in letzter Minute“, berichteten die Zeugen am nächsten Tag. Eggersdorfer: „Dr. Schnabelmaier hat mir mein Leben gerettet!“         

Zeugin der chaotischen Vilshofener Ereignisse in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde die aus dem Medizinstudium in Breslau herausgerissene, heute 95-jährige  Rosemarie Neumann. Zusammen mit weiteren Studentinnen zum Lazaretteinsatz in Österreich abgeordnet, wirkten sie unter verwundeten Soldaten im berühmten „Weißen Rößl“ am Wolfgangsee, wurden weitergeschickt nach Ybbs, flohen vor den anrückenden Russen per Bahn in offenen Güterwaggons nach Bayern, erreichten aber ihren Zielort Plattling nicht: Der wurde gerade während ihrer Anreise bombardiert. In Passau gestrandet, wurden die Studentinnen über die ländliche Region verteilt: Rosemarie Neumann und eine Freundin landeten in Aholming, heute Kreis Deggendorf. Als SS-Soldaten dort weiter  kämpften, schossen US-Artilleristen zurück – und exakt im Eingang des Schulhauskellers, in den sich die Lehrerfamilie Haunberger, die beiden Frauen und weitere Menschen geflüchtet hatten, schlug eine Granate ein. Sechs Krankenschwestern starben, Rosemarie Neumann überlebte.

Sie schlug sich nach Vilshofen durch, fand Arbeit als Putzmädchen des US-Stabes in der Villa Schnabelmaier, schaffte es trotz aller Not der Nachkriegsjahre, sich zur Lehrerin ausbilden zu lassen und machte dort Karriere. Und sie vertiefte sich ins Ehrenamt.  Sie wurde mit der „Woche der Dankbarkeit“ oder der „Woche der Mitmenschlichkeit“, unermüdlichen  Friedensdiensten und mit zahllosen Aufklärungs- und Diskussionsveranstaltungen in Schulen d a s Gesicht der Erinnerungs- und Mahnkultur Vilshofens.

Nach dem Wiedereinzug der  Familie Schnabelmaier in ihre Villa wurde Rosemarie Neumann Patientin des Arztes. „Ich erlebte einen wunderbaren Mediziner, der ungemein tüchtig und erfolgreich ordinierte. Er war gewissenhaft, gütig, wohlwollend, man glaubte ihn als Menschen zu erkennen, der teilnahmsvoll auf die Patienten einging  – und spürte doch, wie versteinert dieser Mann war, wie von innen heraus traurig und mutlos. Er war das krasse Gegenteil des Menschen, den Einheimische aus der Zeit vor 1938 beschrieben: Den frohen, glücklichen, offenen Dr. Schnabelmaier gab es nicht mehr! Überdies war er sichtbar krank.“    

Die Hoffnung auf Aufklärung der in Vilshofen begangenen NS-Verbrechen und des persönlichen Leids von einst vier jüdischen Kaufmannsfamilien und der Familie Dr. Schnabelmaier, sowie eine auch nur annähernde Wiedergutmachung des nationalsozialistischen Unrechts in ideeller und materieller Hinsicht verflog. Und so stellten sich Dr. Schnabelmaiers frühere  Unbeschwertheit des Lebens, die totale Offenheit  jedem Mitbürger gegenüber und die gesellschaftliche Gelöstheit nicht wieder ein. Selbstmitleid uneinsichtiger Täter widerte die Geretteten an:

Ein reueloser Ex-Beamter schrieb:

„…Mit mir machen sie exakt das, was früher den Juden angetan wurde. Sie schmeißen mich raus – aber ich hab´ im `Braunen Haus´ nur getan, was mir befohlen wurde. Die Gesellschaft ist ja so mitleidlos. Als wäre ich ein Verbrecher.…“25  

Pharmacie-Studentin Miriam Baumgartner beschrieb 2018 in ihrer preisgekrönten Seminararbeit über „Das Kriegsende 1945 in den Donaupfarreien Künzing, Pleinting und Vilshofen“ eine Situation, in der das Leiden realer Opfer der Nazis, wie zum Beispiel das der Familie Dr. Schnabelmaier,  alsbald verdrängt wurde.

„Leute, die sich von Hitler das Heil erhofften und nun gründlich getäuscht wurden, erschienen wieder in der Kirche.“ (Seite 5)

notierten Geistliche. Der Vilshofener Pfarrer DDr. Carl Boeckl schrieb,

„dass die Alliierten von den einen mit Schrecken erwartet, von der Mehrheit als Befreier begrüßt worden seien.“  (S.7)

Und weiter:

„Die Weltanschauung der Nazis war auf irdischem Glück und Erfolg aufgebaut. Dieser Boden ist verschwunden. So greifen die Haltlosen wieder mit beiden Händen wenigstens in der Mehrheit nach der alten Religion …“ (S. 10)

Die Gestapo hatte den Priester überwacht. Er hatte die Niedertracht so vieler Vilshofener gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern und  ihr bedenkenloses Nazi-Mitläufer-Verhalten persönlich beobachtet. Mit dem Blick auf die Folgen für sie selbst, für die Flüchtlinge und Vertriebenen sowie die 45 überlebenden Juden, die in der Stadt untergebracht werden mussten, predigte er trotzdem in seinen Gottesdiensten,

„dass der gläubige Christ keinen Haß kennt und nicht an Rache für früher erlittenes Unrecht denken dürfe….“ (S. 11)

Miriam Baumgartner:

„Doch die anfängliche Freude der Bevölkerung über die Befreiung wich bald Enttäuschung und Entrüstung, vor allem über das teilweise sehr rücksichtslose Verhalten einiger amerikanischer Soldaten, die Bewohner aus ihren Häusern vertrieben und diese plünderten. (…) Die Einstellung gegenüber den amerikanischen Soldaten änderte sich also (…) Man erwarte eine harte Behandlung und sogar Unterdrückung  durch amerikanische Soldaten, so einige Stimmen aus dem Volk. In der künftigen Auseinandersetzung zwischen den Siegermächten wollten einige nun sogar mit den Russen gegen die Amerikaner vorgehen, die offenbar die Erwartungen, die die Bevölkerung an sie hatte, nicht erfüllen konnten.“ (S. 8/9)

Eine Atmosphäre von Selbstmitleid, Verdrängung und offener Verweigerung  jeglicher Unrechtseinsicht breitete sich aus, kein gesundes Klima für die Familie Dr. Schnabelmaier. Wer sich wie Rosemarie Neumann  mit Diensten für  US-Soldaten über Wasser halten musste, wurde als  „Ami-Liebchen“ verleumdet. Dass jüdische KZ-Überlebende, die nun heimatlos waren und hofften, nach Palästina oder in die USA ausreisen zu können, vorerst in Wohnungen  einstiger NS-Funktionäre eingewiesen waren, fand viele Neider. Dass sie von einheimischen und  US-Ärzten und Pflegehelfern betreut und von der UNRRA versorgt wurden, um wieder zu Kräften zu kommen, weckte Missgunst. Dass US-Bürokraten zum Beispiel ohne Skrupel auch Häuser von Nazigegnern belegten, machte diese herbei gesehnten Befreier in der sich wandelnden Stimmung zu ungeliebten Besatzern.  

Dazu beigetragen hatte auch der ungesühnte „Bürgermord von Vilshofen“: Am 9. Mai 1945 hatten der 21-jährige US-Militärpolizist „Jacks“ Jackson und ein Ex-KZ-Häftling Josef Schlager, Ludwig Mielach, Hans Schläger und Hans Hellig, dann auch noch Altnazi Schedlbauer,  eingefangen, vier von ihnen führende Volkssturm-Männer. Als Jackson schließlich allein mit ihnen zwischen Osterhofen und Vilshofen unterwegs war, erschoss er Schedlbauer, bald danach drei weitere Männer. Nur einer entkam in einem günstigen Moment und versteckte sich in einem Stadl. Der US-Polizist blieb unbestraft, das Verbrechen 1950 erneut staatsanwaltschaftlich untersucht, ohne dass es zum Prozess kam.      

Die Eheleute Schnabelmaier hatten im Städtchen jeden Nazi gekannt und die schrecklichste Widerwärtigkeit der persönlichen Verfolgung erlitten. Sie wussten, wer sich mitschuldig gemacht, sich gegen den Arzt, der seiner Frau die Treue hielt, und gegen die Frau, die nie Anstoß erregt hatte, gestellt hatte. Sie wussten, wer ihr Kind blutig geschlagen hatte. Aber nun wollte niemand „dabei“ gewesen sein, hatte niemand je von der Verfolgung der Juden gehört, viel weniger vom staatlich-industriell gelenkten Massenmord. Die alles überschattende Verlogenheit machte den Arzt, aber auch seine Frau misstrauisch.  Und so pflegten sie mit wenigen Ausnahmen keine Freundschaften mehr, nahm nur sie gelegentlich wieder am gesellschaftlichen Leben des Städtchens teil.

Wichtig waren ihm jedoch seine medizinischen Tätigkeiten für die 45 Überlebenden der KZ Auschwitz, Flossenbürg, Großrosen, Dachau, Oranienburg, Litzmannstadt, Mauthausen, Buchenwald, Blaschow, Bergen-Belsen und des Ghettos Lodz, die in Vilshofen untergebracht waren.  Auch um ein gesundes Heranwachsen der beiden in der Stadt geborenen Kinder der Familien Silber und Weinberg sorgte er sich. Dass die traumatisierten Überlebenden nicht unverzüglich aus dem Land der Täter abreisten, hing mit den Schwierigkeiten zusammen, in Palästina von den Briten an Land gelassen zu werden oder Visa für die Einreise in die USA zu erhalten. Dort wurden auch strikt überprüfte Gesundheitszeugnisse verlangt. Vilshofen gefiel aus einem einzigen Grund: Die Unterbringung in Privathäusern passte den heimatlosen, verarmten und meist gesundheitlich schwer gezeichneten Menschen besser als  das Lagerleben, welches im nahen Deggendorf oder Pocking  zu beobachten war.

So wurde in Vilshofen eine Kultusgemeinde gegründet.  Ein Saal in der Volksbank wurde zur provisorischen Synagoge (jiddisch: „Schul“!) umgewandelt, der für Gottesdienste erforderliche Minjan der mindestens zehn Männer kam stetig zustande. Und die jüdischen Feiertage wurden dort gefeiert, einige davon mit Musik und ausgelassenem Tanz, andere mit besonderer Betreuung der Kinder. Ganz langsam erwachte das gesellschaftliche und kulturelle Leben wieder: Hotelier Wieninger gelang es, hier und da, ohne Marken Lebensmittel aufzutreiben.26

Erste Überlebende wagten den Neuanfang: Severin und Maria Rubinlicht  eröffneten den  Textilgroßhandel „Marienpol“ und beschäftigen bis zu 20 Mitarbeiter in ihrer Weberei. 1949 wanderten sie in die USA aus. Markus und Maria Silber aus Oswiecim (Auschwitz!), die nach der Befreiung die Kinder Ernestine, Sigmund und Arthur bekamen, eröffneten im „arisierten“ Textilladen der einst verjagten Familie Finger einen Tuchhandel, der bis zur Verlegung nach München im Jahr 1955 prächtig gedieh. Ihr Sohn Professor Dr. Sigmund Silber macht sich als Kardiologe weit über München hinaus einen Namen.

Kein Weg in die Normalität

Dr. Schnabelmaier, nun sehr oft allein mit sich und seinen furchtbaren Erinnerungen,  diagnostizierte im Frühjahr 1958 bei sich selbst eine tödliche Herzerkrankung. Er kleidete sich in seinen besten Habit, suchte einen befreundeten Arzt im Erlanger „Waldkrankenhaus St. Marien“ auf, der seine eigene Diagnose bestätigte. Dann legte er sich auf ein Bett des Krankenhauses und schlief  am  24. April 1958 für immer ein. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Ostfriedhof in München.

Im Nachruf auf den Arzt verschwieg der Redaktionsleiter des VILSHOFENER ANZEIGER, Eduard Baumann, die bittere Lebensrealität, die Dr. Schnabelmaier in Vilshofen erlitten hatte:

„…1923 kam er hier her. Er eröffnete eine Praxis und übernahm dann auch die Chefarztstelle  am Kreiskrankenhaus, die er bis zu seinem Tode innehatte. Einem großen Heer von Patienten hat er in dieser langen Zeit mit unendlicher Geduld und Aufopferung Linderung im Leiden und Heilung gebracht. Umso schwerer traf es ihn, daß man während des Dritten Reiches seine Tätigkeit am leidenden Mitmenschen einschränkte. Doch sein lauteres Wesen ließ kein abfälliges Wort gegen seine damaligen Verfolger über seine Lippen kommen.“   (VA, 26. 04. 1958)

Auch Hildegard Schnabelmaier fand nie mehr in die ihr nachgesagte „fröhliche Unbekümmertheit“, in ihre Kontaktfreudigkeit und in das geordnete, selten aufregende , aber immer ausgelastete Leben einer Arztfrau auf dem Lande zurück. Die innere Unruhe um ihre drei Kinder, die sich zögerlich aufklärende Ungewissheit um das Schicksal ihrer Tochter Elisabeth Gräfin Nákó und des Sohnes Friedrich Wilhelm Heß  wurde sie auch nach dem Wiedersehen in Vilshofen nur sehr langsam los.

War Hildegard Schnabelmaier  aber in Vilshofen,  führte sie einen strengen Haushalt und half ihrem Mann in der Praxis. Benno Hofbrückl war Elektriker in der Firma Dobler. Der Chef, nie mit den Nazis verbandelt, von den US-Administratoren in die Stadtführung berufen, damit die Energieversorgung ehestmöglich wieder sichergestellt wurde, hatte die Schnabelmaier-Mitarbeiterin Franziszi geheiratet. Als er Benno Hofbrückl mit einem Reparaturauftrag in die Schnabelmaier-Villa schickte, traf der auf eine „eine distinguierte Hausfrau, die präzise Arbeit verlangte, Leistung auch würdigte, aber distanziert auftrat“.Tonerl Scharl-Gruber: „Frau Schnabelmaiers Grundsatz hieß: `Wer anschafft muss das, was er will, auch selbst beherrschen.´ Sie lebte das vor, war eine erstklassige Köchin, backte ausgezeichnet. Meine Mutter, die immer willkommen war, hat das außerordentlich bewundert.“

Trotzdem erschien sie hier und da unerwartet im Parkhotel. Sie scheute dann  ganz gegen die gewohnte Zurückhaltung auch schrille Auftritte nicht – es war, als suche sie ihren Platz unter den Menschen, denen sie ansonsten auswich: Und dies erst recht, seit sie neuerlich angefeindet wurde, weil sie sehr  vertraut mit einem US-Offizier umging.  Dass es ihr Sohn aus der ersten Ehe war, ahnte niemand:  Auf dem Schullerhof hatte er am 3. Juli 1945 unerwartet vor ihr gestanden – der US-Captain W. Frederick Heß, für den die Begegnung mit seiner durch all die ausgestandenen Ängste stark gealterten Mutter  ebenfalls ein Schock war, wenn auch bei allem Erschrecken ein freudiger!

Doch sie war krank, wie Professor Frederick W. Hess, mittlerweile Oberst der US-Reserve, und seine Frau Helen B. Hess, die ihren Mann nach Deutschland begleitet hatte,   1963 berichteten:

„Nach einem zeitweiligen Aufenthalt wieder von USA nach Deutschland zurückgekehrt und in Berlin stationiert, erhielten wir den Besuch unserer Mutter, die sich auf mehrere Monate des Jahres 1946 und 1947 zu uns begab. Während dieser Zeit liess ihr Gesundheitszustand, der seit ihrer Flucht während der Nazizeit nie wieder gut wurde, viel zu wünschen übrig. Sie wurde von einem Rheumatismus, den sie sich auf der Flucht zugezogen hatte, sehr schmerzhaft geplagt, und litt außerdem an Herzzuständen, die ärztliche Behandlung ratsam erscheinen liessen. Aus diesem Grunde liess sich meine Mutter wegen des Rheumatismus regelmäßig massieren. (…) Wegen ihrer Herz- und anderer Beschwerden unterzog sich meine Mutter einer eingehenden Untersuchung durch einen Spezialisten und einer Behandlung durch einen Berliner praktischen Arzt…“

Die körperlichen Leiden der Hildegard Schnabelmaier besserten sich nicht. So wurde sie während eines fünfmonatigen Besuchs des mittlerweile nach Chikago versetzten Sohnes und seiner Frau in eine Spezialklinik eingewiesen, die eigentlich Militärpersonal vorbehalten war. Und als Frederick und Helene Hess von 1957 bis 1960 erneut in Deutschland stationiert waren, dieses Mal in Baden-Baden, brachten sie die Mutter im dortigen Landesbad unter; denn sie hatte sich in dem stetig verschlimmerten Rheumatismus zeitweilig fast überhaupt nicht mehr bewegen können – eine bis zur Verfolgung durch die Nazis kerngesunde Frau!

Dr. Heinrich und Hildegard Schnabelmaier, 1952 in Innsbruck

Die Leiden der Kinder Friedrich Wilhelm „Fritz/Frederick“ Heß, Elisabeth „Hasi“ Gräfin Nákó und Heinrich Ludwig  „Heinz“ Schnabelmaier,  und die Unrast ihrer Mutter                                                            

Hildegard Schnabelmaier hatte über die Jahrzehnte hinweg stets Kontakt zu ihren drei Kindern aus drei Ehen. Der zu Friedrich Wilhelm Heß in Wien und zur „Frau Nákó Erzebet“ = Elisabeth Gräfin Nákó, genannt „Hasi“, der aus Angst vor der stets härteren Verfolgung nach Ungarn ausgereisten Tochter aus der zweiten Ehe,  war um 1940 abgerissen – Elisabeth Gräfin Nákó war nach Kanada ausgewandert!  Nach jüdischem Religionsrecht waren alle drei Kinder Juden, nach der Nazi-Definition war Friedrich Wilhelm Heß ebenso wie seine Mutter und sein Vater „Volljude“, während Elisabeth Gräfin Nákó und ihr Halbbruder Heinz Schnabelmaier als „Halbjuden“ bezeichnet wurden. Die so genannte „privilegierte Mischehe“ der Eheleute Dr. Heinrich II. und Hildegard Schnabelmaier bot in der Realität des „Dritten Reichs“ nur einen brüchigen Schutz. Brutale, gewissenlose meist lokale NS-Funktionäre wie der Passauer Kreisleiter Max Moosbauer, der Vilshofener SA-Bonze Schedlbauer und die SS-Parteigröße „Ossi“ Schmid kümmerten sich wenig um die Rechtsgrundlagen. Sie reagierten ihren dumpfen Hass auf Juden auch an der Familie Schnabelmaier ab.

Fritz Heß war zunächst bei Verwandten seines Vaters in St. Angen, später in Wien bei Angehörigen aufgewachsen, weil die Witwe Hildegard Heß mit den Zuwendungen der Kriegsfürsorge nicht weit kam. Er erhielt seine schulische Ausbildung bei den Jesuiten in Feldkirch in Vorarlberg. Nach erfolgreicher Matura (Abitur) studierte er Jura in Wien.  Als sich 1937 eine Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich abzuzeichnen begann und immer mehr Übergriffe auf einheimische Juden angezeigt wurden, bat Fritz Heß seine Mutter um Hilfe zur Übersiedlung in die Schweiz. Die Familie in Österreich und Deutschland sammelte so viel Geld, dass der Student in die Schweiz übersiedeln konnte. Von dort aus  gelang ihm die Auswanderung in die USA.

Er arbeitete in einber katholischen Emigranten-Betreuung, setzte sein Jurastudium fort, wurde eingebürgert, änderte seinen Namen in Frederick, wurde 1941 wehrpflichtig. So stand Captain Frederick Heß bald nach dem Einmarsch der US-Truppen auf dem Schullerhof seiner traumatisierten Mutter gegenüber. Er blieb als juristischer Berater der Militärregierung einige Zeit in der Donaustadt. Er kümmerte sich in der Folgezeit sowohl um die Mutter, als auch um seinen Halbbruder Heinz Schnabelmaier. 1961 ehrenvoll aus der Army entlassen, wurde der Vater von sieben Kindern Jura-Professor an der Universität in Kansas City. Sein Sohn Freddy William wurde als Pilot über Laos abgeschossen.

Hildegard Schnabelmaiers Tochter aus der zweiten Ehe,  Erzsebet (Elisabeth) Hildegard Maria  Gräfin Nákó von Nagyszentmiklos, *16. April 1922 in Wien,  starb am 9.Juni 1981 in München. Sie war am 18. August 1947 auf den Schullerhof zurückgekehrt, wo sie auf ihre Mutter und die Halbbrüder Frederick Heß und Heinz Schnabelmaier traf. Der Hof war ihr sehr vertraut.  

Nach dem Suizid ihres Mannes hatte die Witwe Hildegard Gräfin Nákó mit ihrer Tochter über Nacht auf der Straße gestanden! Sie war nach Bayern gereist. Ihre Schwiegermutter, Sabine Elisabeth Gräfin Nákó, geb. Wittenberg, und deren zweiter Mann, Maximilian Welzl, hatten sie auf dem Schullerhof freundlich aufgenommen.

Bald darauf zog Tochter Elisabeth,  genannt „Hasi“,  zu ihrer Tante Elisabeth Gräfin Nákó-Adám und deren Mann, dem Mediziner Dr. Lajos Adám. „Hasi“ wuchs in Wien und in dem Intellektuellen-Haushalt des Rektors der Peter Pázmány Universität in Budapest sowie auf dem mit rund 100 Pferden riesigen, hochgerühmten Gestüt der Familie sehr frei auf.  Regelmäßig zu Gast war sie bei ihrer Großmutter auf dem Schullerhof. Josef Eggersdorfers Mutter, die in der Nachbarschaft auf der Hördt  aufwuchs, sah sie dort.   

Als ihre Großmutter 1939 starb, blieb  „Hasi“ Nákó noch kurze Zeit bei ihrer Mutter im Haushalt Dr. Schnabelmaier. Bald aber wich sie den sich häufenden Angriffen auf Juden nach Budapest aus. Danach schaffte sie es mit Unterstützung von Tante und Onkel in die USA zu emigrieren. „Hasi“ Gräfin Nákó,  zur Kauffrau und Mehrsprachen-Korrespondentin ausgebildet, wechselte nach Kanada. Sie fand eine Beschäftigung bei einer Bank. Ihre Weltläufigkeit und frühe Eigenständigkeit erwiesen sich als ausschlaggebend für ihr Überleben der Naziherrschaft in Deutschland und der faschistischen Pfeilkreuzler-Bewegung in Ungarn. 

Nach dem Treffen mit ihrer Mutter ging sie am 26. Februar 1953  zurück nach Toronto in  Kanada. Inzwischen Staatsangehörige des Landes, arbeitete sie erfolgreich in ihrem Beruf. 1964 erbte sie den Schullerhof. Sie kehrte nach Bayern zurück, verkaufte 1966 rund 45 Hektar des Grundbesitzes samt Hofgebäuden und behielt lediglich das Herrenhaus und den „Englischen Park“.  1975 brannte das Herrenhaus bis auf die Grundmauern nieder. Es war das zweite Feuer binnen kurzer Zeit, beide vorsätzlich gelegt, während die Gräfin im Ausland war.

Gerüchte über eine gezielte Aktion gegen eine überlebende Jüdin halten  sich in der Umgebung bis heute, die Brandstifter wurden nie gefasst.27

Mit Hilfe von Fotos und Dokumenten der Nakó sowie Bildern aus dem Nachlass der langjährigen Hausfreundin der Eheleute Schnabelmaier, Maria Scharl, rekonstruierten Rudolf und Josef Eggersdorfer die Historie des Schullerhofs und damit der Familien Nákó und Schnabelmaier. Diese Arbeit hält als einzige in Vilshofen die Erinnerung an eine brutal verfolgte Familie wach, für die es in der Stadt weder Denkmal noch Stolpersteine oder Straßennamen gibt. Die Villa Schnabelmaier ist längst abgerissen, das Grundstück neu überbaut.

Die Grundstücke des Schullerhofs wurden bereits 1973 in 100 Bauparzellen aufgeteilt. Schließlich wandelte sich das mittlerweile in die Stadt Vilshofen eingegliederte Gut zu einem eigenen Stadtteil der Donaustadt.  Die nach dem verheerenden Feuer nun wieder heimatlose Gräfin Nákó zog nach München um. Sie investierte ihr  Vermögen in eine noble Bar in der Landeshauptstadt, erwies sich jedoch als erfolglose Kauffrau: Die Bar ging pleite, die Eigentümerin verarmte. Sie starb in München und wurde im Grab ihrer Großmutter Elisabeth Welzl verwitwete Gräfin Nákó geborene Wittenberg in Vilshofen beerdigt.

Heinz Schnabelmaier hatte ab 1937 die vier Grundschuljahre in Vilshofen absolviert. Aber schon dort musste er sich als „Jud´“, als „Saujud“, als  „Volksschädling“  und übler niedermachen lassen, wurde sogar blutig geschlagen. Kinder plapperten nach, was sie in ihren Elternhäusern auffingen, während Heinz überhaupt nicht begriff, was  gemeint war – er wusste nichts von der Jüdischheit der Popper-Ahnen. In dem Roman: „Die Wehrlosen  Ein Kinderschicksal im Schatten des Dritten Reiches“, schildert Autorin Parthenay-Henemann die Tragödie des Buben, dessen engste Kinderfreunde seine Geburtstagseinladung ausschlugen und nicht mehr mit ihm spielten. Die Mutter der Kinder, mutmaßlich  die Ehefrau des SS-Manns Oskar Schmid oder des SA-Manns Hans Schedlbauer, schrieb ihrer Kundin Hildegard Schnabelmaier:

„Mein Mann hat mir verboten, weiter für Sie zu nähen, und die Kinder dürfen auch nicht mehr in Ihr Haus. Ich bin sehr unglücklich darüber, aber ich muß mich fügen.Sie haben meinen Kindern so viel Gutes getan. Ich bin tief in Ihrer Schuld.“28                                                                         

 Als seine Situation als „Halbjude“ in Vilshofen unerträglich wurde,  gelang es den Eltern, den Buben 1941 dank des Mutes des Studienrats Siegfried von Heindl und der stillschweigenden Loyalität des Kollegiums  an der Ludwigs-Oberrealschule in München einzuschreiben. Doch als die Schule im September 1943 nach wiederholten Bombardierungen Münchens im Rahmen der Kinder-Land-Verschickung (KLV) nach Reichenhall evakuiert wurde, musste Heinz zurückbleiben.  Am 23. April 1955 schrieb Oberstudiendirektor Dr. S. Häfner:

„…Für das Schuljahr 1943/44 weisen ihn die Schulakten als Schüler der 3. Klasse aus; er konnte jedoch den Unterricht nicht besuchen. Die Akten geben dafür als Grund eine Gelbsucht an. Nach Aussage des damaligen Oberstudienrats der Anstalt, des Herrn von H e i n d l, war das jedoch nur ein Scheingrund. Tatsächlich waren unsere Unterklassen seit dem Herbst 1943 in das unter Leitung der HJ stehende KLV–Lager Reichenhall verlegt.  Die HJ-Führer weigerten sich aber den Schüler Schnabelmaier dort aufzunehmen, da er „nicht rein arischer Abstammung“ war. 

Der Schulbesuch endete, aber laut der vom Humanistischen Gymnasium der Benediktinerabtei Ettal erstellten „Zeugnisliste“  bekam Heinz in den Jahren 1943/44 in Vilshofen Privatunterricht.

Wer den erteilte und den verfolgten „Halbjuden“ Heinz Schnabelmaier in dieser Zeit mutig bei sich aufnahm, ist nicht sicher zu klären. Allerdings fand der  Archivar des Klosters Schweiklberg, Pater Matthäus Kroiss OSB, heraus, dass Pater Dr. Gislar Aulinger OSB einem von drei Söhnen der Baronin Baillou auf dem Schullerhof Unterricht erteilte. „Bei ihm könnte es möglich sein, dass er auch dem jungen Schnabelmaier Unterricht  gegeben hat.“ Magda Baillou, eine geborene Merck aus der bekannten Industriellenfamilie, hatte 1939 ihren Ehemann, den Archäologen Baron Baillou, verlassen und war mit zwei Söhnen von Berlin auf den Schullerhof gezogen. 1940 wechselte sie in eines ihrer Häuser in Salzburg, wo sie 1956 starb.  

Auch Heinz Schnabelmaiers Cousine „Hansi“ Dietel in Ortenburg nennt „ein Mitglied des Kollegiums der Schweiklberger Klosterschule“ als Lehrer des verfolgten Arztsohns. Pater Matthäus Kroiss OSB: „Das Kloster war (Anm.: zu dieser Zeit!) im Besitz der Treuhand und die Gestapo war regelmäßig im Haus und durchsuchte alles. (…) Im Kloster war auch noch P. Donatus Kröniger und kurze Zeit auch P. Elmar Fuchs und P. Alexander  Hofmann. Auch sie könnten (Anm.: als Privatlehrer des Heinz Schnabelmaier!) in Frage kommen.“29

Dafür, dass Heinz Schnabelmaier  irgendwann in der Zeit zwischen Herbst 1943 und Ende 1944/ Anfang 1945 kurzzeitig in Haft geraten war, gibt es keinen Urkundsbeweis, wohl aber Indizien:  Im Wiedergutmachungsantrag von 1950 ist vermerkt: „Anerkannt bei Kz-Betr.-Stelle Passau“ =  Anerkannt als ehemaliger Häftling!? Ehe Heinz Schnabelmaier  seine zweite Ehe einging, beantwortete er die Frage seiner Braut, woher der auffällig helle Hautfleck auf seiner Brust stamme: Dort habe er (s)ein KZ-übliches Zeichen gehabt. Das habe ihm sein Vater wegoperiert! War Heinz Schnabelmaier in Haft gewesen?

Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen  Truppen am 8./9. Mai 1945 und der vorweg gegangenen Besetzung Vilshofens durch  US-Soldaten endete auch für Heinz Schnabelmaier die Verfolgung.  War von ihm etwas anderes zu erwarten als ein exzessives Verhalten? Das Kind war in der Volksschule zum Paria geworden. In der Oberrealschule war die Angst sein ständiger Begleiter. Aus dem offiziellen Schulbetrieb ausgeschlossen, steigerte sich in Vilshofen seine Angst ins Unermessliche, war an Lebensfreude und Lebensmut nicht zu denken – und konnten weder  sein Vater, noch die verfolgte Mutter ein Gefühl der Sicherheit und des Schutzes vermitteln.  Er war zur Unperson geworden und nach der Befreiung nicht frei.

Denn jetzt begann die Verdrängung – und der standen in Vilshofen neben den fremd bleibenden KZ-Überlebenden aus Deutschland und den besetzten Ländern die einheimischen, jedermann bekannten Dr. Schnabelmaier, seine Frau Hildegard und der Sohn Heinz im Wege! An eine dringend erforderliche psychologische Hilfe  war nicht zu denken.  Heinz Schnabelmaier war über Jahre seiner wahren Identität als heranwachsender junger Deutscher beraubt gewesen, der Staat sein gefährlichster Feind. Wie sollte er sich nun mit Vilshofen, Bayern, Deutschland, mit Schul- und einstigen Freunden seiner Kinderzeit identifizieren?

Am 22. November 1945 wurde er ins Internat und in die IV. Klasse des Gymnasiums der Benediktinerabtei Ettal aufgenommen.30 Hildegard Schnabelmaier hatte Heinz in das Kloster begleitet. Es schien, dass sie ihn in stetiger Angst nicht mehr allein lassen konnte, denn erst im Januar 1948 kehrte sie zu ihrem Mann zurück. Sie war glücklich, als sie 1950 für fünf Monate beim ersten Sohn Frederick Heß in Chikago ausspannen konnte. Rosemarie Neumann: „Es fragt sich, ob die Familie nicht besser beraten gewesen wäre, nie wieder nach Vilshofen zu kommen. Vielleicht hätte sie mit ihrer Last an erlittenen Bösartigkeiten fern der Stadt zu einem normalen Leben zurück finden können!“

Ettal, die Landschaft, das Kloster, eine Umgebung, in der nichts an den Krieg und die Verfolgung erinnerten – erstmals erlebte Heinz Schnabelmaier das Gefühl der Sicherheit. Schon das von der Volksschule Vilshofen ausgestellte Übertrittszeugnis für die Oberrealschule in München hatte ihm gute Noten bescheinigt. Auch der Privatunterricht hatte ihn weitergebracht. Und so entwickelte sich Heinz Schnabelmaier in Ettal zu einem guten Schüler, der urplötzlich zusammenbrach und für Monate wegen Erfrierungen und schwerstem Gelenkrheumatismus ans Krankenbett gefesselt war – Folgen seiner Unterbringung in ungeheizten, feuchten Räumen während seiner Illegalität zuletzt in Milbertshofen.

Wieder auf den Beinen, holte er den versäumten Unterrichtsstoff rasch nach und entwickelte  Hyperaktivitäten: Wurde schon 1947 Abgeordneter der Schüler zum Kreisjugendring, betätigte sich in der Freizeit musisch, lernte zusätzlich Griechisch und engagierte sich im Schülertheater beim Bühnenpersonal. Im Fasching glänzte er mit einer Parodie auf eine Lehrerin. Die „Zeugnisliste“ endet mit dem Satz: „Ausgetreten am 14. 7. 48 aus Klasse VI/R. Grund: Übersiedlung zu seinem Bruder nach U.S.A.“.    

Der Plan misslang, die Einladung des Halbbruders öffnete Heinz Schnabelmaier  nicht automatisch die Tore ins Traumland USA. Ein Zurück ins Internat von Ettal gab´s angesichts der zahllosen Bewerber nicht. So schrieb „Der Abt von Schweiklberg, + Willibald Markgraf“  am 23. September 1948 an den Chef der Oberrealschule Passau, Oberstudiendirektor Dr. Anton Sickenberger:

…Heinz Schnabelmaier ist der Sohn unseres Hausarztes Dr. Schnabelmaier in Vilshofen/Ndb. (…)  Da er die Absicht hatte und noch hat, nach Amerika zu gehen, trat er aus dem Internat (Anm.: Ettal!) aus. Nunmehr zeigt sich, dass die Bewilligung zur Ausreise längere Zeit in Anspruch nimmt, als vorgesehen war, weshalb er die Zeit nicht müßig verstreichen lassen will. (…) Ich möchte das Gesuch und die Bitte wärmstens unterstreichen, und um die Aufnahme des Heinz Schnabelmaier in die 7. Kl. freundlichst bitten….“

Heinz Schnabelmaier wurde angenommen.  Zwar „funktionierte“ er: „Das Betragen des Schülers verdient Lob.“ Doch glücklich war der junge Mann nicht. In Briefen an den „Verehrten lieben Herrn Pater Athanasius“ (Kalff, OSB), seinen einstigen Lehrer in Ettal, schrieb er am 14. April 1949:

„….Nun warte ich noch immer nach wie vor auf mein Visum, wenngleich zu erwarten ist, dass dasselbe nicht mehr allzulange auf sich warten lässt. Einstweilen bedeutet das jedoch noch immer die tägliche Bahnfahrt und den Besuch der dortigen, überfüllten Schule. In der Schule geht es mir recht gut, weswegen das Semesterzeugnis ganz ordentlich  ausfiel. Was den Unterrichtsstoff anbelangt, so sind wir allerdings (…) gegen Ettal weit zurück. Das Sonderbare ist nur, daß in Passau trotz des eigentlichen Rückstandes immer und immer wieder Unterricht ausfällt, sei es wegen eines Theaterbesuches oder eines Schulausflugs. (…) Ich denke oft an Ettal und habe manchmal so sehr den Wunsch, wieder bei einer jener schönen Choralmessen mitzusingen, wie ich so viele erlebt habe. (…)

Mitte April 1950 waren die Schüler in Heinz Schnabelmaiers Klasse im Endspurt zum Abitur. Sein Traum von der Reise in die USA war verflogen, nach wie vor maß er seine Passauer Schule an jener der Benediktinerabtei Ettal. Und während zumindest sein Klassleiter, der Chef des Passauer Schülerheims und Religionslehrer Johann  Lampert, sich um das Fortkommen des Schülers sorgte, gab sich der locker. Aber er wünsche sich, wenn er zur rechtzeitigen Verbesserung wackliger Noten schon Chemie- und Physikformeln pauken müsse, eine zu finden, die ihn von Passau nach Ettal expediere.  Im Übrigen setze er „auf Fortuna“!

Doch dann offenbarte sich ein zutiefst verwundeter junger Mensch seinem einstigen Lehrer Pater Athanasius:

„Nur bei dem Gedanken an das eine Fach: Religion, erfaßt uns Bangen und Grauen. Und das kommt daher, daß wir diesem Fach mit völliger Gleichgültigkeit, selbst Abneigung gegenüberstehen. Der Grund hierfür liegt jedoch wiederum in unserem Lehrer, der anscheinend bemüht ist, den sicherlich hochinteressanten Stoff der Gottesbeweise  möglichst trocken herunterzuleiern. Sollte es je einmal ein interessierter Schüler wagen, einen Zweifel vorzubringen oder gar zu widersprechen, dann erfolgt ein Zornesausbruch, daß man sich gerne stillschweigend wieder setzt. Allein, daß unserem Lehrer der Nimbus einer Persönlichkeit völlig abgeht – denn seine Zornesausbrüche erinnern oftmals gar nicht mehr an seinen geistlichen Beruf – macht jegliches Interesse beim Schüler erlöschen. So hat man vor diesem Mann höchstens Furcht, da er beim Abiturzeugnis ein gewichtiges Wort mitzureden hat und denkt mit Schrecken an die Stunden, die man dazu verwenden muß etwas zu erlernen, das man nicht glauben soll, sondern von dem man überzeugt sein soll, von dem jedoch keiner überzeugt ist. Ich sage dann meinen Passauer Kameraden scherzhafterweise immer: `Ein Jahr Ettal täte unserem Pfarrer Lampert recht gut!´

Um Ihnen (…) nun auch ein bisschen von meinem Daheim zu erzählen, sei zu Anfang gesagt, daß meine Mutter sich bereits seit 2 Monaten in jenem berühmten und zugleich berüchtigten Chikago befindet. (…) Anfangs war die Abwesenheit meiner Mutter nicht so schwer zu ertragen, denn ich freue mich, daß sie Gelegenheit hat, jenen vielbesprochenen Erdteil kennenzulernen. Aber hie und da bräuchte man doch einen Menschen, dem man all seine persönlichen und auch die geheimem Sorgen mitteilen kann, und dann vermißt man so ganz besonders – die Mutter! Mein Vater ist von früh bis spät beschäftigt, überarbeitet  und oftmals schlechter Laune, so daß da niemand ist, mit dem man reden  kann – und ich glaube, daß ich noch viel zu jung bin, allein und in Allem  fertig zu werden. Gerade jetzt denke ich manchmal an die `Konferenzen´ zurück, in denen einem allwöchentlich `ein Jemand´ etwas sagte, was eigentlich ganz privat war und an den Einzelnen gesprochen wurde, wenngleich viele zuhörten, an jene Konferenzen mit ihren vielen Gedankenpausen, die zu gewissem Teil die Aussprache mit den Eltern ersetzten.  Oder bilde ich mir das nur ein?

Nun, so verbringen mein Vater und ich ein richtiges Junggesellendasein bis auch diese Zeit vorüber sein wird und ich – hoffentlich – auf die Universität komme. Freilich will ich Medizin studieren und ich habe meine Amerikapläne so zu 95 % aufgesteckt, da infolge des großen Freundeskreises meines Vaters mir manch eine Erleichterung bevorstehen mag….“   

1950 stellte ihm die Passauer Schule das Reifezeugnis aus, das die Berechtigung zum Studium eröffnete.31 Zumal in den für das angestrebte Medizinstudium wichtigen Fächern Latein, Physik und Chemie wies es  nur befriedigende bis ausreichende Noten aus. Schulleiter Sickenberger, unter anderem Physiklehrer, hatte mit dem Klassenlehrer Lampert um jede Zehntelnote gerungen, die Heinz Schnabelmaier half. Ein „Sehr gut“ gab es unerwartet in der katholischen Religionslehre (sic!), dem Hauptfach des strikt abgelehnten Priesters Lampert.

Die „Besondere Schulzensur“, in der Lehrer charakterliche und sonstige  Hintergrundinformationen notieren, beschrieb Heinz Schnabelmaier als unruhig, „hochgeschossen, schmächtig“, mit „mittelmäßigen geistigen Anlagen und ihrer Verwertung“. Fleiß und Pflichtgefühl waren „nicht gleichbleibend“, das sittliche Verhalten „ordentlich“,  und die „Aussicht bezüglich des Vorwärtskommens im Studium mittelmäßig.“ Empfindsamkeit und eine „Neigung zur Schwermut“ beschrieb Klassenlehrer Lampert, bedauerte, dass der Schüler  „Infolge öfterer Aggressionen in seinen Leistungen stark zurückgegangen“ sei.  Etwas resigniert–zweifelnd fügt er an: „Will Arzt werden“. Immerhin: Noch im so genannten „Winterzeugnis“ vom 1. Februar 1950 hatte Heinz Schnabelmaiers erfolgreicher Gymnasial-Abschluss  als „Sehr gefährdet“ gegolten. Nun aber war der Weg zum Studium frei. Heinz Schnabelmaier wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommen.   

Nachdem Heinz nun sein Studium der Medizin in München aufnahm und  das Wintersemester 1951/52 und das Sommersemester 1952 in Oxford in England verbrachte,32  erwies er sich als nicht minder fleißig als sein Vater. Im März 1951 schrieb er an Pater Athanasius:

„…Nun liegt das erste Semester bereits hinter mir. (…) Während der Ferien famuliere ich am hiesigen Krankenhaus und kann so die Stunden mit interessanter Arbeit ausfüllen. Im Sommersemester möchte ich dann wieder ziemlich viel belegen (im vergangenen Semester waren es immerhin 42 Wochenstunden!), damit ich mich dann in Ruhe während des 4. Semesters auf das Physikum vorbereiten kann.

1953 fiel der Student  bei der Anatomie-Prüfung durch, wiederholte sie aber erfolgreich. Trotzdem wechselte er zu Professor Dr. Robert Heiß nach Erlangen. 1957 bestand er das Staatsexamen und trat als Medizinalassistent  mit chirurgischer Tätigkeit in die Praxis seines Vaters in Vilshofen ein. Er promovierte  cum laude („mit Lob“) mit  „einer den Durchschnitt übertreffenden Leistung“, ebenso wie sein Vater 37 Jahre zuvor.33

Da er sich nach dem Tod seines Vaters offenbar in einer Sohnespflicht gegenüber der Mutter fühlte, die sozial abgesichert werden musste, führte er die väterliche Praxis einige Zeit weiter. Wie er es schaffte, ebenso wie sein Vater Patienten zu behandeln, die der Vater als bösartige Feinde, der Sohn als brutale Schläger in der Schule erlebt hatte, blieb ein Geheimnis der beiden Männer. Tonerl Scharl-Gruber: „Der junge Arzt blieb uns als Mensch zwischen Genie und Wahnsinn in Erinnerung. Er war voller Spannungen, spielte zum Ausgleich Klavier – wie sein Vater, aber wie! Einst beobachtete er im Vorbeigehen meinen Vater, der den Gartenzaun anmalte. Und dann sagte er meiner Mutter: `Dein Mann hat Krebs!´ Mutter war schockiert und wollte das nicht glauben, aber ein Jahr drauf war mein Vater an Krebs gestorben.“  Vilshofen wurde Dr. Heinz Schnabelmaier zu eng. Er wechselte nach Erlangen, trat schließlich als Herzchirurg eine Stelle in der Uniklinik Düsseldorf an und baute für die wachsende Familie sein Haus in Grefrath bei Neuss. 

Die Promotionsurkunde des Dr. Heinz Schnabelmaier
(Universitätsarchiv Erlangen-Nürnberg)

Der Junior heiratete 1956 in Ettal und wurde im selben Jahr Vater einer Tochter Hildegard. 1960 geschieden, heiratete er im selben Jahr im Wiener Stadtteil Innere Stadt – Mariahilf eine Helga Jauer. Sie schenkte  sechs Kindern das Leben: 1958 Heinrich IV., Familienfreunden bis heute als „Wuzzerl“ in Erinnerung und einige Zeit vor dem Großvater verborgen, da der durchaus nicht einverstanden war mit dem außerehelichen Verhältnis des Sohnes; 1960 Christina, 1961 Elisabeth, 1963 Stephan, 1964 Thomas, 1966 Maria.34 Der schiere Drang, zu leben und Leben zu geben, ist bei sehr vielen Überlebenden der Judenverfolgung  zu beobachten. 

Das furchtbare Leiden der Verfolgung, das er als Kind bis zum vollendete 14. Lebensjahr erlitten hatte, und der Verlust von zwei Ausbildungsjahren trug ihm eine Entschädigung von 10 000 Deutsche Mark (DM) ein. Mit seiner Arbeit lenkte er sich ab, wirkliche Lebensfreude stellte sich nur langsam ein.  Im Rheinland schien er zur Ruhe zu kommen. Als er mit seiner Frau den Bau oder Kauf eines Hauses zur Sesshaftmachung  plante,  fragte er beim Landesamt für Wiedergutmachung in München nach einem zinsverbilligten Baukredit für Shoa-Verfolgte an.  Der Kredit wurde bewilligt, die Familie konnte das Haus beziehen.  

Doch dann wurde Oberarzt Dr. Heinz Schnabelmaier auf dem Weg zur Beerdigung seines Onkels Dr. Hans Rauscher in Ortenburg auf der Bundesstraße 8 bei Griesau im Landkreis  Regensburg unschuldig in einen Unfall verwickelt.35 Gelöst wie selten hatte er in Regensburg seinen engsten Freund besucht, dann fuhr er in die Nacht hinein weiter. Zwei Lkw-Fahrer einer niederbayerischen Firma rissen ihn bei ihrem illegalen Straßenrennen ins Verderben. Bundeswehrsoldaten wurden Zeugen der Tragödie, ohne helfen zu können.  Der Vater von sieben  unmündigen Kindern starb am 10. Juni 1968 und wurde auf dem Innstadtfriedhof in Passau begraben.

Maria Scharl, die letzte Helferin der Hildegard Schnabelmaier und deren Tochter Gräfin Nákó

Wer aber kümmerte sich um Hildegard Schnabelmaier in ihrer dritten Witwenschaft? 1963 zog sie endgültig nach München um. Ihre Tochter Gräfin Nako lebte ebenfalls dort. In Vilshofen war sich Hildegard Schnabelmaier des jederzeitigen Beistands der Mitarbeiterinnen in Haus und Praxis sicher gewesen. Doch die Praxis war aufgelöst, keine Familie mehr vorhanden. In höchster Not drohender Vereinsamung und einer   zunehmenden Menschenphobie brachte sich Maria Scharl in Spiel. Nie bei der Familie angestellt, tauchte sie immer auf, wenn Rat und Beistand von außen notwendig wurden.

Maria Scharl, *1899 in Bodenkirchen, war nach ihrer Ausbildung als  Kindermädchen nach München gegangen und hatte später mit ihrem künftigen Mann die Kantine der Hansa an der Ecke Luisen- / Briennerstraße betrieben. 1938 hatte sie geheiratet, 1939 war ihre Tochter Antonie („Tonerl“) geboren worden. Nach dem Krieg wurde ihr Mann ans Finanzamt Vilshofen versetzt. 1950 erwarb die Familie Scharl ein Grundstück im nördlichen Bereich des Schullerhofs und bebaute es mit einem stattlichen Einfamilienhaus. Tonerl Scharl wurde Freundin und Spielgefährtin der beiden Brüder Eggersdorfer.

Maria Scharl war ein „Arbeitstier“, hilfsbereit und einfühlsam.  Die Arbeit kam nicht zu ihr, sie suchte sie, sie ging nicht zu ihr, sondern lief zur Arbeit. Sie half nicht nur bei den Schnabelmeiers aus, sondern auch bei anderen Hilfesuchenden. Und die gab es nach Kriegsende unter Flüchtlingen und Vertriebenen genügend. 1964 verstarb ihr Mann. Jetzt hatte sie noch mehr Zeit für andere, auch für die Witwe Hildegard Schnabelmeier, die ihren furchtbaren Erinnerungen und der Einsamkeit nach dem Tod ihres Mannes in die Münchner Ainmillerstraße ausgewichen war. Wie selbstverständlich reiste Maria Scharl zu ihr, half ihr im Haushalt, später auch noch der Tochter „Hasi“ in der Kellerbar im Preysing-Palais.

Maria Scharl erwies sich als absolut vertrauenswürdig. Eine Bezahlung anzumahnen kam ihr nicht in den Sinn, sie fühlte sich entlohnt, wenn sie die Dankbarkeit der beiden Frauen erlebte und deren Freude, sooft sie auftauchte. Schon in Vilshofen hatte sie sich auch um die Schnabelmaier Kinder gekümmert. Ihre in München lebende Tochter Tonerl erlebte noch viele Jahre immer wieder, welche Freude bei den Schnabelmaier-Nachfahren aufkam, wenn bei Treffen die Erinnerungen wach wurden. Maria Scharl erkannte die verletzte Psyche beider Frauen und verstand es, diese mit Ruhe, unerhörter Sensibiltät und Einfühlungsvermögen wieder aufzubauen.

Hildegard Schnabelmaier  kämpfte dank des Rückhaltes durch Maria Scharl noch viele Jahre mit Unterstützung des Vilshofener Rechtsbeistandes Obermüller um eine angemessene Entschädigung. Der Tod ihres Ehemannes und der schreckliche Unfall des Sohnes deprimierten sie, die Hinhaltetaktik der Entschädigungsbehörden verbitterten sie. Die Behörden ließen nur die Zeit zwischen Dezember 1944 und dem Kriegsende im Mai 1945 als anrechenbare Verfolgungszeit der unglücklichen Frau gelten, ihr tatsächliches Leiden ab 1933 spielte keine Rolle. Hildegard Schnabelmaier verfiel in eine tiefe Demenz.  Sie starb am 2. Juni 1974 in München und wurde wie ihr Sohn Heinz auf dem Innstadtfriedhof in Passau beerdigt.

Ist ihr, ihrem Ehemann und dem Sohn Gerechtigkeit widerfahren?  Stadtarchivar Peter Kugler belegt mit einer fast zynischen Aussage in seiner Ausarbeitung über die Familie Schnabelmaier das Gegenteil:

„Dr. Heinrich Schnabelmaier stand mit den Honoratioren der Stadt (…) in gutem Einvernehmen. Im Haus des hochangesehenen Arztes  verkehrte auch der Dichter Hans Carossa, der gute Kontakte zu Max Moosbauer hatte, dem Kreisleiter der NSDAP und Oberbürgermeister von Passau. Auch diese und ähnliche Umstände mögen dazu beigetragen haben, daß Hildegard Schnabelmaier unter großer Angst, aber sonst unbehelligt die Zeit der Verfolgung überstand.“

Richard Obermüller, der vergessene Held

Wenn in Vilshofen von „Helden“ gesprochen wird, eignet sich der SS-Unterscharführer und Beamte in Landratssamt Oskar Schmid nicht als Idol. Nie genannt wird aber Richard Obermüller, der Rechtsbeistand der Familie Schnabelmaier. Wie diese war auch er verfolgt worden, nicht als Jude, sondern als Widerständler.Mit unendlicher Geduld setzte er sich mit städtischen, Kreis-, Bezirks- und Landesbehörden auseinander. Er machte Zeugen ausfindig und überredete sie, ihr Wissen über Details der Schnabelmaier-Verfolgung aufzuschreiben und in den Wiedergutmachungs-erfahren zu bestätigen. Obermüller war schon totkrank, verfocht aber immer noch die Rechte der Hildegard Schnabelmaier. Wer war Richard Obermüller? Stadtarchivar Peter Kugler:

„Richard Obermüller war während der Nazizeit neuneinhalb Jahre als politischer Häftling in verschiedenen Konzentrationslagern (Anklage: Vorbereitung zum Hochverrat und politische Agitation). Nach dem Krieg war er 1945 Chef der Polizei in Vilshofen, später – etwa bis 1950/51 – Leiter der KZ-Betreuungsstellen in Vilshofen und Passau. Außerdem war er als Rechtsbeistand tätig (…). Er war Kommunist, nach seinen eigenen Angaben hat er sich aber 1949 von der KPD getrennt und stand später der DFU   (Anm: Deutsche Friedens-Union, eine Kleinpartei, die es nie in deutsche Parlamente schaffte!)  nahe. Außerdem war er zumindest Mitglied der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN).“

Richard Obermüller starb am 8. November 1978.

 

Mitarbeit: Christina Schnabelmaier, Jesenwang; Rosemarie Neumann, Vilshofen; Klaudia Wittig, Vilshofen  

 

Anmerkungen

  1. Stadtarchiv (St.A.) Vilshofen (VOF), Meldekarte Heinrich II. und Hildegard Schnabelmaier
  2. A. VOF, Meldekarte Hildegard Popper-Peters, verw. Heß, verw. Nagyszentmiklós, verehelichte Schnabelmaier
  3. A. München, Polizeimeldebogen, betr. Familie Moritz und Johanna Heß;
  4. A. München, Meldeamt Wien, vergl. Anm. 3.
  5. Barbara Zeitelhack, St. A. Neuburg a. d. Donau
  6. Hans Haas/Landshut, Das Adelsgeschlecht Nákó de Nagy-Szentmiklós Aufstieg und Niedergang einer Grafendynastie; Josef Eggerdorfer/Rohr in NB, Die Familie Nákó von Nagyszentmiklós und die Verbindung zu ihrem Landsitz „Schullerhof“ in Alkofen, heute Vilshofen a. d. Donau, vergl. auch Vilshofener Jahrbuch 2005, Band 13, S. 67 – 80, und 2010, Band 18, S. 69 – 72
  7. Vergl Anm. 6
  8. Anm. 6
  9. A. VOF, Meldekarte Heinrich I. Schnabelmaier
  10. Anm. 9, ferner Wikipedia, Die Schauspielerin Centa Bré, ferner Dr. Jürgen Neubacher, Staats-und Universitätsbibliothek Hamburg mit Berichten über Centa Bré; Dr. Ottmar Seuffert. St.A. Donauwörth
  11. Anm. 1.
  12. Anm. 6.; Staatsarchiv Landshut, Rep. 20/6-23
  13. Erinnerungen von Antonie „Tonerl“ Gruber, geb. Scharl, München, und Erzählungen alter Vilshofener, die auch Rosemarie Neumann sammelte.
  14. Hörte noch Rosemarie Neumann von älteren Vilshofenern
  15. Professor Dr. Manfred Eder/Deggendorf/Osnabrück, Die Deggendorfer Gnad Tatsachen und Legende, Kataloge der Museen der Stadt Deggendorf, Nr. 32, 1993, S. 29
  16. Germania Judaica II. und III.
  17. A. VOF, Amtliche Verfügung vom 10. Dezember 1938, Az. 9219
  18. https://www.hagalil.com/2011/06/deggendorf-2, S. Michael Westerholz/Deggenau
  19. Rudolf Drasch/Vilshofen, Kultur- & Geschichtsverein Vilshofen, Vilshofener Jahrbuch 2014, Bd. 22, Vilshofen und das Bier (2), Die Brauerei Wieninger, S. 31 – 64, Jahrbuch 2018, Bd. 26, 200 Jahre Verfassungsstaat Bayern Auch in Vilshofen wurde erstmals gewählt, S. 64 – 96, ergänzt durch ein Telefonat S. M. Westerholz – R. Drasch
  20. Anna Rosmus/Passau, 75 Jahre „Reichskristallnacht“, Samples-Stecher-Verlag Grafenau, 2013; vergl. Anm. 18
  21. Anna Rosmus, Anm. 20
  22. Abschrift u. a. in einem Brief des Schwagers Dr. med. Hans Rauscher/Ortenburg an das Bayer. Landesentschädigungsamt München und den Schnabelmaier-Rechtsbeistand Richard Obermüller/Vilshofen vom 29. Februar 1962
  23. Georg Haberl &. Walburga Fricke, Deggendorf, Anfang und Ende des Tausendjährigen Reiches in Ostbayern, hier: Die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen in der Zeit des Nationalsozialismus, Bd. I., S. 103 – 114
  24. Eidesstattliche Erklärung der Schnabelmaier-Mitarbeiterin und –Treuhänderin Maria Dobler geb. Franziszi vom 29. Januar 1962 , ferner Bayer. Landesentschädigungsamt München, Anfrage an die Staatsanwaltschaft Passau, angefügt urkundliche Antwort des Justiz-Assessors Saffenreuther, Passau: „Das Verfahren gegen Dr. Thiel wurde am 25. 8. 1945 eingestellt.“
  25. Kopien aus Akten der Spruchkammer Deggendorf im Staatsarchiv Landshut
  26. Erinnerungen des Heimatforschers Benno Hofbrückl/Vilshofen und Insider-Erkundungen der Rosemarie Neumann
  27. A. VOF, Meldekarte Heinrich I. und Hildegard Schnabelmaier; Familienerinnerungen ihrer Cousine Johanna „Hansi“ Dietel/Ortenburg; J. Eggersdorfer vergl. Anm. 6
  28. Emmi Henemann (Pseudonym Parthenay!) in: „Die Wehrlosen Ein Kinderschicksal im Schatten des Dritten Reiches“, S. 15
  29. Pater Matthäus Kroiss OSB, Schweiklberg
  30. Alle Mitteilungen zu Klosterinternat Ettal und die Briefe des Heinz Schnabelmaier an HH. Pater Athanasius Kalff OSB wurden von HH. Abt Barnabas Bögle OSB zugestellt
  31. Sabine Pieringer, Adalbert-Stifter-Gymnasium Passau
  32. Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
  33. Alle Angaben zu Studien und den Promotionen des Vaters Heinrich II. und des Sohnes Heinrich III. Ludwig „Heinz“ Schnabelmaier in Erlangen beschaffte Archivar Dr. Clemens Wachter, Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen
  34. A. VOF, Meldekarte Heinrich II. und Heinrich III. Ludwig Schnabelmaier
  35. Meldungen Vilshofener Anzeiger und Mittelbayerische Zeitung Regensburg vom 11. bzw. 12. Juni 1968  

 

Quellen:

S. Michael Westerholz, Serie über die Alte Kaserne in DEG, hier: https://www.hagalil.com/2011/06/deggendorf-2

Entschädigungs- und Wiedergutmachungs-Akte zum Landesentschädigungsamt Bayern/München, betr. Familie Dr. Heinrich, Hildegard und Heinrich Ludwig Schnabelmaier, Az: 44 683/II/5712, 44 684/II/ 5713, 44 685/II/5714 auf das Jahr 1953 (sic!) aus dem Nachlass des Rechtsbeistandes Richard Obermüller im Stadtarchiv Vilshofen 

Dr. Barbara Zeitelhack,  Archiv Stadt Neuburg an der Donau (Heß)

Matthias Röth, Stadtarchiv München (Heß)

Google: Nákó de Nagyszentmiklós, zuletzt eingesehen am 13. Dezember 2018

J. und R. Eggersdorfer: Die Familie Nákó von Nagyszentmiklós und die Verbindung zu ihrem Landsitz „Schullerhof“ in Alkofen, heute Vilshofen a. d. Donau, zusammengetragen von J. und R., verfasst von Josef Eggersdorfer in Vilshofener Jahrbuch 2005

Hans Haas/Landshut: Das Adelsgeschlecht Nákó de Nagy-Szentmiklós Aufstieg und Niedergang einer Grafendynastie, Verlag Banatul Montan Resita, 2011,

derselbe: Jüdisches Leben in Großsanktnikolaus

Google: Fiume/Rijeka in Historie, Verwaltung, mit Liste der Gouverneure, zuletzt eingesehen am 7. Januar 2019

Peter Kugler: Die Juden von Vilshofen, Personen- und Schicksalsdaten jüdischer Familien, ungedr. Manusk. im Stadtarchiv VOF,

ergänzend Handakte Kuglers mit  Briefen, Zeitungs- und sonstigen Berichten zur vorstehenden Arbeit, darunter brieflicher Bericht des Ernesto Finger an Anna Rosmus, betreffend die REICHSPOGROMNACHT am 9./10. November 1938 in Vilshofen

HH. Abt Barnabas Bögle OSB, Abtei Ettal

Richard Berndt, Archiv Ludwigs-Gymnasium München

Sabine Pieringer, Adalbert-Stifter-Gymnasium Passau, Schulakten

Dr. Claudius Stein, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München

Dr. Ottmar Seuffert,  Stadtarchiv Donauwörth mit „Der Daniel, Nordschwaben“, Heft 3/1990, hier: Gernot Ludwig: „Centa Bré, eine einst beliebte Schauspielerin aus Donauwörth“

Dr. Jürgen Neubacher, Leitung Historische Bestände der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Carl von Ossietzky, Zeitungsberichte über Centa Bré (verh. Schnabelmaier!)

Wikipedia: Die Schauspielerin Centa Bré, zuletzt eingesehen am 23. Januar 2019

Kataloge der Museen der Stadt Deggendorf Nr. 32,  hier: Professor Dr. Manfred Eder Osna-brück/Deggendorf, Die Deggendorfer Gnad Tatsachen und Legende, S. 23 ff            

Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Eine Dokumentation, Bayer. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Miriam Baumgartner, Forsthart:  „Das Kriegsende 1945 in den Donaupfarreien Künzing, Pleinting und Vilshofen“

Vilshofener Jahrbuch 2018, hier: R. Drasch: 200 Jahre Verfassungsstaat Bayern, S. 69, ff.

Vilshofener Jahrbuch, Sonderband 2, 1995: 50 Jahre Kriegsende Erinnerungen an die letzten Monate des 2. Weltkriegs im Vilshofener Land

Staatsarchiv Landshut (StALa):

  1. Bezirksamt/Landratsamt Vilshofen (VOF), Sign. 9568: Kfz-Versicherung f. d. Wagen d. Landrates;
  2. Spruchkammer VOF, Sign. 400: NS-Ortsgruppenleiter Dr. Estner;
  3. Staatsanwaltschaft a. LG. Passau, Sign. 715: Strafverfolgung von NS-Verbrechen, hier NS-Landrat Johann Michael Wabel;
  4. 3., Sign. 1704, hier Oskar Schmid
  5. Regierung v. Niederbayern (Ndb.), Sign. 65281: Vorstandsstelle b. Bezirksamt VOF;
  6. 5., hier: Sign. 64093, Geschäftsorganisation i. BA VOF, 1864-1938
  7. LA VOF, Sign. 7636: Geschäftsverteilung i. LA VOF, 1941-1966

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