„So entsteht eine neue Dolchstoßlegende“

„Natürlich waren diese jungen Menschen, die ihr Hauptquartier in der Schönsteinstraße hatten, für den Geschmack von in der Illegalität geübten Kommunisten zumindest etwas leichtsinnig. Dass in be­stimmten Situationen die Aktivitäten der Ehrenfelder Gruppe den kommunistischen Widerständlern sogar als schädlich und gefährlich erscheinen mussten, konnte ich mir vorstellen. Das hat aber nichts daran geän­dert, dass sie sie als Gegner der Nazis erkannt hatten, ihre Aktivitäten als ein Stück Widerstand begriffen und sich eben bemühten, auf sie im Rahmen des ihnen Möglichen Einfluss zu nehmen.“ Der nächste Teil von Peter Finkelgruens Buch über die Kölner Edelweisspiraten…

TEIL 10: „So entsteht eine neue Dolchstoßlegende“

„Soweit er Jude war…“
Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944…

Von Peter Finkelgruen

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich, wie gesagt, den Kon­takt zu überlebenden Zeugen aus der damaligen Zeit aufgenommen. Einige Namen nannte mir Walter Kuchta, und auch Jean Jülich kannte noch die Namen von einigen Leuten, die damals in Ehrenfeld mitgemacht hatten.

Und von diesen erfuhr ich dann wieder die Namen von weiteren Zeugen. Dabei machte ich immer wieder die Erfahrung, dass all diese Menschen, die damals in einer Reihe gegen die Nazis gekämpft haben, heute keinen oder fast keinen Kontakt untereinander hatten. Einige hatten sich seit dem Ende des Krieges überhaupt nicht mehr gesehen, andere sahen sich mal hier, mal dort gelegentlich auf der Straße, beim Einkauf oder bei einer Behörde. Aber von jedem erfuhr ich etwas, und die Erinnerung eines jeden war wie ein Teil eines Puzzles. Manchmal fand ich die Erinnerungen anhand von Dokumenten bestätigt, manchmal wurden sie auch korri­giert. Meine Interviews und Gespräche mit diesen Zeugen waren meines Wissens die ersten – nachdem in den letzten zwei Jahren immer wieder in Köln über das Thema ge­sprochen wurde. Und seitdem die Betroffenen nun wie­der, wenn auch nur losen Kontakt untereinander haben, sind die Erinnerungen etwas beeinflusst durch bereits Geschriebenes, im Film oder Fernsehen Gesendetes oder im Gespräch mit anderen Gehörtes. Während der Zeit, in der ich diese Gespräche führte, erhielt ich Ein­sicht in die drei Akten, die vom Regierungspräsidenten so überaus sorgsam gehütet werden.

Bereits bei dem Gespräch mit Frau Butt wurde mir klar, dass in dieser Angelegenheit die Verfolgung von Juden und Widerstand gegen die Nazis zusammenfielen. Günther Schwarz[1], der jüdische Edelweißpirat, der mit seinem Bruder Wolfgang Anschluss an die Widerständler fand, leistete mit ihnen gemeinsam aktiven Widerstand gegen die Henker. Die Äußerung des Wiedergutmachungsdezer­nenten, dass nach Günther Schwarz nur Wiedergutmachung geleistet wurde „soweit er Jude war“, machte mir deut­lich, dass man ihm – und den anderen – nur das Recht auf die Rolle des verfolgten Opfers, nicht aber die des Widerständlers zugestand. Meine Identität als Jude und als Bürger der Bundesrepublik wurde damit gleichzeitig in Frage gestellt, es war eine Heraus­forderung für mich, ob ich mich weiterhin mit der Rolle des entschädigten Opfers begnügen oder ob ich als Bürger dieses Landes Widerstand leisten würde gegen das Unrecht, das die Behörde und damit der Staat an den Verfolgten von damals auch weiterhin verübt.

Am Edelweißpiraten-Denkmal Köln, © R. Kaufhold

Von Frau Butt erfuhr ich, dass in der Schönsteinstraße wohl auch noch andere Juden lebten; ich musste also mit jemanden sprechen, der mit dabei war.

In seinem Vermerk vom 18.8.1978 zitierte Dr. Dette einen Ausspruch der Widerständler aus dem Herbst 1944: „Jetzt geht es los, zuerst machen wir Nazi-Jagd und legen alle SA um, die uns in den Weg kommt, und an­schließend fahren wir die Zilli in der Schönsteinstraße befreien.“ Dieses Zitat findet sich auch in den vom Regierungspräsidenten immer wieder angeführten Urteilen aus den Jahren 1956 und 1957. Der Zweck seiner dauernden Benutzung und die Form seiner Einbringung dieses Zitats macht deutlich, dass es hier darum geht, die Ehrenfelder Widerstandskämpfer als einen Haufen wild um sich schießender Banditen darzustellen, gleichsam wie die bösen Buben aus einem Wild­westfilm. Aber etwas anderes dürfte auch eine Rolle spielen, nämlich die Auslösung von Aggressionen gegen jene, die mit dem Gedanken spielten, deutsche SA- Uniformträger „umzulegen“.

Das ist ja schon mehr als Nestbeschmutzung.

Das ist Landesverrat.

Hier waren Deutsche, die bereit waren, an der Heimat­front die Waffe gegen eigene Uniformträger einzu­setzen.

So entsteht eine neue Dolchstoßlegende.

Dieses Zitat findet sich in dem Verhörprotokoll von Bartholomäus Schink, es ist datiert vom 28.10.1944 und unterschrieben von dem Gestapobeamten Schiffer. Jenem Schiffer, der 1947 wegen der Tötung von zwei Russinnen gemeinsam mit dem Gestapobeamten Hirschfeldt von den Engländern verurteilt wurde, und der dann als Zeuge des Kölner Regierungspräsidenten vor den Wieder­gutmachungskammern der Kölner Gerichte über den „krimi­nellen“ Charakter der Ehrenfelder Gruppe aussagte.

Es lag nahe, dass mich die Figur des Hans Steinbrück, des „Bombenhans“, besonders interessierte, da aus dem, was ich bis dahin wusste, hervorging, dass er einer der aktiven und treibenden Kräfte im Ehrenfelder Wi­derstand gewesen war. Walter Kuchta von der VVN in Köln nannte mir verschiedene Personen, die im Herbst 1944 in Köln waren und mit der Ehrenfelder Gruppe Kontakt hatten. Als ersten traf ich Toni Fleischhauer. Ich fragte ihn also zuerst, seit wann er Hans Stein­brück kannte:

Auszug aus der Niederschrift eines Gespräches mit Toni Fleischhauer im November 1978

Fleischhauer: Ich habe ihn 1942 so nach und nach kennengelernt, und zwar in der Messe. In der Messehalle war ja dieses Außenkommando von Buchenwald und damals war er Vorarbeiter in einem Bombenkommando, das heißt Leute, die Bomben ausgraben und sie unschädlich machen mussten. Da habe ich ihn kennengelernt als ganz verwegenes Bürschchen – der setzte sich ritt­lings auf die Bomben drauf, nahm Hammer und Meißel und schlug die Zünder kaputt. Nun, kurz und gut, wir Politischen waren ein wenig misstrauisch gegen diese Wehrmachtleute.

Finkelgruen: Er war als Wehrmachtshäftling da?

Fl: Wie gesagt, er hat sich im Lager den Häftlingen gegenüber meines Wissens nach nichts zu schulden kommen lassen, und dann hat man ihn irgendwie ak­zeptiert. Im Lager wurde er nur der Bombenhans ge­nannt, weil er Anführer dieses Bombenentschärfungs-Kommando war. Er zog also mit durch die Stadt. Wir wurden in diesem Lager überhaupt nach Fliegeran­griffen eingesetzt.

F: Hat er sich auch im Lager politisch geäußert, auch vage seine Haltung?

Fl: Ja, mein Gott, ich kann mich auf nichts Gravierendes besinnen. Nun, in seiner Lage musste er sich wahr­scheinlich den Häftlingen anpassen, den politischen Häftlingen, denn er trug ja auch den roten Winkel.

F: Wie kam er an einen roten Winkel, er trug also einen roten Winkel?

Fl: Ja, nun, ich weiß nicht mehr; ich glaube, diese Wehrmachtsleute waren darüber hinaus noch irgendwie kenntlich, aber ich kann mich nicht mehr besinnen, wodurch. Ob da vielleicht ein „W“ drin war oder so etwas. Kurz und gut, 1942 bin ich dort hingekommen und 1943 weggegangen nach Düsseldorf zur Rhein­metall.

F: Was war das für ein Kommando?

Fl: Wieder ein Außenkommando von Buchenwald. Wir wurden alle miteinander dort hingeschickt, also nicht das ganze Kommando, vielleicht zunächst einmal hundert Mann. Ich kann mich noch entsinnen, der damalige Lagerkommandant, ein Hauptsturmführer Völkner, der versuchte, das den Jungen schmackhaft zu machen, und versuchte die Leute wegzukriegen, die er für aktive Kräfte hielt. So hat er beispielsweise den Russen gesagt, das ist ein sehr gutes Kommando, da gibts zu essen, und da hat zum Schluss – das klang, wie wenn er seinen besonderen Trumpf draufgeben wollte – gesagt: und der Toni geht mit als Meister. Das hat er aber nur getan, um die Russen und weil da sehr aktive Kräfte drin waren, die leicht ge­neigt waren, wegzulaufen, das war für Ausländer leichter als für uns.

F: Ja, wieso?

Fl: Nun, ganz einfach, die brauchten sich nur Zivil­kleidung zu beschaffen und dann machten sie sich da einen Winkel drauf, Ost stand drauf, und dann haben sie den nächstbesten Russen der ihnen begeg­nete, wenn sie nicht schon vorher Verbindungen angeknüpft hatten, weil die ja in der ganzen Stadt arbeiteten, dann haben die sich so ein Ost-Arbeiter Abzeichen an die Zivilkleidung gemacht. Und dann verschwanden die in irgendeiner Fabrik im Ost­arbeiterlager und wurden dort versteckt und auch mit verpflegt, das war für die einfacher als für uns. Na ja, und dann hat er denen gesagt, der Toni hier geht mit als Meister. Er hatte einfach Angst, dass man ihm anlastet, dass ihm Zuviele weglaufen. Na schön, und dort habe ich auch diesen Hans Stein­brück kennengelernt und …

F: Der ist dann mitgegangen?

Fl: Nein, nein, der ist hiergeblieben, die wollten ja nur Facharbeiter haben, also nach Möglichkeit ver­stand ich ziemlich viel vom Schweißen, autogenem Schweißen und so, und außerdem wollte er mich auch weghaben, weil er gespürt hat, dass von mir aus Einflüsse ausgingen, die ihm nicht genehm sein konnten. Schön, dann bin ich also dort hin und bin vielleicht 1943, Ende Oktober, um die Monatswende Oktober/November sind wir dort hin. Ich glaube, zunächst mit hundert Mann und, wie gesagt, da sollten wir also V 2-Behälter bauen. Dann später kamen noch aus einem Nebenlager von Duisburg noch ein paar hundert Mann hin und dort bin ich dann geblieben bis 1. April 44. Wieso konnte ich Ver­gnügen daran haben, V 2-Behälter zu bauen? Da sind wir dann mit vier Mann weggelaufen. Die vier, das war ein Max Schönwald, das war der Lageräl­teste, dann einer namens Claasen, und der andere war der Hans Debus, der stammte von Solingen, und ich war Kölner. Ich war ja auch zeitweilig hier in dem Lager, na, ein Jahr, und dann sind wir dort geblieben. Uns schmeckte natürlich diese Art von Arbeit nicht und dann sind wir am 1. April 1944 weggelaufen. Ich bin, der eine, der Schönwald ist nach Duisburg und dort hat man ihn später ergriffen, ein bisschen später ist er dann wieder nach Buchenwald gekommen. Und der Claasen ist auch nach Stolberg, ist aber, glaub ich, auch dort wieder eingesperrt worden und ich glaube, auch wieder ins Stammlager gekommen. Der Debus ist nach Solingen. Er stammte aus einer alten Kommunistenfamilie aus Solingen-Wald. Der hat sich dann gehalten bis zum Ende, nein, nicht bis zum Ende, sondern bis Februar 1945, da ist er zuhause in Solingen an der Tbc gestor­ben. Ich habe mich hier in Köln versteckt aufge­halten.

Nun war es so, in Köln war es relativ leicht, sich aufzuhalten. Wir hatten so – ich glaube, nach Gestapoerkenntnis – mindestens fünftausend Deser­teure hier in Köln, und dann hatte ich mir auch andere Beziehungen beschafft, und zwar so, die war irgendwie, das war eine wütende Katholikin, und mochte die Nazis nicht mehr. Vor allen Dingen, am meisten hat sie den Nazis verübelt, dass man sie noch – ich weiß nicht – ich glaube, im Jahr 1942 oder so, praktisch mit hartem Druck gezwungen hat, in die NSDAP einzutreten. Wie gesagt, sie mochte die nicht und das war natürlich eine wertvolle Hilfe für mich…

Dann hab‘ ich gesagt, pass auf, ich müsste das mal riskieren, zu dieser Kriminalpolizistin hinzugehen. Der Lehmann hat mir das damals erzählt, die wohnt da, und der hielt die auch damals schon für zuverlässig Dann bin ich also eines Tages bei der aufgekreuzt und habe gesagt, seien Sie nicht überrascht, aber ich komme von einem gemeinsamen Bekannten, der Fritz Lehmann heißt, aus Dresden stammt und mit dem Sie sich öfter unterhalten haben in der Maulerstraße. Und die wurde blass in dem Moment, aber dann sind wir, nachher ist das Klima aufgetaut und dann haben wir ganz vernünftig miteinander reden können. Dann wars so, sie war für mich ein guter Ansatzpunkt, eine sehr gute Verbindung. Und also, ich wusste ständig, was in der nächsten Woche an Einsätzen der Gestapo geplant war. Ja, solche Dinge konnte ich von ihr erfahren. Sie hat mir auch mal Papiere angeboten, also Ausweispapiere…

Es lebten hier in Köln auf der linken Rheinseite soviel ich weiß noch vierzigtausend Leute, die also fest gemeldet waren, dazu einige tausend De­serteure, und, na aber das wars. Und dann hab ich mich hier engagiert, es war auch furchtbar leicht. Ich bin nie gefragt worden, wenn ich bei jemandem angefangen habe zu arbeiten. Ich hab beim Dachdecker, in einer Maschinenfabrik gearbeitet, mich hat niemals jemand nach meinem Namen gefragt. Ich heiße Toni, peng, aus…

Dann ist später der Hans Debus, der von Solingen-Wald, der ist nach Köln gekommen, hat sich zu mir durchgefragt und dann haben wir zusammen da in der Domstraße zeitweilig gewohnt. Und ja, der ist dann nach einiger Zeit wieder weggegangen und dann habe ich allerdings einiges erfahren von Hans Stein­brück …

Damals war der untergebracht bei einer jungen Frau die existiert auch heute noch, die heißt heute Mevissen, Cilli Mevissen, wohnt in der Marien­straße. Dann bin ich also dahintergekommen, die hatten da in der Schönsteinstraße ein Hauptquartier aufgemacht.

F: Die beiden?

El: Die beiden, aber dann kamen nachher andere dazu.

F: Wie erfuhr man das?

El: Wie erfuhr man das? Ich hab beispielsweise diese beiden wiedergesehen, nachdem ich schon einige Monate hier in Köln war. Da haben wir uns unter­halten, was man wohl tun könnte. Mir schwebte na­türlich ein bisschen Politik vor Augen, nicht nur existieren. Und naja, aber das hat in meinem Sinn keine greifbaren Ergebnisse gehabt…

Ich erinnere mich da an eine Sache … Diese Woh­nung da in der Schönsteinstraße, das war schräg gegenüber der Hinrichtungsstätte, das ist auf ganz blöde Art aufgeflogen. Da sind eines Tages ein paar junge Leute, die man dem Alter nach mehr als mehr als wehrdienstpflichtig hätte ansehen müssen, die sind in die Straße reingegangen, ich glaube drei oder vier waren es, sind in das Haus hinein. Und das hat eine Wehrmachtsstreife bemerkt und ist hinter denen her. Da haben die dann wohl auch gemerkt, dass da was nicht stimmte. Sie sind dann nach der nächsten Straße, der Parallelstraße, ich glaube Lessingstraße oder Sennefelder Straße, ich weiß nicht genau, da sind die dann zum Fenster hinaus und weg. Jedenfalls ist das denen von der Streife seltsam vorgekommen und dann haben die ein Riesenaufgebot zusammengeholt, das ganze Gelände durchsucht und dann unten in einem Keller versteck­te Juden gefunden, die vor dem Abtransport gestan­den hatten und sich unsichtbar gemacht hatten …

Na, kurz und gut, dann haben die also das Gelände bewacht und auf irgendwelchen Wegen haben sie von der Existenz verschiedener, unter anderem vom Hans Steinbrück. Und den haben sie dann eines Tages beschossen auf der Straße und haben ihm eine Ober­schenkelverletzung beigebracht. Und da hat er bei einer Bekannten, einer Krankenpflegerin, die wohnte irgendwo in der Nußbaumerstraße, wenn ich nicht irre, Unterschlupf gefunden, die hat ihm da seine Wunde versorgt, und die hat ihn, glaub ich, auch untergebracht. So ist das also gegangen. Jetzt weiß ich nicht mehr, wieso er da noch davongekommen ist, dieser Hans Steinbrück. Na, kurz und gut, da hat man dann dort in der Gegend mal rumgewühlt, da hat´s dann auch wieder Schießereien auf die Gestapo gegeben und …

Hans Debus ist dann eines Tages zur Schönsteinstraße hingegangen, der Hans, der Bombenhans, kannte ihn vom Lager her. Da kam dann sofort eine solide Beziehung zustande und das ist solange ge­gangen, bis der Laden dort aufflog. Wir haben zeitweilig versucht, Politik hineinzutragen…

F: Genau, wie lief das ab, was lief auf dem Gebiet ab, das ist interessant?

FI: Ja, wenigstens so lautete die Abmachung zwischen mir und Hans Debus, man sollte also versuchen – damals musste man sich schon orientieren, was soll laufen, wenn die Alliierten in die Stadt kommen.

Wir haben uns da ernsthaft überlegt, was kann man eigentlich tun. Wir wussten, es gab da an den Brücken Vorrichtungen, um die zu sprengen. Was kann man tun, um das zu verhindern, das blieb aber bei Überlegungen. Na, schön, dadurch kam also ein po­litischer Zug in diese ganze Geschichte hinein.

Das ist dann gegangen bis der Laden aufgeflogen ist. Der Hans Debus ist dann nicht mit erwischt worden, der hat sich da noch verkrümeln können und ist nach Köln in meine Nähe, wo ich hauste, Im Dau 4, bei einem Engelbert Brinker (Brinker war einer der führenden Köpfe der Kölner Gruppe des Nationalkomitees Freies Deutschland, d. Verf.). Brinker ist später zusammen mit der Klettenberger Gruppe erschossen worden. Jedenfalls da hat sich dann der Hans Debus aufgehalten bei diesem Engel­bert Brinker und ist aber grade noch weggekommen, ja, und inzwischen also war der Laden da aufgehoben Und nun ist es so mit den jungen Leuten, die sich da angesammelt hatten…

F: Die beim Steinbrück oder die?

FI: Ja, von denen möchte ich annehmen, dass die meisten aus soliden politischen Gründen da waren.

F: Habt ihr da konkrete Erfahrungen?

Fl: Ja, Moment, also bei dem einen, bei dem Schwarz, da deutete die Familie darauf hin, der kommt aus der Familie Spitzley, die wohnten damals in der Eupener Straße, und die Frau Butt ist eine gebore­ne Spitzley.

… trotz allem, was möglicherweise von den Leuten um den Regierungspräsidenten heute alles aufge­tischt werden kann, war es einfach so, dass ein solider Fundus an politischem Willen da war.

F: Ich würde ganz gerne ein paar Beispiele erzählt bekommen.

Fl: Ja, damals habe ich Beispiele gekannt, die haben genügt, um dem Hans Debus zu empfehlen, dass er dort einsteigt, um da irgendwas in Gang zu bringen. Ich weiß natürlich, dass sie gestohlen haben – Kunststück, die jungen Leute waren in den meisten Fällen vom Westwall weggelaufen, die sollten den Westwall bauen, was blieb denen anderes übrig, als stehlen zu gehen oder weiß der Teufel.

F: Und die Schießereien?

Fl: Die Schießereien, ja, da meine ich hat das politi­sche Motiv überwogen. Das war nicht so, dass die aus einer unmittelbaren Gefahr für ihre Freiheit auf irgendjemand geschossen hätten, sondern die haben, ich glaube, da ist ein Ortsgruppenleiter erschossen worden, seine Uniform gesehen und ge­sagt, so, das ist einer von denen und haben ge­knallt. Ich weiß zwar, dass von einem Ortsgruppen­leiter die Rede war…

F: Da waren ja wohl eine ganze Reihe einzelner Gesta­poleute, Polizisten, SA-Leute …

Fl: Ja, Moment, nur es gibt dabei eine Gefahr: Es hat in Köln eine zweite Sache gegeben, und zwar ist das gewesen an einer Straße, die von der Luxem­burger Straße aus nach, links nach Zollstock hin­übergeht, und zwar war da ein Gebäude, das unter­kellert war, da haben vorher mal Häuser gestanden, und darin haben sich auch eine Menge Leute aufge­halten; das müssen aber wohl, wir sind nie dahintergekommen, was das für Leute gewesen waren, aber es müssen Deserteure gewesen sein. Dort ist bei­spielsweise der ehemalige Boss der Kölner Gestapo, ein Oberregierungsrat Dr. Hoffmann, erschossen worden. Der wollte das ausheben mit einem ganzen Aufgebot von Volkssturm und weiß der Teufel was.

F: Die Schönsteinstraße war ja auch unterkeller, wie sah das da aus?

Fl: Ja, ich bin nie in dem Keller drinngewesen. Ich wusste aber, dass in dem Keller Proviant lag und dass dort Juden versteckt waren, das hab ich ge­wusst. Ich bin da nie drin gewesen.

F: Wo hat es beispielsweise Treffen mit dem Stein­brück gegeben?

FI: Ja, ich hab solche Treffen mit dem Steinbrück ge­habt. Aber, wie gesagt, jetzt weiß ich nicht mehr in allen Einzelheiten, wie diese jungen Leute da, also Schink und Schwarz, aufeinander zugestoßen sind. Wahrscheinlich kannten diese jungen Leute sich, weil sie zusammen am Westwall gewesen waren. Und mindestens einer, dieser Schwarz, der stammte aus einer alten Kommunistenfamilie. Nachdem die Ge­schichte da aufgeflogen ist, da sind ja eine ganze Menge von Ehrenfelder Leuten eingesperrt worden, also Erwachsene. Da war mal die Rede von siebzig Leuten.

Die Geschichte war trotz aller Dinge, die auf den Verdacht bringen können, es handelte sich um Kriminelles, eine im Kern echt politische Sache.

Das weiß auch der Antwerpes. Das weiß er, nur kann er das nicht zugeben … Vielleicht hat er Grund, solche Stories aufrechtzuerhalten. Ich weiß nicht, für mich war damals jemand, der auf irgendeine krumme Tour in Köln lebte, zunächst ein Hitlergegner.

F: Wenn es also relativ einfach war, illegal zu leben, und dann bildet sich so eine Gruppe wie in der Schönsteinstraße, die sich nicht damit begnügt, fürs Essen zu sorgen und illegal zu überleben, sonder sich Waffen besorgt und sich dieses Zentrum in der Schönsteinstraße herrichtet – da muss ja irgendwas dahinter gesteckt haben?

Fl: Ja, da ist meines Wissens zunächst der Hans Stein­brück der Treibende gewesen. Aber ganz offensicht­lich waren auch noch ganz andere Einflüsse sicht­bar. Das geht daraus hervor, dass eine ganze Anzahl junger Leute daran beteiligt waren, die von der Familie her vorbelastet waren. Hinzu kam, dass dazu auch wahrscheinlich noch eine Anzahl ausländischer Kameraden dabei war, Russen und so weiter, das spielte ebenfalls eine Rolle.

F: Der Steinbrück hatte also mehr so eine Art organi­satorische Funktion?

Fl: Nun ist es so, ich habe keinen Kontakt mit ihm aufgenommen, das hat allein der Hans Debus besorgt.

F: Das hat er also erzählt davon?

Fl: Ja, das hat er erzählt, da könnte man noch eine ganze Menge damit anfangen, darüber sind dann die Dinge geplatzt. Wie gesagt, er ist mit sehr viel Glück davon gekommen, und hat noch eine kurze Zeit bei diesem Engelbert Brinker gehaust. Und der ist zusammen mit den Leuten vom Nationalkomitee Freies Deutschland hochgegangen und auch erschossen wor­den oder umgekommen, aber der Hans Debus hat bei dem gewohnt und eines Tages…

F: Beim Brinker?

Fl: Ja, Im Dau 4, und weil ich Im Dau 18 gewohnt habe. Dann ist der eines Tages im Zusammenhang mit der Klettenberger Geschichte verhaftet worden, da konnte der…

F: Aber die Schönsteinstraße kam nach Klettenberg, oder war das vorher?

Fl: Die Klettenberg-Geschichte kam nachher, Moment … Ja, wie war das? Die Kriminalpolizistin hat mir von der Klettenberggeschichte erzählt. Nein, nein das kann etwa um die gleiche Zeit gewesen sein, vielleicht Anfang November. Unser heutiger Kommu­nistenboss war da ja auch als ganz junger Mensch mit drin, das ist etwa um die gleiche Zeit gewesen. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich jetzt hinsteuern wollte…

Wie gesagt, mein Hans Debus hat sich dann wieder nach Solingen-Wald geflüchtet und ist dort im Februar 45 an der Tbc gestorben.

Wie gesagt, ich bin geboren 1908 in Köln und in Köln in die Volksschule gegangen. Bin 1925 bei der damaligen Maschinenbauanstalt Humboldt, die war damals noch nicht fusioniert, angefangen. Da hab ich Schlosser gelernt. Dann bin ich 1926 in den Kommunistischen Jugendverband eingetreten, be­zeichnenderweise, weil ich vorher „Mein Kampf“ gelesen hatte. Dann bin ich 1928 mit ein paar Kumpels auf die Walz gegangen, wie das damals viel­fach üblich war. Das hat dann bei mir dazu geführt, dass ich in Dresden hängengeblieben bin und dort hab ich dann sehr bald wieder Anschluss gehabt.

Ich bin hingekommen, nachdem die Geschichte im Dresdner  (?) Heim gewesen ist. Da hat es eine Ver­sammlung gegeben und da sind mehrere Leute erschossen worden in der Versammlung. Das war aber im Dezem­ber 1952, und, wie gesagt, von 1953 an hab ich dann – in Dresden gelebt und war dann wieder mittenmang.

Es war eigentlich gar nicht so schwer, den Anschluss zu der illegalen KP zu finden. Und dann hab ich dort eine ganze Menge guter Freunde ge­funden, die ich später im Lager wiedergesehen habe …

Zum Beispiel den Horst Sindermann hab ich dort kennengelernt. Der wurde mir später, 1935 bin ich verhaftet worden, im Polizeipräsidium, da kam ein Kommissar, Beierlein hat er geheißen, kommt mit irgendjemand, für mich nicht irgendeiner, sondern das war der Horst Sindermann, der spätere Ministerpräsident der DDR, den hat er eines Tages in meine Zelle geschleppt. Ob er mich kennt, nein hat er gesagt, und ich kannte ihn dementsprechend auch nicht, also, so sind die Dinge da gelaufen.

Ich bin dann beim Oberlandesgericht in Dresden zu drei Jahren und neun Monaten Zuchthaus verurteilt worden, die hab ich in Waldheim abgesessen. Und dann am Entlassungstag hat mir der Zuchthausdirektor gesagt, „Sie werden also jetzt Gelegenheit haben, in einem Konzentrationslager eine andere Einstellung zum nationalsozialistischen Staat zu gewinnen“.

Dann bin ich also nach 14 Tagen in Buchenwald ein­geliefert worden, da bin ich geblieben, bin dann ins Außenkommando gegangen. Zuerst hab ich beim Heizungsbau gearbeitet, bei einer Kölner Firma übrigens.

F: Also direkt von dort zu der Außenstelle hier?

Fl: Ja, wie gesagt, also im Großen und Ganzen bin ich relativ harmlos davongekommen.

Die Aussagen von Toni Fleischhauer waren für mich die ersten authentischen Beweise, dass die Ehrenfelder Gruppe auch von anderen politischen Widerständlern, in diesem Fall von den Kommunisten, als ernster Faktor in der Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten angesehen wurde. Er bestätigte nicht nur die persön­liche Bekanntschaft mit Hans Steinbrück aus der Zeit der gemeinsamen Inhaftierung im KZ Buchenwald, er machte auch klar, dass das Nationalkomitee Freies Deutschland[2] Kontakt zu der Ehrenfelder Gruppe aufge­nommen hatte.

Maria Fensky, die damals mit ihm in der Illegalität war, hat mir das in einem Gespräch auch bestätigt.

Auszug aus der Niederschrift eines Gespräches mit Frau Maria Fensky am 24.11.1978

Fensky: Ich lebte 1944 schon illegal, weil ich von der Gestapo gesucht wurde. Einige der Jungs, die man in der Schön­steinstraße erhängt hat, kannte ich – zum Beispiel Hans Müller: seine Mutter war eine Genossin, sein Vater war ein Genosse, die beide seit langen Jahren der Kommunistischen Partei angehörten. Auch den Günther Schwarz kannte ich; er war der Neffe von der jetzigen Frau Butt, der damaligen Gustl Spitzley, die in der Sache auch mitverhaftet wurde. Und ich kannte den Bruder, den Wolfgang Schwarz[3]; da hatten wir die Möglichkeit, ihn vor der Verhaftung zu bewahren. Wir haben ihn dann nach Engelskirchen gebracht, dort war ein Genosse von uns im Hakape – im Heereskraftwagenpark beschäftigt, und der hat den Jungen dort einfach da­zwischengepfuscht, also da untergebracht, und ihn auch bis zum Schluss dabehalten.

Ich kannte einige von den anderen Jungs, allerdings nur mit ihren Spitznamen – der eine war der Bobby, der andere war der Büb. Von den Mädchen kannte ich einige, aber nur sehr oberflächlich, die ich mal mehr zu­fällig gesehen hatte. An sich hatte ich mit der ganzen Sache Schönsteinstraße nichts zu tun. Von der ganzen Sache wusste ich daher, weil ich mit der Gustl Spitzley sehr gut bekannt war. Ich kannte auch die Cilly Serve, die jetzige Frau Mevissen, die wohnte in der Schön­steinstraße, wo vorher auch die Familie Spitzley wohnte mit dem Opa, also dem Vater der Frau Spitzley, ihrer Schwester und den zwei Jungens.

Ich kannte zum Beispiel den Bombenhans, den Hans Stein­brück, weil ich damals mit einem Genossen befreundet war, der auch aus dem Lager geflohen war. Wir haben den Hans dann einmal getroffen, daher kannte ich ihn. Ich habe den Hans immer als einen kameradschaftlichen, netten Jungen angesehen. Ich wusste, dass er nicht aus politischen Gründen eingesperrt war. Eingesperrt war er wohl, weil er bei der Wehrmacht irgendwas ange­stellt hatte, aber als Deserteur war er nicht einge­sperrt. Also, was da vorlag, da ist man nicht schlau draus geworden. Er war immer sehr kameradschaftlich, hilfsbereit. Und dann dürfen Sie nie vergessen – die damalige Zeit, in der wir lebten!

Ich wohnte damals am Fröbelplatz, das Haus wurde späte ausgebombt. Ich bekam dann allerdings durch Bekannte die Möglichkeit, in einer Wohnung kurze Zeit zu leben. Das ging dann auch nicht mehr, und ich wohnte dann später in der Stadt, im Severinsviertel, also in der Illegalität.

Finkelgruen: Wo denn da im Severinsviertel?

Fensky: Im Dau. Aber den Hans Debus, den blonden Hans, den kannte ich besser. Der war auch im Lager gewesen und der hatte engere Verbindung mit denen in der Schön­steinstraße, um das – wie soll ich sagen – ein bisschen in notwendige Bahnen zu lenken.

Finkelgruen: Wie kam es dazu, dass er da zur Schönsteinstraße hin­ging?

Fensky: Es gab Verbindung von der Schönsteinstraße zu den so­genannten Fremdarbeitern hier. Die Verbindungen gab es nicht nur zur Schönsteinstraße, die gab es auch zu den anderen Genossen, die illegal hier wohnten.

Ein Teil kannte sich durch das Lager, also die waren alle vom Lager ausgerückt. Einer hörte vom anderen, und der Hans Debus hat gesagt, wenn es da eine Gruppe gibt, dann kann man wirklich wichtige Dinge mit denen zusammen erledigen, und wenn das so junge Menschen sind, muss man sie eben richtig anleiten.

Finkelgruen: War das seine eigene Idee?

Fensky: Nein, das war mit Genossen besprochen. Es gab ja hier in Köln noch mehr Genossen. Aber darüber kann Ihnen bestimmt der Toni Fleischhauer mehr drüber sagen, denn bei der Besprechung bin ich nicht dabei gewesen. Ich weiß noch, als die Verhaftungen waren, am Tag da­nach, war ich in Ehrenfeld und da ich wusste, an einer bestimmten Stelle hat der Hans einige Sachen von sich versteckt, Schuhe zum Wechseln, etwas Wäsche und so, da bin ich ganz frech hingegangen, hab‘ die Sachen geholt und habe sie mitgenommen in die Stadt, damit er die wenigstens hatte.

Finkelgruen: Was wussten Sie von den Aktivitäten der Gruppe, entweder selber oder durch andere?

Fensky: Ich habe davon gehört, dass sie dabei waren, Waffen beschaffen, Vorräte anlegen, mit anderen Verbindungen aufzunehmen mit Gruppen von den Ausländern, um gemein­sam irgendetwas zu unternehmen. Was, fragen Sie mich bitte nicht, ich habe nie mit ihnen darüber gesprochen und wollte auch nicht mit ihnen darüber sprechen.

Denn wie ich schon sagte, ich habe in der Zeit illegal gelebt und nur ab und zu in Ehrenfeld zu tun. Ich wollte auch keine Verbindung mit ihnen haben…

Finkelgruen: Aus welchen Gründen?

Fensky: Weil mir zu viel Jungs dabei waren, wo ich irgendwie ein bisschen vorsichtig war. Ich kannte die Mehrzahl von ihnen zu wenig und wusste nicht, ob sie die Sache auch ernst genug nahmen.

Finkelgruen: Kannten Sie eigentlich die Frau Heinen, die ja wohl auch im Zusammenhang mit Steinbrück verhaftet worden ist?

Fensky: Ja, ich kannte die Frau Heinen dadurch, dass ich im gleichen Haus wohnte wie ihr Bruder. Frau Heinen wurde damals mitverhaftet, weil – wie soll ich sagen – also sie mochte die Nazis nicht, sie mochte den Krieg nicht und sie hat versucht, denen zu helfen, den jungen Menschen. Näher kennengelernt habe ich Frau Heinen erst nach 1945.

Finkelgruen: Aber Sie erinnern sich noch, was ihr vorgeworfen wurde, als sie im Zusammenhang mit dem Steinbrück verhaftet wurde?

Fensky: Sie hat mit noch einer Frau zusammen, ich weiß aber nicht, wer das war, und mit ihrer Nichte, die Tochter von ihrer Schwester, die kurz vorher gestorben war, die war damals so Siebzehn, auf irgendeinem Weg Pistolen besorgt für die unten. Mehr weiß ich nicht.

Finkelgruen: Kommt Ihnen der Name Kessler bekannt vor?

Fensky: Die Else? Bei ihr ist der Hans verhaftet worden, ja. Sie wohnte damals in der Hansemannstraße oder Glasstraße in Ehrenfeld? Also, in der Ecke, auf jeden Fall jenseits des Gürtels. Und die hatte den Hans versteckt und versorgt, und da ist er dann verhaftet worden. Sie war Arbeiterin. Die hatte übrigens Verbindung mit der Frau Heinen, auch nach 1945 noch. Die wohnt heute irgendwo in der Leo­straße, haben Sie die schon gefunden? Nein? Ich hab´ sie, glaube ich, na, kann vielleicht ein Jahr her sein, auf der Venloer Straße getroffen.

Finkelgruen: Was wussten Sie damals von den Edelweißpiraten?

Fensky: Ja, also der Begriff Edelweißpiraten war doch für uns irgendwie bekannt. Wir wussten, dass das junge Menschen sind, die sich den Namen gegeben haben und die gegen die Faschisten waren. Wahrscheinlich wussten die we­nigsten der jungen Menschen, dass das früher eine soge­nannte Bündische Jugend war. Es gab ja überall Gruppen, die sich Edelweißpiraten nannten, nicht nur hier in Ehrenfeld, nicht nur hier in Köln.

Finkelgruen: Ich hätte gern noch etwas über den Hans Debus gehört.

Fensky: Hans war aus einer kommunistischen Familie. Ins Lager gekommen ist er, glaube ich, als Deserteur. Stimmt das? Ich glaube – ich weiß es nicht genau. Und Hans war bei allen als „der Genosse“ bekannt. Wie alt war er damals? So Mitte Zwanzig. Er war sehr krank, er ist ja auch Anfang 1945 an TB gestorben.

Beide, Maria Fensky und Toni Fleischhauer, bezeugen auch den politischen Widerstandscharakter der Ehren­felder Gruppe.

Natürlich waren diese jungen Menschen, die ihr Hauptquartier in der Schönsteinstraße hatten, für den Geschmack von in der Illegalität geübten Kommunisten zumindest etwas leichtsinnig. Dass in be­stimmten Situationen die Aktivitäten der Ehrenfelder Gruppe den kommunistischen Widerständlern sogar als schädlich und gefährlich erscheinen mussten, konnte ich mir vorstellen. Das hat aber nichts daran geän­dert, dass sie sie als Gegner der Nazis erkannt hatten, ihre Aktivitäten als ein Stück Widerstand begriffen und sich eben bemühten, auf sie im Rahmen des ihnen Möglichen Einfluss zu nehmen. Dazu bestand sogar ein gewisser Zwang; denn die Ehrenfelder Gruppe hatte Kontakt zu ausländischen Zwangsarbeitern. Sowohl zu solchen, die in den Baracken hausten, die über die Stadt verstreut lagen, als auch zu solchen, die aus Konzentrationslagern geflohen waren, und die ver­suchten, sich mit Waffen gegen die Nazis zu erheben. Dies war sozusagen die zweite Linie der personellen Querverbindungen zum kommunistischen Widerstand.

Bild oben: Das Titelblatt des Manuskripts, Peter Finkelgruens Heim in Kfar Samir (ehemals Neuhardthof), Israel, circa 1954

 

Zum Buch:
„Soweit er Jude war…“
Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944…

Herausgegeben von Roland Kaufhold und Andrea Livnat
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[1] Siehe das Personenportrait zu Günther Schwarz in der Ausstellung der Gedenkstätte deutscher Widerstand.
[2] Das Nationalkommitee Freies Deutschland (NKFD) war ein im Juli 1943 gegründeter Zusammenschluss von kriegsgefangenen Soldaten sowie von kommunistischen Emigranten. Literatur u.a.: Bodo Scheurig: Verräter oder Patrioten – das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ und der Bund Deutscher Offiziere in der Sowjetunion 1943–1945. In Köln gab es die mit 200 Mitgliedern größte Widerstandsgruppe, in ihr arbeiteten Sozialdemokraten, Christen, Bürgerliche und Kommunisten zusammen; die Kommunisten dominierten hierbei jedoch. Ihr Stützpunkt befand sich am Sülzgürtel 8; heute erinnert an der Hausfassade eine Gedenktafel an deren Wirken. Die Gruppe verteilte immer wieder klandestin Flugblätter, in denen sie zum Widerstand und Soldaten zum Desertieren aufrief. Am 24.11.1944 wurden 49 Mitglieder, darunter die komplette Leitung, bei einem Treffen inhaftiert. Otto Richter, Engelbert Brinker und Willi Tollmann starben an der Folter. Vgl. Fritz Bilz (2004): Widerstand für ein freies Deutschland, taz 24.11.2004. Internet: https://taz.de/!670585/
[3] Wolfgang Schwarz, Bruder des am 10.11.1944 ermordeten Edelweißpiraten Günther Schwarz (geb. 26.8.1928), war ab Ende der 1970er Jahre ein Gesprächspartner und Freund von Peter Finkelgruen. Er nahm auch an der von Finkelgruen betreuten Gedenkfeier von Yad Vashem in Jerusalem im Frühjahr 1984 teil, zusammen u.a. mit Finkelgruen, von Hellfeld, und Gerhart Baum.