Sportvereine wurden zu Vorreitern des Arisierungsprozesses

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Eine Quellensammlung dokumentiert die Ausgrenzung jüdischer Sportler…

„Will jemand dem Verein beitreten, so hat er ein persönlich unterschriebenes Aufnahmegesuch einzureichen, das den Namen, Vornamen, Geburtstag und -ort, Beruf und Religion enthält“, empfiehlt der Deutsche Fußball-Bund im Oktober 1933 seinen Mitgliedern in einer Mustersatzung. „Die Frage nach der Religion ist so auszubauen, dass die Abstammung rassenmäßig überprüft werden kann.“

Zahlreiche Sportverbände und -vereine hatten schon bald nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten, in vorauseilendem Gehorsam begonnen, ohne Druck des NS-Regimes, jüdische Mitglieder zu diskriminieren und letztlich aus den Vereinen auszuschließen. „Die Turn- und Sportvereine wurden zu Vorreitern des Arisierungsprozesses der deutschen Gesellschaft“, schreiben die Sporthistoriker Lorenz Peiffer und Henry Wahlig in der Einleitung zu ihrem Buch „Unser Verein ist judenfrei!“ Ausgrenzung im deutschen Sport.

Die beiden Forscher widmen sich bereits seit über einer Dekade dem Thema „Juden in Sportvereinen während des Nationalsozialismus“. In zahlreichen Publikationen haben sie akribisch beschrieben, mit welcher Intensität und Rigorosität der vermeintlich unpolitische Sport sich in den Dienst des NS-Regimes gestellt hat und zu einem Wegbereiter eines beispielslosen Zivilisationsbruchs wurde.

Nun haben sie eine Sammlung ihrer in jahrelanger Arbeit eingesehener Dokumente staatlicher, kommunaler oder Einrichtungen der NSDAP veröffentlicht: Ihre Quellensammlung umfasst 334 Anordnungen, Beschlüsse, Empfehlungen, Briefe, Zeitungsartikel, Reden und Berichte, die eindrücklich die Ausgrenzung der jüdischen Sportler belegen. Ein beachtliches Konvolut! Peiffer und Wahlig ordneten ihre Quellen nach Provenienzen und verzichten darauf, die Texte zu kommentieren. Das ist auch nicht nötig, denn jedes einzelne Dokument spricht für sich selbst und belegt deutlich, wie die „Vollarisierung“ der Sportverbände und -vereine umgesetzt wurde. Der Band eignet sich hervorragend als nützliche und aussagekräftige Grundlage für weitere Forschungsarbeiten. – (jgt)

Lorenz Peiffer/Henry Wahlig (Hg.), „Unser Verein ist judenfrei!“ Ausgrenzung im deutschen Sport. Eine Quellensammlung, 223 Seiten, Berlin 2017, 89,95 €

Bild oben: Halbfinalspiel (Nürnberg vs Schalke) um die deutsche Fußball-Meisterschaft in der „Adolf-Hitler-Kampfbahn“, Stuttgart 1936, Repro: Bernd Siegler/nurinst-archiv