Sensationsnachrichten aus der Provinz

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In der mit den „Nürnberger Nachrichten“ assoziierten Lokalzeitung „Der Bote“ wird die Geschichte eines Racheanschlags von jüdischen Überlebenden in Nürnberg 1946 neu bewertet. Mit haarsträubenden Methoden…

Von Andrea Livnat

Man weiß nicht, was hier Schlimmer ist. Dass Aussagen über drei Ecken für bare Münze genommen werden? Dass ein Ermittler und Krimi-Autor, der nicht weiß wie man mit historischen Quellen, insbesondere mit Zeitzeugen-Aussagen umgehen muss, ungefiltert zu Wort kommt? Oder dass eine Journalistin ohne zu hinterfragen, ohne die Hintergründe zu recherchieren, einfach alles wiedergibt und daraus einen kleinen Sensationsartikel strickt?

Aber der Reihe nach. Vor zwei Wochen verstarb in Israel Joseph Harmatz im Alter von 91 Jahren. Harmatz leitete nach Kriegsende die jüdische Rächergruppe Nakam (dt. Rächer), eine Gruppe von Schoah-Überlebenden, die für das Morden der Deutschen Vergeltung üben wollte. Sie planten unterschiedliche Aktionen, darunter Massenvergiftungen wie auch Mordanschläge auf verantwortliche hohe Nazis. In Nürnberg sollte das Trinkwasser vergiftet werden, eine Aktion, die in letzter Minute von der späteren israelischen Staatsführung um David Ben Gurion verhindert wurde.

Eine andere Aktion konnte durchgeführt werden, wenn auch nicht mit dem gewünschten Erfolg. Die Gruppe konnte einige Mitglieder in eine Nürnberger Großbäckerei einschleusen, die ein SS-Internierungslager mit Brot belieferte. Die „Rächer“ bestrichen nachts etwa 3000 Brotlaibe mit Arsen. Der ehemalige SS-Mann Franz-Josef Scherzer berichtete, dass man nichts geschmeckt habe, dafür bald gemerkt. Die Vergifteten bekamen starke Bauschmerzen, einige wurden blind. Tausende internierte Nazis erlitten Vergiftungserscheinungen und mussten in den umliegenden Krankenhäusern behandelt werden. Doch das Gift war nicht konzentriert genug, da die „Rächer“ nur die Unterseite der Laibe bestrichen hatten. Allen Presseberichten, wie etwa der „New York Times“, „Süddeutsche Zeitung“ und den „Nürnberger Nachrichten“ zu entnehmen ist, wie auch den Aussagen der Insassen des Internierungslagers, sowie den Untersuchungsberichten der US-Armee zufolge, gab es keine Toten durch die Nakam-Aktion. In den „Nürnberger Nachrichten“ heißt es in einem Artikel vom 27. April 1946, 2283 der Internierten seien erkrankt, davon 38 schwere Fälle, in keinem Fall habe Lebensgefahr bestanden und inzwischen seien alle wieder auf dem Weg der Besserung. Nachlesen kann man das alles beispielsweise in dem sauber recherchierten Buch von Jim G. Tobias und Peter Zinke „Nakam. Jüdische Rache an NS-Tätern“ aus dem Jahr 2000.

Der Kriminalbeamte Georg Kerling leuchtet mit einem Teelicht den Tatort aus. Foto: US National Archives and Records Administration
Der Kriminalbeamte Georg Kerling leuchtet mit einem Teelicht den Tatort aus. Foto: US National Archives and Records Administration (Public Domain)

Aufgepasst! In der fränkischen Zeitung wird nun eine sensationell andere Version aufgedeckt. Der früher im Ermittlungsreferat des Generalbundesanwalts tätige Krimi-Autor Roland Geisler hat Zeugen aufgetan, nach denen man davon ausgehen kann, dass bei der Aktion bis zu 1000 Menschen starben. Wahnsinn! 1000 Tote, die offensichtlich einfach verscharrt wurden. Um die Sache zu vertuschen! Was für eine Geschichte! „Boten“-Redakteurin Gisa Spandler gibt das Ganze unkritisch wieder.

Danach wurde Roland Geisler bei einer Buchvorstellung seiner Krimis aus der Reihe „Dadord in Frangn“ von einer Zeugin angesprochen, „die mehr zu dem Thema berichten“ konnte. Was genau erfahren wir allerdings nicht. Wahrscheinlich so etwas Ähnliches wie irgendein Erich Maiwald, der 1999 in einem Leserbrief an die „Nürnberger Nachrichten“ behauptete, dass 700 bis 800 Soldaten durch das Arsen gestorben seien. Das hat ihm ein „Überlebender“ berichtet. Ein Überlebender von was? Ein Überlebender der Schoah oder ein Überlebender des Nakam-Anschlags? Das erfährt man nicht und Maiwald lebt auch sowieso nicht mehr. Dann gibt es noch „eine Emskirchenerin, deren Patin die Tochter eines Lager-Insassen ist, der jahrzehntelang in der Familie von diesem Vorfall sprach“. Sind Sie noch dabei? Die Emskirchenerin erzählt also die Version der Tochter des Lagerinsassen, der „aus seiner subjektiven Erinnerung heraus beurteilte“, es seien bis zu 2000 Personen gestorben. Und die Emskirchenerin weiß auch, dass „damals Bulldozer im dem Langwasser-Lager benachbarten Moorenbrunnfeld große Gräben aushoben, um dort die durch den Giftanschlag Verstorbenen zu bestatten“.

Ein geheimes Massengrab mit von Juden gemeuchelten Nazis!

Aber irgendwann kommt eben doch die Wahrheit ans Licht. Zum Beispiel in Form von Oberschenkel-Knochen, die aus der Erde ragen und von spielenden Kindern gefunden werden. Wie im besten Tatort! Das berichtet eine gewisse Susi Feyerabend, die in der Nürnberger Gartenstadt aufgewachsen ist, wo Anfang der 1980er Jahre ein Lärmschutzwall aufgeschüttet wurde. Der ehemalige Ermittler zählt da eins und eins zusammen, Massengrab, neuer Lärmschutzwall, ganz klar, das können nur die Knochen der Nakam-Opfer sein. Dazu passt dann auch das Verhalten der Stadt, die das Gebiet nämlich einfach nicht bebauen will. Verdächtig!

Nochmal, nicht nur die Nakam-Mitglieder, auch Insassen des Nazi-Internierungslagers haben wiederholt bestätigt, dass es keine Toten durch die Aktion gab. Es ist richtig, dass Joseph Harmatz in früheren Interviews von mehreren Hundert Toten sprach. Diese Aussage ist aber mit großer Vorsicht zu genießen. Seriöse Historiker, wie etwa Yehuda Bauer, haben Harmatz‘ Version keinen Glauben geschenkt. Zeitzeugenberichte sind eben immer auch zu hinterfragen und im Kontext zu lesen. Die Nakam-Mitglieder wollten an ihren Erfolg glauben. Harmatz hat später eingeräumt, dass er dafür keine Belege bringen könne und seine Behauptungen nicht wiederholt, als er beispielsweise für eine TV-Dokumentation interviewt wurde. Eine grundlegende Beschäftigung mit dem Thema Oral History und Erinnerung ist für ein solches Thema dringend nötig.

Aber es gibt auch eine neutrale Quelle, nämlich den Untersuchungsbericht des US-Militärs von 1946, der über die Nachrichtenagentur AP bekannt gemacht wurde. Danach hatten die „Rächer“ zwar genug Arsen dabei, um etwa 60000 Menschen zu töten, die Konzentration auf den Brotlaiben sei auch teilweise hoch genug gewesen, um tödlich zu wirken. Aber die Aktion habe niemanden das Leben gekostet. Dass es keine Toten gegeben hat, liegt wohl einerseits daran, dass die „Rächer“ in ihrer Eile das Gift zu dünn aufgetragen haben und dass die Internierten ganz einfach nicht genug davon gegessen hatten. Der Bericht wird auch im Artikel erwähnt. Scheint also Roland Geisler bekannt zu sein. Der sich aber an der Formulierung aufhängt, dass die Dosis „in den meisten Fällen tödlich“ gewesen wäre.

Eine schöne Verschwörungstheorie, die hier also in einem fränkischen Provinzblatt gestrickt wird. Gefährlich auch, bedient sie doch ein bestimmtes Bild… Dazu hat die Webseite nordbayern.de, wo der Artikel auch gepostet wurde, noch das ihre getan. Ursprünglich erschien er dort mit dem Anlauf: „Israelische Terror-Gruppe könnte bis zu 1000 Menschen vergiftet haben“ gepostet. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!! Davon abgesehen, dass es 1946 noch kein Israel gab, werden hier die üblichen Vorurteile befeuert. Wie unsäglich dieser Satz ist, scheint dann doch auch der Redaktion gedämmert zu haben, jetzt liest man dort: „Zeugen berichteten von Knochenfunden – Spekulationen über Hunderte Tote„.

Screenshot von nordbayern.de
Screenshot von nordbayern.de

Im Gegensatz zu den „Dadord-in-Frangn“-Krimis, die Roland Geisler ansonsten schreibt, ist diese Geschichte Realität. Zur Erforschung der realen Vergangenheit gibt es zahlreiche Mittel und Wege, die Historiker anwenden. Vermutungen und wilde Spekulationen gehören nicht dazu.

Mehr zum Thema:

Nakam – Radikale Entnazifizierung

Bild oben: Ein US-Leutnant (links) und ein deutscher Kriminalbeamter inspizieren die Bäckerei und das Versteck der „Rächer“. Foto: Public Domain (US National Archives)

Nachtrag: Auf nordbayern.de wurde der Artikel erfreulicherweise entfernt. Er ist aber weiterhin auf n-land.de zu lesen.

5 Kommentare

  1. Dass es geradezu obszön ist – angesichts der Sechs Millionen – Spekulationen anzustellen, ob der Nakam-Anschlag ein paar Hundert Tote unter den Mördern verursacht hatte, geschenkt. (Wenn da was dran wäre, wüssten wir längst davon.)

    Dieser „Bericht“ eines sensationsgierigen Lokalblattes aus Hintertupfingen zeigt vor allem, dass man beständig auf der Suche ist, für die Monstrosität seiner Vorfahren Entlastung zu finden, um sich posthum in eine Opferrolle hineinfantasieren zu können.

    Deswegen ist auch die Vorstellung so überaus beliebt, dass es im sogenannten Nahostkonflikt auf „beiden Seiten“ Hardliner gibt. Dabei ist das Bild von Hardlinern auf israelischer Seite etwas, was von rechts bis links gepflegt wird. Hetzer auf der arabischen Seite kennt so gut wie niemand, und niemand will was von ihnen wissen. Als Hardliner aufseiten der Israelis gelten alle, die sich gegen ihre proklamierte Vernichtung wehren, während palästinensische Mörder flugs zu „Helden des Widerstands“ umgereimt werden.

    Die Entwicklung einer Vielzahl von Antisemiten zu Nazikritikern und von da zu Israelkritikern, ist ein weiterer Ausdruck dieser politischen und moralischen Verelendung.

  2. Rache ist jüdisch – glauben immer noch sehr viele Deutsche, wie obigen Meldungen fränkischer Blätter zu entnehmen ist.

    Wer die deutsche Geschichte kennt, weiß, dass kein anders Volk derart blutig gerächt hat wie die Deutschen selbst.

    Im von Deutschen besetzten Serbien war es üblich, dass für jeden getöteten deutschen Soldaten 100 Serben, Juden oder Roma erschossen oder erhängt wurden, für jeden verwundeten 50 beliebig festgenommene, unschuldige Zivilisten.

    Dieser Film hält diese ungeheuerlichen Grausamkeiten fest und er manifestiert, wer die Rache für sich gepachtet hat, die Deutschen.

    Nicht „Aug‘ um Aug‘, Zahn um Zahn“ wie manche Christen bis heute, frech und ungebildet wie sie sind, Juden vorwerfen, sondern 200 Augen für zwei Augen lautete der deutsche Grundsatz.

    https://www.youtube.com/watch?v=y7dsbfDWsqs

    Achtung, in diesem Film werden furchtbare Szenen gezeigt!

    • @zeitgenosse:

      Diese Aussage unter diesem Artikel vergleicht.

      Es gibt und gab die verzweifelte Suche nach Rache und eigener Identität der wenigen Holocaustüberlebenden.
      (übrigens nach bundesdeutscher Rechtssprechung in diesem Fall nicht verfolgt)

      Es gibt aber auch die staatlich organisierten und angeordneten Kriegsverbrechen. Die Ermordung unschuldiger Zivilisten, Geiseln bzw. Kriegsgefangener.

      Wenn man anfängt Beides lustig miteinander zu vergleichen, sollte man mit Bekannten sprechen.

      • Mann muss schon Deutscher, und noch dazu Deutscher einer besonderen Kategorie sein, um hier von „lustig“ oder von „vergleichen“ sprechen zu können.

        Die Racheakte der Deutschen in Serbien und anderswo waren weder „staatlich angeordnet“ noch „staatlich organisiert“. Die Generäle eurer Wehrmacht ordneten sie an und eure Soldaten führten sie aus.

        Hier, der Befehl eines solchen Wehrmachtsgenerals:
        „Wo kleinere oder größere Judengruppen auf dem Lande angetroffen werden, können sie entweder selbst erledigt oder aber in Ghettos an einzelnen größeren Orten […] zusammengebracht werden.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_von_Mauchenheim_genannt_Bechtolsheim

        Und eure herzensguten, christlich-nächstenliebenden, deutschen Soldaten haben die Befehle ohne Skrupel und ohne Zögern ausgeführt.
        Denn wir wissen inzwischen wie der brave deutsche Landser Juden, Slaven, Roma „und das übrige Dreckspack“ einschätzte. Hier sind Zeichnungen und Karikaturen, die von ganz normalen, durchschnittlichen Hinz-und-Kunz-Wehrmachtssoldaten der unteren Ränge stammen und belegen, wie arrogant-bösartig Deutsche damals auf Juden, Slaven und Balten herabsahen.
        http://www.hagalil.com/2009/06/wehrmacht/

        Wer so wenig Respekt vor anderen Menschen hat, tötet auch ohne jedwede Gewissensbisse.

        Als Deutscher von heute sollte man lieber schweigen, als ständig frech aufzubegehren und groteske Revisionen der Geschichte zu fordern.

        Es waren zu viele deutsche Verbrechen, als dass auch nur eine Spur von Verständnis für die deutsche Haltung gegenüber Juden, Slaven und Roma angebracht wäre.

      • @ zeitgenosse

        Nichts gegen gutplatzierte Rundumschläge, es sollte nur die Richtigen treffen. Der Beitrag von ,ente‘ erschließt sich mir an einigen Stellen auch nicht richtig, doch dass er in die von dir aufgemachte Schublade gehört, kann ich anhand seines Beitrages nicht nachvollziehen. Vielleicht wären vorher ein paar Nachfragen sinnvoller gewesen.

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