„Die Bomben haben unser Leben gerettet“

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Marione Ingram ist der Deportation entgangen, weil Hamburg im Sommer 1943 tagelang bombardiert wurde. Vor dem Erstickungstod im Bunker wurde sie bewahrt, weil der Hass auf Juden auch während des Feuersturms ungebrochen blieb. Ein Gespräch über Rassenwahn, Überleben und Erinnerung…

Interview: Anke Schwarzer

Als Kind einer jüdischen Mutter und eines nicht jüdischen Vaters erleben Marione Ingram und ihre Schwestern Helga und Rena von Geburt an Ausgrenzung und Lebensbedrohung. Entkräftet will sich die Mutter Margarete Oestreicher das Leben nehmen. Ihr Bruder, ihre Eltern und andere Verwandten waren bereits nach Minsk und in andere Todeslager transportiert worden. Sie dreht den Gashahn in der Wohnung auf auf. Ihre Tochter findet sie, setzt ihre kleine Schwester neben den leblosen Körper und verharrt im Zimmer, sorgenvoll wartend, bis ihre Mutter wieder erwacht.

Während der Bombennächte im Juli 1943 irrt die siebenjährige Marione an der Hand ihrer Mutter und eingehüllt in eine feuchte Wolldecke durch Hamburgs glühende Straßen. 18 Monate lang verstecken sie sich in einem Erdloch und in einer Hütte im Vorort Rahlstedt. Nach der Befreiung wohnt sie eine Zeit lang auf dem Kösterberg, im Warburg Children´s Health Home. Dort werden vor allem jüdische Kinder und Jugendliche aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen versorgt und auf ihre Ausreise nach Israel vorbereitet. Als eines der sogenannten Blankeneser Kinder in der Villa der Bankiersfamilie Warburg erlebt Marione Ingram zum ersten Mal, dass Lehrer und Mitschüler sie mit Respekt behandeln. Mit siebzehn Jahren wandert sie in die USA aus, heiratet und bekommt einen Sohn. Ihre Erinnerungen hat die 80-jährige Künstlerin, Bürgerrechtsaktivistin und Autorin im Buch „Kriegskind“ versammelt, das im Januar 2016 auf Deutsch erschienen ist. Sie lebt heute mit ihrem Mann Daniel in Washington D.C., in der Nähe ihrer beiden Enkelkinder.

Marione Ingram, Sie sind im November 1935 im Israelitischen Krankenhaus geboren. Wann und wie haben Sie die antisemitische Bedrohung durch den nationalsozialistischen Rassenwahn gespürt?

Marione Ingram: Das ging ganz schnell. Schon sehr früh verlangten mein Vater und meine Mutter, dass ich anderen überhaupt nichts über das, was ich in der Wohnung an Gesprächen mitbekomme, erzähle. Ich war aber ein sehr neugieriges Kind und ich wollte alles wissen, was die Erwachsenen redeten. „Du darfst auch nicht sagen, wer zu Besuch kommt“, hieß es. Wenn ich draußen angesprochen wurde, musste ich so tun, als kapierte ich nichts oder könne nicht richtig reden. Aber ich habe zunächst nicht verstanden, warum diese Bedrohung existierte.

Spielten Sie mit den Kindern in Ihrem Haus in der Hasselbrookstraße?

INGRAM: Ja, aber eines Tages beschimpfte mich meine Freundin Monika, die ein oder zwei Etagen unter uns wohnte und schrie, dass ich „durch den Schornstein gejagt“ werde. Sie wollte nicht mehr mit mir spielen und spuckte mich an. Dann bin ich heulend zu meiner Mutter gerannt und haben sie gefragt: „Was ist das, Judenschwein?“ Sie hat versucht zu erklären, dass sie und ihre Familie Juden sind, dass sie verfolgt werden, dass ihr Bruder, ihre Eltern und andere Verwandte nach Minsk deportiert worden waren. Von der jüdischen Seite meiner Familie lebte nur noch meine Mutter und das nur, weil sie mit meinem Vater, der kein Jude war, verheiratet war. Zumindest bis 1943 wurden wir verschont. Ich durfte aber nicht zur Schule, was mich sehr traurig gemacht hat.

Außerdem gab es einen Jungen in der Nachbarschaft, mit dem ich nicht gespielt habe, aber den ich kannte. Seine Eltern waren Antifaschisten und er hatte sich von ganzem Herzen ein Fahrrad gewünscht. Die Gestapo kam, versprach ihm ein Fahrrad, wenn er alles über seine Eltern berichtet. Am Ende wurden sie ermordet und er auch. Plötzlich war er nicht mehr da. Statt eines Fahrrads hat er den Tod bekommen. Das war auch ein Signal, eine Warnung: Du musst vorsichtig sein. Und dann kam auch die Zeit, wo wir die Wohnung nicht mehr verlassen durften. Wir schwebten in großer Gefahr.

Was hat die Abwertung und Angst mit Ihnen gemacht?

INGRAM: Die ersten zehn Jahre meines Lebens habe ich mich immer gefragt, ob ich am nächsten Tag noch am Leben sein werde. Und ich habe mir vorgestellt, was sein würde, wenn die Gefahr nicht mehr existierte. Aber ich war mir sehr unsicher, ob ich überhaupt am Leben bleiben würde. Ich versuchte es zu denken, doch niemand wusste, wie lange dieser furchtbare Zustand anhalten sollte. Ich war verzweifelt und wusste nicht, warum niemand sagte „Jetzt ist Schluss!“, warum keiner dagegen kämpfte und warum sie uns überhaupt umbringen wollten. Aber das war mein Leben und ich kannte kein anderes.

Ich wusste, irgendwann werden sie meine Mutter abholen. So wie meine Großmutter Rosa Singer, einen Tag vor meinem sechsten Geburtstag. Ich habe das gesehen und sie hat mir schnell ihre Perlenohrringe in die Hand gedrückt. Ich kann mich noch sehr gut an die Gesichter und Uniformen der riesigen Männer erinnern. Ich wusste zwar damals noch nicht, was die Nazis genau machten, ich wusste nur, dass sie die Leute wegschleppten. Die Angst war enorm. Ständig klebte ich an meiner Mutter und musste ich mich vergewissern, dass sie noch da war.

Wie ist es Ihrem Vater Emil Oestreicher ergangen?

Die Nazis haben ihn schon in den 1930er Jahren an einen Laternenpfahl gefesselt und beinahe totgeschlagen. Sie wollten, dass er seine jüdische Frau verlässt. Seine Nieren wurden dabei sehr verletzt, was ihm sein ganzes Leben lang Beschwerden bereitete. Er hat sich nicht scheiden lassen, aber wir konnten nicht mehr zusammen wohnen. Weil er kein Jude war, waren wir eine Zeit lang geschützt. Auch weil er sich angesichts der Lage zur Luftwaffe gemeldet hatte. Gleichzeitig arbeitete er in Brüssel auch im Untergrund gegen die Nazis. Meine Mutter wurde immer trauriger, plötzlich war sie allein. Ab 1943 waren die Regelungen für die sogenannten Mischehen nicht mehr gültig. Die Nazis hatten entschieden auch die umzubringen, die mit Nicht-Juden verheiratet waren.

Was genau passierte im Sommer 1943?

INGRAM: Meine Mutter hatte gerade den Befehl zur Deportation erhalten und sollte mit ihren Kindern zur Moorweide am Dammtorbahnhof kommen, als es Leuchtbomben regnete, die langsam über die Alster hinabsanken. Meine Schwestern Helga und Rena waren bei Bekannten und Verwandten untergekommen. Flakbatterien brüllten, Sirenen heulten. Zehn Tage und Nächte lang explodierten im Juli zahllose Brandbomben. Ich bin Pazifistin, aber die Bombenangriffe haben unser Leben gerettet. Und ironischerweise hat uns der Hass gegen die Juden vor dem Hitzetod bewahrt.

Warum?

INGRAM: Monikas Vater, der Blockwart Wiedermann, und die anderen Nachbarn hatten uns aus dem Luftschutzkeller geworfen und auch in einer nahegelegenen Kirche durften wir nicht bleiben, weil wir Juden waren. Während die anderen in der Gluthitze der Bunker gebacken wurden, irrten meine Mutter und ich durch die brennenden Straßen. Der Feuersturm tobte und mit den Flammen flogen auch Splitter, Trümmer und Äste durch die Luft. Es lagen verbrannte Körper in bizarren Formen herum, die aussahen wie Holz. Ich sah wie ein Junge in einer Hitlerjugenduniform durch den geschmolzenen Asphalt watete. Am Eilbekkanal versuchten die Menschen, den Phosphorfraß an Fleisch und Knochen mit Wasser zu stoppen. Sie schrien um ihr Leben. In einem Bombenkrater fanden wir für eine Weile Schutz. Wie bei jedem Alarm hatte meine Mutter zuhause die Wanne mit Wasser gefüllt und darin zwei Wolldecken eingetaucht. In die waren wir nun eingehüllt.

Wo haben Sie sich die letzten 18 Monate bis zur Befreiung Anfang Mai 1945 versteckt?

INGRAM: Ich wurde wegen der Rauchvergiftung sehr schwer krank, spukte Blut und verlor immer wieder das Bewusstsein. Mein Vater hatte bereits vor dem Feuersturm ein Versteck bei den Pimbers im Vorort Rahlstedt organisiert. Helga, meine mittlere Schwester, war bereits längere Zeit bei ihnen. Sie lebte unversteckt im Haus, da sie sehr „arisch“ aussah, blond und blauäugig. Die Pimbers waren Kommunisten. Herr Pimber hat die Folter körperlich überlebt, aber nicht psychisch. Er war wie ein Geist. Auf dem kleinen Hof stand eine Hütte, deren Fensterscheiben mit Zeitungspapier abgeklebt waren. Hinter den Haselnussbüschen war ein Erdloch und wenn Besuch da war, mussten wir uns dort verstecken.

Wie haben Sie die Zeit dort überlebt?

INGRAM: Wir hatten Angst, entdeckt zu werden. Meine Mutter musste für Frau Pimber arbeiten. Sie war nicht für die Juden, aber gegen Hitler. Frau Pimber war sehr hart mit meiner Mutter und hat uns sehr wenig zu essen gegeben. Es gab zwar generell wenig, aber ich glaube, sie wollte auch unsere Abhängigkeit verstärken: Ich gebe Dir ein Stück Rübe und dann musst Du sehr dankbar sein, denn ohne mich wärt ihr tot. Wir hatten tagelang nichts zu essen. Wir waren immer hungrig.

Mit einer großen Wut wollte ich, dass endlich alles enden sollte. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, was danach kommen sollte. Ich wusste, dass uns die nicht-jüdischen Deutschen nicht helfen würden. Sicher, es wurden auch viele von ihnen umgebracht und es ist nicht so, dass alle mitgemacht haben, aber die meisten schon. Ich habe früh verstanden, dass die Deutschen nicht unsere Rettung herbeiführen werden, sondern, dass wir von den Alliierten befreit werden.

Ich wusste nur, ich sollte das überleben. Das ist für mich sehr wichtig. Ich dachte, dass ich, sollte so etwas noch einmal passieren, ich niemals so etwas mitmachen, sondern dagegen kämpfen würde. Ich wollte niemals Kompromisse eingehen und mich so verhalten, dass ich zu meinem Vorteil jemanden verraten würde. Ich habe überlebt und ich glaube, dass ich eine große Lebenslust und Kraft habe.

Wie war Ihr Verhältnis zu Pimbers nach dem Krieg?

INGRAM: Als ich noch in Hamburg war, wollte mein Vater immer, dass ich mich bei Frau Pimber bedanke und sie besuche. Als ich in Amerika war, sagte er, ich soll ihr einen Brief schreiben oder sie anrufen. Es ist mir bewusst, dass sie uns das Leben gerettet hat. Aber da sie so gemein und ich ein Kind war, fiel es mir schwer.

Und haben Sie je einen Brief an Frau Pimber geschrieben?

INGRAM: Ich habe keinen Brief geschrieben, aber Helga und Rena. Ich konnte es nicht. Ich war die Älteste und ich habe sehr bewusst wahrgenommen, wie sehr meine Mutter gelitten hat. Sie sah immer traurig aus, aber sie war immer schön.

Nach den Pimbers zogen Sie zurück in die Stadt. Wie ist es Ihnen dort ergangen?

INGRAM: Die Nachkriegszeit war in gewisser Weise genauso schlimm, vielleicht sogar noch schlimmer als vorher. Zumindest empfand ich es stärker, vielleicht weil ich dann älter war. Ich konnte endlich zur Schule gehen, aber alle Lehrer waren Nazis! Ich war den anderen Schülern etwas voraus. Im Versteck gab es nichts und so hat mich meine Mutter jeden Tag unterrichtet. Sie hat mir alles beigebracht, was sie in ihrer Schulzeit gelernt hat.

Ich war sehr schmal und klein – und das einzige jüdische Mädchen in der Schule. Jedes Fach, egal ob es Mathematik, Deutsch oder Biologie war, war durchzogen von antisemitischen Anschauungen. Juden sind Untermenschen und dergleichen. Jede Klassenarbeit und alle Zeichnungen, die wir in Biologie anfertigen mussten, habe ich mit großen roten Kreuzen, die sich als X über die ganze Seite zogen, zurückbekommen. Sie waren mit den Kommentaren „nicht lesbar“ oder „zu klein geschrieben“ versehen.

Es war ganz schlimm. Es war eine Bedrohung, die sich anders anfühlte. Ich wusste zwar mehr oder weniger, dass es keine tödliche Bedrohung mehr gibt und dass ich nicht mehr verschleppt werden kann. Aber wir wussten immer noch nicht sicher, wie sehr es vorbei war. Und in der Schule bestand für mich die Gefahr, dass ich so niedergedrückt werde, dass ich in die Alster springe. Es war der Versuch der Lehrer, mich dazu zu zwingen, mein Selbstbewusstsein zu verlieren und mich so hässlich zu fühlen, wie sie sagten die Juden seien. Das wollten sie unbedingt. Ich bin jeden Tag weinend nach Hause gerannt. Mein Vater hat immer gesagt: „Du lebst jetzt für die Millionen Menschen, die in diesem Krieg umgekommen sind. Du musst zeigen, was das heißt und Du bist deren Stimme, Du bist das Leben.“ Es verging kein Essen, an dem er mir nicht erklärte wie ich mich moralisch verhalten sollte, was meine menschliche Pflicht sei. Ich begann meinen Vater zu hassen. Ich wollte beschützt und getröstet werden. Er aber sagte, ich müsse kämpfen, ich müsse Wege finden, mich durchzusetzen. Er wollte nicht, dass ich weglaufe. „Du musst damit zurechtkommen und Du musst wissen, wie Du dagegen kämpfen kannst“, sagte er. Heute bin ich sehr dankbar, dass er mir das beigebracht hat.

Und welche Strategien haben Sie entwickelt?

INGRAM: Ich hatte keine. Das waren Erwachsene, Lehrer und auch die Kinder halfen mir nicht. Im Gegenteil: Sie schlugen mich, bespuckten mich in der Schule, auf dem Nachhauseweg. Das war mein tägliches Dasein. Und eines Tages habe ich mich auf meinen Schultisch gestellt und habe meinem Lehrer und meinen Mitschülern gesagt: „Wenn Menschsein bedeutet so zu sein wie ihr seid, möchte ich kein Mensch sein.“ Als sich das gemacht hatte, sagte mein Vater, das war gut. Ich bin aus der Klasse gelaufen und das war das Ende. Ich bin danach nach Blankenese ins Warburg Children´s Health Home, in die Villa der jüdischen Bankiersfamilie Warburg gekommen, wo wir als wichtige Menschen behandelt wurden. Obwohl wir Kinder waren, brachte man uns Respekt entgegen. Ich und meine Schwestern und noch ein Junge waren die einzigen, die noch Eltern hatten. Die anderen Kinder hatten Geschwister verloren, die Eltern, manche wussten nicht einmal, wie alt sie waren, wie sie hießen, wo sie geboren wurden. Andere, die keine Babys waren, mussten sehen, wie ihre Eltern getötet wurden.

Auch mit den Briten war es schwierig, vielen waren auch antisemitisch. Mein Vater hat sich sehr um die Displaced Persons, die Leute, die aus den KZs kamen, gekümmert. Er konnte neun Sprachen und er bot seine Hilfe an. „Die Juden interessieren uns gar nicht“, hat man ihm gesagt. Dann hat er es alleine gemacht. Er hat auch schon während des Kriegs, in Brüssel, im Untergrund Menschen versteckt. Für mich war er ein Held, ein Role-Model.

Über 50 Jahre nach ihrer Flucht in die USA sind Sie nach Hamburg zurückgekehrt, um in Archiven nach ihren Verwandten zu forschen. Hatten Sie auch den Wunsch, Erinnerungsorte, etwa in Eilbek, zu besuchen oder ihre einstigen Widersacher, wie Monika, aufzusuchen?

INGRAM: Nein, das wollte ich nicht. Und ich möchte es auch jetzt nicht. Ich habe gehört, dass die Pimbers schon lange tot sind und der kleine Bauernhof nicht mehr existiert. Monika möchte ich auch nicht wiedertreffen. Ich würde sie nicht aufsuchen wollen, aber wenn sie sich meldet, würde ich ihr vergeben. Sie war ein Kind und hat das wiedergegeben, was sie von ihren Eltern gehört hat. Ich habe aber Inge, die Cousine meines Vaters, besucht. Sie hatte damals in Brandsende in der Innenstadt gewohnt und meine kleine Schwester Rena bei sich versteckt. Und ich habe Steine auf das namenlose Mahnmal im Moorweiden-Park gelegt, wo sich meine Verwandten und Tausende andere einfinden mussten, um in die Todeslager deportiert zu werden.

Ich begann mein Buch zu schreiben. Wir recherchierten in Archiven und Bibliotheken. Aber die endlosen Deportationslisten habe ich nicht ertragen. Mein Mann musste mir helfen. Wir sind in dieser Zeit zwar auch ausgegangen, ins Theater und in die Oper. Aber ich bin nie alleine aus der Wohnung. Ich habe nie alleine Brot gekauft, ich wollte nicht alleine auf der Straße sein.

Wie sind Sie in den USA mit ihren traumatischen Erlebnissen umgegangen?

INGRAM: Der Hunger hat mich lange geprägt, bis heute. Ich kann keine Sirenen hören, nicht in Tunneln oder im Dunkeln sein. Und Nacht für Nacht kamen auch die Alpträume. Mit meiner Mutter konnte ich nicht darüber sprechen. Sie hatte Schuldgefühle, weil sie einen Nicht-Juden, gegen den Willen ihrer Eltern, geheiratet hat und als einzige ihrer Familie überlebt hat. Ich versuchte die Erlebnisse schon in den 1950er Jahren aufzuschreiben. Ich dachte, ich könnte das Trauma überwinden, wenn ich die Ereignisse aufschreibe. Wenn es aber um die Bombardierung ging, war ich völlig blockiert. Doch in einer furchtbaren Nacht hatte ich plötzlich alles genau vor Augen: Ich konnte mich an jede Stunde erinnern, an die Farbe meiner Unterhose und wie die Wolldecke aussah. Daniel, mein Mann, hielt mich die ganze Nacht im Arm, ich habe geweint und ich habe ihm alles erzählt, die ganzen zehn Tage des Feuersturms. Und das hat geholfen.

Ich war auch sehr schnell in der Bürgerrechtsbewegung, als ich die Diskriminierung von Afroamerikanern wahrgenommen habe. Ich habe mich in der Anti-Vietnamkriegsbewegung engagiert und setzte mich für Frauen- und Kinderrechte ein. Das hat meinem Leben Sinn gegeben.

Konnten Sie mit Ihrem Sohn darüber sprechen?

INGRAM: Ja, … ja. Ich konnte mit ihm sprechen. Als er klein war, habe ich ihm nicht alles erzählt, aber wenn er fragte und sich interessiert hat, habe ich ihm geantwortet. Jetzt ist er auch ein Vater.

Früher war er an einer sehr progressiven Schule. Eines Tages kam er nach Hause und fragte nach Taschengeld. Ich wunderte mich und er sagte, er wolle sich ein T-Shirt mit einem Magen David (blauer Davidstern, Anm. A.S.) drucken lassen und am nächsten Tag in der Schule anziehen. Er wollte das unbedingt, denn ein Mitschüler war mit einem Hakenkreuz-T-Shirt in die Klasse gekommen. Zwei Tage später, sagte er, ich denke, ich bin ein Jude und wenn mich jemand fragt, dann sage ich, dass ich Jude bin. Das war das erste Mal, dass er es so ausgedrückt hat. Daniel und ich sind Atheisten und wir haben ihn nicht religiös erzogen. Aber es ist wichtig für ihn, bis heute. Meine Schwester Helga lebt als Christin, meine Schwester Rena praktiziert die jüdische Religion und ich gar keine.

Haben Sie eine Entschädigung bekommen?

INGRAM: Mein Vater hat sich darum gekümmert. Viermal im Jahr bekomme ich eine kleine Summe, ich glaube, es handelt sich um 150 Euro. Ich glaube, das bekomme ich erst seit den 1990er Jahren. Mein Großvater hatte eine riesige Sammlung von wertvollen seltenen Büchern, unter anderem die erste Shakespeare-Folio-Ausgabe. Das hatten die Nazis geklaut.

In den späten 1960er Jahren sollte es eine Entschädigung für Wertgegenstände geben, dafür sollte meine Mutter nach Hamburg kommen. Sie wollte aber nicht zurück nach Deutschland. Mein Vater versicherte ihr, dass er Bodyguards engagierte und würde sie nicht allein lassen. Er hatte auch zuvor in Washington in der Folger Shakespeare Library recherchiert. Er hat herausgefunden, wann genau mein Großvater das Werk in den USA gekauft hatte. Er sagte, er würde meine Mutter keine Minute allein lassen und er würde als Zeuge auftreten. Er erinnerte sie auch daran, dass es auch um das Erbe ihrer Kinder ging und um eine Erinnerung an einen Großvater, den sie gar nicht kannten. Mein Vater hatte den Band mehrmals in den Händen gehalten, aber es hätte nicht ausgereicht, dass nur er gefahren wäre, weil er nicht der Sohn war. Dann hat meine Mutter uns drei Schwestern angerufen und hat gesagt, dass sie geht, wenn wir darauf bestehen.

Und was haben Sie Ihrer Mutter geantwortet?

INGRAM: Sie hat zuerst mich angerufen, weil ich die Älteste bin. Ich habe keine Sekunde gebraucht, um zu sagen, dass sie nicht fahren muss, wenn sie nicht will. Das komme nicht in Frage. Rena und Helga haben das auch so gesagt. Heute bereuen wir das. Aber damals wäre ich auch nicht mit ihr gefahren. Da sie nicht gekommen ist, wurde alles eingestellt. Es wird vermutet, dass sich das Werk mittlerweile in England im Privatbesitz befindet. Für das Haus, die Möbel und andere Wertgegenstände gab es nie eine Entschädigung. Aber das habe ich auch nie versucht.

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INGRAM: Obwohl ich ein liebevolles, wunderbares Leben hatte, seit ich Deutschland verlassen hatte, kommen die Dinge immer wieder hoch. Als wir dieses Mal in Hamburg angekommen sind, hatte ich Alpträume. Ich lag die Nächte wach, hatte Angst wieder einzuschlafen, mein Mann Daniel hielt mich im Arm und hat auch keinen Schlaf gefunden. Dann hatte ich die erste Lesung. Das Publikum war freundlich, empathisch und es gab keine hässlichen Fragen. Dann hatte ich keine Alpträume mehr. Deutschland wird, wer weiß wie lange noch, identifiziert mit der Vernichtung von Millionen von Menschen. Es hat zwar lange gedauert, aber es konfrontiert sich endlich damit.

Ich war damals überglücklich, als ich Deutschland verlassen konnte. Ich wollte nie wieder zurück. Ich konnte auch nie sagen, dass ich aus Deutschland komme. Erst jetzt mit diesem Besuch und dem schönen Empfang kann ich frei sagen: Ich bin in Hamburg geboren.

Marione Ingram: KRIEGSKIND. Eine jüdische Kindheit in Hamburg. Dölling und Galitz Verlag Hamburg/München 2016, 208 Seiten, 16 Abbildungen. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Ulrike Sparr, Bestellen?

1 Kommentar

  1. Ein Danke an Anke Schwarzer für ihr bewegendes und klares Interview mit Frau Ingram. Es wird sehr gut herausgearbeitet, in welch fürchterlich zerrissenen Umständen die Versteckten leben mussten und dass ein Teil ihrer Beschützer sehr ambivalente Positionen bezog. Eigentlich ein Tabuthema, und doch ist es wichtig, auch darüber zu reden.

    Ihre Auseinandersetzungen mit dem Vater müssen für ein Kind hart gewesen sein. Auch hier ein Zwiespalt: Schutzsuche oder Schulung im Überleben. Schier unglaublich die geschilderte Szene auf dem Schultisch: Eine Gigantin des Mutes. Ich werde mir das Buch besorgen.

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