Ungarische Unschuld

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In Ungarn werden Nazismus und Anti­semitismus verharmlost…

Von Karl Pfeifer
Jungle World v. 11. Juli 2013

Ich habe einen sehr niedrigen Blutdruck. Da ich keine Pillen dagegen nehmen will, trinke ich gelegentlich einen Kaffee und am Abend einen Achtel Liter Rotwein. Doch besser als diese bewährten Mittel wirkt ein Blick in die ungarischen Medien. Am Donnerstag vergangener Woche veröffentlichte die ungarische Tageszeitung Népszabadság eine kurze Nachricht, die meinen Blutdruck sofort erhöhte: Am 20. April hatten sich 18 junge Menschen, die meisten mit schwarzen Hosen und Schnürstiefeln gekleidet, in Pécs (Fünfkirchen) versammelt, um an den Geburtstag ihres Idols Adolf Hitler zu erinnern. Die Polizei kontrollierte ihre Personalausweise, sie klagten dagegen. Die Klage wurde abgewiesen. Jedoch entschied das Gericht, dass eine solche Zusammenrottung legal sei, denn die zur ungarischen Pax-Hungarica-Bewegung gehörenden Neonazis hätten keine faschistischen Symbole getragen.

Derlei Nachrichten über Ungarn finden sich andauernd. Ende Mai 2013 stimmten die Fraktionen der Parteien Fidesz und Jobbik im Stadtparlament von Budapest gemeinsam dafür, eine Straße nach der antisemitischen Schriftstellerin Cécile Tormay zu benennen. Als die Umbenennungspläne der rechten Parteien – vor allem im Ausland – einen Sturm der Entrüstung auslösten, lenkte Budapests Oberbürgermeister István Tarlós ein und beauftragte die Akademie der Wissenschaften (MTA), eine Empfehlung abzugeben. Noch vor dem Gutachten äußerte er selbst seine Meinung: Tormay »konnte nicht viel mit dem schändlichen Holocaust zu tun haben«, meinte er, denn sie sei bereits 1937 gestorben.

Tarlós schlug vor, auch eine nach dem 1896 verstorbenen Aktivisten der Arbeiterbewegung, Leo Frankel, benannte Straße in Pécs umzubenennen. 1844 in Óbuda in eine deutschsprachige, jüdische Familie geboren, ließ Frankel sich 1867 in Paris nieder, wo er wegen seiner Aktivitäten als Sozialist von der kaiserlichen Regierung inhaftiert und erst nach Ausbruch der Revolution 1870 entlassen wurde. Er war einer der Organisatoren der Pariser Commune, nach ihrer Niederschlagung flüchtete er nach London. Dort wurde er Mitglied des Rates der Sozialistischen Internationale. 1875 nahm er an der Arbeiterkonferenz in der Wiener Neustadt teil. Er wurde von den österreichischen Behörden verhaftet und an Ungarn ausgeliefert, dort war er von 1876 bis 1878 inhaftiert. Danach kehrte er zurück nach Paris und half Friedrich Engels in der Sozialistischen Internationale. 1889 vertrat er die ungarischen Sozialdemokraten bei der Gründungskonferenz der Zweiten Sozialistischen Internationale.

Die linke Tageszeitung Népszava bemerkte vorige Woche, es sei interessant, dass die MTA hinsichtlich Frankel zum Schluss gekommen sei, dieser habe sich an »Gründung, Ausbau und Aufrechterhaltung des autokratischen politischen Systems des 20. Jahrhundert nicht beteiligt«. Das aber beeindruckte die Fidesz nicht. Frankel war Jude, und so konnte sie mit der Umbenennung in Pécs bei rechten Wählern auf Zustimmung stoßen.

Ungarn wird dadurch zwar kein faschistischer Staat, aber Ministerpräsident Viktor Orbán, der während der Tagung des Jüdischen Weltkongresses in Budapest am 5. Mai noch »Null Toleranz für den Antisemitismus« gefordert hatte, lässt nichts aus, um rassistische und antisemitische Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen.

1 Kommentar

  1. „…um an den Geburtstag ihres Idols Adolf Hitler zu erinnern.“

    Sowas scheint sich inzwischen regelmäßig zu ereignen:

    Hitler in Hungary
    The Führer appeared among us. He was marching in the streets of Olaszliszka with comrades and supporters. (Olaszliszka is a town where a car driver was killed by local gypsies five years ago). It was nice to see Hitler personally.
    This photo was taken in Olaszliszka in 2011. One of the patriotic marchers is masquerading as Hitler. As I have no experience with this, I can only imagine what influences one needs to do this. First, you need a strong decision. This has to be really strong in order to resist people who dislike your idea. But there are people who are proud of you anyway.
    Once you have decided it, there is the implementation left. Clothes can be purchased in second hand shops. (The lucky ones inherited them from their grandfather). As a conclusion we can say it is not at all that difficult to dress up like Hitler.
    Actually, there is not much to see on the Hungarian Hitler. He looks as he should. He might have used the Nazi salute, but that is not confirmed.
    The saddest thing is that there are only happy faces around the Hungarian Hitler. Everyone is welcoming this freak.
    Let us not forget that this photo was taken at a rally organized by Jobbik. It is not surprising at all that nobody is spitting at him. Apparently it does not disturb anyone that Hitler resurrected.
    The ’Nazi’ as an adjective can be used regarding Jobbik without any reservations whatsoever from now on. You do not have to mince and to look for the proper adjectives. The truth can be pronounced from this point.
    Jobbik is a Nazi party.
    Let us admit we have known it before we have had a problem with saying it. What if we call the Nazis as Nazis and they accuse us with defamation?
    We’ve got proof. They served the proof for their Nazism with the rally in Olaszliszka.
    The ‘Better Future’ (a classic Nazi greeting) became a part of the present: Hitler returned to Hungary.
    http://www.freehungary.hu/archives-new/524-hitler-in-hungary.html

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