Das wandernde Kreuz – ein Kopfkino

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Schon im April war es unterwegs. Das Holzkreuz ohne dranhängenden Heiland aus dem Münchner Oberlandesgericht. Wo es genau hinspaziert ist, weiß man nicht, aber die Bild-Zeitung mutmaßte „vorauseilenden Gehorsam“ gegenüber der islamischen Welt. Die Gerichtssprecherin gab sich seinerzeit ahnungslos und vermutete die Renovierungsarbeiten als Ursache des Kreuzzugs…

Von Ramona Ambs

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Screenshot bild.de

Mittlerweile ist es wieder zurück gekehrt, das Kreuz, das auf Wanderschaft war. Und nun hängt es wieder an seinem Platz an der Wand des Münchner Gerichtssaal, wo über die NSU-Morde verhandelt werden soll. Rechtsanwalt Erdal, Vertreter der Nebenklage, hat das Gericht nun aufgefordert, das Kreuz abzuhängen, weil es die Religionsfreiheit seines Mandaten beeinträchtige. Diese Begründung ist natürlich vollkommener Quatsch. Ein einfacher Hinweis, dass in einem staatlichen Gebäude religiöse Neutralität herrschen sollte, hätte völlig ausgereicht. Aber warum nicht mal das Kopfkino anwerfen und sich andere Reaktionsvarianten ausdenken?

Effektiver wäre zum Beispiel gewesen, wenn der Anwalt der Nebenklage einfach eine hübsche Sure ausgedruckt, in einen schönen goldgrünen Rahmen gesteckt und neben das Kreuz an die Wand gehängt hätte. Schließlich sind die Prozeßbeteilligten nicht nur Täter aus dem christlichen Abendland, sondern auch mehrheitlich muslimische Opfer… Da wird doch sicherlich niemand was dagegen haben, wenn deren Religion auch ein bißchen präsent ist und an der Wand hängt, oder? Gut, vielleicht hätte es ein paar tumultartige Szenen gegeben und der Erzbischoff hätte vielleicht nach dem Säkularitätsprinzip des Staates gerufen. Aber im Grunde wäre das doch durchaus vertretbar…

Noch subtiler wäre natürlich gewesen, einen Rabbiner zu engagieren, der eine Mesusa an den Pfosten der Gerichtstür anbringt – ist man hierzulande doch so stolz auf die lange christlich-jüdische Tradition. Und so eine Mesusa ist ja auch was Hübsches. Und so dezent.

Auch eine kleine Buddhastatue mit Räucherstäbchen würden den neu renovierten Gerichtssaal aufpeppen. Man kann ja auch mal an die Kameraleute denken. Gerade in den Pausen wäre es doch schön, man könnte das Abrennen der Räucherstäbchen filmen… und Jesus, der sowieso nicht an dem Kreuz im Münchner Oberlandesgericht hängt und offenbar anderswo spazieren geht, hätte in seiner grenzenlosen Toleranz sicherlich nichts dagegen.

Deshalb liebe Nebenkläger und Kreuzgegner: lasst Euch halt mal was anderes einfallen als immer nur das Kreuz entfernen zu wollen. Fordert das Gericht auf, eine Mesusa anzubringen und Ihr werdet sehen: das Kreuz ist schneller weg als man gucken kann! Word!

3 Kommentare

  1. liebe Ramona Ambs, Sie haben’s gut, Sie haben Talent – zwar nicht für Satire oder den Komiker, aber für diesen berühmten Elefanten im… –
    Im Grunde hat Sie die Empfindlichkeit gegenüber eines christlichen Symbols des muslimischen Nebenklägers gestört – Und in der Tat, das gehört nicht in diesen Gerichts-Saal, Säkulares hin oder her..

    Für manche, dem Christentum verpflichtete, ist es das Symbol für Vergebung und die gehört in diesen NSU-Prozeß wahrlich nicht rein – und aufgepaßt: Für muslimische Nebenkläger erst Recht nicht!

    Nun zitieren Sie die BLÖD-Zeitung und da sach ich mal, frau, hätten Sie nicht doch besser einen Kuchen backen können? Die Blödzeitung spricht ja von einem Verdacht des vorauseilenden Gehorsams und da fällt mir die heute im Vorbeigehen auffällig-gemachte Blöd-Zeitungsaufmachung mit der Outung von Angelie Jolins ehm, Aufopferung weiblicher Attribute im Zuge einer adäquaten Wiederherstellung wieder ein.
    Ramona, haben Sie das wunderschöne Kleid von Jolie und ihre erotische Aufmachung in der Blööödzeitung ebenso aufmerksam betrachtet wie ich?
    Danke Ramona, Sie und Angelina Jolie sind zwei echte u. mutige Tabu-Brecherinnen

  2. Schön geschriebene Satire. Danke. Und den Kommentar meines Vorschreibers über „Hausfrauen und ihre Hobbies“ stecken wir da hin, wo er hingehört: in Opas Motten- und Sprüchekiste.

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