Sirenen über Tel Aviv

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Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren gab es Raketenalarm in Tel Aviv. Neben der Angst herrscht offenbar noch Einigkeit über die Notwendigkeit des Militärschlags. Wie lange die Bevölkerung Netanyahus Strategie unterstützen wird, ist offen…

Von Andrea Livnat
Jungle World v. 22.11.2012

Wieder einmal herrscht Krieg in Israel. Viele Menschen haben bereits den Süden verlassen und suchen bei Familie und Freunden im Norden nach einer Verschnaufpause. Während der fast 24stündigen Berichterstattung über die Militäroperation »Pillar of Defense« (Säule der Verteidigung) in den drei großen Sendern werden immer wieder die Aufrufe von verschiedenen Gemeinden aus Zentral- und Nordisrael eingeblendet, die die Einwohner aus dem Süden zu sich einladen.

Im Rahmen der Berichterstattung werden die Hinweise des Heimatfront-Kommandos wiederholt und erklärt. Von der derzeitigen Eskalation sind mehr Menschen betroffen als Ende 2008 während der Operation »Cast Lead« (Gegossenes Blei). Viele dieser Menschen kennen nicht die beklemmende Routine im Umgang mit dem Raketenalarm, die den Bewohnerinnen und Bewohnern von Sderot vertraut ist. Dort schlagen die meisten Raketen ein, die auf Israel abgefeuert werden, und nicht erst seit dem 14. November, als die Operation »Pillar of Defense« mit der Tötung von Hamas-Militärchef Ahmed al-Jabari begonnen hat.

Die Militäroperation steht zunächst im Zeichen des Raketenabwehrsystems Iron Dome. Vier dieser Anlagen waren bisher im Süden Israels installiert. Während des massiven Beschusses aus dem Gaza-Streifen, der auch in den Wochen vor Beginn der Operation stattfand, haben sie sich bewährt. Im Internet kursieren zahlreiche Amateur­aufnahmen, die Iron Dome bei der Arbeit zeigen.

Das von dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael entwickelte System wehrt Raketen mit einer Reichweite bis 70 Kilometer ab und ist seit 2011 im Einsatz. Nach Armeeangaben soll Iron Dome eine Erfolgsquote von knapp 90 Prozent haben.

Während noch am ersten Tag der Militäroperation im Süden des Landes Krieg herrschte, pulsierte in Tel Aviv – das nicht umsonst auch the bubble genannt wird – das Leben wie immer. Doch die Lage sah schon am zweiten Tag auch für die Einwohnerinnen und Einwohner Tel Avivs ganz anders aus. Erstmals seit dem Golfkrieg 1991 gab es auch hier Luftalarm. Die erste Sirene überraschte die Bevölkerung am frühen Abend, als viele Menschen nach Feierabend auf dem Weg nach Hause waren. Ein bisher unbekanntes Tel Aviv: Autofahrer warfen sich in die Straßengräben; auf den Spielplätzen suchten Eltern mit ihren Kindern unter Rutschen nach Schutz; Studenten irrten gemeinsam mit ihren Dozenten durch die Universitätsgebäude auf der Suche nach einem Bunker. Die Bevölkerung in Tel Aviv war auf diese Situation offensichtlich nicht genug vorbereitet und reagierte daher einigermaßen verunsichert. Spätestens der zweite Luft­alarm machte den Ernst der Lage klar. Bunker, die in den meisten Häusern als Abstellkammer oder Fahrradkeller genutzt werden, wurden ausgeräumt, Geburtstage und sonstige Feiern abgesagt.

Am Morgen des vierten Tags der Militäroperation wurde auch für den Gush Dan, den Großraum Tel Aviv, ein Iron-Dome-System installiert, zwei Monate früher als geplant. Noch am selben Nachmittag konnte die Raketenabwehr ihre Effektivität unter Beweis stellen. Am Sonntagvormittag schoss Iron Dome eine iranische »Fajr 5«-Rakete aus dem Gaza-Streifen ab.

So haben auch die Einwohnerinnen und Einwohner Tel Avivs nur einen Eindruck davon bekommen, was etwa eine Million Menschen in Sderot und Umgebung, in Ashdod und Beersheva zum Teil seit Jahren erfahren. Der immer wiederkehrende wochenlange Beschuss, dem die dort lebenden Menschen ausgesetzt sind, ist für Außenstehende kaum vorstellbar. Luftalarm jeden Tag und jede Nacht, in jeder nur erdenkbaren Situation, beim Abendessen, auf dem Weg zum Supermarkt, während des Duschens. Immer wieder wird der Schulunterricht ausgesetzt, Eltern gehen nicht zur Arbeit, das gesamte öffent­liche Leben kommt zum Erliegen. Eine ganze Generation wächst in Bunkern auf und ist trauma­tisiert.

Unabhängig davon, welche Einstellung zum Friedensprozess mit den Palästinensern man hat, die Familien in Sderot und Umgebung sollen nicht länger diesen Preis bezahlen.

Die überwiegende Mehrheit der Israelis scheint derzeit fest hinter Benjamin Netanyahu und der Militäroperation zu stehen. Das gilt auch für die offizielle Politik, die bisher Netanyahus Schritte unterstützt, mit Ausnahme der arabischen Parteien und des linken Bündnisses Hadash. Diskutiert wird derzeit kaum über die Notwendigkeit der Operation – von der sich die Regierung deutlichere Ergebnisse wünscht als im Dezember 2008 –, sondern eher über das weitere Vorgehen nach Beendigung der militärischen Handlungen. So drängt beispielsweise die linke Partei Meretz darauf, Verhandlungen mit der Hamas aufzunehmen, die über ein reines Waffenstillstandsabkommen hinausgehen.

Nicht nur in ausländischen Medien wird über den Zusammenhang der Militäroperation mit den bevorstehenden Parlamentswahlen diskutiert. Auch in Israel wird der Verdacht, Netanyahu wolle sich die Wählergunst erbomben, in sozialen Netzwerken, Blogs und den Mainstream-Medien thematisiert. Die Wirklichkeit ist aber komplexer. Denn es war die palästinensische Seite, die in den vergangenen Wochen die Raketenangriffe auf Israel verstärkt hat, und es ist nicht das erste Mal, dass dies vor Wahlen passiert. Davon abgesehen hat Netanyahu den Glanz einer geglückten Militäroperation derzeit gar nicht nötig. Umfragen haben ihn deutlich in Führung gezeigt.

Die derzeitige Einigkeit über die Militäroperation dürfte seine Position weiter stärken. Bisher sind kaum Stimmen zu vernehmen, die für ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen eintreten. So gab es beispielsweise am Wochenende eine kleine Friedensdemonstration in Nazareth, die unter anderem von Hadash organisiert wurde, bei der etwa 100 Menschen mit palästinensischen Flaggen gegen die Bombardierung des Gaza-Streifens protestierten.

Ob in der Bevölkerung und unter den politischen Parteien eine solche Einigkeit weiter besteht, wird auch vom militärischen Vorgehen abhängig sein. Sollte es tatsächlich eine Bodenoffensive geben, könnte das für Netanyahu politisch gefährlich werden. Denn die Israelis können tote Soldaten weit weniger gut verschmerzen als tote Zivilisten, wie eine Kommentatorin vom Fernsehsender »Arutz 2« betonte. Die Entsendung von Bodentruppen ist ohne Verluste auf israelischer Seite kaum denkbar.

Eine Bodenoffensive würde auch die derzeit starke internationale Unterstützung für Israel in Frage stellen, hat US-Präsident Barack Obama doch bereits vor diesem Schritt gewarnt. Auch würde eine Bodenoffensive, die deutlich mehr ­zivile Opfer auf palästinensischer Seite mit sich brächte, Israel im Ansehen der Weltöffentlichkeit noch tiefer sinken lassen.

Von militärischer Seite wird die Bodenoffensive stets als letzte Möglichkeit genannt, wenn die gesetzten Ziele nicht allein durch Luftangriffe erreicht werden können. Bereits am Wochenende hatte die Regierung jedoch die Einberufung von 70 000 Reservisten beschlossen, die an der Grenze zum Gaza-Streifen stationiert wurden. Wer dieser Tage auf den Schnellstraßen des Landes unterwegs war, konnte auch die Transportfahrzeuge mit Panzern und anderem schweren Gerät nicht übersehen, die gen Süden fahren. Ob es sich dabei zunächst nur um Abschreckung handelt, darüber kann derzeit nur spekuliert werden.