„Ein Verbrechen, das in und durch Frankreich begangen wurde“

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Schonungslose Abrechnung von Präsident Hollande mit der Judenverfolgung unter dem Kollaborationsregime…

Von Danny Leder, Paris

Es war eine ergreifende und schonungslose Rede über die Verfolgung der Juden durch die französischen Kollaborations-Behörden während der deutschen NS-Besatzung (1940 bis 1944), mit der der neue Staatschef Frankreichs, der Sozialist Francois Hollande, in die Fußstapfen des vormaligen bürgerlichen Präsidenten Jacques Chirac trat. Anlass war der gestrige Gedenkakt zum 70.Jahrestag der Festnahme von 13.152 Juden, darunter 4115 Kinder, und ihrer Einkerkerung in einem Pariser Radrenn-Stadion im Juli 1942. Das war der Auftakt gewesen für die Deportation von insgesamt 76.000 Juden in die Vernichtungslager des Nazi-Imperiums in Osteuropa.

Die Festnahmen des Juli 1942 waren „ein Verbrechen, das in Frankreich und durch Frankreich verübt wurde“ – ausgeführt durch „französische Polizisten“ und „französische Gendarmen“ auf „Anweisung des französischen Kollaborationsregimes“, betonte Hollande. Dabei würdigte der Sozialist die „Klarsicht“ und den „Mut“ des bürgerlichen Präsidenten Chirac. Dieser hatte von einer „untilgbaren Schuld Frankreichs“ gesprochen, und zwar gleich nach seiner Amtsübernahme 1995, die mit dem 60.Jahrestag der Massenfestnahmen der Pariser Juden zusammenfiel. Das war eine Premiere für einen französischen Staatschef. Noch Chiracs Vorgänger, der Sozialist Francois Mitterrand, hatte sich geweigert von einer historischen Mitschuld Frankreich zu sprechen, weil zur fraglichen Zeit das Kollaborationsregime die Republik Frankreich und ihre demokratischen Institutionen außer Kraft gesetzt hatte.

In Frankreichs Öffentlichkeit überwog freilich schon vor Chiracs Sühnebekenntnis eine sehr selbstkritische Sicht auf die Kollaborationsperiode und namentlich die Beihilfe zur Judenverfolgung durch die damaligen Behörden. Das ist umso beachtlicher, als Frankreich zu den wenigen Ländern in Europa zählt, in denen die Mehrheit der Juden ihren Häschern entgehen konnte. Es war vor allem der französische Behördenapparat, der der NS-Maschinerie zur Hand ging – und das auch nur bis sich Teile der katholischen Kirche und der Bevölkerung immer klarer dagegen wandten. Die protestantische Minderheit bot den Juden von Anfang an Schutz.

Ab Ende 1942 waren es hauptsächlich die deutschen NS-Besatzer, die die Jagd auf Juden übernahmen, weil die französischen Behörden nur mehr zögernd mitmachten. Unter diesen Bedingungen konnten sich drei Viertel aller in Frankreich ansässigen Juden retten. Noch eklatanter war die Bilanz bei den Kindern: insgesamt wurden unter der NS-Herrschaft in Europa 1,5 Millionen Kinder unter 15 Jahren aus jüdischen Familien umgebracht. Von den jüdischen Kindern aber, die in Paris bei Einmarsch der Hitler-Armeen wohnten, konnten 80 Prozent überleben. Vor allem in den volkstümlichen Einwanderervierteln wurden jüdische Familien rechtzeitig gewarnt, Kinder wurden von Nachbarn versteckt, aufs Land gebracht und von jüdischen und katholischen Hilfsnetzen übernommen.

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