Dankesrede von Heiner Lichtenstein

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Am 3. Dezember 2009 verlieh die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit dem Journalisten Heiner Lichtenstein in Köln ihren Giesberts Lewin-Preis für dessen publizistisches Lebenswerk. In den Jahren zuvor waren die Kölner Ralph Giordano, Gunter Demnig und Günter Wallraff ausgezeichnet worden. Nachfolgend dokumentieren wir die Dankesrede Heiner Lichtensteins vom Dezember 2009…

Von Heiner Lichtenstein

Schön, hier zu stehen und den Preis zu haben.

Genauso gut gefällt mir, dass die Musik von Damen kommt und nicht wie sonst immer von Männern.

Ich war mal Frauenbeauftragter. Ist ja nichts Schädliches.

Beim letzten SPD-Parteitag in Dresden hat der scheidende Parteivorsitzende Franz Müntefering nach der Laudatio gesagt, es stimmt alles. Er hat Recht gehabt.

Ich weiß noch nicht, ob ich das auch jetzt zu Ihrer herrlichen Laudatio sagen soll, Jürgen Wilhelm, aber es hat mir einfach gut gefallen. Ich fand es nett. An vieles konnte ich mich erinnern, nicht an alles. Und deshalb war so ein Ritt durch meine Biographie wohltuend, war nett. Und dann glaube ich, dass Sie irgendwie hellseherische Fähigkeiten haben, denn als Sie und du, Miguel, mir vor 8 oder 10 Wochen gesagt haben, der 3. Dezember sei der Tag der Preisverleihung, konnten Sie beide jedenfalls nicht wissen, dass wir jetzt mitten in einer Zeit neuer NS-Prozesse stehen. Das konnte man soweit gar nicht planen und das erleichtert mir natürlich einiges.

Vielen Dank für den Preis, vielen Dank für Ihr Kommen und soweit die Kräfte reichen, mache ich das auch weiter.

Die Berichterstattung über die beiden Verfahren, eines ist in München, eines in Aachen, beinhaltet Themen, in denen ich mich wirklich auskenne. NS-Prozesse, das ist heute auch mein Thema und nach 15, spätestens nach 20 Minuten haben Sie es überstanden.

In letzter Zeit wurde oft davon gesprochen, geschrieben, gesagt, der letzte große NS-Prozess gegen John, genauer gesagt Iwan Demjanjuk, stehe bevor. Von diesen Worten stimmen nur 2, nämlich die Namen Iwan Demjanjuk. Es kann überhaupt nicht die Rede davon gewesen sein, dass es ein großer, ein wichtiger NS-Prozess ist. Das hat es in Düsseldorf gegeben und Walter Vollmer, der viel zur Ermittlung zum Prozess beigetragen hat als ehemaliger Chef der Köln Kripo, wird das wahrscheinlich im großen und ganzen, wenn auch nicht in jedem Detail, bestätigen.

Da sitzt also, das Alter spielt überhaupt keine Rolle, ein Mann auf der Anklagebank, der gar nicht auf der Anklagebank sitzt, sondern er wird weitgehend hineingetragen. Im Augenblick ist Pause, weil Demjanjuk Fieber hat. Das kann jedem passieren, zumal in dem Alter von 89 Jahren. Aber die großen NS-Prozesse, die grundsätzlichen NS-Prozesse gegen Kommandanten, den Chef des Vernichtungslagers von Treblinka, oder hier in Köln das Lischka-Verfahren, die Endlösungsvollstrecker in Frankreich, die beiden Treblinka-Prozesse in Düsseldorf gegen die Kommandantur, das waren große NS-Prozesse. Von den anderen NS-Prozessen kann man sagen, je nachdem, welche Perspektive man hat, es ist gut, dass es sie gibt. Andere sagen, es muss aber auch endlich mal Schluss sein.

Mich hat jemand in diesen Tagen im Zusammenhang mit dem Münchner Demjanjuk-Prozess, so heißt er ja inzwischen, gefragt, was ich bei dem Anblick des Angeklagten denke. Da habe ich ihm gesagt, sehe ich ihn vor 20 Jahren in Jerusalem vor Gericht, ein gesunder starker Mann und ich sehe eine Reihe von 200, 300 Frauen, 1945, in den KZ-Kleidern, die da an einer roten Mauer entlang schlichen. Sie wurden irgendwohin geführt, nicht ins Gas, denn das ereignete sich in Leipzig. Mit Gas gemordet wurde ja nur in Osteuropa. Dahinter verschwindet Demjanjuk, dahinter verschwinden auch alle anderen Beschuldigten, ob verurteilt oder freigesprochen, das ist mir völlig egal. Es kommt darauf an, die letzte Möglichkeit zu nutzen, von diesen authentischen Zeugen zu erfahren, wie das damals gewesen ist. Eine vage Hoffnung. Diese Leute erinnern sich entweder nicht oder verschweigen. Es ist so lange her, sie haben ein halbes Jahrhundert, ich will nicht sagen in Wohlstand, aber doch in Zufriedenheit und in Ruhe gelebt, und nun holt sie die Vergangenheit ein. Das ist gut.

Sie haben von dem Arztprozess in Münster gesprochen, Herr Wilhelm. Jetzt bei der Eröffnung des Münchner Verfahrens, ein riesengroßer Andrang. Ich bin da reingekommen, weil ich ganz gute Beziehung zur Münchner Justiz habe. Da ist nämlich die sogenannte Endlösung in den Niederlanden Gegenstand einer Verhandlung gewesen. Also konnte ich da rein. Bei dem Prozess gegen den Arzt, von dem Herr Wilhelm gesprochen hat, waren im Zuschauerraum 2 Journalisten und 2 Justizbeamte, das Gericht und die Verteidigung. Die Erklärung ist ganz einfach. Der Mann hatte wieder einen wohl dotierten Posten in der Pathologie der Universität Münster, gehörte zur gesellschaftlichen Oberschicht. Dies wollte man doch nicht sehen: ein ehemaliger Angehöriger unserer führenden Gesellschaftsklasse, in Münster, einer Metropole, in einem weitgehend ländlichen Umland, das kann eigentlich gar nicht sein. Es war aber so. Herr Wilhelm hat schon gesagt, der Arzt hat also Häftlingen in Auschwitz bei lebendigem Leib Organe entnommen und Tagebuch geführt Da steht drin, mit welchen Speisen er sich nach diesen Selektionen erfreut hat. Mal war es Gänsebraten, mal waren es Tauben. Für mich stehen da immer noch die Menschen, denen er an der Milz, an der Leber oder am Magen rumgemacht hat, von denen, soweit ich weiß, keiner überlebt hat, im Mittelpunkt.

Das Thema NS-Verbrechen und NS-Prozesse kann man aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Man kann also sagen, ihr habt in Deutschland 100.000 Ermittlungen geführt und herausgekommen sind dabei 6.500 rechtskräftige Urteile. Es hätte, wenn man nur an die Wachmannschaften an den Gaskammern denkt, mindestens 100.000 sein müssen. Denn mindestens 100.000 Menschen haben entweder, wie vermutlich Demjanjuk, diese Kinder, Frauen und Männer in die Gaskammern getrieben, oder sie waren als Kalfaktoren tätig. So hießen die Leute, die durch einen Schlitz in der Decke das Zyklon B reinkippten. Zuerst war es laut in den Gaskammern, aber nicht sehr lange.

Diese NS-Prozesse sind nie populär gewesen. Dringend nötig waren sie, aber wo ist die Unterstützung der Bundesregierung gewesen, der Landesregierungen, der Kirchen beider Konfessionen? Ich habe keinen Prozess erlebt, in dem ein, so würde ich ihn jetzt einmal nennen, kirchlicher Würdenträger seine Anteilnahme mit den Opfern dadurch gezeigt hat, dass er in die Verhandlung gekommen ist. Avi Primor, der langjährige Botschafter Israels in der Bundesrepublik, hat das auch gewusst und er hat mir gesagt, ich fahre morgen nach Stuttgart, dort stand auch ein Kommandant eines kleinen Ghettos in Südostpolen vor Gericht. Erzähl das doch einmal ein paar Kollegen, vielleicht können wir so das eisige Schweigen brechen. Der Saal war voll. Die Journalisten rissen sich um Primor und ein Interview mit ihm. Es hat immer Möglichkeiten gegeben, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wachzurütteln, aber von dieser Möglichkeit ist fast nie Gebrauch gemacht worden. Das wirft kein gutes Licht auf die deutsche Gesellschaft, nicht auf die heute Lebenden, nicht auf die Damaligen, die Jürgen Wilhelm schon eben zutreffend beschrieben hat.

Nun soll man nicht meinen, mit den 6.500 rechtskräftigen Urteilen in NS-Prozessen sei das ganze Unrecht aufgearbeitet worden. Das betrifft nur die deutsche Justiz. Im Ausland, mit dem wir heute befreundet sind, ist man ganz anders vorgegangen. Wir haben keine Zahlen über die Sowjetunion und die DDR, aber wir wissen sehr genau, wie viele Verurteilungen es in Frankreich gegeben hat, in Belgien, in den Niederlanden, in Luxemburg, in Norwegen und in Dänemark: 190.000! Da ist man mit den mutmaßlichen Tätern, auch da sind nicht alle verurteilt worden, anders umgegangen als bei uns. Aber das ist nicht der einzige Grund. Der andere Grund ist zu finden auf hoher politischer Ebene. Dass der Kommentator der Nürnberger Gesetze, durch die vor Ort die Verfolgung und Ermordung der Juden überhaupt erst möglich wurde – denn nichts wurde im „Dritten Reich“ ohne juristische Grundlagen gemacht, es gab immer Paragraphen, es gab immer Verordnungen, es gab immer Befehle, es war immer rechtlich abgesichert – im Ausland ganz anders gesehen wurde als hier. Der erste Chef des Bundeskanzleramts, Hans Globke, war der maßgebliche Mann für die Besetzung der Posten im Auswärtigen Amt. Und im Bundesjustizministerium saß ein Ministerialrat, Dreher hieß der, der hat durch winzige Veränderungen im Straßenverkehrsrecht die Verjährung verkürzt und dadurch den gesamten Komplex Reichssicherheitshauptamt in Berlin ausgehebelt. Zu einem Prozess ist es nie gekommen, weil durch diese winzige Änderung, die auch der Bundestag nicht durchschaute, dieser ganze Vorgang, es waren 300 Aktenbände, überhaupt nicht vor Gericht erörtert werden konnte.

Oder schauen wir nach Nürnberg 1945, 1946. Der erste Nürnberger Prozess, der hieß ja auch Kriegsverbrecherprozess, aber die Leute, die da saßen, hatten gar keine Kriegsverbrechen begangen. Man hatte noch gar keinen Begriff für das, was NS-Unrecht war, 24 Angeklagte, 12 zum Tode verurteilt, auch vollstreckt. Als der erste Kanzler unserer Bundesrepublik, Konrad Adenauer, den ehemaligen Hochkommissar der Amerikanischen Besatzungszone, McCloy, in Bremen verabschiedete, hat er sich bei ihm bedankt, einen tiefen Bückling gemacht und gesagt: „Danke, dass Sie uns die ganze Drecksarbeit abgenommen haben“. Für mich ist das nie Drecksarbeit gewesen. Ich sehe darin den Versuch, das verdreckte Nest zu säubern. Aber diese Meinung war damals nicht sehr weit verbreitet. Die Christlich-Jüdischen Gesellschaften sehen das zum Glück anders und haben damit immer dagegen gehalten. Schönen Dank.

Alle Verurteilten sind nach höchstens 6 Jahren in der frühen Nachkriegszeit wieder auf freien Fuß gekommen und zwar wegen des Korea-Krieges und des Kalten Krieges. Die Westalliierten, in erster Linie die Vereinigten Staaten, wollten eine Bundeswehr, also einen deutschen Wehrbeitrag. Und da hat die Bundesregierung in Frankfurt bei einem Treffen im Januar 1951 gesagt, ihr könnt nicht von uns verlangen, dass wir einen Wehrbeitrag leisten, wenn unsere tapferen Soldaten noch in Haft sitzen. Da kamen die alle raus. Die ganzen Dachauer Leute, das ganze Bergen/Belsener Personal, wurden entlassen, einschließlich der in Nürnberg Verurteilten. Albert Speer bildete eine Ausnahme. Und so liefen die zum Teil wieder in hohen Rängen der Bundeswehr bei uns rum. Was soll denn der Staatsanwalt machen, wenn sozusagen die Bundeswehr ihm in den Rücken fällt. Die können ja gar nicht aktiv bei Ermittlungsverfahren werden. Das war „Schmutzarbeit“, mit der man nichts zu tun hatte. Das hat sich in den letzten Jahren zwar geändert, aber das kam natürlich alles viel zu spät.

Ich halte mich an meine 15-20 Minuten, keine Angst.

Ich habe das immer als Versuch gesehen, diese Zeit aufzuarbeiten, aber diesen Wunsch haben wahrscheinlich viele oder etliche gehabt. Nur hatten sie nicht die Möglichkeit wie der Lichtenstein als Redakteur beim WDR. Ging das? Da müsste eigentlich vom WDR jemand hier sein, dem ich dafür danken könnte. Steh du mal auf, Konsuela. Sie ist die einzige Redakteurin, die ich hier sehe, da oben sitzen noch Mitarbeiter aus unserer Redaktion.

Und dass ich das so weitermachen kann, verdanke ich eigentlich diesen beiden Leuten da rechts außen, obwohl sie eigentlich links sitzen müssten, Vera und Otto Romberg.

Beifall…

Für sie war nämlich der Anschlag auf die Kölner Synagoge 1951 Anlass, diese Zeitschrift zu gründen, gegen große Widerstände. Aber es gibt die Zeitschrift seit 40 Jahren, und zwar ohne Zuschüsse.

Ich will noch ein paar Takte sagen zu dem, was dazugehörte, wenn man solche Arbeit leistet. Nicht larmoyant, dass Sie mich nicht falsch verstehen, aber weil einer meiner Söhne hier im Auditorium sitzt, will ich das mal wenigstens erwähnen. Ich verdanke einen Arbeitsplatz für viele Jahre den Nazis. Die hatten nämlich an das Fenster meiner Redaktionsstube „Magen Davids“ geschmiert, also „Judensterne“ heißen die sonst bei uns. Das hat der Sicherheitsbeauftragte erfahren und gesagt, du musst umziehen. Da war im Carlton Haus im 4. oder 5. Stock eine große Wohnung freigeworden und das wurde mein Büro, mit Dusche und Bad und Küche, mit allem. Das hätte ich ohne die Nazis nicht gekriegt. Der Nachteil war, dass unsere beiden Söhne, damals lebten beide noch, unter Polizeischutz gestellt wurden. Das war sehr bitter. Fußballspielen unter Polizeischutz, zur Schule gehen unter Polizeischutz, vielleicht haben sie es nicht immer gemerkt, eingeschränkt waren sie auf jeden Fall. Das habe ich angerichtet, das tut mir immer noch leid, aber ich kann es nicht ändern, ich will es auch nicht mehr.

Vielen Dank, dass Sie hier sind und dass Sie mir zugehört haben. Und nochmals vielen Dank für den Preis, Herr Wilhelm.

Beifall…

1 Kommentar

  1. Einen so verdienten Mann wie Heiner Lichtenstein korrigiert man ungern, aber hier hat ihn offensichtlich die Erinnerung getäuscht. Von einem „münsterschen Pathologen“, der in Auschwitz Organe bei lebendem Leib entnommen haben soll, ist unseren Medizinhistorikern nichts bekannt. Es gab aber einen münsterschen Anatomen, Prof. Kremer, Extraordinarius und Prosektor am Anatomischen Institut, der in Auschwitz „Forschungen“ zur „Hungerdystrophie“ betrieben hat und dafür Organe, allerdings von toten Häftlingen entnommen hat. Ob er dafür ausgewählte Häftlinge töten ließ, ist nicht bekannt. Traurige Berühmtheit erlangte sein Tagebuch, in dem das Schreckliche neben dem Banalen steht: Berichte über Selektionen an der Rampe neben ausführlichen Beschreibungen des guten Essens.
    Kremer wurde in Polen verurteilt und 1958 in die BRD entlassen. Er hat dann wohl versucht, wieder an der Universität Münster eine Stelle zu bekommen, aber das wurde dann doch aufgrund seiner Vergangenheit verhindert und es wurde ein Verfahren gegen ihn eröffnet. Das Landgericht Münster verurteilte ihn zu zehn Jahren Haft, die durch seine polnische Haft als abgegolten angesehen wurde. Er starb 1965 in Münster, ohne wieder eine Anstellung bekommen zu haben. Die Anstellung in Münster ist allerdings zunächst wohl nur dadurch verhindert worden, dass Proteste aus der Öffentlichkeit laut wurden, die auf die Vorgeschichte Kremers verwiesen.
    (Dank an Prof. Hans-Peter Kröner für diese Hinweise)
    Dr. Thomas Bauer, Medizinische Fakultät der Universität Münster

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