Sogar Israels größte Anhänger werden ungeduldig

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Zum Glück haben wir lang genug gelebt. Seit 2000 Jahren – oder mindestens seit 43 Jahren – erwarten wir diese Stimme aus der Höhe, aber sie zögerte. Keiner kann die 3600 jüdischen Intellektuellen, die einen Brief unterzeichnet haben, der heute dem EU-Parlament vorgelegt wird und der Israel aufrufen soll, mit dem Bau (von Siedlungen) in der Westbank und in Jerusalem aufzuhören, als Israelhasser anklagen. Keiner kann den französisch-jüdischen Philosophen Bernard-Henri Levy oder Alain Finkielkraut als selbst-hassende Juden bezeichnen…

von Yossi Sarid, am 02.05.2010 in Ha’aretz

Es sind Leute, die jede Gelegenheit nützen, Israel öffentlich zu verteidigen und ihm treu ergeben bleiben. Sogar während der Operation Cast Lead und nach dem Goldstone-Bericht blieben sie auf Israels Seite. Der Staat Israel ist wie ihr Augapfel in guten und besonders in schlechten Zeiten.

Aber selbst ihre Geduld geht zu Ende, und sie machen sich große Sorge. Sie hören dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu und hören jemanden, der sich getäuscht und betrogen fühlt. Sarkozy fühlt sich betrogen, und er ist ärgerlich. Auf dem Gesicht der deutschen Kanzlerin Angela Merkel macht sich auch Ärger bemerkbar über die Art und Weise, wie Ministerpräsident Netanyahu sie und ihr Wohlwollen ausnützt.

In Großbritannien wächst die Feindseligkeit. Immer mehr Israelis werden als unerwünschte Personen angesehen. Unsere offiziellen und halb offiziellen Vertreter fliehen mit knapper Not aus den Universitäten. Ein kühler skandinavischer Wind bläst von einem Ende Europas zum andern wie heiße Vulkanasche. Selbst Berlusconi zeigt erste Anzeichen italienischer Ungeduld.

Die Unterzeichner der Petition – alles Freunde von Shimon (Peres) – haben beschlossen, dass sie nun keine andere Wahl mehr haben: ihr Israel hat (anscheinend) keine Ahnung, wo es sich befindet. Ihm wird nicht bewusst, wie abgeschnitten es von der Welt ist, von Amerika, von Europa und den arabischen Ländern, die mit ihm Frieden schlossen – gerade jetzt, wenn es diese mehr als sonst benötigt.

Sie überlegten und berieten, formulierten und formulierten noch einmal. Es ist nicht einfach für sie. Aber am Ende entschlossen sie sich, aufzustehen und ihre Statements zu machen und schrieben ein noch nie da gewesenes Dokument: „Europäische Juden rufen zur Vernunft auf“ ist der Titel. Sie rufen die israelische Regierung auf, sofort den (Siedlungs-)Bau auf der Westbank und in Ostjerusalem einzufrieren, um das Überleben Israels als jüdischen und demokratischen Staat sicher zu stellen.

Sie planen, dieses wichtige Dokument am Sonntag – also heute – dem EU-Parlament vorzulegen. Würde Herzl, dessen 150. Geburtstag wir heute gedenken, sich dem Aufruf und der Delegation angeschlossen haben aus Sorge um den Verlust seiner Vision?

Wie es die Art denkender Menschen ist, haben die Unterzeichner es schließlich fertig gebracht, zwischen der Regierung Israels und dem Staat Israels zu unterscheiden. Regierungen kommen und gehen, während der Staat immer hier sein wird. Das hoffen wir, und so sollten wir auch handeln, damit der Staat nicht stürzt.

Nicht alle Leute, die Netanyahu, Lieberman und Eli Yishai schmeicheln – Schmeichler, die blind und taub „amen“ zu ihrer Politik sagen – suchen wirklich Israels Bestes. Im Gegenteil, solche Leute könnten Schlimmes über uns und Israel bringen. Zu viel Verantwortlichkeit ist zuweilen ein Mangel an Verantwortlichkeit. Wie die Unterzeichner schreiben: „Ständige Unterstützung der israelischen Regierungspolitik ist gefährlich und dient nicht den wahren Interessen des Staates.“

Um ein Wort des Propheten Amos (5,13) zu verwenden: deshalb „ soll der Weise in solch einer Zeit nicht schweigen.“ Die Unterzeichner werden schon angegriffen. Weil sie nicht hier mit uns leben, hätten sie kein Recht, sich in unsere inneren Angelegenheiten einzumischen – eine gewählte Regierung zu kritisieren, werden ihre Kritiker sagen.

Einen Augenblick lang wollte ich diesem Argument zustimmen, wenn ich mich nicht plötzlich an Elie Wiesels offenen Brief an den Präsidenten der USA im letzten Monat erinnert hätte. All jene, die Wiesel applaudierten, werden sich jetzt schwer tun, Finkielkraut zu verurteilen. Und vielleicht war es genau dieser offene Brief aus Amerika, der zum Glück die europäischen Intellektuellen anregte.

Diejenigen, die sich mit Kritik zurückhalten, sind notwendigerweise nicht Freunde und selbst wenn sie auch nicht Feinde sind, könnten sie sich dort finden, wo ausgesprochene Feinde stehen. Die 3600 (inzwischen über 4400) europäischen jüdischen Intellektuellen handeln deshalb aus Liebe.

Yossi Sarid ist politischer Kommentator und ehemaliger Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei MeReZ. Er war Mitglied der Knesset von 1974 bis 2006 und Bildungs- und Umweltminister zwischen 1996 und 2003. Übersetzung von Ellen Rohlfs, Tlaxcala

12 Kommentare

  1. Von wegen „Franz. Wochenzeitung Telerama“ , immerhin scheinen sie sich wenigsten ein bißchen dafür zu schämen, ein Machwerk wie den „Semit“ zu lesen. Naja, das Ãœbliche halt, es geht nichts über einen Alibijuden – Shlomo Sand in diesem Fall…

  2. @Paul@ Sie ärmster, von anderen Postern verfolgter Mensch. [Ironie]
    Ein Merkmal von Antisemiten: sie geben sich immer wieder als verfolgt aus. Eine Haltung die auch als paranoid beschrieben werden kann
    Sie können ja nur mit copy pasting argumentieren. Und wenn das noch ein Prof. an der Uni Tel Aviv sagt, dann muss es doch unbedingt stimmen. Wirklich? Eine verquere Logik, die aber Antisemiten gerne benützen, die brauchen einen jüdischen Kronzeugen, vorzugsweise einen jüdischen Israeli, der das bestätigt was man gerne hören/lesen will.

  3. Mein Text ist der O-Ton eines israelischer Historikers in einen Interview mit der Franz. Wochenzeitung Telerama. Er lehrt übrigens an der Universität Tel Aviv.

  4. Na, dann bin ich mal gespannt auf den Aufruf und auf das vernünftige Argument(!) gegen die Siedlungen. also ich glaube, weil ich habe den Text noch nirgendwo gefunden, das wird einfach eine Meinung unter der ganzen Meinungsflut. Da kann man sich einreihen, macht aber eine fehlende Argumentation nicht besser sondern noch erbämrlicher, gerade für Intellektuelle… Was alle gegen Netanjahu haben verstehe ich auch nicht. Sogar Liebermann ist im Grunde ein netter Typ. Man kann natürlich auch anfangen auf europäischem Boden Wahlkampf zu machen. Freunde für seine Sache, solange sie gegen die Siedlungen ist, die ja angeblich sogar in GB die Antisemiten zum unverhohlenen Antisemitismus animiert, bekommt man immer. Die werden sich auch dann, wenn die Siedlungen gestoppt werden, nicht von ihrem stupiden Freunden trennen mit denen sie tausendfach am Al Quds Tag demonstrieren gehen. Solche Leute finden immer neue Gründe, aber ein Argument haben sie alle nicht.

    Die Siedlungen sind das Scheinproblem womit man auch noch ein paar vernünftige rum bekommt. Vernunft hat kein Argument gegen Grausamkeit. Deswegen hält Europa den Mund, außer wenn es in Form eines Zollarbeiters die Grenzen Israels festlegt und Produkte aus den Siedlungen als unisraelisch bezeichnet. Wenn die Siedlungen den Staat Israel gefährden und nicht die Banden die sich um den Staat zum Angriff bereit machen dann habe ich gehörig was verpasst, aber es würde ja vor allem den GB- Medien gefallen.
    Mit der selben Logik gehen Populisten des „dritten Wegs“ mit neuen Brandritualen auf die Straßen und verbrennen Siedlerprodukte (man muss sich auch klar machen, dass zwischen Siedler und Kibbuznik kein Unterschied besteht, da der palästinensische Nationalismus als Ressentimentphänomen nicht nur gegen den Zionismus entstand sondern auch gegen die Utopie von Frieden und gemeinsamer Organisation im Sozialismus) und gleich danach beschwert sich die palästinensische Gewerkschaft, dass die Siedlungen den 15000 palästinensischen Arbeitern mit Kündigung drohen.

    Wie gesagt. Ich bin sehr gespannt auf das Argument neben der Meinung die man sich nicht erst in diesem Artikel aus reinem wohlgefallen antun muss. Wiederholung von unterschiedlichen Personen und zu jeder Tages und Nacht Zeit ist im übrigen Propaganda durch die Massen und der Artikel verheißt schon nichts gutes. Denn Propaganda wird nicht dadurch besser, dass man Personen als die besten Freunde Israels darstellen. Jeder Mensch kann fehlen und das Image einer Person oder Gruppe macht Scheiße nicht besser.

    Die Siedlungen sind böse sie verhindern die Friedensgespräche: Warum?
    – Bisher führten Verhandlungen zu Räumungen. Was in Gaza daraus geworden ist, sieht man, aber daran sind nicht die Räumungen schuld. Das sich-verweigern gegenüber Friedensverhandlungen führt nicht zu Frieden. Und darin ist der Vater von Mazen Profi. Warum? Weil er bei Verhandlungen mit Israel die stille Solidarität mit der Hamas aufkündigen würde und wie die Siedler plötzlich als die Antiisraelis stilisiert sind, dann zum Antipalästinenser wird, weil er nun mal der Volksgemeinschaft für die Anliegen Israels (Frieden – das anliegen auch Netanjahus und Liebermanns) gegen die Anliegen eines Teils der palästinensischen Einheit (der nur mit der Vernichtung Israels zufriedenen Hamas) in den Rücken fällt. Es gibt keinen Verhandlungspartner und darüber täuscht auch keine Siedlerhysterie hinweg.

  5. @Paul@ was für einen gequirlter Unsinn schreiben Sie, den Bürgerkrieg einen Tag nach dem Teilungsbeschluss der UNO Generalversammlung haben Palästinenser begonnen, den Krieg haben die arabischen Nachbarstaaten 1948 begonnen und deswegen sind Araber und Juden geflüchtet.
    Sie kommen wieder mit der alten Mantra, die Hamas sind ja so großzügig und hat eine Hudna angeboten. Die hat ja auch Mohammed den Juden in Arabien angeboten, um sie dann abzuschlachten. Paul begeistert sich für die Hamas, wahrscheinlich, weil diese Holocaustleugner und die Ritualmordlüge propagiert und die infamen Protokolle der Weisen von Zion in ihrer Charta festgeschrieben hat.
    Hamas ist eine Terrororganisation, auch wenn eine evangelische Akademie in Deutschland das nicht so sieht. Die sollte sich um den antisemitischen Bodensatz in ihrer Kirche kümmern, den gibt es nämlich.

    Und Paul, warum haben die arabischen Staaten bis 1967 nicht Israel anerkannt? Israel hätte damals bei Anerkennung auch die Waffenstillstandslinien von 1949 als Grenzen akzeptiert. Wer hat den wen mit Vernichtung bedroht? Waren das nicht die arabischen Politiker? Also verzapfen Sie ihre Geschichtslügen anderswo.

  6. … „…. Sicherlich. Es ist nicht normal, dass Raketen auf Israel fallen. Aber ist es normal, dass Israel bis heute nicht seine Grenzen festgelegt hat? Dieser Staat, der Raketen nicht erträgt, kann sich nicht aus den 1967 eroberten Gebieten zurückziehen. Dieser Staat lehnte das 2002 von der Arabischen Liga ausgesprochene Angebot ab, Israel voll anzuerkennen, wenn es sich auf die Grenzen von 1967 zurückzöge.“
    „Aber Hamas? Hamas hat Israel nicht anerkannt.“
    „Hamas, diese schlimme undiplomatische Partei, hatte eine „Houdna“, einen Waffenstillstand, von langer Dauer für Gaza und das Westjordanland angeboten. Israel hat das Angebot abgelehnt, weil es weiter die Führer der Hamas töten will, auch im Westjordanland. Israel hat seinen Teil der Verantwortung für die Wiederaufnahme des Raketenbeschusses. Anstatt die Mäßigung der Hamas zu unterstützen, hat Israel die Palästinenser in die Verzweiflung gestürzt. Wir haben ein ganzes Volk seit 42 Jahren gettoisiert, und wir weigern uns, ihm seine Souveränität anzuerkennen. Ich vergebe es Israel nicht – ich würde sagen seit 20 Jahren – dass, 1988 als Arafat und die palästinensische Autonomie den Staat Israel anerkannten – Israel im Gegenzug nichts gegeben hat.
    Man soll gut verstehen: Ich akzeptiere weder die Position von Hamas noch seine religiöse Ideologie, weil ich säkular, demokratisch und sehr gemäßigt bin. Als Israeli und als Mensch mag ich die Raketen nicht. Aber als Historiker vergesse ich nicht, dass diejenigen, die die Raketen schicken, diejenigen sind, die aus Jaffa und Ashkelon 1948 vertrieben wurden. Ich lebe auf dem Land das diesen vertriebenen Flüchtlinge gehörte. Ich kann nicht sagen, ich könnte ihnen das Land zurückgeben, aber jedes Angebot von Frieden soll von diesem Standpunkt ausgehen. Wer das vergisst, wird niemals den Palästinensern einen gerechten Frieden anbieten.“
    „… Der große Rabbiner Gilles Bernheim sagt: „nicht desto trotz darf Israel nicht „Selbstmord“ verüben im Namen des Entgegenkommens“.
    „Aber wovon spricht er? Wer bedroht unsere Existenz? Wir haben die besten Waffen und die Unterstützung der ersten Macht weltweit. Die arabische Welt bietet uns einen globalen Frieden in den Grenzen von 1967 an. Der letzte Krieg, der Israels Existenz bedrohte, war vor 35 Jahren. Versteht er das nicht, dieser große Rabbiner?“

  7. Ein gründlich gescheiterter Politiker jubiliert. Doch diese Intellektuellen, die ja das Beste für Israel wollen, stehen gerade in Frankreich unter Beschuldigung Stammessolidarität (communitarianisme) zu üben. Alain Finkielkraut zum Beispiel sieht sich heftigen Attacken ausgesetzt, weil er sich gegen Nikab und Burka in französischen Schulen wendete. Und mit dieser Unterschriftenaktion hoffen die der Stammessolidarität beschuldigten Intellektuellen vielleicht als „gute“ und „vernünftige“ Juden wahrgenommen zu werden.
    Sie projizieren im falschen Analogieschluß europäische Verhältnisse auf den Nahen Osten. Sie verkennen auch die Tatsache, dass ein diktatorisch geführtes System wesentlich schneller eine Wende herbeiführen kann, als ein demokratisches System. Diese Unterschriften und Jossi Sarid können leider nicht die Wirklichkeit des Nahen Ostens ändern, sie schwächen aber – wie es auch die Geschwätzigkeit von gewissen israelischen Politikern tut – die Verhandlungsposition Israels.
    Es ist auch ein Irrtum zu glauben, dass Intellektuelle immer Recht haben. In der Zeit zwischen 1939 und 1941 gefielen sich viele britische Intellektuelle in der Rolle von Kriegsgegnern, zum Glück für die Welt hörte das britische Volk nicht auf sie.

  8. „Europäische Juden rufen zur Vernunft auf“

    Einige Wenige ! denn “ DIE “ europhäischen Juden stehen nicht auf deren Seite. Sie halten treu zu Israel.
    Man nennt es Loyalität !

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