Ostern in Jerusalem

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Wer nach London oder New York fliegt, um mit teuren Theaterkarten die neuesten Aufführungen zu bewundern, in den Vatikan für besinnliche Gottesdienste reist oder in Äthiopien urchristliche Riten sucht, sollte zu Ostern nach Jerusalem kommen…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 27. März 2010

Da gibt es das alles frei Haus in einer weltweit einzigartigen Vielfalt. In Jerusalem sucht man keine Ostereier und geht dann fein gekleidet in die Kirche. Das Fest wird gleich dreifach gefeiert. Acht Tage lang begehen die Juden ihr „Fest der Freiheit“ und gedenken des Exodus aus Ägypten unter Moses. Wer Glück hat, lässt sich von einer jüdischen Familie einladen, um den „Seder-Abend“ mitzuerleben. Da lesen dann alle Teilnehmer die „Hagada“, eine Legendsammlung, vermischt mit Gesängen. Der Tisch ist überladen mit symbolischen Speisen, bitteren Kräutern, einer köstlichen Dattelpaste und Lammfleisch. Dazu gibt es Matzes, ein trocknes, aus Mehl und Wasser hergestelltes „Knäckebrot“. Denn es darf nur „Ungesäuertes“ gegessen werden. Deshalb lohnt sich ein Besuch in einem jüdischen Supermarkt. Pasta, Bier, Mehl und andere „verbotene“ Speisen sind dann mit Zeitungspapier oder Plastikplanen verhängt.

Genauso fremdartig sind die christlichen Osterfeiern, wobei die Westkirchen (Katholiken und Protestanten) nur alle paar Jahre ihr Ostern zeitgleich mit den orthodoxen Kirchen begehen. Geradezu im Minutentakt werden da dem Besucher musikalische Events, wahrhaftige Theateraufführungen, Tanz mit Trommelmusik und Karnevalsumzüge geboten. Jeder darf sich beteiligen oder wenigstens zuschauen.


Äthiopische Christen in bunten Gewändern

An Palmsonntag tragen russische Mönche oder katholische Priester vor der malerischen Kulisse des Ölbergs quer durch den bunten Basar der Altstadt Jerusalems, also entlang der traditionellen „Via Dolorosa“, kunstvoll geflochtene Palmzweige zur Grabeskirche. Manche schleppen ganze Olivenbäume in das Gotteshaus. Ein Moslem hat die Schlüsselgewalt zur heiligsten Kirche der Christenheit, und in der sechs Konfessionen um ihre Rechte und Altäre kämpfen. Der nächste Höhepunkt findet an verschiedenen Orten an Gründonnerstag statt. Geheimtipp: Die Fußwaschungszeremonie in der armenischen St. James Kathedrale miterleben. Das ist Theater pur. Sowie der Vorhang aus Goldbrokat vor dem Altar aufgezogen ist, stehen der Patriarch, die Bischöfe und Priester in prächtigen Gewändern aufgereiht bereit für die Zeremonie. Armenische Priester mit ihren typischen schwarzen Spitzhüten singen sonore mittelalterliche Choräle, während sich der Patriarch, eingekleidet wie ein König aus Tausend und einer Nacht, herabbeugt und einem Priester nicht etwa die Füße mit Wasser wäscht, sondern Butter unter die Fußsohle reibt. Diese Sitte haben die Armenier aus Indien mitgebracht.


Die armenische Fusswaschungszeremonie

Am Karfreitag der Katholiken sollte man sich Zugang zur Golgotha-Kapelle in der Grabeskirche verschaffen. An dem historischen Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, bringen Priester ein Kreuz mit einem angenagelten hölzernen Jesus herbei. Ein Koreaner verliest die entsprechenden Passagen aus dem Neuen Testament. Dann machen sich die Priester an die Arbeit, den Gekreuzigten vom Kreuz abzunehmen. Mit Kneifzangen werden ihm erst die Dornenkrone vom Haupt genommen und dann ein Nagel nach dem Anderen aus den blutenden Händen und Füßen gezogen, um sie laut klimpernd auf ein Silbertablett fallen zu lassen. Mit einem umgebundenen Tuch wird sein hölzerner aber naturecht bemalter Leichnam behutsam auf ein von Priestern bereitgehaltenes Leichentuch gelegt und zur nächsten Zeremonie weggetragen: Ein unwirkliches Schauspiel in gespenstischer Atmosphäre.

Der Höhepunkt der orthodoxen Kirchen ist am Samstag die Osterfeuer-Zeremonie. Früher war die Grabeskirche mit Tausenden Gläubigen vollgepackt. Wegen Feuergefahr und weil die ursprünglich von Kaiser Konstantin errichtete aber mehrfach zerstörte und wieder aufgebaute verwinkelte Grabeskirche nur einen einzigen Eingang hat und die Konfessionen sich nicht auf die Öffnung eines Notausganges einigen können, beschränkt die Polizei seit einigen Jahren die Zahl der zugelassenen Gläubigen. Man sollte sich rechtzeitig eine Genehmigung besorgen, um die Absperrungen zu passieren. In dem versiegelten Grab Jesu in der Rotunde geht im Augenblick der Auferstehung Jesu „durch ein Wunder“ ein Licht nieder. Durch kleine Schächte in der Grabwand reicht griechischer Priester im Grabmal das Feuer seiner Kerze heraus. Innerhalb von Sekunden ist dann die „Hölle“ los. Innerhalb von Sekunden entzünden die Gläubigen ihre mitgebrachten faustdicken Kerzenbündel. Alle Glocken läuten wie wild durcheinander. Die Menschen schreien. Männer rennen mit brennenden Kerzen ins Freie, um die frohe Botschaft der Auferstehung durch die Stadt zu tragen. Diese Zeremonie ist eine einzige Massenekstase. Man muss sie miterlebt haben, um zu glauben, dass es so etwas in der christlichen Welt gibt.


Feuerzeremonie vor der Grabeskirche

Damit ist die „Party“ in Jerusalem aber noch längst nicht abgeschlossen. Anstatt eine Diskothek zum Austoben aufzusuchen, sollte man sich am Samstag Abend auf das Dach der Grabeskirche begeben. Rund um die Kuppel der Helena-Kapelle feiern die Äthiopier. Knallbunt bekleidet prozessieren da die Priester mit Kerzen in der Hand, während über sie mitten in der Nacht bunte Sonnenschirme aufgespannt sind. Dazu gehört die passende musikalische Untermalung: ein unter die Haut gehendes rhythmisches Trommeln mit echten Buschtrommeln aus Afrika.
Zur Erholung, oder vielleicht eher zur Ernüchterung, kann man an Ostersonntag in den protestantischen oder katholischen Kirchen dann den üblichen Gottesdienst mit Orgelmusik, Chorgesang und einer Predigt auf Deutsch miterleben, wie „zu Hause“: gesittet, diszipliniert und eher temperamentlos.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

2 Kommentare

  1. Schön für Herrn Broder, aber vielleicht gestatten Sie ja anderen Menschen eine andere Meinung zu haben.

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