Innere Freiheit – Eine Pessach-Betrachtung

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Der vorliegende Text erschien 1914 im Organ der Zionistischen Bewegung „Die Welt“. Autor ist Max Joseph, der zwischen 1902 und 1936 Rabbiner in Stolp (Pommern, heute polnisch Słupsk) war. Max Joseph konnte emigrieren und überlebte in Palästina…

Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp
Die Welt vom 14. April 1914

Peßach gilt uns in der Zerstreuung fast ausschließlich als ein Befreiungsfest. Durch die Befreiung aus Aegyptens Knechtschaft wurde Israel aus einem Sklavenvolke zu einem Herrenvolke, das fortan nicht nur seine Macht, sondern auch, was weit wichtiger und wertvoller ist, sein Seelenleben kraftvoll und ungehindert entfalten durfte.

In der Tat kann es für ein Volk, besonders für eines von kulturgeschichtlicher Bedeutung, einen denkwürdigeren Anlaß zu einer Festesfeier als die Erinnerung an seine Befreiung nicht geben. Darum ist es auch nur natürlich, daß gerade unser Peßachfest mit so viel Liebe gepflegt und ausgestaltet worden und von soviel Poesie umwoben ist.

Und damit das hohe Gut der Freiheit recht genossen und nach seinem ganzen Werte gewürdigt werde, will die Peßach-Vorschrift, daß wir die der Befreiung vorangegangene Knechtschaft uns eindringlich vor die Seele führen sollen. Darum beginnt die Haggada unseres Festes mit den Worten: „Dies ist das elende Brot, das unsere Väter einst im Lande Aegypten gegessen haben,“ und in der Darstellung der Peßach-Geschichte verweilt die Haggada geraume Zeit bei der Betrachtung der ägyptischen Knechtschaft. Und eben darum wird am Seder-Abend nicht nur der Freuden- und Freiheitskelch wiederholt geleert, vielmehr werden auch ungesäuertes Brot und Bitterkraut, die Sinnbilder der Knechtschaft, genossen. Indem so der Gegensatz von Knechtschaft und Freiheit uns voll zum Bewußtsein kommt, soll das Gefühl für den Wert der Freiheit in uns gesteigert und verstärkt werden.

Aber ist der Blick auf die Knechtschaft des jüdischen Volkes in Aegypten nicht schon an und für sich von Wert und Bedeutung für uns? Vielleicht lernen wir durch ihn das Verhalten unseres Volkes in Druck und Knechtschaft recht eigentlich würdigen. Vielleicht lernen auch wir, die späten Enkel eines seelenstarken Volkes, welche Wege wir in den Zeiten einer völligen oder halben Unfreiheit zu wandeln haben.

Zwei Aussprüche der Peßach-Haggada sollen unsern Blick schärfen. Der erste lautet: „Zu den Worten der Schrift ,Israel weilte dort (in Aegypten)‘ bemerken die Alten: Jakobs Haus war nicht nach Aegypten gegangen, um sich dort gleichsam einzusenken, sondern nur, um dort zu weilen.“

Was ist der Sinn dieses Ausspruches? Er besagt, daß die Familie Jakobs, als sie um der Hungersnot willen nach Aegypten zog, nicht gesonnen war, um ihres materiellen Wohlergehens willen ihre Eigenart, ihre Sonderstellung und ihre besondere Berufung aufzugeben. Die Kinder Israels wollten dort vielmehr nur eine Lebensmöglichkeit finden, im übrigen in friedlichen Verkehr mit den Aegyptern treten und, gleich Joseph, treue Förderer der Wohlfahrt des Landes sein. Aber Juden wollten sie bleiben, Erben der Segnungen Abrahams, stolz auf den starken, großen Gott ihrer Väter und beglückt durch all die geistigen und moralischen Güter, die mit der jüdischen Eigenart verbunden waren. Darin sollte durchaus nichts liegen, was für die Aegypter verletzend sein konnte, es sollte nur der Ausdruck der Treue und Liebe zu den eigenen ererbten Gütern sein. Wer hat mehr als Joseph mit seiner ganzen Kraft Aegypten und seinem Könige gedient? Und doch wollte Joseph in Kanaan, dem Lande seiner Väter, begraben sein! Also Bürgertreue und Stammestreue in Einem, wie es ihnen Herz und Gewissen vorschrieben. Und weil die Nachkommen Jakobs ihre religiöse und völkische Eigenart nicht zu verleugnen suchten, sondern weiter entwickelten, weil sie an der Väter Glaube und Sitte festhielten, darum heißt es in dem zweiten Ausspruch unserer Haggada: „Jakobs Familie ward in Aegypten zu einem Volke, so sagt die Schrift. Daraus, so folgern die Alten, ist zu ersehen, daß Israel in Aegypten gezeichnet, in seiner völkischen Eigenart kenntlich blieb.“

Daß es für eine Minderheit, die in einer andersartigen Umgebung lebt, unbequem und nicht selten mit schweren Opfern verknüpft ist, wenn sie sich selbst treu bleiben will, liegt auf der Hand. Die Masse erwartet überall, daß jeder, der zu ihr gehören und mit ihr gleich behandelt werden will, es auch in allem mit ihr halte. Sie deutet es als Abneigung, Haß oder Hochmut, als wollte die Minderheit vor allen anderen etwas voraus haben, wenn sie in irgendeinem Sinne ihre eigenen Wege geht. Eine solche Minderheit erscheint ihr leicht als fremd, und von der Fremdheit zur Feindseligkeit ist oft nur ein Schritt, zumal dann, wenn die Minderheit gedeiht und vom Schicksal besonders begünstigt erscheint.

Und was taten nun unsere Vorfahren in Aegypten? Was hätten sie getan, wenn sie Bequemlichkeit, Fortkommen, materielle Güter und Sicherheit des Lebens der Treue gegen sich selbst, gegen ihre wertvolle Stammesüberlieferung vorangestellt, wenn sie ihrer inneren geistigen Freiheit und Würde äußeres Wohlergehen, den ungestörten Genuß aller bürgerlichen Güter vorgezogen hätten? Sie würden ihr Judentum verdeckt, verleugnet, sie würden, so gut es gehen wollte, ägyptische Art sich zu eigen gemacht, sie würden vielleicht sogar es für eine Eeleidigung erklärt haben, wenn man sie nicht für veritable Aegypter hätte halten wollen. Vielleicht würden sie selbst verirrte Söhne aus ihrer Mitte, die ihr echtes Aegyptertum in Zweifel zu ziehen sich erlaubten, oder gar mit Liebe und Sehnsucht vom Lande der Väter sprachen, des Mangels an Patriotismus geziehen haben. Das alles aber taten unsere Vorfahren nicht. Denn sie lebten der Ueberzeugung, daß der Mensch seine moralischen Güter, seine äußere und innere Freiheit, daß er Treue und Wahrhaftigkeit über alles stellen müsse.

Nicht wahr? Diese Denkweise gereicht unseren Vorfahren in Aegypten zur Ehre. Sie zeigt, daß sie starke Seelen hatten, groß dachten und fühlten, daß trotz aller Sklaverei hohe moralische Werte in ihnen der Entwicklung harrten. Darum waren sie auch wert, daß ihnen die Stunde der Freiheit schlug, daß die Peßach-Nacht all ihren Kräften und Fähigkeiten die Möglichkeit zu ungehinderter Entfaltung gab und ihnen den Weg in eine große, stolze Zukunft öffnete. Sie waren wert, ein freies, ruhmreiches Volk und ein Segen der Menschheit zu werden. Israel hat sich damals die äußere Freiheit verdient, weil es in schwieriger Lage die innere Freiheit, die seelische Unabhängigkeit sich zu bewahren verstanden hatte.

Und darin werden uns unsere Vorfahren in Aegypten ein Vorbild bleiben. Pflegen werden wir die großen heiligen Ueberlieferungen, die das Leben unserer Vorfahren seit Jahrtausenden bestimmt haben. In redlichem Wetteifer und mit willigem Herzen werden wir überall dort, wo man uns nicht daran hindert, mitarbeiten an der allgemeinen Wohlfahrt, aber keine Macht der Welt soll uns davon abbringen, unser Judentum frei und froh vor aller Welt zu bekennen, das Sehnen unserer jüdischen Seele nach Licht und nach einer freien Entfaltung unseres nationalen Lebens auszusprechen und mit allen Mitteln und mit aller Kraft die Erfüllung dieses Sehnens zu erstreben. Will man uns die volle bürgerliche Freiheit nicht geben, dann werden wir darum kämpfen. In jedem Falle aber werden wir in diesem Kampfe unsere innere Würde, unsere moralische Unabhängigkeit behaupten. Mit Verachtung werden wir jeden zurückweisen, der aus Nützlichkeitsgründen uns bereden will, Vermummungspolitik zu treiben, mit Verachtung jeden, der von uns fordert, daß wir für unser Denken und Handeln eine andere Richtschnur anerkennen sollen, als die, die uns in unserem eigenen Gewissen gegeben ist, mit Verachtung jeden, der uns lehren will, in allen jüdischen Dingen und Fragen anders als jüdisch zu denken. Unsere Alten sagen ganz richtig, daß, als Israel aus seinem Lande zog, sein Gott mit ihm in die Verbannung gezogen ist. So werden wir auch weiter in jeder Gewissensnot ihn befragen. Denn nur wer die innere Freiheit liebt, ist, wie unsere Vorfahren in Aegypten, auch der äußeren Freiheit würdig.

2 Kommentare

  1. Die Eschkol-Ausgabe der Encyclopaedia Judaica (Berlin 1932) enthält einen knappen Eintrag zu Rabbi Max Joseph. Ebenso das Jüdische Lexikon (Berlin 1927).

  2. Eine zeitlos schöne Betrachtung zu Pessach!

    Da ich selbst Vorfahren aus Stolp habe, über die ich kaum etwas weiß: wo kann ich mehr über Dr. Max Joseph erfahren?

    Schöne Grüße aus Berlin
    Olaf Ruhl

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