Beleidigen, was das Zeug hält

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Im Nahen Osten gerät dieser Tage der normale Menschenverstand aus dem Ruder. Nach dem Motto, „jeder gegen jeden“, werden bewusst, gezielt, versehentlich oder aus Unwissen Beleidigungen ausgesprochen, denen aufwallende Emotionen und weitere „Schläge vor den Kopf“, „Ohrfeigen“ und „Kriegserklärungen“ folgen…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 16. März 2010

Die Serie begann mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahus Beleidigung des amerikanischen Vizepräsidenten Joe Biden. Der war nach Israel gekommen, um eine seit der Wahl Barack Obamas andauernde Eiszeit zwischen Washington und Jerusalem aufzutauen. Biden verstreute Komplimente, stellte sich als überzeugter Zionist auf die Seite Israels und beschwor die tiefe Freundschaft beider Nationen. Da verkündete die Planungsabteilung des Innenministeriums den Bau von 1600 neuen Wohnungen in einem Viertel in Ostjerusalem. Für Biden war das ein Schlag ins Gesicht, für Netanjahu eine Peinlichkeit und für den Innenminister ein „Versehen“.

Die Amerikaner waren wütend. Netanjahu entschuldigte sich förmlich, keine Ahnung von den Vorgängen in seiner Regierung gehabt zu haben. Er versprach Mechanismen, damit solche „Pannen“ sich nicht wiederholen. Gleichwohl, so Netanjahu, sei Jerusalem nicht in den „Baustopp in den Siedlungen“ einbezogen worden. Die Palästinenser fordern seit einem Jahr als Vorbedingung für eine Aufnahme indirekter Friedensgespräche eine Einstellung jeglicher israelischer Bautätigkeit jenseits der „Grenze von 1967“. Obgleich Biden Netanjahus „Erklärungen“ akzeptierte und eine weitere pro-israelische Rede in der Tel Aviver Universität hielt, setzte die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton eins drauf. Am Freitag Abend, während die Israelis schon den Sabbat feierten, forderte sie 42 Minuten lang von Netanjahu in einer telefonische Standrede ohne Punkt und Komma mehr Rücksichten auf amerikanische und palästinensische Empfindlichkeiten. Inzwischen kritisieren republikanische Abgeordnete diesen Umgang mit Israel als „übertrieben und beleidigend“.

Derweil gelangten nach Israel gute Nachrichten. Ägypten habe die Synagoge des Maimonides in Kairo für zwei Millionen Dollar renoviert. Das Gotteshaus wurde nach jüdischem Ritus mit dem traditionellen Segen über den Wein neu geweiht. Wütend sagten die Ägypter daraufhin die offizielle Einweihung ab. Die Synagoge werde unter der Verwaltung der Altertumsbehörde bleiben und nicht der jüdischen Gemeinde übergeben, erklärte Behördenchef Zahi Hawass. Der Alkoholgenuss sei eine „Beleidigung“ des ägyptischen Volkes gewesen. Zudem hätten die Juden in dem Gotteshaus „getanzt“ (was bei der Einführung neuer Torarollen üblich ist). Ebenso seien Israelis (!) gesichtet worden.

Die Ägypter reagierten so auch auf eine „Beleidigung“ des Islam durch die Weihung am Montag der wiedererrichteten Hurva-Synagoge im jüdischen Viertel in der Altstadt Jerusalem. Die seit zweitausend Jahren mehrfach errichtete, von Osmanen beschlagnahmte, von Arabern zerstörte und 1864 wieder aufgebaute „große Synagoge“ wurde 1948 von den Jordaniern gesprengt. „Wir sprengen die Synagoge, damit die Juden nie wieder in Jerusalem auferstehen“, verkündete damals König Abdullah. Insgesamt 58 Synagogen wurden von den Jordaniern dem Erdboden gleich gemacht, 38.000 jüdische Grabsteine auf dem alten Friedhof auf dem Ölberg zerschlagen und die Klagemauer für Juden gesperrt. Die Hurva galt den Juden als Symbol für die jordanische Verwüstung jüdischer Heiligtümer in Ost-Jerusalem. Ihre neue weiße Kuppel überragt nun die Kuppel der hunderte Meter entfernten El Aksa Moschee. Für den Hamasprediger Halil el Schahia im Gazastreifen, ist das eine unerträgliche Beleidigung des Islam und komme einer „israelischen Kriegserklärung“ gleich. „Es soll wieder Blut fließen, für die Religion“, verkündete er am Montag. Moslems sollten nach Jerusalem kommen, um „El Aksa zu beschützen“. Gerüchte wurden gestreut, wonach „hunderttausende Siedler“ nach Jerusalem marschieren, um die El Aksa zu zerstören und den Grundstein für einen neuen (jüdischen) Tempel zu legen. Der (heutige) Dienstag wurde zum „Tag der Wut“ erklärt. Hunderte Beduinen kamen mit Bussen aus der Negewwüste, „weil Juden in Jerusalem nichts zu suchen haben und die Hurva-Synagoge an der Stelle der Omar-Moschee errichtet worden ist“, sagte einer von ihnen. Tausende Polizisten standen bereit, mit Tränengas gegen Unruhestifter und Steinewerfer vorzugehen. Ahmad Quriea, ehemaliger palästinensischer Regierungschef, rief wegen der „Provokation“ der Synagogeneinweihung zur „dritten Intifada“ auf.

Derweil wurde in Ramallah eine „Beleidigung“ Israels auf amerikanischen und israelischen Druck oder „aus technischen Gründen“, nach palästinensischer Aussage, teilweise abgewendet. Der zentrale Manara-Platz sollte zu Ehren von Dalal Mughrabi umbenannt werden. Die hatte 1978 ein Kommando zur Küstenstraße nördlich von Tel Aviv angeführt, eine amerikanische Fotografin erschossen, zwei Busse gekapert und 38 Israelis, darunter Frauen und Kinder, ermordet. Ursprünglich wollte sogar Präsident Mahmoud Abbas an dieser Zeremonie am 11. März teilnehmen, als Joe Biden nach Ramallah besuchte. Die Umbenennung, von Israel als unerträgliche Hetze und „Verherrlichung des Terrors“ bezeichnet, fand dennoch statt, mit Beteiligung des ehemaligen Geheimdienstchefs Taufik Tirawi.

Die nächste anstehende Beleidigung fiel kaum mehr ins Gewicht. Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva hält sich zum Staatsbesuch in Israel auf. Das Protokoll plante eine Kranzniederlegung am Grab des Propheten des jüdischen Staates und Gründers der Zionistischen Bewegung, Theodor Herzl. Doch da Silva legte ein Veto ein. Beleidigt boykottierte daraufhin Israels Außenminister Avigdor Lieberman demonstrativ die Festrede da Silvas in der Knesset. Am Dienstag erklärte Lieberman: „Für mich ist es unerträglich, dass Brasiliens Präsident Herzls Grab verschmäht, aber in Ramallah das Grab Jassir Arafats würdigt.“

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com