Nizza Thobis CD: Ein Koffer spricht

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Schon in einem Interview, das Martina Weibel mit Nizza Thobi im September 2007 für das Goethe-Institut-Online führte, erwähnt sie in Reminiszenz an den deutschstämmigen israelischen Schriftsteller Jehuda Amichai das Motiv des Koffers als ein Faszinosum für sie. Nun hat sie dies Motiv in den Titel ihrer neuen CD aufgenommen, wiederum in einer Reminiszenz, aber diesmal in sprachlicher Anlehnung an Ilse Weber, die 1944 in Auschwitz umkam, in Theresienstadt aber noch neben anderem ein Lied verfasste, das den Titel trägt: Ein Koffer spricht…

von Prof. Dr. Hedda J. Herwig

Nizza Thobi vertont, interpretiert und veröffentlicht eben dieses Lied mit ihrer neuen CD, aber auch Lieder von anderen Autoren, zusammengefasst unter dem Bild des sprechenden Koffers, was die Frage nach dem verbindenden Sinn des gewählten Motivs aufwirft:

Woran denkt man, wenn man das Wort Koffer zu hören bekommt? Auf trivialer Ebene denkt man ans Verreisen, an den Koffer als Gepäckstück, der das Nötigste enthält, das man braucht, wenn man in der Fremde, wenn man nicht zu Hause ist. Der Koffer ist in diesem Sinne nichts Besonderes, aber er ist wichtig, und der Gedanke liegt nahe, dass er verloren gehen könnte. Das wäre höchst unerfreulich, man stünde in der Fremde wie ein Bettler da. Ein Koffer, der auf der Rückreise verloren ginge, wäre auch ein Pech: Wahrscheinlich enthielt er wertgeschätzte Erinnerungsstücke an die Reise, deren Verlust schmerzhaft ist, wollte man sich doch damit Erlebnisse greifbar versinnbildlicht bewahren, die das Herz höher schlagen ließen.

Unter letzterem Gesichtspunkt wird verständlich, dass Koffer eine weit mythischere Bedeutung annehmen können als ein erster Gedanke an den Koffer nahe legt. Insbesondere die Kinderseele wird vom Koffer magisch angezogen, auch und gerade heute noch, wie der Erfolg der Siebenstein-Kinderspielfilmserie Die schönsten Koffergeschichten zeigt.

Für Kinder spiegelt sich im Koffer das Motiv der verloren gegangenen und wieder gefundenen Schatzkiste, die nicht nur märchenhafte Güter enthält, sondern womöglich auch Geschichten märchenhafter Natur erzählen kann, die die Kinderseele wundersam berühren. In diesem Zusammenhang taucht auch der Gedanke auf, dass ein Koffer stellvertretend sprechen kann: Schon bei Richard v. Volkmann-Leander in seinen berühmten Träumereien an französischen Kaminen, nicht von ungefähr 1871 im Krieg in der Fremde verfasst, kann ein Koffer sprechen, enthält aber unter seiner rauen Verkleidung überdies noch eine Kiste inwendig, in der eine Märchen erzählende Prinzessin wohnt, die vom Autor als Stellvertreterin benützt wird, indem er ihr die eigentliche Autorschaft für seine Erzählungen zuschreibt, damit also auch ihrer kindlichen Seele , zu der er als Erwachsener wohl nicht so ganz stehen möchte. Dennoch wird hiermit zugleich der Gedanke bekräftigt, dass die Kinderseele Geheimnisvolles bewahrt, das weitergegeben werden muss, damit es um der Menschlichkeit des Menschen willen nicht für immer verschwindet aus der Welt.

In drei Liedern der Gesamt – CD taucht ein Koffer ganz direkt in einer ähnlich stellvertretenden Rolle auf: Ins Sarkastische gewendet ist es in einem in Prag verfassten Lied von Petr Ginz, der wie Ilse Weber ebenfalls in Auschwitz umkam, das V e r b o t des Kofferbesitzes für jüdische Bürger unter dem Nazi-Regime, in welchem eine lange Liste e n t m e n s c h l i c h e n d e r Verbote stellvertretend kulminiert. In Kleine Ruth von Jehuda Amichai verschwindet und kehrt auf einem Flughafen-Fließband ein herrenloser Koffer immer wieder zurück, stellvertretend für die stille Gestalt der in Sobibor ermordeten, geliebten Kindheitsfreundin, an die der Autor sich auf diese Weise schmerzlich erinnert fühlt. In tragischster Form erfüllt der Koffer die Rolle des Stellvertreters indes in dem Lied von Ilse Weber Ein Koffer spricht, das Nizza Thobi zum Leitmotiv ihrer neuen Liedersammlung gemacht hat.

Hier leidet der Koffer unter dem Verlust seines Herrn, er leidet zugleich stellvertretend und davon sprechend, was dieser als deportierter Jude im Konzentrationslager erleidet, aber nicht mehr sagen zu können scheint: „Herr, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und der Koffer spricht auch stellvertretend für seinen Herrn in der Form der kindlichen Hoffnung davon, dass sein Herr, obwohl er blind ist, ihn wieder finden kann. Und wenn Ilse Weber wiederum so den Koffer zum Stellvertreter machte, dann wohl deshalb, weil nur auf dieser Ebene der stellvertretenden Kinderseele unsagbares Leid gesagt werden kann – im Appell an eine Kinderseele in uns, die entgegen aller Grausamkeiten, die Menschen Menschen antun, den Mut nicht verliert.

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Hierin liegt der verbindende Sinn des sprechenden Koffers, denn Nizza Thobi öffnet mit ihren sorgsam ausgewählten Liedern eine Schatztruhe, die voll von Berichten über erlittene Schmerzen ist, die davon aber in einer Form erzählen, die nicht nur Leid widerspiegelt, sondern auch den großen Mut ihrer Verfasser. Und indem Nizza Thobi solche Lieder leidenschaftlich zusammengesucht hat und singt, ist auch sie eine Stellvertreterin der Geheimnisse der Kinderseele und gibt sie weiter – in zauberhafter Form.

CDs von Nizza Thobi | MP3s von Nizza Thobi

Hintergrund:

Ilse Weber 11.1.1903-6.10.1944

Dichterin und Kinderbuchautorin, arbeitete für das tschechische Radio in Prag. Sie war verheiratet mit Wilhelm Weber. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebte sie in Witkowitz, Tschechoslowakei. Während des Krieges lebte sie in Prag. Die Eltern retteten das Leben ihres ältesten Sohns Hanus, als sie ihn 1942 vor ihrer Verschickung in das Konzentrationslager Theresienstadt auf einem Kindertransport nach England sandten.

In Theresienstadt arbeitete Ilse Weber als Krankenschwester und war verantwortlich für den Kinderbezirk. Als ihr Mann, der den Krieg überlebte, Ende 1944 zum Transport in den Osten aufgefordert wurde, erbot sie sich freiwillig, ihn mit ihrem kleinen Sohn Tommy zu begleiten. Sie wurde mit ihm und einer Gruppe von Kindern, die sie betreute, in Auschwitz ermordet.

Ilse Weber was a poet, writer of children’s books and worked for the Czech Radio in Prague. She was married to Wilhelm Weber. Prior to WWII she lived in Witkowitz, Czechoslovakia. Düring the war she lived in Prague. The parents saved the life of their oldest son Hanus, when they sent him to England on a children transport prior to their depor-tation to the Terezin concentration camp in 1942.

At Terezin, Weber worked as a nurse in Charge of the children’s ward. When her hus-band, who survived the war, was summoned for transport to the East in the fall of 1944, she volunteered to accompany him with her young son Tommy. She was murdered in Auschwitz with him and a group of children. which were under her care.

Malva Schalek 18.2.1882 -24.3.1944

Dieösterreichisch-jüdische Malerin Malva Schalek wurde 1942 zwangsweise ins Ghetto Theresienstadt interniert. Trotz ihres schwachen Gesundheitszustands war sie in der Lage, dort etwa 140 Arbeiten zu malen, in denen sie Szenen des Lebens in Theresienstadt zeichnete. Diese Arbeiten, angefertigt mit Bleistift, Holzkohle und Aquarellfarben, wurden nach der Befreiung des Lagers von der Roten Armee gefunden. Sie sind ein präzises Zeugnis von den verschiedenen Aspekten der Existenzbedingungen im Ghetto.

Der Kunstmuseumsdirektor Tom L Freudenheim, 1978 Direktor des Baltimore Museums für Kunst und danach Vizedirektor des jüdischen Museums in Berlin, nannte die Sammlung „vielleicht das schönste und größte künstlerische luvre, das den Holocaust überlebte.“ Malva weigerte sich, ein Portrait für einen Mithäftling anzufertigen, ein Arzt, der mit dem Nazi-Kommandanten des Lagers kollaborierte. Auch als man ihr mit der Deportation nach Auschwitz drohte, wenn sie sich weiter verweigerte, gab sie nicht nach. So gelangte sie schließlich in einem Transport ins Todeslager. Ihre Überführungs-nrte Eb-866 nach Auschwitz-Birkenau zeigt das Datum 18.5.1944 an.

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