Die Deggendorfer Gnad: Historie und Nachwirkungen eines antisemitischen Dauer-Ärgernisses

12
160

Als der röm.-kath. Bischof der bayerischen Diözese Regensburg, Manfred Müller, mit Schreiben vom 15. März 1992 die mittlerweile weltweit umstrittene „Deggendorfer Gnad“, eine traditionelle, alljährlich vom 29. September an eine Woche gefeierte volkstümliche Wallfahrt „zu den heiligen Hostien“ in der im Volksmund so genannten „Grabkirche“, kirchenamtlich beendete, blieben laute Proteste seitens der Gläubigen, aber auch euphorische Freudenkundgebungen jener Persönlichkeiten aus, die Jahrzehnte gegen die Fortführung der Wallfahrt angekämpft hatten. Ein brummelnder Pfarrer Josef Pommer, ein paar Frömmler, die sich hinter vorgehaltener Hand äußerten, aber nicht aus ihrer Deckung herauswagten – mehr gab es nicht. Und die Gegner, mehrheitlich Geistliche oder Ex-Priester wie jener ausgesprungene Niederaltaicher Benediktiner Karl Krotzer, die intellektuell gegen die Gnad angetreten waren, Pfarrgemeinde- und Diözesanräte, Historiker und Journalisten hielten sich weise zurück: Provokationen sollten tunlichst vermieden werden – letztendlich hätte es nämlich zu jenem Phänomen kommen können, welches in der deutschen Gegenwart häufig zu beobachten ist: Dass die Schuld für immer wieder aufflammenden Judenhass in der deutschen Gesellschaft stets bei den Juden zu suchen sei! …

Von S. Michael Westerholz, Deggenau

I. Deggendorfer Realitäten.

„Der Herr über Leben und Tod hat mich
Franz Kuchler
Regierungsschuldirektor a. D.
von dieser Welt nach 96 Jahren abberufen.
Der Vorhersehung danke ich für die mir geschenkten Gaben.
Vergelt´s Gott sage ich allen, die mir in Güte zur Seite standen und bitte jene
um Verzeihung, denen ich Gutes vorenthalten oder Unrecht zugefügt habe.
Schenkt mir ein Gedenken.

Meine Angehörigen mit Familien:
German **** Hartwin **** Gotlinde ****
*** *** Dietlinde ****“

Wer diese Todesanzeige als ein Dokument aus der Zeit des NS-Terrors und des Mordens, der Verfolgung und Angst empfindet, hat Recht und Unrecht zugleich: Duktus und Namen der Kinder des Toten dokumentieren seinen ideologischen Standort in jener Zeit. Und sie bestätigen, dass nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes nichts weiter als eine 180-Grad-Drehung vollzogen worden war. Die „Vorsehung“ (die derzeitigen Anzeigenschreiber der DEGGENDORFER ZEITUNG wussten mit Adolf Hitlers so oft beschworener Vorsehung nichts mehr anzufangen und verschlimmbesserten den vorgelegten Text zu Vorhersehung!), die altgermanischen „Helden/Innen-Namen“ – das war NSDAP-Sprachgebrauch pur. Nur dass diese Todesanzeige am 24. April 2009 erschienen ist.

Der in Deggendorf geborene Franz Kuchler hatte sie persönlich verfasst. Er war trotz Warnungen informierter Mitbürger 1997 auf Antrag des Oberbürgermeisters Dieter Görlitz (CSU) zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden. Görlitz am 16. Juni 1997 brieflich: „Ich persönlich kenne Herrn Kuchler seit meiner Kindheit und schätze ihn als einen aufrichtigen und ehrlichen Menschen, der viel für Deggendorf und seine Heimat geleistet hat….“ Der mittlerweile pensionierte Alt-Oberbürgermeister am 27. Mai 2009 angesichts des ihm nach Kuchlers Tod vorgelegtem handschriftlichen Lebenslaufs von 1945: „Ich bin entsetzt und traurig. Ich hatte seinen Beteuerungen geglaubt, dass er mit der NSDAP nie etwas zu tun gehabt hätte.“ Görlitz hatte das Vorleben Kuchlers nicht kennen können – er war als Flüchtling aus Glogau in Schlesien nach Deggendorf gekommen.

Antisemitische Hasstiraden in Adressbüchern Deggendorfs aus der Zeit zwischen 1933 und 1945, die teils mit voller Namensnennung Kuchlers, teils mit den Initialen F. K. veröffentlicht worden waren, wurden nicht zur Kenntnis genommen. Er selbst leugnete die Autorenschaft. Und die NS-Akte Kuchlers, die dessen frühe Mitarbeit in der „Hitler-Jugend“, seine journalistische, schriftstellerische und die Tätigkeit als „NS-Führungsoffizier im Pz.Gren.Btl. 20 Regensburg“ in Kuchlers eigener Handschrift dokumentiert, wurde im Bundesarchiv nicht angefordert. Kuchler nämlich hatte, als der Verfasser dieses Beitrags Bedenken gegen eine Ehrung geäußert hatte, die laut Ukas des Bayer. Innenministeriums aus den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgeschlossen war, im DEGGENDORFER WOCHENBLATT (Mai 1997) beteuert: „Ich war kein opportunistischer Nazi“, ferner: „Ich habe während des Dritten Reiches überhaupt nichts geschrieben…“ – eine widerliche Lüge, die er selbst im handschriftlichen Lebenslauf vom 18. Januar 1945 (sic!) und in Beilagen widerlegte, welche er seinem Antrag auf Aufnahme in die NS-Reichsschriftumskammer beigefügt hat. Er war HJ-Stammführer, Presseschreiber und Propagandist seit dem 1. Juli 1933 und Mitglied der NSDAP unter der Nummer 2.551.386 seit dem 1. Mai 1944. Und er hatte seit 1933 im SCHULANZEIGER, in Fach- und in Tageszeitungen geschrieben und sich als Lektor im Amt Schrifttum betätigt. War es nicht der typische Opportunist, der sich in einem NS-Fragebogen „ggl (r.k.)“ nannte, gottgläubig und vormals römisch-katholisch?

Kuchlers heimatkundliche Schriften und volkstümelnden Aufführungen in der Nachkriegszeit bis in die jüngste Vergangenheit, oft peinlicher Kitsch, hatten sich exakt in jene „Heimat- und Brauchtumspflege“ eingefügt, die die Nazis im Rahmen ihrer „Blut- und Boden-„-Ideologie gefördert hatten. Sie sollte auf der germanischen Heldenverehrung aufbauen, die auf dem „Rasse“-Fundament fußte, die „Reindeutsche“ zu „Ariern“ machte und so den Ausgangspunkt für die Ermordung von sechs Millionen Juden, von Millionen Sinti und Roma und Slawen bildete. Sie fügten sich aber nicht minder exakt in die alljährliche DEGGENDORFER GNAD und deren pseudoreligiöses, in Wahrheit materielles Drumherum ein: Ein „GNAD“-Theater zum Beispiel, dessen antisemitischen Text der Mettener Benediktiner-Pater Gallus Ritter geschrieben hatte und in dem 1925/26 zahlreiche scheinbar honorige Deggendorfer Bürger als „schändliche Juden“ auftraten – natürlich in jenen Verkleidungen samt Spitzhüten und in einer widernatürlichen Sprache, die die Deggendorfer Juden der seinerzeitigen Gegenwart weder je gesprochen hatten, noch verstanden. Nein, es war kein Jiddisch! Und ein GNAD-Markt, der sich nicht auf den Verkauf von Devotionalien beschränkte

Andererseits – die Benediktiner dieser um 767 gegründeten, 1830 als erste nach dem bayerischen Klostersturm wiedererrichteten, heute auf sieben Mitglieder geschrumpften Abtei an der Donau unweit Deggendorfs, für die unverzeihliche Antisemitismus-Sünde des Mitbruders Gallus in Haft zu nehmen, würde dieser Gemeinschaft nicht gerecht, in der es mit Pater Roman Sachs (1821 bis 1891) einen Mönch jüdischer Herkunft gegeben hatte: Ihr Abt Corbinian Hofmeister (1891 bis 1966) wurde im KZ Dachau geschunden. Ihr damals junger Pater Augustinus Mayer, OSB, setzte sich ungeachtet dessen mutig mit den Nazis auseinander: Es ist der heute in Rom lebende Pater Augustinus Mayer OSB (seit 1971 Erzbischof, seit 1985 Kardinal!), der in den vielen Jahren seiner römischen Tätigkeiten nicht nur an der Hochschule San Anselmo das Prinzip Toleranz lehrte und vorlebte, sondern auch in jenen Gremien gerne gehört wurde, die sich mit der jüdisch-christlichen Annäherung befassen.

Ehe dieser Pater Augustinus aber 1966 (bis 1971) aus Rom zurück ins Heimatkloster geholt wurde, wo man ihn zum Abt gewählt hatte, legte sein Mitbruder, der Deggendorfer Archivar und Mettener Gymnasiallehrer Pater Dr. Wilhelm Fink OSB, 1953 und 1960 jenes „Deggendorfer Gnadenbüchlein“ in einem kaum abgemilderten Neudruck wieder vor, das erstmals 1879 von Pater Benedict Braunmüller OSB veröffentlicht worden war und in dem sich der spätere Mettener Abt von 1884 bis 1898, Braunmüller, als Judenfeind par exzellence offenbarte und entlarvte. Braunmüller und Fink präsentierten darin Zeichnungen mit einer bis dahin selbst in Antisemitenblättern kaum je gesehenen Hassnote im deutsch-jüdischen und im jüdisch-christlichen Verhältnis. Und es klingt heute wie grauenhafter Zynismus, wenn in Pater Finks „Einleitung“ zu dem kaum veränderten, immer noch antisemitischen Text von 1953 und 1960 wörtlich zu lesen ist: „So möge das Büchlein vielen Segen stiften, namentlich Aufklärung und Verständnis für die Ereignisse verbreiten, die für das hl. Mirakel die Grundlage abgaben.“

Segen auf welche Ereignisse und welches Mirakel? Hier seien sie zum besseren Verständnis in Kürzestfassung vorweggenannt:

1. Am 30. September 1337 oder 1338 hatten Deggendorfs Bürger unter Führung des bayerisch-herzoglichen Stadtrichters Konrad von Freyberg alle Deggendorfer Juden ermordet.

2. Unmittelbar danach begannen sie mit dem Bau einer Kirche St. Petrus und Paulus, die später volkstümlich als Grabkirche bezeichnet und nach dem Mord an sechs Millionen Juden als Sühnekirche umgedeutet wurde – wobei die für die Umdeutung verantwortlichen dialektischen Ideologen es tunlichst vermieden, den Begriff Sühne in diesem konkreten Fall zu definieren!

3. Als die Mittel zum Kirchenbau ausgingen, begann 50 Jahre nach dem Pogrom die gezielte Verleumdung der ermordeten Deggendorfer Juden als angebliche Hostienschänder, Brandleger und Brunnenvergifter. Nun flossen die Spenden wieder reichlich und entwickelte sich aus einer seinerzeit nicht unüblichen Mordtat an benachbarten Juden zur Erlangung deren Eigentums und zur Vernichtung drückender Schuldbriefe die Deggendorfer Wallfahrt „zu den heiligen Hostien“

Als Mirakel (= Wunder!) galt, dass die angeblich von Juden geschändeten Hostien gerettet worden waren – das war eine fortwährende Lüge. Denn geschändete Hostien hatte es nie gegeben. Dennoch wurden im Laufe der Jahrhunderte aus anfangs einer bis elf Hostien, die angeblich mit einer Ahle und Dornen, auf einem Amboss und im Feier malträtiert worden waren, bei bischöflichen und staatsamtlichen Untersuchungen „gipsartige Krümel“ und zuletzt zehn Hostien präsentiert. Ein Wurm, Motten und Bäckern wohlbekannte Bakterien hatten die Hostien in ihren Behältern gefressen, eingesponnen, zerlegt, rot gefärbt und zerstäubt – aber verschwörerisch entschieden Ordinariat in Regensburg und Priester, dass die Öffentlichkeit ja nichts erfahren dürfe. Vor allem die Rotfärbung bereitete Sorgen: Am Ende, so die Verantwortlichen, werde aus der Hostien- noch zusätzlich eine Blutwallfahrt. Die gab es aber als Nebenprodukt der Deggendorfer Wallfahrt längst im oberösterreichischen Pfarrkirchen bei Bad Hall: Weitaus früher müssen die Deggendorfer Hostien nämlich durch frische ersetzt worden sein. Als hiernach das bacterium prodogiosum = Hostienpilz zuschlug, scheinen die befallenen Hostien in ein Leintuch gelegt worden zu sein. In dem Tuch zeichneten sich rote Flecken ab, flugs umgedeutet als „Blut aus den geschändeten Hostien zu Deggendorf“. Pater Wilhelm Fink OSB aus Metten hatte die Reliquien 1959 zufällig entdeckt und vom Pfarrkirchner Ortspfarrer erfahren, bei der Marterung der Hostien in Deggendorf seien Blutflecken auf das Tischtuch geflossen. Die seien aus dem Tuch herausgeschnitten und von einem Pater Rupert Langgartner nach Pfarrkirchen gebracht worden. Langgartner habe sie von einem Jugendfreund, der Bischof von Freising geworden war, geschenkt bekommen, dazu eine Echtheitsbestätigung. Zumal die Echtheit dann auch noch „in Rom“ (sic!) bestätigt worden war, entwickelte sich hier eine starke Wallfahrt.

Keine Dummheit, die nicht noch weitere Höhepunkte zeugte: Im Pfarrblatt für „Mariä Himmelfahrt“, Deggendorf, Nr. 40 vom 4. Oktober 1959 bekundete Stadtpfarrer Ludwig Englmann, er habe Pfarrkirchen aufgesucht, das Bluttüchl mit eigenen Augen gesehen und es am liebsten mitgenommen nach Deggendorf. „Doch das war nicht möglich. Was ich aber mitgebracht habe, das ist ein neu gestärkter Glaube an das Deggendorfer Mirakel und eine neu angefachte Begeisterung dafür…“

Dass wirklich Segen auf einer solchen Wallfahrt lag, darf bezweifelt werden: Aber das 1879 erstmals, 1928, 1953 und 1960 neuerlich aufgelegte Gnadenbüchlein wurde erst 1960 nach heftigen Protesten auch aus Kirchenkreisen zurückgezogen. 15 Jahre nach dem Grauen, das aus Deutschland über die Welt gekommen war und diese total verändert hatte, konnte eine Schrift, die die Judenhetze fortsetzte, als wäre nichts geschehen, nicht mehr geduldet werden. Dessen ungeachtet wurden jene „geschändeten Hostien“, die es nie gegeben hatte, noch 1991 letztmals in einer Prachtmonstranz auf den Altar der Deggendorfer Kirche St. Petrus und Paulus gestellt – zu öffentlicher Verehrung durch Gläubige, die 591 Jahre buchstäblich betrogen und belogen worden waren. Pater Dr. Wilhelm Fink OSB 1963 zu dem Schreiber dieser Zeilen: „Freilich ist´s ein Stuss. Ich bin ja selbst mehr als einmal dabeigewesen, wenn´s ausgetauscht wurden, die Wunderhostien! Aber mei, d´Leit megns hoit!“

Und der vorgeblich „einzigartige große Ablass“, der nach streng vorgeschriebenen, individuellen Buß-, Gottesdienst- und Gebetsübungen zur Tilgung schwerer Sündenstrafen nur in der Zeit dieser Wallfahrt zu erlangen war, hatte in Wahrheit nur ein Jahr existiert. Geistliche, die die Wahrheit gekannt haben müssen, lehrten, Gläubige verstanden die Bedingungen des Ablasses so, als seien Gebet ODER Opfergaben gleichwertig. Deggendorfs Stadtpfarrer Josef Pommer aber behauptete noch 1984, der Ablass von 1401 sei „von Rom“ bestätigt worden, sehe nun Gebet UND Opfergaben als Einheit, betone aber den Vorrang des Gebetes bzw. der von jeher vorgeschriebenen religiösen Übungen.

Pommer hat die Wahrheit gekannt, brachte aber trotz irrationalen GNAD-Marketings den späteren Deggendorfer 2. Bürgermeister und Ehrenbürger Josef Paul Bielmeier, Caritas-Chefin und Stadträtin Helene Mraz und Stadt- und Kirchenrat Georg Eibl (alle CSU) auf seine Seite. Diese griffen die Redaktion der DEGGENDORFER ZEITUNG und namentlich den Schreiber dieser Zeilen als zuständigen Redakteur wegen ihrer Einwände gegen die GNAD so massiv an, dass es am 17. Oktober 1984 auf Bitten des Regensburger Weihbischofs Karl Borromäus Flügel (1915 bis 2004) in der Zentralredaktion Passau der DEGGENDORFER ZEITUNG zu einer Aussprache kam: An der nahmen der Chefredakteur der PNP/DZ, Erwin Janik und der Schreiber dieser Zeilen teil, ferner Stadtpfarrer Pommer und die genannten Stadt- und Kirchenräte.

Für Bischof Flügel war die heftig wie nie entflammte Diskussion um eine möglichst rasche Abschaffung der GNAD besonders heikel: War er doch im Einheitssekretariat des Vatikans Mitglied der „Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum“, der die neuerdings besonders aktiven Bemühungen des Deggendorfer Stadtpfarrers Pommer zum Erhalt und zum durch massive Werbung unterstützten (wirtschaftlichen!) Aufschwung der GNAD diametral zuwiderliefen. Seine und des Bischofs Rudolf Graber schon 1962 und 1967 öffentlich verkündete Idee war,

erstens, aus der GNAD eine „Eucharistische Wallfahrt der Diözese Regensburg“ mit zeitlichem Abstand zu den traditionellen Daten zu machen.

Zweitens, auf die bis dahin übliche Zählung der Wallfahrt zu verzichten, um Abstand von dem Pogrom zu gewinnen. Denn die Numerierung war willkürlich auf das Jahr 1338 als Ausgangsjahr gesetzt worden, obwohl der vorgeblich „einzigartige große Ablass, nur mit jenem vergleichbar, der St. Markus in Venedig verliehen worden war“ , doch erst 1401 datierte.

Drittens, das angebliche „Mirakel“ = die Hostien nicht mehr zu zeigen, lehnte der Stadtpfarrer noch bei dem Redaktionsgespräch in Passau 1984 rundweg ab: Jeder Hinweis auf des Bischofs Entscheidungen wurde von Pommer mit abschätzigen oder widerständigen Handzeichen abgetan. Schockierende Fotos vom GNAD-Spiel anzuschauen, lehnte er lauthals ab, fegte sie und einen Brief des Bischofs Flügel wütend vom Tisch. Wiederholt schrien vor allem seine kirchlich-theologischen Laien-Begleiter den Redakteur an: „Sie wollen die GNAD abschaffen“ – als wären nicht fast 40 Jahre seit dem Holocaust vergangen, der sich aus einem Judenhass gespeist hatte, der auch ein gewichtiges Ergebnis dieser gnadenlosen GNAD und ihrer literarischen, fehlgeleiteten religiösen und politisch unbedarften, rein opportunistischen Eiferer gewesen war.

>>> Sich jedes Jahr vor in normalen Jahren an die 2000, 10.000 bis 40.000, in willkürlich bestimmten „Jubiläumsjahren“ bis zu 100.000 Wallfahrern wiederholende Predigten wider die Juden,
>>> die wieder und wieder im inbrünstigen Wechselgespräch zwischen Priestern und Wallfahrern gebetete beschimpfende, unchristliche und intolerante „Judenlitanei“, die erst im 19. Jahrhundert gegen heftige Widerstände abgeschafft wurde;
>>> die fortdauernde Präsentation einer frei erfundenen Judenverleumdung,
>>> der Verkauf von Bildern und Büchern, die die Juden verhöhnten,
>>> antijüdische Theateraufführungen,
>>> die regelmäßige Zitation und gezielte Verbreitung widerwärtiger Anti-Judengedichte und -gebete,
>>> dazu im Altarraum der Grabkirche riesige Bilder mit Inschriften, die der Fantasiegeschichte der „Hostienschändung“ nicht den Dreh ins Absurde, sondern die erwünschte Erhebung ins scheinbar Übernatürliche gaben – all dies setzte sich im Unterbewusstsein von Gläubigen fest und „bildete“ das gläubige Volk, das sich hier willig als „Schäflein seiner Kirche und deren Priester“ vor- und verführen ließ.

Weder der mittlerweile gestorbene Pfarrer Pommer, noch seine in der Sache unbedarften, leider auch unbelehrbaren Laien-Begleiter haben nach der Aufhebung der unseligen GNAD je zu erkennen gegeben, dass ihnen bewusst geworden wäre, wie sündhaft sie gewesen war, wie verbohrt ihr eigenes Verhalten bei der Verteidigung einer antisemitischen Wallfahrt, die das Ergebnis solchen Hasses in den Jahren von 1933 bis 1945 schlicht ignorierte: Hier in Deggendorf beteten die Gläubigen immer noch vor Hostien, die angeblich von Juden geschändet worden waren – und die Mehrheit wusste, dass der Schändungsvorwurf ein mörderisches Märchen gewesen und die Hostien wiederholt ausgewechselt worden waren.

Die Bilder in der Kirche wurden schließlich entfernt und werden heute mit allen didaktischen Möglichkeiten einer pädagogischen Aufklärung im Städtmuseum gezeigt. Ein Marmoraltar, der als sogenanntes Graberl im Chorraum der Kirche gestanden hatte, unter dessen Tisch schändliche „typische Judenhalbfiguren“ mit Spitzhüten und Spitznasen ausgestellt waren, wurde wieder zum Hauptaltar, der er einst gewesen war. Die Figuren wurden aus der Kirche entfernt. Dass unter diesem Altartisch im Chorraum der Kirche „eine bis ins Grundwasser hinunterreichende Vertiefung“ festzustellen gewesen war (so Pater Dr. Wilhelm Fink OSB) lässt erahnen, dass an dieser Stelle eine Mikwe bestanden haben könnte, letzter Rest einer Synagoge aus der Zeit vor dem Judenmord? Oder eines jüdischen Hauses an dieser Stelle? Lokale Historiker schließen das aus, womit freilich nichts bewiesen ist.

Die Grundfrage, ob Deggendorf als ein Hort des Antisemitismus bezeichnet werden muss und darum als no go area zu meiden sei, lässt sich nicht mit einem Wort beantworten. Der in München sehr erfolgreiche Restaurator und Maler Alois Liebwein aus der Deggendorfer Landgemeinde Iggensbach erinnert sich, „dass meine Eltern wie selbstverständlich in der Gnadwoche nach Deggendorf fuhren und dort ´die Gnad einbrachten´. Sie verbanden diese Fahrten mit notwendigen Einkäufen. Dass es dort gegen die Juden ging, war ihnen vermutlich überhaupt nicht bewusst!“ Der Deggendorfer Redemptoristenpater Lorenz Waldinger schrieb 1936 im örtlichen DONAUBOTEN: „Die Wallfahrer nach Deggendorf sind Altbayern. Der Altbayer ist individuell veranlagt. Er sitzt auf seinem abgerundeten Hof, er wallfahrtet auch lieber für sich, deshalb kommen nach Deggendorf viele einzelne Wallfahrer aus allen möglichen Pfarreien aus Niederbayern, von Kelheim bis Passau, vom Rottal bis zum Arber. Es ist in vielen Familien des Gäues und des Waldes uralter Brauch, daß im Laufe von 5 Tagen abwechslungsweise die meisten Familienmitglieder die `Gnad´ in Deggendorf einbringen (…) 1929 brach ein Mütterlein mit ganzen sieben Pfennigen zu Fuß aus Regen im Bayerischen Wald auf. Not hat es aber keine gelitten, eine unbekannte Person in Deggendorf drückte demselben einen Geldbetrag in die Hand. Zwei Tage brauchte es heim…“ Ebenso alt war ein Mann aus Haibach, der 1934 seine 60. GNAD einbrachte. 1932 war der 76-jährige Schuhmacher Franz Meilinger aus Rittsteig bei Neukirchen beim hl. Blut an der böhmischen Grenze für seine 50. Wallfahrt geehrt worden Hier allerdings gab es Äußerungen wie: „Werden´s schon verdient haben, die Juden und´s dat eahna heit auch net schadn, wann´s wieda oana aufs Mäu kriagaten.“

Der durchschlagende materielle Hintergund dieser Wallfahrt wird vor zwei wichtigen Daten unübersehbar:

1. Die Mordtat der Deggendorfer an ihren jüdischen Mitbürgern ereignete sich an einem 30. September, „dem Tag nach St. Michaels Tag“ . Und der war ein uralt-herkömmlicher Zinstag, an dem Schuldner der Kirche, privater Geldgeber oder der Juden sowohl Zinsen, als auch Tilgungszahlungen leisten mussten.
2. Exakt in den Tagen der GNAD war der größte Teil der bäuerlichen Ernte eingebracht. Die Pilgerschaft ließ sich mit Verhandlungen über den Verkauf von Ernteüberschüssen vor allem bei den Brauern und Müllern Deggendorfs verbinden oder mit Aufkäufern, die mit Pferdewagen oder Schiffen aus der weiten Umgebung nach Deggendorf kamen, weil sie diese Geschäfts-Möglichkeiten von altersher kannten. Nicht zufällig gab es überdies einen Gnadmarkt, auf dem nur Fieranten aus der Stadt zugelassen waren. Auf diesem Markt durften die in der Stadt beheimateten Gemüsegärtner ihre Ernten, darunter bevorzugt zu Salat angerichtete Gurken, feilbieten.

Kann es da verwundern, dass ein Deggendorfer Geschäftsmann, als in der Zeit um die französische Revolution eine Aufhebung der antijüdischen Wallfahrt drohte, an den Kurfürsten in München schrieb, solch ein Unglück müsse Deggendorf ferngehalten werden: „Diese Stadt lebt ja allein von den Hostien!“ Von irgendeinem religiösen Segen war da weit und breit keine Rede. Der letzte noch lebende, vor der NS-Zeit in Deggendorf geborene Jude Felix Ephraim Scharf, der gegenwärtig in Jerusalem lebt: „Wir Juden waren gut beraten, uns während der Gnadzeit in der Stadt nicht blicken zu lassen!“

Dass opportunistische Menschen wie Franz Kuchler von der „Gnad“ inspiriert waren haben er selbst und nachdenklichere Deggendorfer häufig bekundet. Nicht zufällig trägt ein Sohn den Vornamen eines herzoglichen Beamten, der – zu Unrecht! – als Anführer der Deggendorfer bei der Ermordung der Juden gaenannt wird: Hartwich (von Degenberg!). Und dass diese unselige „Gnad“ noch in den Nachkriegsjahrzehnten für viele geschichtlich unbedarfte Deggendorfer das Bild vom Juden prägte, erlitten die Geschwister Eisenstein als Furor ihrer Kindheit in Deggendorf, wo heute mit etwa fünfzehn Juden deutlich mehr als je vor der Nazizeit leben, sich aber nicht zu erkennen geben. Die heutige Chefin des „Jüdischen Museums Franken in Fürth und Schnaittach“, Daniela F. Eisenstein: „Wie tief der Antisemitismus in den Köpfen vieler frommer Deggendorfer steckte, offenbarte sich in den öffentlichen Auseinandersetzungen um die sogenannte Gnad. Ein Redakteur der Tageszeitung stellte dieses Ereignis jedes Jahr deutlicher in Frage. Und zahlreiche Leser beschimpften ihn dafür in Leserbriefen. Mehr noch als ich persönlich hat mein Bruder in seinem Gymnasium unter teils offen-bösartigen, teils subtilen Formen des Antisemitismus gelitten!“

Bestimmte Erkenntnisse sprechen dafür, dass häufig ein unbewusster Antisemitimus im Spiel war, zum Beispiel bei einer aus dem Landkreis stammenden Schreiberin der DEGGENDORFER ZEITUNG. Sie interviewte den Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde zu Straubing, Ignaz Offmann. Und fragte schließlich, ob er – der jüdische Deutsche Offmann – „nicht manchmal Heimweh habe?“
Offmann: „Heimweh? Wohin?“
Die Schreiberin: „Nach Israel!“
Oder beim Chef des Passauer Regionalmagazins INNSIDE, Gerd Jakobi. Im INTRO der Ausgabe 4 vom Mai 2009 schreibt er wörtlich unter Hinweis auf die Notwendigkeit zu mehr Kulturangeboten in der Dreiflüssestadt: „Etwa wie ihn André Heller damals formulierte: ´Ich möchte dem Ungeist, der sich an diesem Platz (Anm.: = der Passauer Nibelungen-Halle aus der Nazizeit!) in den Zeiten des Nationalsozialismus manifestierte, etwas vom Geist des Humanismus und der Brüderlichkeit entgegensetzen.`
Leider haben zuwenige damals wirklich zugehört und den Satz ernst genommen, den uns der Wiener Jude und Weltbürger ins Stammbuch geschrieben hat…“ (Hervorhebung durch den Schreiber dieser Zeilen!) Es ist dabei wichtig zu wissen, dass es auch in „seinem“ Passau ein vergleichbares Judenpogrom gegeben hatte.
Oder bei einem Redakteur der PASSAUER NEUE PRESSE aus Deggendorf, der noch im Frühjahr 2009 dem Schreiber zuraunte: „Vielleicht hätt´man die Bilder und Zeichen der Gnad nicht gar so gach und rasch wegschaffen sollen?!?“

Und erklärt sich die merkwürdige Duldsamkeit z. B. der Deggendorfer Stadträte gegenüber ihrem Republikaner-Kollegen mit den einstigen, über Jahrhunderte wie Muttermilch aufgesogenen antijüdischen Ressentiments? Der REP-Vertreter scheute sich nicht, als schieres Abbild Adolf Hitlers aufzutreten. Aber nicht einer der vorgeblichen Demokraten im Rathaus sprach das Thema an sich und den REP-Stadtrat persönlich auf die Provokation an. War er 2002 mit 3,56 % der Stimmen ins Verwaltungsgremium der Stadt gelangt, hievten die Deggendorfer 2008 mit 4,88 % gleich zwei der Rechtspopulisten ins Gremium, zwei von 40. Aber niemand grenzt sie wirklich aus – die Stimmengewichtungen sind halt nicht so… Unwillkürlich stellen sich da Erinnerungen ein, dass der heutige CSU-Fraktionschef im Rathaus Deggendorf, seinerzeit freier Mitarbeiter der Zeitung, zu Pfarrer Pommers Zeiten durch Veröffentlichungen in der DZ half, jene Wahrheit zu verfälschen, die der Vatikan ins peinliche Verlogenheits-Gespinst eingeflochten hatte: Dass nämlich Ablässe jeglichen materiellen Inhalts entkleidet worden waren. Pommer und sein Medien-Adlatus Gerard Zacher ignorierten dies und sprachen weiterhin vom „Gebet und Opfer“ als zwingender Voraussetzung für die Erlangung der GNAD.

Solchen stehen Deggendorfer wie der heute am Lehrstuhl für Historische Theologie der Universität Osnabrück lehrende Professor Dr. Manfred Eder gegenüber, der in seiner Doktorarbeit Die „Deggendorfer Gnad Entstehung und Entwicklung einer Hostienwallfahrt im Kontext zu Theologie und Geschichte“ deren Ende mutig herbeigeschrieben hat. Seine Arbeit wurde 1992 mit dem „Kulturpreis Ostbayern“ ausgezeichnet.

Tatsache ist, dass die Katholische Kirche – konkret ihre Diözesanbischöfe und Deggendorfer Pfarrpriester – lange die GNAD-Schande überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hat. Als aber ein übereifriger Pfarrer Josef Pommer in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die langsam einschlafende Wallfahrt mit massiver Werbung neuerlich in Schwung bringen wollte, stellten sich Regensburger Bischöfe und Geistliche aus der Deggendorfer Region ihrer Mitverantwortung für die Lügen und den Betrug und für die Verführung der Gläubigen: Als der Jahrhunderte andauernde Streit wider die Wallfahrt gegen Ende des 20. Jahrhunderts in die Schlussphase ging, die durch das widerborstige Verhalten des Pfarrers Pommer quälend wurde und dem Ansehen der Kirche schweren Schaden zugefügt hat, waren es ein Regensburger Bischof Manfred Müller (nicht zu verwechseln mit dem gegenwärtigen Bischof Ludwig Gerhard Müller!) und niederbayerische Priester, die sich mutig zu den Sünden bekannten und öffentlich um Verzeihung baten. Dass Pfarrer Pommer in jenen Jahren Millionenbeträge aufbringen musste, um seine „Grab-„, Pfarr- und Marienkirche sowie Kirchenamtsgebäude und Altenheime zu restaurieren oder neu zu errichten, mag den im Denken und Handeln barocken Priester-Bajuwaren dazu verführt haben, mit mehr Wallfahrern wie einst beim „Grabkirchen“-Bau höhere Einnahmen zu erzielen. Exculpieren konnte ihn das nicht, sooft er auch den gedanklichen Weg weg von der antisemitischen hin zur „eucharistischen Sühnewallfahrt“ wies: So oder so ging es um die Hostien – und die nannte er wider besseren Wissens „Überreste der von den Juden geschändeten …!“

Dabei wären Sühne und öffentliches Bekenntnis der fortwährenden Sünde des Antisemitismus eine Hauptaufgabe der Stadt Deggendorf gewesen – denn sie trug in der Nachfolge des Stadtrichters Konrad von Freyberg, dem Anführer der mordenden Bürger, die Verantwortung: Sie hatte den Kirchenbau befördert, Geistliche dort angestellt, den Markt eingeführt, enorme Gewinne aus der alljährlichen (Massen-)Wallfahrt eingeschoben. Nun hielt sie sich peinlich zurück, als an der Kirche St. Petrus und Paulus eine Gedenktafel zur wirklichen Sühne angebracht werden sollte, nämlich als ein öffentliches Bekenntnis für Mord und Schuld. Der Stadtrat schüttelte diese Verantwortung ab, die Kirche, voran der gegenwärtige Stadtpfarrer Ludwig J. Rösler, stellte sich ihr und ließ eine Bronzegedenktafel als mahnende Sündenbeichte an der Straßenseite der Kirche anbringen. Ihr Text:
„Im Jahre 1338 wurden die Juden Deggendorfs ermordet. Eine Jahrzehnte später zur Rechtfertigung dieses Verbrechens entstandene Legende, wonach die Juden Hostien geschändet haben sollen, ist nachweislich falsch. Die dennoch über Jahrhunderte hin aufrechterhaltene Verleumdung ließ das Andenken an die Juden des Mittelalters zu einem Zerrbild werden und schädigte auch den Ruf Ihrer Nachkommen. Wir bitten die Juden, unsere älteren Brüder, um Vergebung (Papst Johann Paul II.) für das ihnen zugefügte Unrecht.“

Dieser Text schwächte jenen ab, den Stadtpfarrer Rösler und das Mitglied des Deggendorfer Stadtrates, Notar Dr. Max Gössl (CSU), erarbeitet hatten und den der Regensburger Bischof bereits gebilligt hatte: Der Stadtrat entzog sich in einer blamablen Abstimmung seiner Mitverantwortung. Und Oberbürgermeister Dieter Görlitz setzte seine Unterschrift nicht auf die Bronzetafel. Diözesanbischof Manfred Müller und Stadtpfarrer Rösler setzten ihren Namen unter den Text.

Der Geschichtslehrer am Benediktiner-Gymnasium Metten, Dr. Ernst Schütz, und dreizehn SchülerInnen der Klassen 11a und 11b haben 2007 am bundesweiten Wettbewerb „History Award“ des Münchner Magazins FOCUS teilgenommen. Ihr Thema: „Die Deggendorfer Gnad“. „Wir wollten wissen, was 15 Jahre nach dem bischöflichen Hirtenwort an die Deggendorfer von der ´Gnad` denn nun übrig geblieben sei – ist sie bereits Geschichte oder polarisiert sie nach wie vor?“

Sie sprachen offen aus, dass die Mettener Patres Benedict Braunmüller und Gallus Ritter mit ihren Veröffentlichungen zur GNAD „reichlich Zündstoff für antijudaistische Rechtfertigungen“ geliefert hätten. Sie interviewten Deggendorfs Oberbürgermeisterin Anna Eder (CSU), Stadtpfarrer Rösler, den einstigen Generalvikar der Diözese Regensburg, Wilhelm Gegenfurtner, den Mettener Abt Wolfgang Hagl OSB und Professor Dr. Manfred Eder: Das Ergebnis war eindeutig. Nicht eine der befragten Persönlichkeiten suchte nach Entschuldigungen, alle nannten den Mord von 1337/38 „unbegründet und sündhaft“, niemand widersprach der Erkenntnis der Schüler, „schon gegen Mitte des 20. Jahrhunderts war die geistliche Seite der GNAD ohnehin zugunsten wirtschaftlicher Aspekte in den Hintergrund getreten. Werbeaktionen, wie z. B. die Überreichung einer GNAD-Broschüre an den (mit der GNAD nicht vertrauten) Heiligen Vater (Anm.: Johannes Paul II.) durch Pfarrer Pommer, konnten kurzzeitig nochmals Gläubige aktivieren. Der Trubel glich einem riesigen Markt, gleichsam einem Volksfest, was jedoch keinerlei Auswirkungen auf die Abschaffung der GNAD hatte.“

Tatsächlich hatte Stadtpfarrer Pommer bei dem erwähnten Redaktionsgespräch in Passau von zuletzt 20.000 Wallfahrern der GNAD 1991 gesprochen, jedoch auch eingeräumt, dass nur 8.000 die Kommunion empfangen hatten: Ohne die Teilnahme an diesem – aus katholischer Sicht – Gottesmahl war das Pilgerziel nach der strengen Regel des angeblichen großen Ablasses von 1401 jedoch nicht erreicht, „die GNAD war schlicht nicht eingebracht worden“ – so die streitbaren GNAD-Verteidiger Bielmeier, Mraz und Eibl! Hinsichtlich der wahren Geschichte der GNAD völlig unbedarft und auch nicht bereit, die Fakten zu studieren, stimmten sie eifrig ihrem Pfarrer zu, der bei dem Redaktionsgespräch wörtlich äußerte: „Nur jüdische Schriftsteller und Journalisten waren im vorigen und im derzeitigen Jahrhundert GNAD-Gegner“. Und er log ungeniert: „Ich bin ja bereit, die Hostien auf ihre Authenzität untersuchen zu lassen, wenn´s der Bischof nur zuließe!“

Die Schüler irrten nur in einem Punkt: Nicht „schon gegen Mitte des 20. Jahrhunderts“, sondern bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts war die GNAD zu einem zuvörderst wirtschaftlichen Ereignis geworden, waren die religiösen Übungen zur reinen Staffage geraten. Die Gymnasiasten befragten nach dem Zufallsprinzip 100 Passanten in der Innenstadt Deggendorfs. Es zeigte sich, dass die GNAD weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Die Schüler: „Was bleibt also? Oft wird immer noch verdrängt. Gerade ältere Deggendorfer, die die GNAD noch selbst mitgefeiert haben, äußern Unverständnis (Anm.: dass die GNAD abgeschafft wurde!). Dennoch gibt es viele Befürworter der Abschaffung. Wir selbst nahmen mit Erstaunen zur Kenntnis, dass unsere Arbeit über dieses Thema immer noch klar Reaktionen hervorrief. Nicht zuletzt der Wunsch unseres Abtes, dass aus diesem Vorgang Lehren für die Zukunft gezogen werden, gehört in diese Sparte. (…) Die Betrachtung der einzelnen Perspektiven in all ihrer Emotionalität erforderte nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch Mut und Zuspruch, den wir aber von vielen Seiten (…) erhalten haben.“

Es stimmt bedenklich, dass fünfzehn Jahre nach dem begründeten Ende einer antisemitischen Wallfahrt, die auf Lüge und Betrug aufbaute und nach dem Wissen um die Shoa keinerlei Rechtfertigung mehr besaß, „Mut und Zuspruch“ nötig waren, damit Schülerinnen und Schüler fragen konnten: „Was ist von der Deggendorfer GNAD geblieben?“ Es stimmt aber auch hoffnungsvoll, dass ein aus Deggendorf stammender Politik-Wissenschaftler, Dr. Peter Widmann (* 1968) vom Antisemitismus-Forschungszentrum der Freien Universität (FU) Berlin, Welt weit Aufsehen erregt mit seiner Erkenntnis: „Es gibt keine Rassen!“ Seine Erkenntnis nimmt der einstigen Deggendorfer GNAD auch die letzte Maske ab und hinterlässt die unleugbare Wahrheit, dass von ihr nichts weiter bleibt als eine Mahnung, sich von der Toleranz niemals zu entfernen. „Sie war eine Sünde gegen das Erste Gebot: `DU SOLLST KEINE FREMDEN GÖTTER NEBEN MIR HABEN!´ Denn die gnadenlose GNAD stellte den Materialismus über den Glauben und die Toleranz des Glaubens!“ – so der Ex-Priester Karl Krotzer.

Fortsetzung folgt …

12 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr „Karlheinz“.
    Dass Hindenburg den NSDAP-Chef Ad. Hitler zum Reichskanzler ernannt hat, ist unstreitig, auch die widerliche Begegnung von „Reichspräsident und Feldmarschall“ auf der einen „und Gefreitem“ auf der anderen Seite am nachgerade schaurigen „Tag von Potsdam!“ Ansonsten kenne ich Hindenburg so, wie jedermann ihn kennen könnte, sofern er sich interessiert. Leider ist auch dessen Straßennamens-Ehrung in Deggendorf vom Stadtrat nicht widerrufen worden, ebensowenig, wie die unter massiven Lügen durchgesetzte Ehrenbürgerschaft Kuchlers. Meine Meinung zu Hindenburg orientiert sich an allgemein zugänglichen Wissenschafts-Erkenntnissen.
    Ich habe viele Jahre vorallem, aber nicht nur in der östlichen Welthälfte gearbeitet und kenne die Türkei besser als viele mir bekannte Türken. Es würde mir aber nie einfallen, mich als „Spezialist“ für was auch immer zu bezeichnen: Ich bin Journalist, war als Redakteur und Reporter tätig und arbeite noch als Reporter und Buchautor. Zur jüdischen Historie und Gegenwart in der Türkei lese ich, was öffentlich zugänglich ist. Es gibt dazu nicht nur online sehr viele Veröffentlichungen, aber auch Wissen, das gegenwärtig um des lieben Friedens willen besser nicht ausgebreitet wird. Wenn es schon nötig ist, Synagogen und sonstige jüdische Einrichtungen in Deutschland unter stetigen Polizeischutz zu stellen, erlaube ich mir ganz gewiss keine Stellungnahme zu Vorgängen in anderen Ländern. Ich habe darüber nicht geschrieben und werde dies auch nicht tun. Ãœber die Emigration jüdischer Deutscher in die Türkei ist viel geschrieben worden und z. B. über die Google-Buchsuche ausfindig zu machen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    S. Michael Westerholz

  2. Sehr geehrter Herr Westerholz,
     
    lassen Sie uns die Umstrittenheit des Feldmarschalls von Hindenburg kurz diskutieren und mögliche Argumente sammeln, die man für eine Umbenennung der Deggendorfer Hindenburgstraße ins Feld führen könnte.
     
    Der hochge- und verehrte Kriegsheld Paul von Beneckendorff u. v. Hindenburg, dem es u.a. gelang eine russische Ãœbermacht in Ostpreußen zu besiegen, gilt als einer der ersten Feldherren, die Formen einer totalen Kriegsführung entwickelten und anwandten. Damit ist wohl die „Verbrannte Erde“-Politik und der Kampf bis zum letzten Mann ohne Rücksicht und Gnade auch gegenüber Zivilisten (bitte korrigieren Sie mich, falls ich irre) gemeint.
     
    Nach Weltkrieg- I- Ende nährte er die Mähr von der unbesiegten (oder unbesiegbaren) deutschen Armee, die nur durch die Machenschaften eigener demokratischer Kräfte schließlich zum Aufgeben gezwungen ward. Dies wird als Versuch das Vertrauen der Deutschen in die junge Republik zu zerstören oder zu schwächen interpretiert.
     
    Während der Weimarer Republik und als Reichskanzler bemühte er sich lange die Verfassung nicht zu verletzen, indem er etwa Koalitionen mit rechtsextremen Parteien einging. Dennoch hatte er mit gewissen Junkern, die später eindeutig Hitler unterstützen sollten, das beste Einvernehmen.
     
    Zuletzt soll Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannt haben, ob unter Druck seiner Lobbyisten, aus Senilität, oder weil er den späteren „Führer“ falsch einschätzte, konnte ich nicht schlüßig in Erfahrung bringen.
    Auch fand ich nirgends Hinweise auf seine Einstellung gegenüber Juden. Galt er als antisemitisch, als indifferent, oder als Pragmatiker?
    Was konkret muß man Hindenburg vorwerfen, eventuell über die von mir genannten Aspekte hinaus?
    Falls es Ihnen Ihre Zeit erlauben würde, wäre ich Ihnen für Ihre Hindenburg betreffenden Erkenntnisse sehr dankbar.
     
     
     
    Einer Ihrer ehemaligen Zeitungskollegen bemerkte einst mal beiläufig, dass Sie früher ein Türkeispezialist waren. Haben Sie je auch Material über die jüdische Minderheit in der Türkei gesammelt oder gar über Dönmehs oder andere Juden (etwa Emigranten aus Europa während des Dritten Reiches in Tr.) geschrieben. Oder mehr als nur einen Artikel, gar ein Buch hierzu vielleicht vorbereitet oder ins Auge gefasst?
     
    Ich weiß, dies sind wieder eine Menge Fragen, aber deren Beantwortung würde mich sehr interessieren.
     
    Alles Gute und bis hoffentlich bald wieder auf dieser Seite
    mit den besten Grüßen
    Karlheinz
     
     

  3. Sehr geehrter Herr „Karlheinz“.
    es gibt deutsche Gemeinden, deren Räte die Ehrenbürgerschaften Hitlers und Konsorten nie aufgehoben haben. Es gibt – auch in Deggendorf – Hindenburg- und Grashey-Straßen, vor allem in christlichen Wochenzeitungen finden sich Beiträge von Schrönghamer-Heimdal, ein langjährig aktiver ´rechtsextremer Deggendorfer wurde öffentlich geehrt, weil er im Kinder- und Jugendsportbereich ehrenamtliche Leistungen erbracht hatte: Prompt verlangten seine Verteidiger, die rechtsextreme Vergangenheit müsse ausgeklammert werden – das hatten wir doch schon einmal?!? VON Carossa habe ich bis heute kein Wort gelesen, ÃœBER ihn viel. Ãœber meine eigene Meinung dazu entscheide ich, nicht aber, wie mit dem Verhalten dieser Menschen umgegangen wird.
    Ich bin Journalist, überwiegend Reporter, aber nicht der praeceptor germaniae; dass ich anerkannten Wissenschaftlern wie Klee und Weiß eher zuneige, ergibt sich nicht allein aus meiner Vita. Hindenburg-, ja auch Grashey-Straßen empfinde ich als Ärgernis.
    Mit freundlichen Grüßen,
    S. Michael Westerholz

  4. Sehr geehrter Herr Westerholz!
     
    Bei den Angehörigen der Kriegsgeneration genießt immer noch der bayerische Schriftsteller (und Arzt) Hans Carossa (1878-1956) einen guten Ruf, während er unserer Jugend vollkommen unbekannt ist.
    Zahllose Straßen in vielen Orten Bayerns sind nach ihm benannt und so gesehen sind auch nachfolgende Generationen mit dem durch ihn vertretenen nationalen Erbe konfrontiert.
     
    Sowohl Ernst Klee als auch Hermann Weiß klären in ihren einschlägigen NS-Biografie-Sammelwerken über den Menschen Carossa, seine Stärken und sein Versagen auf. Ich will hier nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern nur auf diese beiden Biografen verweisen.
     
    Mir persönlich ist eine gewisse Tragik an Carossas Verhalten im NS durchaus bewußt geworden (extremer bayerischer Patriotismus, Hang zur Deutschtümelei, angepasstes Verhalten, Bedürfnis nach Anerkennung durch seine angestammte Umgebung, Unfähigkeit den Gedanken an Exil auch zu verwirklichen vs. quälender Gewissensnot, durchaus vorhandenem Unrechtsbewußtsein, Schamgefühl etc.) und ich versuche daher, was ich vielleicht nicht darf, zu viel Verständnis für ihn aufzubringen, gleichzeitig halte ich es für nicht angebracht, dass Straßen nach ihm benannt bleiben.
     
    Wie denken Sie hierüber?
     
    Mit Dank und Gruß
    Karlheinz

  5. Sehr geehrter Herr „karlheinz“,
    danke für Ihre weiteren Nachfragen. Ich kenne den Romantext Herrn Kelnbergers nicht, denke aber, der Stutz-Verlag in Pa. oder andere einschlägige Verlage könnten Auskunft geben, ob eine Veröffentlichung angeraten wäre. Ich selbst würde den Text gerne lesen und hätte auch den Mut, eine Meinung dazu zu äußern.
    Was Frau Rosmus betrifft, bin ich sicher, dass sie einen Stein ins Rollen gebracht hat. Das verdient höchste Anerkennung. Auch danach dauerte es noch unentschuldbar lange, bis die NS-Zeit Passaus endlich aufgearbeitet wurde. Bei der Darstellung des unsäglichen Verhaltens der beiden Geistlichen zum Nachteil jüdischer Textil-/Kleiderhändler ist A. Rosmus jedoch ins Schleudern geraten: Nach ihrer Darstellung gingen die Juden nach der Denunziation von Passau aus zugrunde. Tatsächlich aber entkamen sie zunächst. Einer von ihnen überlebte das Grauen, der andere wurde Jahre später in Wien gefasst und ein Opfer des NS-Terrors. Nicht zu entschuldigen ist, dass mindestens einer der Geistlichen nach dem Krieg in der Öffentlichkeit blieb. Weder er selbst, noch seine geistlichen Vorgesetzten scheinen ein Gefühl für die Unhaltbarkeit dieses „Priesters“ gehabt zu haben – darin leider mit der Masse der Deutschen einig: Oder haben Sie je einen Mitmenschen kennengelernt, der je etwas „GEWUSST“ hat?
    Weitere Geistliche, die sich zu Denunziatoren machten, sind mir nicht bekannt, wohl aber ist das durch nichts zu entschuldigende Verhalten des Paters Gallus Ritter OSB Metten/Edenstetten in meiner Dokumentation angesprochen. Beachtenswert ist, dass die überwiegende Mehrheit der Mettener Mönchsgemeinschaft offen und ehrlich mit dieser unsäglichen Fehlbarkeits-Wahrheit umgegangen ist.
    Mit freundlichen Grüßen,
    S. Michael Westerholz

  6. Peter Kelnberger ist auch noch der Autor eines nie veröffentlichten Romans um drei Deggendorfer, einer (oder eine) davon Jude/Jüdin. Die parallel geschilderten Schicksale sind miteinander verwoben und betrachten die gemensame Geschichte vor, während und nach dem Kriege jeweils unter einem individuellen Gesichtspunkt. Ich kenne den Inhalt nur aus zweiter Hand. Ein Lektor könnte vielleicht beurteilen, ob eine Veröffentlichung sich heute lohnte.
     
    Als wie wichtig sehen Sie, sehr geehrter Herr Westerholz, die Rolle, die die Passauer Soziologin Anna Rosmus („Das böse Mädchen“) in den 1980er Jahren in Niederbayern spielte? Hat sie einen sprichwörtlichen Stein ins Rollen gebracht, oder blieb nach ihrem Weggang in die USA (1993 oder 1994) im Prinzip Alles beim Alten, wenn wir von Ihrer, von mir sehr geschätzten, Aufklärungsarbeit einen Augenblick absehen wollen?
     
    Anna Rosmus berichtet in einer ihrer Arbeiten von zwei katholischen Geistlichen, die, um sich der Bezahlung einer Rechnung zu entziehen, den jüdischen Wäschereibesitzer denunzierten. Sind Ihnen bei Ihren vielfältigen Studien zur bayerischen NS-Geschichte solche Fälle, Judendenunziationen durch Geistliche, auch untergekommen, oder handelt es sich hier tatsächlich nur um einen „bedauerlichen Einzelfall“?
     
    Danke für Ihre Beantwortung der Fragen oben. Mit den besten Grüßen. Karlheinz

  7. Sehr geehrter Herr „Karlheinz“:
    1.Das Gedenken an die Opfer des Kz. Plattling/Nebenlager Flossenbürg begann unter Bürgermeister Kiefl Mitte der achtziger Jahre, als (leider!) VOR dem Friedhof ein Gedenkstein errichtet wurde. Der jetzige Bürgermeister E. Schmid arbeitet seit längerer Zeit mit Vorständen der IKG Straubing, Experten der Uni Regensburg und Historikern der Gedenkstätte Flossenbürg am Text einer Gedenktafel, die irgendwo an jener Stelle deutlich sichtbar angebracht werden soll, an der bis vor kurzem die Alte Knabenschule stand. Sobald ein BÜRGERSAAL dort in der Stadtmitte eröffnet werden kann, ist dann auch die Gedenktafel da.
    2. Professor Dr. Behrendt ist aus Leipzig zugezogen und hat seither im Stadtarchiv DEG als Wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet. Ich habe keinen Grund, die Ergebnisse seiner Arbeit in Sachen Prof. Dr. Grashey anzuzweifeln. Sie zu prüfen ist Aufgabe von Historikern.
    3. Vor nicht langer Zeit war in der DEGGENDORFER ZEITUNG von Herrn Kelnberger die Rede. Was Sie über ihn schreiben, war mir neu. Natürlich verdiente er es, im Unterricht hervorgehoben zu werden. Das müssten aber Lehrer und Schulräte entscheiden.
    Mit freundlichen Grüßen,
    S. Michael Westerholz

  8. Sehr geehrter Herr Westerholz,
     
    ich bedanke mich wieder herzlich bei Ihnen für Ihre höchst informativen Antworten, mit denen Sie mir sehr geholfen haben.
     
    A) Der letzte Abschnitt Ihrer Antwort ging zwar nicht auf meine Teilfrage nach einem Denkmal oder einer Mahntafel in Plattling ein, ich darf aber aus Ihren Worten schließen, dass die Stadt  sich in dieser Hinsicht zurückgehalten hat.
     
    Falls Sie erlauben, stelle ich Ihnen einige weitere Fragen:
     
    B) Kürzlich hat ein aus den östlichen Bundesländern zugewanderter Historiker namens Lutz-Dieter Behrendt im Auftrag der Stadt Deggendorf die Biografie des einzigen ‚echten Prominenten‘ Deggendorfs, des Röntgenologen Rudolf Grashey nach eventuellen NS-Spuren bzw. -zusammenhängen untersucht und war in seinen Ausführungen, die in der Deggendorfer Heimathistoriker- Zeitschift (Deggendorfer Geschichtsblätter) veröffentlicht wurden, zum Schluss gekommen, dass eine Straße in Deggendorf ihren Namen (Dr. Grashey-Str.) weiter tragen dürfen sollte und auch dass das Grashey-Denkmal im Deggendorfer Stadtpark nicht abmontiert werden muss.
     
    Wie sehr kann man den Ergebnissen einer solchen Auftragsarbeit der Stadt Deggendorf vertrauen? Könnte ein Historiker, wenn er etwa den Auftrag dazu erhalten hätte, relevantes Material entweder verschwinden lassen oder in der Hoffnung, dass dieses nicht überprüft wird, unterschlagen haben? Ich will gewiss Behrendt nichts Unlauteres unterstellen, nur wissen, ob eine solche Geschichtsbeugung im Bereich des Möglichen gewesen wäre.
     
    Denn wir wissen ja, wie gern die bayerische Historiografie auf unpopuläre Informationen zur heimischen Geschichte (etwa zur Minderheitengeschichte!) verzichtet und wie gern sie andererseits ein makelloses Bild von unserem schönen Bayernland präsentiert.
     
    C) Ebenfalls den Deggendorfer Geschichtsblättern entnahm ich, dass die Stadt an der Donau, die sich auch mit dem Titel „Tor zum Bayerwald“ schmückt, tatsächlich einen Sohn besaß, der es verdienen würde, dass nach ihm eine Straße benannt, bzw. ein Denkmal zu seinen Ehren errichtet würde. Ich denke da an den Wehrmachtsdeserteur, Autor, Grafiker und Fotografen Peter Kelnberger.
     
    Warum ihn nicht groß ‚rausstellen, als einen, der es gewagt hat, mit seinem Flugzeug eben nicht mitzukämpfen, in einem sinnlosen, wahnwitzigen und unmoralischen Krieg, sondern der in den Wolken verschwand, um im neutralen Schweden zu landen, sich internieren zu lassen und dort sein Leben zu verbringen. Warum nicht so einen Menschen als gutes Beispiel der Jugend präsentieren, um zu zeigen, dass Mitmachen, sich der Mehrheit beugen, Sichanpassen, Sichunterordnen durchaus auch falsch und verwerflich sein können, dass es eben manchmal notwendig sein kann und sein muss, einen ganz eigenen moralischen Pfad zu beschreiten, gegen den Trend, gegen den Konsens ‚aller‘, gegen den verordneten Gemeinsinn (?).
     
    Wie könnte man die Schulen in Deggendorf und die Geschichtslehrer der Stadt, oder wen sonst noch auf Kelnberger aufmerksam machen? Wie könnte man ihnen nahebringen, dass in ihrer Mitte tatsächlich einer geboren wurde, der das Zeug zu einem Helden hatte? Wäre nicht gerade heute in unserer an echten Vorbildern so armen Zeit allergrößter Bedarf an gerade so einem echten menschlichen guten Beispiel?
     
    Ich hoffe, ich werde nicht zu persönlich, wenn ich Sie auch diesbezüglich um Ihre Ansichten bitten würde. Aber wem sonst außer Ihnen könnte man solche Fragen stellen.
     
    In diesem Sinne – herzlichen Dank im Voraus für Ihre Antworten
    Ihr
    Karlheinz

  9. Sehr geehrter Herr karlheinz…,
    kein Zweifel, der „Steckerlbrunnen“ (er heißt natürlich nicht so, sondern wurde als solcher verspottet; ich übernehme das Wort, weil es sich bei den älteren Deggendorfern eingebürgert hat!)war ein künstlerisches Werk. Es gab aber bauliche Mängel nicht am Brunnen an sich, sondern daran, dass der seinerzeitige Stadtbaumeister Wilhelm Höltl den Platz vor dem Rathaus hatte eintiefen lassen, so dass man zwei oder drei Granitstufen abwärts steigen musste. In dem rechteckigen Brunnenbecken sollte sich nun der Brunnen aus Bronzestangen behaupten, dessen Wasser aus diesen Stangen plätscherte.
    Sofern Sie den Luitpoldplatz kennen, wissen Sie, dass er riesig wirkt und zwischen den beiden gotischen Gebäuden Rathaus und „Grabkirche“ teils barocke, klassizistische und biedermeierliche Fassaden zeigt: Da wirkten nun die filigranen Stangen des Brunnens verloren. Ich selbst habe in der DEGGENDORFER ZEITUNG ein Foto präsentieren lassen, das aus der unteren Rathaustüre, damals Polizeiwache, heraus aufgenommen war und die Verlorenheit milderte. Die Kampagne gegen den Brunnen wurde von Walter Fritsch, damals noch SPD-MdB und Stadtrat, bald darauf Landrat von Deggendorf, aufgenommen und im Stadtrat vehement vertreten. Noch ehe der Stadtrat den Beschluss gefasst hatte, den Brunnen abzubauen, rissen Randalierer erste Stangen ab.

    Die Geschichte des DP-Lagers Deggendorf in der Alten Kaserne (Ex-Bezirkskrankenhaus für Niederbayern!) habe ich selbst bearbeitet. Sie ist aber auch vom Geschichtsverein DEG in einer Bearbeitung von Frau Petschek-Sommer veröffentlicht worden.

    Zum Kz Plattling – einem Nebenlager von Flossenbürg – gibt es eine Broschüre, die ich nach dreizehn Jahren Recherche geschrieben und 1995 veröffentlicht habe: KRANKE KREPIERTEN NATÃœRLICH WIE DAS VIEH. Ich habe kein Honorar bezogen, die Verkaufserlöse kommen der Isr. Kultusgemeinde Straubing zugute. Das Werk ist über den Buchhandel und beim Verlag Ebner in DEG zu erwerben. Große Betriebe hat es seinerzeit in Plattling – wie im gesamten Landkreis – nicht gegeben. Wohl daryum hat es hier offenbar keine Zwangsarbeiter gegeben, ausgenommen natürlich die auf Bauernhöfen unter teilweise grauenhafter Behandlung. Darum hat es auch Morde nach der Befreiung gegeben, zuvor aber auch Lynchmorde an einigen dieser Menschen, deren deutsche Freundinnen schwanger wurden.

    Mit freundlichen Grüßen,
    S. Michael Westerholz

  10. Sehr geehrter Herr Westerholz,
     
    besten Dank für diese ausführlichen und von großer Kenntnis um die Stadtgeschichte zeugenden Auskünfte.
     
    Wie ich aus dem Freundeskreis erfahren habe, fand übrigens letzten Samstag eine NPD-Kundgebung in Deggendorf statt, keine 50 Meter von jenem sechszackigen (David-?)Stern des Künstlers Sobeck entfernt und gegenüber der ehemaligen NSDAP-Zentrale.
    Allerdings soll weniger gegen Juden, denn gegen Muslime gewettert worden sein.
     
    Sie machten mich mit Ihren Andeutungen zum „Steckerl“-Brunnen neugierig. Sollte es Ihnen Ihre Zeit erlauben, wäre ich Ihnen um kurze Aufschlüße über die Hintergründe sehr verbunden. Warum wurde der Brunnen abmontiert und ‚weggesperrt‘? War er zu anstößig geraten, oder trug er politische bzw. religiöse Symbole? Was hat Bürger oder Stadtrat gegen das Kunstwerk (wenn es eines war) so aufgebracht?
     
    Eine weitere Frage zur Stadtgeschichte hätte ich noch:
     
    Wie gut ist die Geschichte der jüdischen DP’s („Entwurzelten“) in Deggendorf und Umgebung erforscht? Gibt es Vorarbeiten, Akten, Urkunden in den Archiven etc.?
     
    Und zu einer benachbarten niederbayerischen Stadt, zu Plattling, würde ich Sie gerne auch noch etwas fragen:
     
    Ist es wahr, dass es in Plattling ein KZ-Außenlager gab?
    Da Plattling im Zweiten Weltkrieg (und wohl auch heute noch) ein wichtiger Bahnknoten war, wurde es häufig bombardiert, wie gewissen Aufzeichnungen zu entnehmen ist. Für die Schuttaufräumarbeiten setzten unsere Vorfahren nach Bombenangriffen besonders gern KZ-Häftlinge ein, auch in Plattling?
    Oder gab es größere Plattlinger Betriebe, die die Häftlinge zur Zwangsarbeit benötigten und einsetzten?
    Wie gut ist die Geschichte dieses KZ-Außenlagers (falls es eines war) historiografisch erschlossen?
    Gibt es ein Denkmal für die Plattlinger Zwangsarbeiter, eine Broschüre der Stadt, eine Mahntafel oder sonst irgendein Zeichen, dass der Nachwelt ihre ureigene Vergangenheit nicht vollkommen gleichgültig ist?
     
    Herzlichen dank im Voraus für Ihre Antworten.
    Mit den besten Grüßen
    Karlheinz

  11. Sehr geehrter Herr Karlheinz,
    ich danke Ihnen für Ihre freundliche Reaktion. Zu Ihren Fragen:
    1. Julius Streicher war der Bruder des Regierungsbaumeisters Streicher, der Gründer und Eigentümer der Baufirma STREICHER war. Er hatte einige Eigenheiten, ließ sich z. B. täglich zum Deggendorfer Friseur fahren, der ihn rasieren musste und suchte sich einen Nürnberger (sic!) Meister, nachdem der Deggendorfer die alte Baderschüssel abgehängt hatte. In Gesprächen über seinen mörderischen Bruder nannte er diesen stets „meinen Bruder im Himmel!“ Ein Kellerabteil seiner gründerzeitlichen Villa in der Deggendorfer Bahnhofstraße war mittels einer zusätzlich hochgemauerten Wand als Versteck für Kunstwerke verwendet worden, die ein Streicher-Verwandter im Auftrag Görings und führender Nazis in den östlichen Nachbarländern (Rumänien, Ungarn!) geraubt und in Lkw-Kolonnen nach Deutschland transportiert hatte; mindestens ein Lkw war dabei abgezweigt worden. Ein späterer Gesellschafter der Fa. Streicher machte sich als Sozialstifter („Gallinger-Max-Stiftung“) einen guten Namen, die heutigen Gesellschafter haben mit den belasteten Streicher-Angehörigen nichts zu tun und nichts gemein.
    2. Ja, das heutige Sparkassengebäude war einst das Deggendorfer BRAUNE HAUS.
    3. Künstlerischer Schöpfer des Brunnens auf dem Oberen Stadtplatz war Andreas Sobeck (München und Winzer an der Donau!).Klarstellen will ich jedoch, dass sowohl Mitglieder des Stadtrates, als auch die zuständigen Mitarbeiter der Stadt bestreiten, dass es sich bei der Grundform des Brunnens um einen Judenstern handelt. So erfreulich es aus der Sicht einiger Bürger auch wäre und so bequem für die Stadtverantwortlichen: Die Gestaltung wurde seinerzeit allein wegen der optischen Eignung des Brunnens auf dem Oberen Stadtplatz vergeben, seine heute verbreitete gestalterische Interpretation seinerzeit nie diskutiert. Meine persönliche Kenntnis und Einschätzung des Künstlers Sobeck legt aber nahe, die häufig zu hörende, auch von Ihnen erwähnte Interpretation für möglich zu halten. Sobeck ist übrigens der Künstler, der seinerzeit den leider vielgeschmähten und aus opportunistischen Gründen schnell wieder abgebauten, bis heute im Stadtbauhof gelagerten („Steckerl-„)Brunnen“ auf dem Luitpoldplatz vor dem Rathaus geschaffen hatte. Sobeck ist ein politisch denkender Mitmensch, der sich auch als GNAD-Gegner zu Wort meldete. Erfreulich, dass sein Brunnen auf dem Oberen Stadtplatz beinahe täglich zahlreiche Menschen unterschiedlichster Herkunft und Alters zusammenführt.
    Mit freundlichen Grüßen,
    S. Michael Westerholz

  12. Sehr geehrter Herr Westerholz,
     
    ich danke Ihnen von Herzen für diesen Beitrag, der auf geradezu ideale Weise die ungeheure Verlogenheit unserer bayerischen Gesellschaft offenlegt.
    Es muss extrem viel Mühe und Zeit gekostet haben, die vielen Daten und Fakten zusammenzutragen und in derart sinnvoller und logischer Weise zu präsentieren.
    Ich möchte Ihnen dafür meine besondere Anerkennung ausdrücken.
     
    Hoffentlich wird bei der Lektüre Ihres Artikels möglichst vielen meiner bayerischen Landsleute klar, warum sich die Regierungspartei CSU länger als ein halbes Jahrhundert in Bayern an der Macht halten kann, warum immer noch 7 Millionen Bayern (etwa 60 % der bayerischen Bevölkerung) immer noch und trotz erhellender Informationen über deren Verbechen krampfhaft festhalten an ihrer römisch-katholischen Kirche, warum Bayern sich so verschlossen jedweden Aufklärungsbestrebungen gegenüber verhält.
     
    CSU und katholische Kirche waren und sind die Garanten dafür, dass die für viele Bayern lebensnotwendigen Lügen weitergelogen werden, dass die ‚unerträgliche‘ Wahrheit weiterhin verhüllt bleibt und gewisse Säulen bayerischen Selbstverständnisses (wozu auch ein bis ins Mark verinnerlichter Antisemitismus gehört) auch in Zukunft unerschüttert bleiben.
     
    Falls der Deggendorfer Stadtrat Charakter hätte (was bei der hohen Anzahl christlichsozialer Angehöriger fast ausgeschlossen ist), würde er Sie, Herr Westerholz, darum bitten, Ihren Beitrag in einer Extrabroschüre veröffentlichen und diese Broschüre an alle Deggendorfer Haushalte verteilen zu dürfen, plus Übernahnme des Textes auf die offizielle Webseite der Stadt Deggendorf.
     
    Einige Fragen hätte ich noch zu Deggendorf, die Sie mir vielleicht beantworten könnten.
     
    1) Julius Streicher, der Herausgeber des Antijudenmagazins „Der Stürmer“, jener Altnazi aus dem Augsburger Umland, der sich bei seinem Prozess in Nürnberg zu seiner Rechtfertigung auf den Lutherschen Antijudaismus berief, ist bekannt. Gibt es von ihm Querverbindungen verwandtschaftlicher Art zu der großen Baufirma STREICHER, deren Namensschilder einem im Deggendorfer Raum auf Schritt und Tritt begegnen?
     
    2) Ist es wahr, dass das pompöse Gebäude der Deggendorfer Stadtsparkasse auf dem Oberen Stadtplatz einst die Zentrale der NSDAP beherbergte?
     
    3) Wie heißt jener moderne Künstler, von dem der riesige Davidstern um den Springbrunnen auf dem erwähnten Oberen Stadtplatz stammt? Gab es Zusammenhänge Davidstern-Deggendorfer Judengeschichte?
     
    Herzlichen Dank und alles Gute für Sie!
    Karlheinz
     
     

Kommentarfunktion ist geschlossen.