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Dr. Richard Treitel und seine ansehnliche Familie

III. Teil: Treitel-Ahnen und Nachfahren in Ost-  und Westeuropa, Israel und Amerika…

Von S. Michael Westerholz

„Wenn ein Stück socialen und nicht uninteressanten Lebens im Scheiden ist, dann tritt die Geschichte in ihr Recht, die scheidende Welt zu schildern, daß sie im Gedächtnis der Nachwelt fortlebe.“ Dies schrieb Dr. Leopold Treitel (1845 bis 1931) 1891 im „Breslauer Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung“. Dr. Treitel war Rabbiner in Koschmin/Posen in der Heimatregion  seiner Familie, in Briesen/Westpreußen, ab 1884 zehn Jahre 2. Rabbiner in der badischen Hauptstadt Karlsruhe, ehe er dann 36 Jahre im schwäbischen  Laupheim wirkte. Er sprach und schrieb Hebräisch, Griechisch, Latein, Französisch und Englisch. Er widmete sich seit seiner Studienzeit in Breslau über seine Promotion hinaus 50 Jahre dem Werk des Philo von Alexandrien. Dieser Philo  hatte 2000 Jahre zuvor versucht, das antike griechische Denken mit der Offenbarungsreligion zu verbinden. Er gilt als einer der großen Wegbereiter der gesamten späteren Theologie.

Der Träger des „German Jewish History Award“ (genannt „Obermayer-Preis“), der Laupheimer Ingenieur, Lehrer, SPD-Stadtrat und Lokalhistoriker Rolf Emmerich (74), hat Rabbiner Treitels Leben erforscht. Er schreibt:  „Es ist anzunehmen, dass sich Treitel an Philos Betonung der sozialen Ordnung des jüdischen Lebens begeisterte. Wichtig scheint dabei aber auch die universale Deutung der mosaischen Texte, also auch für Menschen anderen Glaubens, zu sein.“  Rabbi Leopolds ältester Sohn Otto Joshua Treitel (1897 bis 1949) war mit der in Laupheim geborenen Elsbeth Einstein (1906 bis 1950) verheiratet, einer Nichte des Nobelpreisträgers Albert Einstein. Die Eheleute starben in Philadelphia.1

Dr. Leopold Treitels  Aussage liest sich vor dem Hintergrund der fast totalen Vernichtung der europäischen Juden wie eine Prophetie. Nicht allein die so vielfältige  jüdische Welt mit ihrem einzigartigen Schatz an Wissen, Bildung, Wissenschaft und Mäzenatentum schied aus der Gegenwart  –  auch der Mythos von den Deutschen als „Volk der Dichter und Denker“, 1828 von dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Menzel begründet, entlarvte sich in der mörderischen Realität  als Märchen. Der ehemalige Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD), 1933 und 1944 Folteropfer der GESTAPO  in Berlin und eines lokalen NS-Machthabers im KZ Breslau-Dürrgoy, ein standhafter Freund der Treitel-Brüder:

„Einige zehntausend bewaffnete, vertierte Bestien richteten jedes Jahr hunderttausende Wehrlose unter rohesten Mißhandlungen zugrunde. Millionen standen dabei, wußten nichts oder wollten nichts wissen, ahnten Schlimmes, wären aber froh, daß es sie nicht selbst betraf, und wollten ihre Haut nicht zu `Markte´ tragen. Diese `Unbeteiligten´  mit und ohne Parteiabzeichen  –  auch sie haben ein Teil Mitschuld  an den Grausamkeiten, die nacheinander Juden und Katholiken, Sozialdemokraten und Kommunisten, Bibelforscher und Freimaurer und schließlich ganze Völker erduldet haben.“  2

Die ungeheuerliche Verfolgung schleuderte die wenigen überlebenden Juden  Europas wie in einer gewaltigen Explosion auseinander  –  auch Familie Treitel ist heute über die Welt verstreut. Nur zwölf Namensträger leben noch in Deutschland. Die aktuelle deutsche Telefonliste nennt  vier Treitel-Anschlüsse. Sie gehören Dr. Thomas Treitel in Albstadt, seinem Bruder Michael Treitel in Niederkassel, seiner Tochter Dr. Ulla Treitel in Berlin und dem Sohn Jochen in Schildow.  Jochen und seine Frau Michaela Treitel gaben sich beim Umbau einer alten Datsche zum Wohnhaus, das sich der Landschaft anpasst, so viel Mühe, dass ihnen die „BERLINER MORGENPOST“ am 24. 05.2012 einen ausführlichen Bericht widmete.

Die „Gesellschaft für Namenkunde“ an der Universität Leipzig und der Namensforscher Hans Bahlow  führen die Herkunft des Namens Treitel ab dem Mittelalter auf einen frühen Begriff für „Geliebter“, „Schmeichler“  und „guter Freund/Nachbar“ zurück. Er wandelte sich aus Treutle, Treutel, Treutlein/Träutlein zu Treitlein, Treitl (in Österreich!) und Dreydel  (am Mittelrhein) zu Treitel und schließt nicht aus, dass sich unter den folgenden Personen Treitel-Vorfahren befinden: 1331 Hainricus Trütlin in Immenstadt am Bodensee,1359 Cuncz Treutl in Iglau/Böhmen, 1382 Heynricus Trutil in Böhmen, 1414/15 (ohne Vornamen) Trutlin/Treutlin in Schwäbisch Hall, 1493 Nickel Trewdel in Böhmen, 1530 Conth Dreittlin in Ulm, 1607 Burkhard Treitlin in Fützen/Baden. Familiäre Zentren zeichnen sich für Böhmen und Schwaben ab, die Treitel in Mengen/Sigmaringen waren aus Kärnten zugewandert, wo bis heute Treitl/Treitel leben. Eine Verwandtschaft mit den ab 1750 im Ursprungsort Wronke (Posen) urkundlich fassbaren Treitel  ist nicht nachweisbar.

Nachum T. Gidal hat  die Zerstreuung der Juden zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert und ihren Weg nach Polen im historischen Rahmen geklärt:

  1. 1147/48: Morde an und Verfolgung der Juden von Köln über Mainz und Speyer  im Zusammenhang mit dem 2. Kreuzzug. In Scharen flohen Juden nach Polen, wo sich ihre mittelhochdeutsche Sprache mit hebräischen, polnischen und russischen Zusätzen zum Jiddischen entwickelte. Ihr Gewerbefleiß verbesserte die Wirtschafts- und Soziallage, ihr Handelsgeist erweiterte die Außenbeziehungen ihrer neuen Heimat.
  2. 1264: König Boleslaw von Polen stellt u. a. aus dem Raum Frankfurt a. Main geflohene Juden unter seinen Schutz. Schon um 1200 waren in Polen Silbermünzen mit hebräischen Inschriften aufgetaucht.
  3. Nach Verfolgungswellen von 1336 bis 1348 vom Elsaß bis nach Schwaben und Judenverbrennungen in Straßburg nahm König Kasimir III. Flüchtlinge mit offenen Armen auf. Gidal: „Der überwiegende Teil der überlebenden Juden  Deutschlands war im 14. und 15 Jahrhundert geflohen oder ausgewandert. In Polen hießen sie die Könige willkommen.“
  4. Mit dem Großherzogtum Posen (1815), der preußischen Provinz ab 1848, wuchs die Zahl der Juden in der Bevölkerung Preußens. Ab 1871 setzte eine Binnenwanderung vor allen in den Raum Berlin ein, so dass Posen bis 1919 rund 65 % seiner jüdischen Einwohner verlor  – darunter auch zahlreiche Treitel.3

Index Akevoth nennt Treitel in  den  Niederlanden: Die Liste beginnt mit einer Todesanzeige Treitel ohne nähere Angaben im Jahr 1658, setzt sich in Amsterdam mit  Yechiel Michiel Treitel, * 1670, Nin Yechiel Treitel, Tochter von Jacob Weisna (gestorben 1697), Levlie Treitel (ohne Daten), Sipora Shifra Levie Michiel Treitel, 1700/1771, Anna Hindel Levie Treitel, 1715/98 und Diamantschleifer Philipp Feibel David Treitel, 1738 bis 1817, fort. Es folgen Eva und  Noga Vesed Treitel ohne weitere Angaben, Wolf Philipp Treitel, * 1773, Wolf Philipp Treitel, 1776 bis 1841, und Wolf Treitel, 1828/83. In einer Liste der Transporte aus dem niederländischen Westerbork nach Theresienstadt und Auschwitz  werden am 27. April 1943 Deborah Treitel-Ketelappe (* 1891) und Isaac Treitel (*1887) genannt. Trafen sie in Theresienstadt deutsche Treitel? Oder wurden sie gleich nach Auschwitz weitergeleitet? In dem US-Bürger Philip Treitel, 1914 bis 1974, setzte sich die Linie dennoch fort.

Woher kam diese Linie? Seit 1496 waren bedrängte spanische und portugiesische Juden in die heutigen Niederlande geflohen, wo schon 1572 die Glaubensfreiheit verkündet wurde. Ab 1600 gesellten sich ihnen Juden aus Osteuropa zu, wo wiederkehrende Pogrome ab 1648 binnen acht Jahren in Russland und Polen  bis zu 500.000 Juden das Leben kosteten. Ab 1603 wurde die jüdische Religion in Amsterdam praktiziert, das dank geflohener Juden aus Antwerpen zum neuen Zentrum der Diamantschleiferei wurde. 2000  jüdische Diamantschleifer verschleppten die Deutschen aus Amsterdam in ihre KZ. Nicht auszuschließen ist, dass unter den aus Polen und Russland eingewanderten Juden Verwandte „unserer“ Treitel waren.

Matrikeledition der Universität Zürich: Heinrich Treitel aus Berlin, Viktoriastraße 7, * 1875, Student philos. im Sommersemester 1894. Vater: Theodor Treitel. Das verwirrt, denn 1926 wird ein Jurastudent Max (Matthäus) Sandberg immatrikuliert, * 29. 12. 1903, wohnhaft in der Brandschenkenstraße 47 in Zürich, dessen Vater (sic!) ebenfalls Theodor Treitel heißt, * 1871, Kaufmann in Zürich. Der Student macht 1926 seinen Doktor mit der Arbeit: „Der Nichtbetriebsunfall in der schweizerischen obligatorischen Unfallversicherung“. Er lässt sich als Anwalt in Zürich nieder und ehelicht im selben Jahr Wally Maier.

1880/95, Wiener Stiftungsliste, 1899, Karl Kraus in „DIE FACKEL“  (Nr. 24/1899, Seite 15 ff.), „Die Treitl-/Treitel-Stiftung“: Kaufmann Josef Treitl (bei Kraus  „Treitel“), 1804 bis 1895, war als Kommunalpolitiker Wiener Gemeinderat, Mitglied in Wirtschafts- und Verwaltungsgremien beim Bürger-,  einem Kinderspital und einer Versorgungsanstalt, dann Direktor der „Ersten Österreichischen Spar-Casse“. Im Testament von 1880 übergab er der Akademie der Wissenschaften sein Gesamtvermögen von rund 1,2 Millionen Gulden als Stiftung zur wissenschaftlichen Forschung. Karl Kraus deckte 1899 eine ungeheuerliche Verschwendung der Mittel auf, ordnete Misserfolge einer Expedition nach Palästina als Ergebnis des Streits zwischen Juden und Nichtjuden in der abgereisten Gruppe ein, spottete, da weitere Forscher gar nach Indien reisen sollten, könne ja die Akademie gleich dorthin verlegt werden. Er verlangte, mehr junge Wissenschaftler und die Ausstattung der Institute zu fördern. Die Stiftung besteht heute noch, dem Stifter wurde 1913 eine Straße gewidmet.  Josef Treitl/Treitel war aus Kärnten gekommen  – aber woher und wann nach dort? Ihn den ÖSTLICHEN Treitel zuzuordnen liegt nahe: Galizien, Polen, Slowenien, Ungarn kommen infrage. In Maria Theresias Österreich konnten Juden sich nämlich nur mühevoll halten, in den Randgebieten ihres Reichs um ein Weniges leichter.

Bahlow hält es für möglich, dass weitere Treitel ab dem 18. Jahrhundert als Getreidehändler zu ihrem Namen kamen  – es gibt in der Familie Getreidehändler! Der Index Deutschland in den genealogischen Datenbanken der Mormonen in Salt Lake City nennt bis zum Jahr 1828 Treitel in Bernstein, Stargard, Forst und Breslau. Vornamen wie Bejle begegnen uns auch in den nachfolgenden Listen der Treitel aus dem Mittelrheingebiet. Im Lexikon der deutsch-jüdischen Familiennamen von L. Menk finden sich Treitel in Bernstein, Betsche, Breslau, Landsberg an der Warthe, Stargard und Wronke. Darunter sind:

1828 Caroline Treitel, 1829 Rose Treitel, 1831 Louis Treitel, 1833 Raphael Treitel, 1839 Raschke Treitel, 1840 Moses Treitel, 1841 Beile Treitel, alle aus Bernstein,

1848 Helene Treitel, Stargard,

1857 Augusta Treitel, Forst/Lausitz, und

1885 Helene Treitel, Breslau.

Eine Google-Suche gibt mit 174.000 Nennungen Einblicke, die vor allem durch wiederkehrende Vornamen verwandtschaftliche Zusammenhänge vermuten lassen, zumal dann, wenn  die dort zu entdeckenden Treitel in den östlicheren Regionen lebten. Im 17./18. Jahrhundert finden sich aber zahlreiche, durchweg miteinander verwandte Treitel im mittleren Rheintal. Es ist dies eine Zeit der starken Abwanderung von Juden in den Osten Europas, wo unter anderem  Preußens Könige das eroberte Schlesien als attraktives Ansiedlungsgebiet offerierten und Religionstoleranz versprachen.

17./18. Jahrhundert am Mittelrhein:

  1. Akiwa, 1703 geborene und gestorbene Tochter von Menke Ben(jamin) Treitel (auch Dreydel!) und Heve geborene Jaakow.
  2. Chaje, 1749 gestorbene Tochter von Ben Menke Treitel und Bejle, seiner Frau.
  3. Fegelche  (cirka 1690 bis 1766), Tochter von Wolf Benjamin Treitel (Bingen) und Breinle Mehler. Sie heiratet Schmuel Löb.
  4. Hewele,1745 gestorbene Tochter von Maier Benjamin Jaakow Treitel und Sarle, Tochter von Wolf Friedberg.
  5. Hewele, 1760 gestorbene Tochter von Menke Ben. Treitel und Hewe geborene Jaakow.
  6. Hintche, 1711 gestorbene Tochter von Menke Ben. Treitel und Hewe geborene Jaakow. Sie war mit Meir Lahnstein (1680 bis 1711) verheiratet.
  7. Jakoow Awraham Ben Menkel Treitel, 1739 gestorbener  Sohn von Menke Ben Treitel und Hewele  Jakob. Er hat mit seiner namentlich ungenannten Ehefrau (1690 bis 1750) fünf Kinder: Sara Rösche, 1690 bis 1713; Treitel Ben Menke Dreydel, * 1733; Jaakow Awraham, *1739; Akiwa, 1703 geboren und gestorben;  aus der 2. Ehe Sarele bat Jizchak Eisek Isaac, 1670 bis 1742.
  8. Jehuda,Sohn von Wolf Benjamin Treitel und Breinle Mehler. Er heiratet zuerst Sara Gitle, Tochter von Mosche Schaul, 1685 bis 1717, dann Sara Mindle von R. Mosche Josef, 1684 bis 1746.
  9.  Namenlose Tochter von Mair Ben. Jaakow Menke Treitel, hat vier Kinder.
  10. Namenlose Tochter , 1660 bis 1738, von   Jehuda Treitel. Diesem Jehuda könnte ein ansonsten nicht identifizierbarer Vorfahre zuzuordnen sein, der von 1580 bis 1630 urkundlich belegt ist.
  11. Sarele Treitel, 1690 bis 1711, Tochter von Wolf und Breinle Treitel (wie oben 3. und 5.). Sie hat mit einem Schmuel ein Kind.
  12. Namenlose Tochter (um 1750 genannt) von Jaakow Ben. Awaraham Treitel.
  13. Namenlose Tochter (um 1749 bei der Eheschließung genannt) von Jaakow Ben. Awraham Treitel, heiratet den offenbar verwandten Chajer R. Treitel.4

Im 18./19. Jahrhundert  finden wir Treitel in Ost und West:

  • Adressliste Frankfurt a. d. Oder, 1739: E. Treitel;
  • Mischpochologie-Reconnectry Family All Of The World Falk-Family of Breslau (Project Stammbaum FALK  von Sven Treitel, Tulsa/Oklahoma): Treitel in Lissa/Posen, 1760. Dieser Stammbaum korrespondiert mit dem des unten genannten Lederhändlers Josephson Treitel in Breslau, *1834: In seiner Familie wurde 1845 Leopold Treitel geboren, der  zum berühmten Philosophen und  Rabbiner heranwuchs. Der Vater seiner Mutter Johanna geborene Falk war Jacob Jehuda Falk, der als Leuchte talmudischer Gelehrsamkeit gefeierte Raw von Dyhernfurt in Schlesien. Rabbiner Dr. Leopold Treitel starb 1931. Sein Vater, der sich nun  Joseph (*1816) nannte,  war der ältere Bruder des 4. Treitel-Kindes in Betsche, Meir (auch Meyer) Treitel., *1834.

Nicht mehr klären lässt sich, ob der aus Lissa stammende Leo Baeck mit Richard, Hermann  und Theodor Treitel schon bekannt war, als er 1912 seinen Rabbinerdienst in „ihrer“ Synagoge an der Fasanenstraße in Berlin antrat.  Lissa gehörte nämlich ebenso zu Posen wie Betsche. Und die Treitel aus Wronke und Betsche hatten Verwandte in Lissa, wo Baeck aufgewachsen war.

  • Familienbuch Strasburg/Uckermark, 1763: Handelsmann Meyer (Mair) Treitel. 1777 war sein Familienname noch nicht gefestigt, da er mal mit „Dreytel Meyer“, 1784 aber mit „Meyer Treitel“ unterschrieb. Zwischen 1795 und 1808 wird in seiner Familie mehrmals ein „David Dreydel“ genannt, der dann in der Familie David Meyer/ Gertraud Roos auftaucht. Die gehört zum großen Familienclan der Guggenheim. Der Sohn siedelte nach Berlin um.5
  • Zuwandererliste Galicien, 1789: Gemeinde Neusandezl, Ernst Theodor Treitel.
  • 1808, Zeltingen an der Saar: Loeb Treitel.
  • Bürgerbücher Berlin, 22. 05. 1831, erste Treitel-Niederlassung in der preußischen, später auch deutschen Hauptstadt: Handelsmann Meyer (Mair) Treitel, bisher wohnhaft in Strasburg/Uckermark, Jüdenstraße 51, dort geboren im November 1768, amtlich eingetragen als Stadtbürger am 05.05. 1809, als preußischer Staatsbürger am 31. 12. 1812. Dafür bezahlte er 5 Reichstaler Gebühren und wurde in der Nummer 41 des Amtsblatt der Königlichen Kurmärkischen Regierung Preußens 1814 als wohnberechtigt in Strasburg genannt. Ferner wurde mitgeteilt, dass er sich endgültig für den Namen Meyer Treitel entschieden habe.  Seit 1800 war er mit Frommet, Tochter von Levin Wulff aus Kleinberlin, verheiratet. Er starb 1835 in Berlin.
  • Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte (Neufassung Beck/Cain, 1901): Dr. Theodor Treitel, Augenarzt, *1852 zu Stargard in Pommern, studiert in Königsberg in Preußen, 1875 promoviert, Assistent bei Prof. J. Jacobson, 1878 habilitiert, 1879 Privatpraxis. Sein Vorname Theodor war ein familiärer Leitname. Die Treitel aus Stargard gehen zurück auf Hirsch Josephson Treitel, * 1820.       
  • Adressbuch Landsberg an der Warthe, 1863: Kaufleute Joseph, Julius ( beide auch Hauseigentümer) und Louis Treitel. Louis dürfte der Sohn von Joseph gewesen sein.  Joseph  war ein Bruder des späteren Rabbiners Dr. Leopold Treitel.  Josephs Grabstein hat sich in Breslau erhalten.  Der Rabbiner und seine Frau, die Rabbinerstochter, Schriftstellerin und Übersetzerin  Rebekka Brann, hatten die Söhne Otto Jehoschua (Professor der Botanik), Emil Ephraim (Arzt), Erich Josef (Elektro-Ingenieur).
  • Einwohnerliste Königsberg, 1864: Kaufmann Treitel, Bruder oder Vater des Augenarztes.
  • Gewerbebuch Landsberg/W. , 1866: Ölmühle Joseph Treitel, Schneide- (Säge-) und Ölmühle Julius Treitel;
  • Gewerbebuch Meseritz/Posen, 1866: S. A. Treitel, Colonialwaren in Betsche;
  • Adressbuch Breslau, 1868: Josephson Treitel. Die von polnischen Archivaren erstellte Liste jüdischer Familiennamen im heutigen Wroclaw für die Jahre 1874 bis 1910 nennt 16 Treitel.
  • Schülerliste Königliches und Grönnig´sches Gymnasium Stargard, 1870/71: Rudolph Treitel.
  • Standesamt Memel, 1874: Verlobungseintrag Moritz Treitel, Breslau, und Rosa Stein, Nordenburg.
  • Charlottenburg, 1887: Die Königliche Seehandlungs-Societät verkauft das Terrain um den Stadtbahnhof der selbständigen Gemeinde Charlottenburg (später nach Berlin eingemeindet)  für 2,8 Millionen Mark an den Kaufmann Moritz Treitel. Seine Spekulationsidee war klug  –  das weite Gelände sollte zu einem Wohn- und Kleingewerbegebiet ausgebaut werden. Aber Treitel war Jude  – und so blockierten Stadtplaner und Banken alle seine Versuche, Kompagnons für das Geschäft zu gewinnen. Er trat vom Kauf zurück, musste eine Konventionalstrafe bezahlen  –  und erlebte, dass  christliche Nachkäufer prächtige Gewinne erwirtschafteten. 6
  • Der Gute Ort in Wriezen/Brandenburg, 1890: Martha Treitel wird zu Grabe getragen.
  • Adressbuch Posen, 1892: Julius Treitel, Kaufmann, Eisen-, Blech- und Bürstenwarengeschäft. Diese Linie des Julius Treitel ist offenkundig jene der Grete Treitel, die mit ihrer Mutter und mit Richard Treitel das Häftlingslos in Theresienstadt teilte.
  • Weitere Treitel-Zuwanderung in Berlin, 1892 (in der Genealogie Claude Geudeveert);
  • Liste selbständiger Unternehmer und Handwerker in Königsberg, 1895: Augenarzt Dr.Theodor Treitel.
  • Jüdische Gemeinde Betsche/Meseritz,  Provinz Posen, 1908: Vorsteher Treitel (ohne Vornamen, vermutlich Markus Treitel, Großvater von Hermann, Richard und Theodor Treitel!)).  In „Die Narren von Chelm“,  einer Sammlung hintersinniger Eulenspiegeleien (1984) nennt Isaac Bashevis Singer einen „Dorfältesten Tor Treitel“. Es könnte der hier erwähnte Gemeindevorsteher von Betsche sein.

In Betsche gab es um 1800 rund 800 jüdische Mitbürger, 1939 nur noch 30. Als Kurt und seine Schwester Celia (Cilly) Ruth Treitel im Jahre 2008 die Stadt besuchten, die Kurt zuletzt in den dreißiger Jahren in den Ferien gesehen hatte, standen sie unvermittelt vor dem einstigen Gasthaus ihrer Großeltern, damals ein Bau mit Pferdestallungen und Wagenremisen im Hinterhof, heute Laden und Friseursalon im Erdgeschoss, zwei Mietwohnungen im Obergeschoss. Sie fanden noch zwei weitere Häuser der Familie im Ort. Ihre Angehörigen dort waren Schuhmacher, Händler und Fleischer gewesen mit guten Kontakten zur Landbevölkerung. Der katholische Ortsgeistliche Rutkowski hatte einen Treitel, vermutlich Kurts Vater Theodor, Griechisch und Latein gelehrt.

Nach Unterlagen von Yad Vashem wurde noch 1920 in Betsche ein Hans Treitel geboren. Seine Großeltern waren Abraham und Emma Treitel geborene Pinner, seine Eltern die in Theresienstadt ermordeten  Louis und Rosa Treitel geborene Pinner.  Hans Treitel wurde in die KZ Sachsenhausen (20. Juli 1940), Dachau (5. September 1940), Buchenwald (5. Juli 1941) und am 14. März 1942 in die Tötungsanstalt  Bernburg an der Saale verschleppt, wo er am 26. März 1942 vergast wurde. In dieser Anstalt wurden ab 1940 binnen drei Jahren 9.384 Kranke und Behinderte und 5.000 Häftlinge ermordet.

  • Adressbuch Görlitz, 1912/13: Anna Treitel geb. Adolf, Witwe von Hermann Treitel, Kaufmann, Inhaber der Firma Treitel und Strangfeld, Strickgarne, Strumpf-  und Wollwaren, Trikotagen, Mechanische Strumpfwirkerei.
  • Europäischer Aufruf der Sozialen Arbeiterinitiativen, 1929:  Der Kunstmaler Max Treitel (in Berlin?) unterschreibt  den Protestaufruf  gegen die Gewalt, mit der rumänische Soldaten und Polizisten einen gewaltlosen Bergabeiterstreik in Lupeni niederkartätschten.
  • Adressbuch Guben, 1930:  Kaufmann Werner Treitel und Bankvorsteher Hermann Treitel.7  Eine Ursula und Annelise Treitel  (1 und 5 Jahre) aus Guben, ihr Vater Werner (35) und die in Berlin geborene Mutter Ilse Treitel (31) trafen am 8. April 1939 aus Genua auf dem Schiff „Conte Grande“ in Buenos Aires/Argentinien ein. Werner Treitel, Großvetter des Dr. Thomas Treitel in Albstadt, war katholisch, nach den deutschen „Judengesetzen“  jedoch als „Volljude“ eingetragen und rechtlos. Im November 1938 war er eingesperrt worden. Werner und Ilse Treitel hatten in Argentinien noch eine weitere Tochter.

Bereits am 5. April 1938 waren „Electricist“ Josef Erich (*1897 in Laupheim als Sohn des Rabbiners Dr. Leopold Treitel) seine Frau Rosa, *1899 in Gailingen, und Sohn Sven Treitel, *1929 in Freiburg, auf der „Asturia“ von Southampton in Argentinien angekommen. Die jüdische Gemeinde der Hauptstadt setzte sich überwiegend aus ashkenasischen Juden aus Deutschland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland und der Ukraine zusammen.

Alle oben genannten Treitel mit der Ursprungsherkunft in der Provinz Posen, in Schlesien, Brandenburg und in der Lausitz/Oberlausitz könnten miteinander verwandt sein. Gilt dies aber auch für die

  •  Familie des Sorin Treitel, 1893 bis 1945, verheiratet mit Hermine geb. Feldmann, der aus Rumänien stammte und in Los Angeles begraben liegt?
  • Für den Ungarn Jozef Treitel, 1890 bis 1942, ermordet in  seiner Heimatstadt Großmichel, heute Mihalovce. Diese slowakische Stadt liegt unweit der Grenze zur Ukraine und hatte einen zahlreichen ungarischen Bürgeranteil. Mit dem Vater starben seine Frau Jolan geborene Stuf, 1893 bis 1942, in Maidanek, Sohn Max und Zwillingsschwester Serena, zwölf Jahre alt, und die 20-jährige  Tochter Adela vermutlich in Mihalovce. Ungeklärt ist, mit wem die ebenfalls in Mihalovce lebende Zeni Treitel, 1896 geborene Schönfeld,  verwandt war und was mit ihr geschah.
  • War auch Isidor Treitel, * 1886,  verwandt, der im polnischen Tschenstochau begraben liegt?
  • Zu welchen Treitel gehörten Hermann, Sarah und Serena, die 1944 auf einem Friedhof in Paris beerdigt wurden?  Von wo aus hatten sie in Frankreich Zuflucht gesucht?
  • Und woher stammte Yechiel Treitel, 1845 bis 1903, der aus Russland in die USA einwanderte und in Denver/Colorado begraben wurde? Mit ihm kamen Frau Sarrah und die Töchter Tenna Tillie und Anni. Dass Yechiels Vater Moses Eli Treitel 1825 in (der Provinz?) Posen geboren wurde, legt die Verwandtschaft mit „unseren“ Treitel nahe.
  • Unmittelbar zur Familie gehörten Salomon („Salo“) Treitel, 1852 bis 1925, Lederkaufmann in Breslau: Er hatte das Geschäft das Vaters Josephson übernommen. Seine zehn Jahre jüngere Frau Martha geborene Cohn, wurde 1942 in Theresienstadt ermordet. Salomon hatte die Schwestern Eugenie, * 1857, und Adelheid, 1862 bis 1911, die Brüder Leopold und Hugo und die Söhne Walter und Kurt.

Zahlreiche weitere Nennungen von Treitel finden sich in den Genealogien Amrein, Klotz, Meijer, Frank, Van Coevorden, Kaminski, Vriylad, Potomskow Symu Wielkiego, zum Beispiel in der Ahnenliste Haan Olinga: 1872 ehelicht Eizor Treitel Monassorwitsch Hillmann die Geertruda Breslour.

Die Datenbank http// search.ancestry-bin/sse.dll?gsfn gibt Hinweise auf rund 3200 Treitel, die Mehrheit in den USA. Davon sind etwa 75 Prozent Emigranten aus allen Teilen Deutschlands, angefangen vor 1828. Ferner finden sich hier zahlreiche Auszüge aus amtlichen deutschen Gewerbe-. Studenten-, Anwalts-, Verbände-, Telefon- und Adresslisten. Aus ihnen lassen sich zum Beispiel die beruflichen Lebensdaten der in diesem Beitrag über Dr. Richard Treitel und seine Familie genannten Linie nachvollziehen. Der in einer US-Censusliste genannte Richard Treitel („Wath is Sience Fiktion?“) in New York führt uns stracks zurück in die Familiengeschichte  –  denn dieser Richard ist der Sohn des 1922 in Berlin geborenen Kurt  Max Treitel,  Enkel von Dr. Theodor und Großneffe von Dr. Richard Treitel. Ein weiterer Richard in Mountain View in Kalifornien  ist der Sohn von Sir Guenter Treitel, also ebenfalls Enkel von  Dr. Theodor und Großneffe von Dr. Richard Treitel. Im Gedenken an ihn wurden beide  benannt! Auch Kurt Treitel ist Rechtsanwalt und war für die britische Regierung tätig.  Sir Guenters Sohn Henry Marcus in London  trägt den Namen seines Urgroßvaters.

Der oben im Stammbaum Falk  und der Falk-Treitel- Verwandtschaft genannte Josephson Treitel   war 1789 in Wronke (heute Wronki) geboren worden.  Die Stadt rund 40 Kilometer nordostwärts von Betsche hatte damals rund 2000 Einwohner, Betsche um die 1500.   Josephson hatte mit seiner Frau Zora, 1795 geborene Jeremias, sieben Söhne,

  1. Josephson II. (1816 bis 1886), der nach Breslau abwanderte und sich dort Joseph nannte, Vater des Rabbiners Dr. Leopold Treitel,
  2. Leib, *1822,
  3. Machol, *1828,
  4. Meyer oder Mair, *1834, Großvater von Richard, Werner und Theodor Treitel. Er war der Zwillingsbruder von
  5. Hirsch Josephson, 1834 bis 1898,
  6. Marcus, * 1836,
  7. Michael Samuel, Urgroßvater von Dr. Thomas und Michael Treitel in Albstadt bzw. Niederkassel.8

–> Fortsetzung

Anmerkungen

  1. Emmerich Rolf, Laupheim: Philo und die Synagoge – Dr. Leopold Treitel, der letzte Rabbiner von Laupheim, in Schwäbische Heimat 49, 1998; über die Verwandtschaft mit Nobelpreisträger A. Einstein informierte Dr. Th. C. Treitel/Albstadt im Brief am 03.06.2012
  2. Löbe, Paul:  Der Weg war lang  Lebenserinnerungen, arani Verlag Berlin, 2. Aufl. 1954, S. 229
  3. Gidal, Nachum T.:  Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“, Könemann Verlags-GmbH Köln, 1997, S. 35, 12, 51, 55.
  4. Stockschlaeder Georg, www.ahnenreich.de (Surnam)
  5. Einwohner- und Gewerbelisten der ehemals deutschen Gebiete in Polen; Brandenburgische Einwohnerlisten
  6.  Zu den Wohn- und Kanzlei-Adressen der Treitel-Familien siehe Google View Berlin.
  7. Bürgerinitiative – Citizens Aktions Committees
  8. Treitel, Dr. Thomas, Albstadt: Briefl. Ergänzungen vom 30.05. und 03.06.2012

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