Von Thomas Schmidinger
Aus: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2008, Wien u. a. 2008, S. 103–139
Die Muslim-Brüder und die Juden
Während der arabische Nationalismus eben seine Hochphase erlebte, hatte sich jedoch noch eine zweite antikoloniale Bewegung das Weltbild des europäischen Antisemitismus zu eigen gemacht: die Muslim-Brüder (al-ikhwan al-muslimun), die erste große Bewegung des modernen politischen Islamismus in Ägypten. Ihr Gründer, der ägyptische Volksschullehrer Hassan al-Banna, der über keine tiefergehende religiöse Ausbildung verfügte, vertrat eine extrem rigide Vorstellung einer in sich geschlossenen „islamischen Gesellschaft“, die alle Lebensbereiche umfassen sollte, also auch die Öffentlichkeit und den Staat: „We believe that Islam is an all-embracing concept which regulates every aspect of live, adjudicating on every one its concerns and prescribing for it a solid and rigorous order.“[01]
Der Islam stellte für die Ikhwan damit nicht nur Religion (din), sondern auch Gemeinwesen/Staat (dawla), also „din wa dawla“ dar. Zu Lebzeiten ihres Gründers stellte die Organisation eine straff organisierte klandestine Kaderorganisation mit einem eigenen bewaffneten Arm dar, den „tanzim al-khas“ – auch als „tanzim al-sirri“ bekannt –, die sich wie der frühe arabische Nationalismus und die arabische Linke als antikoloniale Bewegung sah, jedoch keinen postkolonialen Nationalstaat errichten wollte, sondern einen islamischen Staat der Umma, der islamischen Gemeinschaft.
Kurz nach der Abschaffung des Khalifats durch die kemalistische Türkei war es in den ersten Jahren der Muslim-Bruderschaft selbstverständlich, dass dieser „islamische Staat“ in der Wiedererrichtung des Khalifats bestehen würde. Deshalb wurde auch keine spezifischere Beschreibung des angestrebten „islamischen Systems“ (nizam islami) ausformuliert. Die politischen Forderungen Hassan al-Bannas, die er 1936 in seinem Traktat „nahwa an-nur“ („Aufbruch zum Licht“) an eine Reihe von arabischen Staatsoberhäuptern schickte, inkludierten die „Beendigung des Parteienwesens, islamische Reform des Rechts, kulturelle Zensurmaßnahmen, Wahrung islamischer Moralvorstellungen, Zins- und Profitverbot, Redistribution des Reichtums usw.“ und „erklären sich aus seiner Wahrnehmung der gesellschaftlichen Konflikte, in der kulturelle Verwestlichung, europäische Vorherrschaft und soziale Ungleichheit untrennbar verschmolzen sind“.[02]
Mit diesem ideologischen Amalgam war der Schritt zum offenen Antisemitismus jedoch schon nahe. Was die Anhänger Hassan al-Bannas mit dem arabischen Nationalismus verband, waren schließlich die Feindbilder: Kolonialisten, Kommunisten, Liberale und Juden. Antikommunismus und Antisemitismus bildeten einen integralen Bestandteil der militanten Bewegung. Bereits 1938 führte die Muslim-Bruderschaft gewalttätige Proteste gegen Juden unter den Parolen „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“ durch.
Auch wenn sich die Muslim-Brüder ideologisch weniger eindeutig am Nationalsozialismus orientierten als andere Strömungen des arabischen Nationalismus, so war der Antisemitismus genau jener Bereich, wo sie sich in den 1930er Jahren die deutlichsten Anleihen holen konnten, den aber erst Sayyid Qutb 1950 in seinem Aufsatz „Unser Kampf mit den Juden“[03] systematisch islamisieren sollte.
»» Fortsetzung: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14
- Hassan al-Banna, Majmu‘at Rasa‘il, hrsg. v. der International Islamic Federation of Student Organizations (IIFSO), Kuwait (o. J.), S. 83. [↩]
- Jürgen Endres / Dietrich Jung, Was legitimiert den Griff zur Gewalt? Unterschiede im Konfliktverhalten slamischer Organisationen in Ägypten, in: Politische Vierteljahresschrift, . 1, 39. Jg., März 1998, S. 91–109. [↩]
- Sayyid Qutb, Ma‘rakatuna ma‘a al-Yahud, Jedda (Saudi-Arabien) 1970. [↩]
Related posts:
- Ausstellung: Antisemitismus? Antizionismus? Israelkritik?
Ausstellungseröffnung am 5. März um 19 Uhr im Gasteig – Gleichzeitig beginnt eine Veranstaltungsreihe als umfangreiches Begleitprogramm… Am... - Zentralrat der Juden warnt: Der Antisemitismus globalisiert sich
Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, hat vor einem sich weltweit ausbreitenden Antisemitismus gewarnt.... - Neue Feindschaft, alte Muster: Micha Brumlik zum Vergleich von Islamophobie und Antisemitismus
Seit einer Veröffentlichung des Publizisten Wolfgang Benz gibt es Streit ob Islamophobie und Antisemitismus vergleichbar sind… Seit den... - Antisemitismus in der Linkspartei
Die Diskussionen über Antisemitismus in der Linkspartei und den Umgang damit hält weiter an, auch nachdem die Fraktion...




![[Druckerfreundliche Version] [Druckerfreundliche Version]](http://www.hagalil.com/archiv/wp-content/plugins/wp-print/images/printer_famfamfam.gif)
@Simcha – ‘ich brauche dazu keine fremden quellen wie sie, sondern weiß es direkt’
Schön – das wäre ja noch ein Grund mehr zu erzählen.
@Jane
Nachdem Sie uns wieder eingedeckt haben mit Ihren Worten und Sätzen, mit Ihren sehr persönlichen Aussagen und Meinungen, mit Ihrem Dafürhalten und Ihren Mahnungen, möchte ich gerne Eines von Ihnen wissen:
Was motiviert Sie, Jane?
Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen, aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben.
Was ist der Impetus dahinter?
Welche persönlichen Bezüge hat der Mensch Jane zum Judentum, zu Israel, zum Geschehen im Nahen Osten?
Haben Sie je Auschwitz besucht? Waren Sie schon einmal in Israel? Haben/hatten Sie israelische oder jüdische Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn? Spielen christliche Beweggründe bei Ihnen eine große Rolle?
Oder gab es in Ihrer Familie eine oder zwei Generationen vor Ihnen solche Bezüge?
Waren etwa Ihr Vater, Großvater, Onkel etc. bei der Wehrmacht, bei der SS oder gehörten sie dem T4-Komplex an?
Verzeihen Sie meine möglicherweise als unangenehm empfundenen Fragen, aber, wenn sich ein Mensch (wie Sie) derart Mühe, Arbeit, Aufwand für eine Sache macht, dann muss ihn doch, nach allem menschlichen Ermessen, irgendetwas sehr Starkes dazu motivieren. Und so ist es doch nur natürlich, dass Ihre Leser darüber gerne Bescheid wüssten.
‘Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen’
Unsinn – bzgl. der Vertreibung der Ostdeutschen bin ich freilich nicht gerade ein Experte und nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt. Über Nazi-Deutschland im Allgemeinen bin ich durchaus ganz gut informiert.
‘aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben ‘
Ist es nicht das, was hier mehr oder weniger alle tun?
Meine persönlichen Bezüge – ich habe verwandschaftliche Bezüge nach Israel, ein guten Freund, der in der West-Bank groß wurde, eine Halbjüdin in meiner Familie, einige Freunde die einen jüdischen Elternteil haben und darüberhinaus mehrere europäische Nationen in der Familie, deutsche Großeltern, die man wohl eindeutig als Mitläufer in NaziDeutschland klassifizieren sollte und ein anderes Großelternpaar, das jüdische Freunde hatte und unvoreingenommen Juden gegenüber war – soweit möglicherweise der große Rundumschlag, der hier für viele nur schwer nachzuvollziehen ist.
Meine Gesinnung ist aber auch keine andere, als die jüdischer Dissidenten, die sich dringend deultichere Kritik wünschen und denen fühle ich mich verwand im Geiste, genauso wie es solche in muslimischen Ländern oder sonstwo gibt – dafür gibt es keine nationalen, religiösen oder andere rassistische Demarkationslinien.
Darüberhinaus finde ich die angebliche Unlösbarkeit des Nah-Ost-Konflikts absurd und falsch und frage mich wieviele Generationen noch geboren und sterben werden, ohne dass es hierbei zu einem Ende kommt. In meinen Augen knickt der Holocaust die Optik allzu sehr und es sollte möglich sein die israelische Politik angemessen (und das ist in meinen Augen durchaus scharf) zu kritisieren, ohne deshalb den Holocaust zu relativieren, was überhaupt nicht meine Absicht ist und was ich auch nicht tue, auch wenn einem dass dann in einem nur scheinbar logischen Schluss dauernd unterstellt wird.
Ich finde das westliche Projekt im großen und ganzen vergleichsweise gut, aber fürchte, dass wir unsere Chance durch unsere doppelten Standards und auch durch Doppelzüngigkeit möglicherweise verspielen werden – das finde ich sehr schade.
Ach noch was – was ist denn ein T4- Komplex?
Christliche Bezüge – ich mag Jesus, aber aus der Kirche bin ich ausgetreten. Die Grenzen die die Religion zwischen den Menschen zieht sind mir suspekt, ganz egal welche.
“was ist denn ein T4- Komplex”
ich denke sie sind gut informiert? googeln sie mal: tiergartenstraße 4 in berlin während der nazizeit.
“Halbjüdin”
sie entlarven sich immer mehr.
@Robert Schlickewitz
@simcha
Ist es nicht auffallend, dass besonders viele von den aktiven Antisemiten große Mengen an “jüdischen Freunden” vorweisen können?
Dadurch sollen ihre Gehirnabsonderungen den kaschrut-Zertifikat bekommen.
“halbjüdin” klingt gut. So ein Nazisprach. Aber Fünfachteljude wäre natürlich viel lüstiger. Ich kenne einen dreiviertel Buddhisten. Ich kann daher ohne weiteres mich als Buddhismusexperte bezeichnen und die Vorgänge im Thailand zu kritisieren. Und weil ich einen Halbmoslem zu meinem Bekanntenkreis zähle, bin ich fähig das Handeln von PA in Rammalah besonders kritisch zu beurteilen. Tue ich das aber nicht. Ich bin nämlich weder bescheuert noch bekloppt.
T4:
http://www.klick-nach-rechts.de/ticker/2004/02/t4.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Holocaust/t4.html
http://www.euthanasie.net/
http://www.lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/Filter/Aktion-T4/385
http://www.deathcamps.org/euthanasia/T4intro_d.html
Reinhard D.
ja, es ist auffällig. ich stelle mir vor, in ihrer familie gäbe es “halb”kirgisen, was da wohl los wäre.
die ohne hemmungen verwendete nazidefinition “halbjüdin” hat aber letztendlich alles klar gemacht. “ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.”