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Zur Islamisierung des Antisemitismus

Von Thomas Schmidinger
Aus: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2008, Wien u. a. 2008, S. 103–139

Arabischer Nationalismus

Der koloniale Zugriff auf die arabisch-islamische Welt zeigte nicht nur politische und ökonomische Folgen, sondern ermöglichte durch die Verbreitung europäischer Fremdsprachen auch zunehmend den intellektuellen Austausch von Ideen. Neben Marxismus und Liberalismus kamen so vor allem nationalistische Ideen in die Region. Die neuen politischen Bewegungen bedienten sich der nationalistischen Ideen aus Europa – und wendeten sie gegen die europäischen Kolonialmächte. Dabei wurden Teile des entstehenden arabischen Nationalismus vom deutschen Nationskonzept beeinflusst, das mit der Idee einer Kultur- und Abstammungsnation für die gespaltene und zerrissene „Arabische Nation“ adäquater erschien als das französische Konzept einer Staatsbürgernation.

Neben dieser strukturellen Ähnlichkeit spielten auch taktische Gründe eine gewisse Rolle, da Deutschland, insbesondere mit der Machtübernahme der Nazis und dem wachsenden Gegensatz zu England und Frankreich, als potentieller Verbündeter gegen die französische und britische Kolonial- bzw. Protektoratsmacht gesehen wurde.

Sowohl die von Saleh Bitar und Michel Aflaq gegründete Baath-Partei als auch die Syrisch Sozial-Nationalistische Partei[01], die Misr al-Fatat („Das Junge Ägypten“) oder die Jugendbewegung al-Futuwwa aus dem Irak wurden stark von europäischen Faschismen, insbesondere vom Nationalsozialismus, beeinflusst. Diese Gruppierungen konnten zwar einige Mobilisierungserfolge verbuchen, es gelang ihnen jedoch vorerst nicht, wirkliche Massenbewegungen aufzubauen, die nachhaltig antisemitisches Gedankengut hätten verbreiten können.

In Ägypten versuchten von 1933 bis 1935 deutsche Agenten, „die Juden aus der Masse der lokalen Minderheiten auszusondern und anzugreifen“. Dagegen bildete sich jedoch rasch eine „Liga gegen den deutschen Antisemitismus, die zwar von Juden getragen war, aber Unterstützung in breiteren Kreisen der ägyptischen Gesellschaft fand”.[02] Der deutsche Botschafter in Kairo musste schließlich resigniert feststellen: „Für das Verständnis der Rassentheorien ist der Bildungsgrad der breiten Masse nicht fortschrittlich genug. Das Verständnis für die Gefahren des Judentums ist hier noch nicht geweckt.“[03]

Die Versuche, faschistische Bewegungen in den arabischen Gesellschaften aufzubauen, blieben vorerst erfolglos, säten jedoch ideologische Samen, die später aufkeimen sollten, und beeinflussten zudem die frühen Bewegungen des politischen Islam, wie die 1928 in Ägypten gegründete Muslim-Bruderschaft (al-Ikhwan al-Muslimun), in Bezug auf dem Nationalsozialismus entliehene antisemitische Ressentiments. Eine Schlüsselfigur stellt in diesem Zusammenhang Haj Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem, dar. Als religiöses Oberhaupt der sunnitischen Muslime Palästinas verfügte er über großen politischen Einfluss in der gesamten Region. Al-Husseinis Positionen waren umstritten, doch in den dreißiger Jahren wurde er mit der gezielten, oft blutigen Ausschaltung seiner politischen Gegner zu einer der wichtigsten politischen Führer der palästinensischen Nationalbewegung. Heute noch wird er von vielen PalästinenserInnen als Nationalheld betrachtet. Nach dem gescheiterten palästinensischen Aufstand von 1936-1939, wobei ihm der saudische König Ibn Saud 1939 Saudi-Arabien als Transitland für deutsche Waffenlieferungen nach Palästina angeboten hatte[04], spielte er eine wichtige Rolle in der arabisch-nationalistischen Szene des Irak. Dort unterstützte er 1941 den deutschfreundlichen Putsch von Rashid Ali al-Gaylani. Der Aufstand mit militärischer Unterstützung aus Deutschland endete schließlich im Farhud, der Ermordung von 179 Jüdinnen und Juden.[05] Nach der Niederschlagung dieses Putsches durch die britische Armee flüchteten Gaylani und Husseini nach Deutschland, wo sie sich an der Propaganda des NS-Staates an die arabische Öffentlichkeit beteiligten, jedoch auch in eine Rivalität um die Unterstützung durch die verschiedenen deutschen Stellen gerieten.[06]

Al-Husseini war den Nazis nicht nur behilflich, Freiwillige für muslimische SS-Divisionen in Bosnien zu rekrutieren, sondern rief während seines Exils in Deutschland auch öffentlich dazu auf, Juden zu ermorden und dem Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft in Palästina, ein Ende zu bereiten. Husseinis Aktivitäten in Europa „durchzog als wesentliches Kontinuum die permanente Propagierung von Antisemitismus. Ungezählte Besprechungsprotokolle, Reden, Denkschriften, Briefe und sonstige Äußerungen zeugen davon, dass sein Hass auf die Juden der entscheidende Motor war, der ihn antrieb.“[07]

Der Export antisemitischer Ideologie aus Europa fand 1945 jedoch kein Ende. Im Gegenteil: Untergetauchte Nazis aus Deutschland fanden als „Spezialisten für Judenfragen“ in Syrien und Ägypten neue Aufgabenfelder. Dabei dürfte erneut Haj Amin al-Husseini eine gewisse Rolle gespielt haben, der sich 1946 als gesuchter Kriegsverbrecher nach Ägypten absetzen konnte und nach 1948 einige Jahre eine „Arabische Regierung für ganz Palästina“ im Gaza-Streifen kommandierte. Seine Verbindungen und die anderer ehemaliger arabischer NS-Kollaborateure ermöglichten es nun alten Bekannten aus Deutschland, im Nahen Osten Fuß zu fassen. So organisierte etwa SSStandartenführer Leopold Gleim, ehemals Gestapoführer in Polen, unter dem Namen Ali al-Nacher die Geheimpolizei Gamal Abd al-Nassers und war dabei für die Überwachung der ägyptischen Juden und Jüdinnen zuständig.

Johannes von Leers, ein enger Mitarbeiter von Joseph Goebbels, arbeitete als Amin Ben Omar im ägyptischen Informationsministerium. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender, der als Gestapo-Mitarbeiter in Polen und Russland tätig war, begann seine zweite Karriere unter dem Namen Ben Salem in der politischen Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei. SS-Sturmbannführer Joachim Däumling wurde Berater des ägyptischen Innenministeriums, SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel des ägyptischen Geheimdienstes, SS-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde dank seiner Kenntnisse des Jiddischen zum Berater der Gegenspionage. Einige, wie der berüchtigte KZ-Arzt in Buchenwald, Dr. Hans Eisele, hatten sich sogar unter ihrem richtigen Namen in Kairo niedergelassen. „Eisele praktizierte wieder, genauso wie sein Kollege Dr. [Aribert] Heribert Heim, Lagerarzt in Mauthausen, der als Arzt bei der ägyptischen Polizei aushalf.“[08] Auch die rechte Hand Adolf Eichmanns, SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, landete unter dem Namen Dr. Georg Fischer in Kairo, wo er mit einem Touristenvisum jedoch nur drei Monate bleiben konnte. Auch Brunner soll von Haj Amin al-Husseini den Rat bekommen haben, sich in Damaskus niederzulassen.

Husseinis Familie hatte bereits in einer Wohnung in Damaskus Franz Stangl, den Kommandanten der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka, untergebracht, und quartierte nun auch „Dr. Georg Fischer“ in der syrischen Hauptstadt ein, wo er bald u. a. als Geheimdienstberater zu „Judenfragen“ agierte, aber auch über beste Kontakte zum deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) verfügte. Noch 1985 gab er dort – als Alois Brunner – der deutschen Illustrierten Bunte ein Interview. Zwei Jahre später erklärte er einem Journalisten der Kronen Zeitung, dass dieser froh sein solle, dass er „das schöne Wien [...] judenfrei gemacht“ habe.[09]

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  1. Vgl. Milos Mendel / Zdenek Müller, Fascist Tendencies in the Levant in the 1930s and 1940s, in: Archiv Orientalni, H. 55/1987, S. 1–7. []
  2. Bunzl, Juden im Orient, S. 51. []
  3. Zitiert nach: Gudrun Krämer, Minderheit, Millet, Nation? Die Juden Ägyptens 1914–1952, Wiesbaden 1982, S. 278. []
  4. Mallmann / Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz, S. 46. []
  5. Maurice Shohet, Die letzten Verbliebenen. 2600 Jahre jüdische Geschichte im Irak, in: Mary Kreutzer / Thomas Schmidinger (Hrsg.), Irak. Von der Republik der Angst zur bürgerlichen Demokratie?, Freiburg 2004, S. 136–149. []
  6. Mallmann / Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz, S. 111. []
  7. Ebenda, S. 113 f. []
  8. Georg Hafner / Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist, Reinbek bei Hamburg 2002 (2000), S. 267. []
  9. Gerald Freihofner, Kopf(los)geld nach 62 Jahren, in: Wiener Zeitung, 20. Juli 2007, auf: http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4564&Alias=wzo&cob=294446¤tpage=0, abgefragt am 15. 12. 2007. []

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47 comments to Zur Islamisierung des Antisemitismus

  • Jane

    @Simcha – ‘ich brauche dazu keine fremden quellen wie sie, sondern weiß es direkt’

    Schön – das wäre ja noch ein Grund mehr zu erzählen.

  • Robert Schlickewitz

    @Jane

    Nachdem Sie uns wieder eingedeckt haben mit Ihren Worten und Sätzen, mit Ihren sehr persönlichen Aussagen und Meinungen, mit Ihrem Dafürhalten und Ihren Mahnungen, möchte ich gerne Eines von Ihnen wissen:

    Was motiviert Sie, Jane?

    Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen, aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben.

    Was ist der Impetus dahinter?

    Welche persönlichen Bezüge hat der Mensch Jane zum Judentum, zu Israel, zum Geschehen im Nahen Osten?

    Haben Sie je Auschwitz besucht? Waren Sie schon einmal in Israel? Haben/hatten Sie israelische oder jüdische Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn? Spielen christliche Beweggründe bei Ihnen eine große Rolle?

    Oder gab es in Ihrer Familie eine oder zwei Generationen vor Ihnen solche Bezüge?
    Waren etwa Ihr Vater, Großvater, Onkel etc. bei der Wehrmacht, bei der SS oder gehörten sie dem T4-Komplex an?

    Verzeihen Sie meine möglicherweise als unangenehm empfundenen Fragen, aber, wenn sich ein Mensch (wie Sie) derart Mühe, Arbeit, Aufwand für eine Sache macht, dann muss ihn doch, nach allem menschlichen Ermessen, irgendetwas sehr Starkes dazu motivieren. Und so ist es doch nur natürlich, dass Ihre Leser darüber gerne Bescheid wüssten.

  • Jane

    ‘Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen’

    Unsinn – bzgl. der Vertreibung der Ostdeutschen bin ich freilich nicht gerade ein Experte und nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt. Über Nazi-Deutschland im Allgemeinen bin ich durchaus ganz gut informiert.

    ‘aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben ‘

    Ist es nicht das, was hier mehr oder weniger alle tun?

    Meine persönlichen Bezüge – ich habe verwandschaftliche Bezüge nach Israel, ein guten Freund, der in der West-Bank groß wurde, eine Halbjüdin in meiner Familie, einige Freunde die einen jüdischen Elternteil haben und darüberhinaus mehrere europäische Nationen in der Familie, deutsche Großeltern, die man wohl eindeutig als Mitläufer in NaziDeutschland klassifizieren sollte und ein anderes Großelternpaar, das jüdische Freunde hatte und unvoreingenommen Juden gegenüber war – soweit möglicherweise der große Rundumschlag, der hier für viele nur schwer nachzuvollziehen ist.

    Meine Gesinnung ist aber auch keine andere, als die jüdischer Dissidenten, die sich dringend deultichere Kritik wünschen und denen fühle ich mich verwand im Geiste, genauso wie es solche in muslimischen Ländern oder sonstwo gibt – dafür gibt es keine nationalen, religiösen oder andere rassistische Demarkationslinien.

    Darüberhinaus finde ich die angebliche Unlösbarkeit des Nah-Ost-Konflikts absurd und falsch und frage mich wieviele Generationen noch geboren und sterben werden, ohne dass es hierbei zu einem Ende kommt. In meinen Augen knickt der Holocaust die Optik allzu sehr und es sollte möglich sein die israelische Politik angemessen (und das ist in meinen Augen durchaus scharf) zu kritisieren, ohne deshalb den Holocaust zu relativieren, was überhaupt nicht meine Absicht ist und was ich auch nicht tue, auch wenn einem dass dann in einem nur scheinbar logischen Schluss dauernd unterstellt wird.

    Ich finde das westliche Projekt im großen und ganzen vergleichsweise gut, aber fürchte, dass wir unsere Chance durch unsere doppelten Standards und auch durch Doppelzüngigkeit möglicherweise verspielen werden – das finde ich sehr schade.

    Ach noch was – was ist denn ein T4- Komplex?

    Christliche Bezüge – ich mag Jesus, aber aus der Kirche bin ich ausgetreten. Die Grenzen die die Religion zwischen den Menschen zieht sind mir suspekt, ganz egal welche.

  • simcha

    “was ist denn ein T4- Komplex”

    ich denke sie sind gut informiert? googeln sie mal: tiergartenstraße 4 in berlin während der nazizeit.

    “Halbjüdin”

    sie entlarven sich immer mehr.

  • Reinhard D.

    @Robert Schlickewitz
    @simcha

    Ist es nicht auffallend, dass besonders viele von den aktiven Antisemiten große Mengen an “jüdischen Freunden” vorweisen können?
    Dadurch sollen ihre Gehirnabsonderungen den kaschrut-Zertifikat bekommen.
    “halbjüdin” klingt gut. So ein Nazisprach. Aber Fünfachteljude wäre natürlich viel lüstiger. Ich kenne einen dreiviertel Buddhisten. Ich kann daher ohne weiteres mich als Buddhismusexperte bezeichnen und die Vorgänge im Thailand zu kritisieren. Und weil ich einen Halbmoslem zu meinem Bekanntenkreis zähle, bin ich fähig das Handeln von PA in Rammalah besonders kritisch zu beurteilen. Tue ich das aber nicht. Ich bin nämlich weder bescheuert noch bekloppt.

  • simcha

    Reinhard D.

    ja, es ist auffällig. ich stelle mir vor, in ihrer familie gäbe es “halb”kirgisen, was da wohl los wäre. :D
    die ohne hemmungen verwendete nazidefinition “halbjüdin” hat aber letztendlich alles klar gemacht. “ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.”