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Zur Islamisierung des Antisemitismus

Von Thomas Schmidinger
Aus: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2008, Wien u. a. 2008, S. 103–139

Vom Pogrom zum modernen Antisemitismus

Allerdings gab es auch im islamischen Herrschaftsbereich immer wieder Verfolgungen religiöser Minderheiten. Sie trafen meistens sowohl Christen und Christinnen als auch Juden und Jüdinnen. Sowohl Verfolgungen, die sich ausschließlich gegen jüdische Bevölkerungsgruppen richteten, aber auch Angriffe, die allein die christlichen Minderheiten trafen, sind uns aus der islamischen Geschichte bekannt.

Trotzdem ist im Nahen Osten eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, die den modernen Antisemitismus in Europa hervorgebracht hatte. Der moderne Antisemitismus in Europa wäre ohne eine ökonomische Entwicklung, die einen Antikapitalismus hervorbrachte, der ohne die marxsche Wert- und Kapitalismuskritik notwendig zu einem verkürzten Antikapitalismus wurde, nicht denkbar. Die Entwicklung zum Kapitalismus machte aus den unmittelbaren personalen Herrschaftsverhältnissen ein warenvermitteltes Herrschaftsverhältnis. Die Suche nach den Schuldigen für die Zumutungen der kapitalistischen Moderne macht, dort wo es keine Träger personaler Herrschaftsverhältnisse gibt, diese Suche zu einer Suche nach halluzinierten Verschwörungen, in deren Mittelpunkt in Europa die Juden und Jüdinnen standen. „Während es der Herrschaft ökonomisch nicht mehr bedürfte, werden die Juden als deren absolutes Objekt bestimmt, mit dem bloß noch verfahren werden soll.“[01]

Mit dem Einzug der Moderne, die jedoch von außen über die Kolonialmächte eindrang und die Muslime trotz des Anspruchs auf Gleichheit in der Realität nicht als Gleiche betrachtete und behandelte, in der die Muslime den eigentlichen Anspruch auf Superiorität immer deutlicher verloren, entstand auch in der islamischen Welt das Bedürfnis nach Verschwörungstheorien. Nur damit schien es Intellektuellen und lokalen Eliten möglich, die eigene Unterlegenheit zu erklären.

Diese Verschwörungstheorien richteten sich im Nahen Osten zunächst eher gegen die christlichen Minderheiten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Einfluss „christlicher“ europäischer Mächte im islamisch beherrschten Raum. Sie drängten unter anderem auf eine ökonomische und politische Besserstellung der christlichen Minderheiten, die sie als Verbündete ihrer beginnenden Kolonialpolitik betrachteten. Für die jüdischen Minderheiten interessierten sich die europäischen Mächte, zunächst mit Ausnahme Großbritanniens, nicht. Die durch die hegemoniale Politik und damit verbundenen Minderwertigkeitskomplexe ausgelösten Aggressionen richteten sich daher eher gegen die arabischen ChristInnen als gegen Jüdinnen und Juden. So wurde im späten Osmanischen Reich die Verfolgung der christlichen ArmenierInnen durch die nationalistischen „Jungtürken“ teilweise mit ähnlichen Stereotypen begründet, wie sie der europäische Antisemitismus benutzte.

Die über das gesamte Land verteilten, teilweise im Handel aktiven ArmenierInnen wurden mit Wucher und Geldgeschäften in Verbindung gebracht, im Ersten Weltkrieg als Verbündete Russlands betrachtet und 1915 vor allem durch Massendeportationen in die Wüste vernichtet.

Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass sich dieser Hass nicht zumindest regional auch gegen Jüdinnen und Juden entladen konnte. Die erste Ritualmordlegende gegen Juden im Nahen Osten wurde bereits 1840 in Damaskus von aus Europa kommenden Franziskanern mit Unterstützung des französischen Konsuls erhoben und führte zu massiven Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung („Damaskusaffäre“) und zu einer weit über Syrien hinausreichenden Aufmerksamkeit. Die Ritualmordlegenden wurden damit von christlichen Mönchen aus dem christlichen Europa in die islamische Welt importiert. Im iranischen Shiraz kam es 1910 zu einem Pogrom in der Folge einer Ritualmordlegende, bei dem 12 Juden ermordet und 50 verletzt wurden. In Hebron wurden 1929 67 Angehörige der alten jüdisch-arabischen Gemeinde bei einem Pogrom ermordet. Insgesamt blieben solche Ereignisse jedoch lokal begrenzt und sind, trotz ihrer Tragik, nicht mit dem epidemischen Auftreten von Pogromen in Osteuropa vergleichbar.

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  1. 35 Theodor W. Adorno / Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Gesammelte Schriften Bd. 3, S. 192. []

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47 comments to Zur Islamisierung des Antisemitismus

  • Jane

    @Simcha – ‘ich brauche dazu keine fremden quellen wie sie, sondern weiß es direkt’

    Schön – das wäre ja noch ein Grund mehr zu erzählen.

  • Robert Schlickewitz

    @Jane

    Nachdem Sie uns wieder eingedeckt haben mit Ihren Worten und Sätzen, mit Ihren sehr persönlichen Aussagen und Meinungen, mit Ihrem Dafürhalten und Ihren Mahnungen, möchte ich gerne Eines von Ihnen wissen:

    Was motiviert Sie, Jane?

    Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen, aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben.

    Was ist der Impetus dahinter?

    Welche persönlichen Bezüge hat der Mensch Jane zum Judentum, zu Israel, zum Geschehen im Nahen Osten?

    Haben Sie je Auschwitz besucht? Waren Sie schon einmal in Israel? Haben/hatten Sie israelische oder jüdische Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn? Spielen christliche Beweggründe bei Ihnen eine große Rolle?

    Oder gab es in Ihrer Familie eine oder zwei Generationen vor Ihnen solche Bezüge?
    Waren etwa Ihr Vater, Großvater, Onkel etc. bei der Wehrmacht, bei der SS oder gehörten sie dem T4-Komplex an?

    Verzeihen Sie meine möglicherweise als unangenehm empfundenen Fragen, aber, wenn sich ein Mensch (wie Sie) derart Mühe, Arbeit, Aufwand für eine Sache macht, dann muss ihn doch, nach allem menschlichen Ermessen, irgendetwas sehr Starkes dazu motivieren. Und so ist es doch nur natürlich, dass Ihre Leser darüber gerne Bescheid wüssten.

  • Jane

    ‘Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen’

    Unsinn – bzgl. der Vertreibung der Ostdeutschen bin ich freilich nicht gerade ein Experte und nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt. Über Nazi-Deutschland im Allgemeinen bin ich durchaus ganz gut informiert.

    ‘aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben ‘

    Ist es nicht das, was hier mehr oder weniger alle tun?

    Meine persönlichen Bezüge – ich habe verwandschaftliche Bezüge nach Israel, ein guten Freund, der in der West-Bank groß wurde, eine Halbjüdin in meiner Familie, einige Freunde die einen jüdischen Elternteil haben und darüberhinaus mehrere europäische Nationen in der Familie, deutsche Großeltern, die man wohl eindeutig als Mitläufer in NaziDeutschland klassifizieren sollte und ein anderes Großelternpaar, das jüdische Freunde hatte und unvoreingenommen Juden gegenüber war – soweit möglicherweise der große Rundumschlag, der hier für viele nur schwer nachzuvollziehen ist.

    Meine Gesinnung ist aber auch keine andere, als die jüdischer Dissidenten, die sich dringend deultichere Kritik wünschen und denen fühle ich mich verwand im Geiste, genauso wie es solche in muslimischen Ländern oder sonstwo gibt – dafür gibt es keine nationalen, religiösen oder andere rassistische Demarkationslinien.

    Darüberhinaus finde ich die angebliche Unlösbarkeit des Nah-Ost-Konflikts absurd und falsch und frage mich wieviele Generationen noch geboren und sterben werden, ohne dass es hierbei zu einem Ende kommt. In meinen Augen knickt der Holocaust die Optik allzu sehr und es sollte möglich sein die israelische Politik angemessen (und das ist in meinen Augen durchaus scharf) zu kritisieren, ohne deshalb den Holocaust zu relativieren, was überhaupt nicht meine Absicht ist und was ich auch nicht tue, auch wenn einem dass dann in einem nur scheinbar logischen Schluss dauernd unterstellt wird.

    Ich finde das westliche Projekt im großen und ganzen vergleichsweise gut, aber fürchte, dass wir unsere Chance durch unsere doppelten Standards und auch durch Doppelzüngigkeit möglicherweise verspielen werden – das finde ich sehr schade.

    Ach noch was – was ist denn ein T4- Komplex?

    Christliche Bezüge – ich mag Jesus, aber aus der Kirche bin ich ausgetreten. Die Grenzen die die Religion zwischen den Menschen zieht sind mir suspekt, ganz egal welche.

  • simcha

    “was ist denn ein T4- Komplex”

    ich denke sie sind gut informiert? googeln sie mal: tiergartenstraße 4 in berlin während der nazizeit.

    “Halbjüdin”

    sie entlarven sich immer mehr.

  • Reinhard D.

    @Robert Schlickewitz
    @simcha

    Ist es nicht auffallend, dass besonders viele von den aktiven Antisemiten große Mengen an “jüdischen Freunden” vorweisen können?
    Dadurch sollen ihre Gehirnabsonderungen den kaschrut-Zertifikat bekommen.
    “halbjüdin” klingt gut. So ein Nazisprach. Aber Fünfachteljude wäre natürlich viel lüstiger. Ich kenne einen dreiviertel Buddhisten. Ich kann daher ohne weiteres mich als Buddhismusexperte bezeichnen und die Vorgänge im Thailand zu kritisieren. Und weil ich einen Halbmoslem zu meinem Bekanntenkreis zähle, bin ich fähig das Handeln von PA in Rammalah besonders kritisch zu beurteilen. Tue ich das aber nicht. Ich bin nämlich weder bescheuert noch bekloppt.

  • simcha

    Reinhard D.

    ja, es ist auffällig. ich stelle mir vor, in ihrer familie gäbe es “halb”kirgisen, was da wohl los wäre. :D
    die ohne hemmungen verwendete nazidefinition “halbjüdin” hat aber letztendlich alles klar gemacht. “ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.”