Politischer Islam – Stresstest für Deutschland

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erschienen viele Bücher, die auf die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus aufmerksam machten. Dabei richtete sich der Blick meist nur auf die Entwicklung in den jeweiligen Herkunftsländern. Noch geringeres Interesse fand darüber hinaus, dass es auch einen legalistischen Islamismus gab. In Deutschland erschienen daher nur wenige Monographien mit einem entsprechenden Schwerpunkt. Dazu gehört auch das Buch „Politischer Islam. Stresstest für Deutschland“, das die Ethnologin Susanne Schröter vorgelegt hat…

Von Armin Pfahl-Traughber

Susanne Schröter arbeitet als Professorin an der Universität Frankfurt am Main und ist Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Das „Erstarken des politischen Islam“ (S. 8), so das zentrale Argument ihres Buches, erkläre viele Probleme, die mit bedenklichen Entwicklungen in der muslimischen Gemeinschaft zusammenhingen. Die Autorin macht dabei von Anfang an klar, dass es sich beim politischen Islam um eine Sonderform des Islam handele und diese nicht der Weltreligion entspreche.

Bereits zu Beginn wird verdeutlicht: „Der politische Islam ist ein Gegenentwurf zur säkularen Moderne und den Freiheitsrechen des Individuums“ (S. 10). Genau in dieser Fortstellung werden auch die Gefahren gesehen. Zunächst geht Schröter aber auf die Ursprünge ein, wobei der Muslimbruderschaft ein hoher Stellenwert zukommt. Danach beschreibt sie den globalen Siegeszug des politischen Islam, der Blick fällt nicht nur auf den Iran oder die Türkei, sondern auch auf Südostasien.  Das was vielen sonstigen Darstellungen zum Thema fehlt, findet man hier: Aussagen über den Islamismus im eigenen Land. Die Autorin behandelt dabei zunächst die Muslimbruderschaft, die bereits in den 1950er Jahren erste Strukturen bilden konnte. Dann geht es um den türkischstämmigen Islamismus und zwar nicht nur bezogen auf die „Milli Görüs“-Bewegung. Auch die DITIB als offizielle Einrichtung wird thematisiert, habe diese doch eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen. Die Autorin verweist auf die strukturellen Abhängigkeiten, jetzt eben von Erdogan.

Darüber hinaus werden die Einflussversuche der iranischen Mullahs thematisiert, wobei auch die antisemitischen und israelfeindlichen „Qudstage“ ein Thema bilden. Erst dann ist der gewaltbereite und terroristische Islamismus ein Thema. Danach geht die Autorin über ihr eigentliches Schwerpunktthema hinaus. Die allgemeine Frauendiskriminierung und alltägliche Konfliktthemen bilden fortan den Schwerpunkt. Zu letzteren gehört das ansteigende Mobbing an Schulen. Davon sind nicht nur, aber auch jüdische Schüler betroffen. Insofern findet man noch ein gesondertes Kapitel, das den muslimischen Antisemitismus als tabuisierte Gefahr thematisiert. Dabei kritisiert die Autorin zutreffend, dass diese Form von Judenfeindlichkeit nicht selten als bloße „Israelkritik“ verharmlost werde. Und schließlich heißt es noch mit einer Kritik in Richtung Staat: „Eine einseitige Fokussierung auf die muslimischen Dachverbände bedeutet nichts anderes als die Privilegierung des politischen Islam bei gleichzeitiger Abwertung säkularer und liberaler Muslime“ (S. 331).

Dabei handelt es sich tatsächlich um ein Problem, repräsentieren die konservativen Dachverbände doch nicht die Muslime, nutzen aber eine damit verbundene Fehlwahrnehmung zum eigenen Einflussgewinn. Allein dass darauf von der Autorin entschieden verwiesen wird, macht das Buch zu einem beachtenswerten Werk. Schröter schreibt eingängig und verständlich und liefert damit auch eine Einführung in die Gesamtproblematik. Sie stützt sich dabei auf eine Fülle von Studien, die bedenkliche Einstellungspotentiale verdeutlichen. Dabei formuliert die Autorin beachtenswerte Warnungen, ohne sie mit Alarmismus und Dramatisierung zu verbinden. Gerade die Ausführungen zu den Dialogpartnern in der Politik sind hier übrigens bedeutsam, kooperieren doch mitunter Ministerien mit Organisationen, die gleichzeitig die Sicherheitsbehörden beschäftigen. Interessant wäre noch gewesen, inwieweit die gemeinten Gruppen unter den Muslimen einen Rückhalt haben. In der Gesamtschau liegt zu einem aktuellen Thema ein wichtiges Werk vor.

Susanne Schröter, Politischer Islam. Stresstest für Deutschland, Gütersloh 2019 (Gütersloher Verlagshaus), 383 S., Bestellen?

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