Von Föhrenwald nach Frankfurt

Ein neuer Bildband gibt Einblicke in das Leben jüdischer Familien nach 1945…

„Wir haben das Lager quasi abgeschlossen, da wir die letzten Föhrenwalder waren. Der Umzug nach Frankfurt war für uns natürlich eine Sensation. Wir haben plötzlich mehrere Zimmer in der Waldschmidtstraße, eine eigene Wohnung gehabt“, erinnert sich Boris Gerczikow. „Wir hatten eine Drei-Zimmer-Wohnung, das war für uns eine große Sache.“

Zusammen mit seiner Mutter Eugenia und seiner damals neunjährigen Schwester Ida wohnte der 14-Jährige jahrelang im DP-Camp Föhrenwald. Im Herbst 1945 hatte die amerikanische Militärregierung die Arbeitersiedlung Föhrenwald für die Unterbringung von jüdischen Displaced Persons bestimmt: ein riesiger Wartesaal für entwurzelte und vertriebene Überlebende der Shoa. Zeitweise lebten in diesem Lager über 5.000 Menschen; bleiben wollte jedoch keiner, die meisten hofften auf eine Zukunft in Erez Israel, viele träumten aber auch von der Emigration in die USA, nach Kanada oder Australien.

Nach dem Krieg existierten zahlreiche dieser jüdischen Transitcenter im besetzten Deutschland. Mit der Gründung des Staates Israels im Mai 1948 und der Liberalisierung der Einwanderungsgesetze der klassischen Emigrationsländer leerten sich die Lager und wurden sukzessive aufgelöst. Übrig blieb nur das Camp Föhrenwald, das erst am 28. Februar 1957 endgültig geschlossen wurde. Die verbliebenen rund 800 Bewohner wurden auf insgesamt neun deutsche Städte verteilt – Frankfurt nahm 125 auf, viele von ihnen fanden in zwei neuerrichteten Wohnblocks in der Waldschmidtstraße im Frankfurter Ostend Unterkunft.

Den Neuanfang der jüdischen Familien, die Rückkehr in eine bürgerliche Welt mit eigener Wohnung und Privatheit, zeichnete die vor drei Jahren in Frankfurt eröffnete Ausstellung „Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt in die Waldschmidtstraße“ nach. Grundlage waren die Erinnerungen von Zeitzeugen, die in Föhrenwald geboren wurden oder dort ihre Jugend verbracht haben. Nun liegt der zweisprachige Katalog (dt./engl.) dazu vor. Der Bildband umfasst kurze Zeitzeugenberichte und eine Fülle von privaten Fotos vornehmlich aus Familienalben, die einen anderen Einblick in die Welt der Shoa-Überlebenden und deren Nachwirkung auf ihre Kinder geben. „Ihre Erinnerungen sind voller Wehmut, angesichts der Leiden und Trauer“, und „gleichzeitig voller Dankbarkeit“ schreiben die Herausgeberinnen des Katalogs. Mit der Verbindung von Bildern und den Berichten der Zeitzeugen wollen die Autoren die „Opferperspektive überwinden“ und eine „Sicht- und Darstellungsweise finden“, die die Opfer der mörderischen NS-Politik „wieder zu Subjekten ihrer Lebensgeschichte“ werden lässt. Das ist gelungen! Allerdings hätte dem Band eine wissenschaftliche Beratung durch einen Historiker gutgetan, der das Erlebte in den geschichtlichen Kontext der Nachkriegszeit einordnet. Dabei hätten sicher auch einige sachliche Ungenauigkeiten vermieden werden können. Dennoch lohnt die Lektüre, ist sie doch eine Ergänzung der einschlägigen Fachliteratur aus einem sehr persönlichen Blickwinkel. – (jgt)

Buchvorstellung mit den Herausgeberinnen und Zeitzeugen in Frankfurt Hochbunker, Friedberger Anlage 5/6, 20. Oktober 2019, 14.30 Uhr.

Iris Bergmiller-Fellmeth/Elisabeth Leuschner-Gafga, Displaced Persons – Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt am Main: From DP-Camp Ferenwald to Frankfurt am Main, Brandes & Apsel, Frankfurt/Main 2019, 204 Seiten, 19,90 €, Bestellen?

Tipp: Wer einen faktenreichen Überblick zum jüdischen Neubeginn in Frankfurt sucht, dem sei etwa die Publikation „Es war richtig, wieder anzufangen. Juden in Frankfurt am Main seit 1945“ von Helga Krohn aus dem selben Verlag empfohlen.

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Bild oben: Boris und Eugenia Gerczikow, Repro: aus dem Katalog

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