Ein Gespräch über Juden, Araber, Joga und Jaffo

Einige kennen Yoav Shamash bereits aus der Literaturecke von Re-levant, wo jeden Freitag ein Auszug aus seinem israelischen Roman veröffentlicht wird. Re-levant hat sich mit dem Autor getroffen und mit ihm über G’tt und die Welt unterhalten…

Von Leah Grantz
Erschienen bei: Re:Levant, 27.08.2019
Bild oben: Yoav Shamash, Jogalehrer und Schriftsteller – Photo von Gidi Boaz

Erzähl uns bitte ein wenig von dir.

Ich bin 1975 geboren und bin in Jerusalem aufgewachsen, genauer gesagt in der Gegend zwischen Rechavia und Katamon, genau neben dem “Jerusalem-Theater” und dem “Museum des Islams”. Meine Mutter war Botanikerin und mein Vater war Nahostexperte. Zudem habe ich einen Bruder und eine Schwester.

Im Alter von 29 Jahren habe ich Jerusalem verlassen und bin ich nach Jaffo gezogen und seitdem betrachte ich mich als Teil Jaffos und des Balagans (= Chaos) hier. Ich habe Musikwissenschaft studiert und davor war ich in der Gastronomie und Konditorei tätig gewesen.

Während meines Studiums habe ich angefangen, Joga zu praktizieren.

Meine Jogalehrerin zu der Zeit (sie ist übrigens bis heute meine Lehrerin) ist zu einem Joga-Seminar für eine Woche in die Jehuda-Wüste gefahren; und ich wollte unbedingt mit. Es stellte sich dann heraus, dass dieses Seminar nur für Lehrer und Fortgeschrittene bestimmt war, aber sie haben mir ausnahmsweise erlaubt, teilzunehmen, obwohl ich nur Anfänger war.

Diese Woche hat sehr viel für mich geändert. Nicht nur die Abkapselung von der Außenwelt, sondern auch der Weg ins Innere. Seitdem ist Joga immer mehr zu meinem Lebensmittelpunkt geworden. Nach diesem Seminar habe ich mich zum Jogalehrer beim “Wingate Institute for Physical Education and Sports“ ausbilden lassen.

Danach hatte ich das Privileg, im Ausland zu lehren. Ich war in Ungarn und auch in Berlin Jogalehrer. In Ungarn konnte ich sogar meine musikalische Ausbildung zur Geltung kommen lassen, wo ich Opernsängern die Verbindung zwischen Gesang und Joga vermittelt habe.

(Über meine Kurse in Berlin kann man in den sozialen Netzwerke mehr in Erfahrung bringen.)

Was ist der Ursprung deiner Familie?

Meine Familie kommt ursprünglich aus dem Irak. Mein Vater ist in Basra geboren und kam im Alter von neun oder zehn nach Israel. Irakische Juden waren sehr patriotisch im Irak und nicht so zionistisch veranlagt. Das änderte sich alles mit der Staatsgründung Israels, und ganze Gemeinden, die seit über 2000 Jahren (also seit dem babylonischen Exil) im Irak lebten, wurden nach Israel verlagert.

Bagdad, 1934 – Zwei Cousins von Yoav Shamashs Mutter

Was hast du in der Armee gemacht?

Ich habe für eine Zeit gesprochenes Arabisch gelehrt, aber die meiste Zeit habe ich an der Allenby-Brücke, der Grenze zu Jordanien, gedient. Meine Armeezeit fand nach den Oslo- Friedensverhandlungen statt. Wir haben das Büro mit unserem palästinensischen Pendant geteilt. Wenn es zu Unstimmigkeiten bei der Grenzüberquerung gab, dann mussten beide Seiten gemäss der Oslo-Bestimmungen urteilen.

Wie hat sich Jaffo verändert, seitdem du hier lebst?

Jaffo ist die schnellstlebende Stadt, die ich kennengelernt habe; und das sagt einer, der mal in New York für kurze Zeit gelebt hat. Ich konnte in Jaffo sogar einen kompletten Austausch der Einwohner feststellen.

Wenn man über Jaffo spricht, kann man nicht über die ganze Stadt allgemein sprechen, sondern man muss jeden Stadtteil individuell behandeln. Nord-Jaffo – wie z.B. Noga – ist komplett schick und Tel Aviv-isch geworden. In meiner Gegend, “Jaffo Gimmel”, kann man schon eine viel diversere Bevölkerung vorfinden. In meinem Haus wohnen muslimische Araber, die auch recht gläubig sind, dann christliche Araber, eine jüdische Irakerin, Äthioper, Russen. Meine irakische Nachbarin spricht Arabisch – aber halt ein jüdisches Arabisch aus dem Irak – was ein wenig abweicht vom örtlichen Dialekt. Jaffo ist sehr reich – was die Vielfalt der Menschen angeht, aber nicht unbedingt auf den wirtschaftlichen Status der Bewohner zutrifft.

In den 1980ern und 90ern wurde Jaffo von den zuständigen Behörden sehr vernachlässigt. Dies hat den Immobilienmarkt beeinflusst. Die Grundstücke waren sehr billig, was wiederum eine gewisse Schicht von Leute angezogen hat. Dadurch sind sehr viele Verbrecher und Kriminelle hinzugezogen.

Um dem entgegenzuwirken, wurde der Andromeda-Komplex erbaut. Dieser Gebäude-Komplex bietet den Reichen einen Wohnort mit Fitnessstudios, Swimmingpool und weiteren Finessen. Andromeda wird von einer hohen Mauer eingeschlossen. Das war der Anfang der Gentrifizierung. Man könnte sogar behaupten, dass sogar ich ein Teil der Gentrifizierung bin. Dieses Thema wird auch in meinem Roman angeschnitten.

Erzähl uns etwas von deinem Buch.

“Schahada” ist ein Buch, das aus meiner eigenen Erfahrungen stammt aber vieles entspringt auch meiner eigenen Vorstellungskraft. Es erzählt die Geschichte eines jungen Menschen, der Musiklehrer für gefährdete Jugendliche ist. In seinem Nachbarsgebäude wohnt eine muslimische Araberin. Er trifft sie zufällig in Givatajim, einem Vorort von Tel Aviv. Diese Begegnung ermöglicht den beiden, eine Verbindung aufzubauen und weitere Treffen folgen. Diese Begegnungen sollen nicht nur der Auftakt einer Freundschaft und deren Konflikte sein, sondern spiegeln Israel anhand dieser zwei Menschen, die sich auf gleicher Augenhöhe treffen, wider.

Was hat dich dazu bewegt, ein Buch zu schreiben, und wann hast du das Buch verfasst?

Ein Nachmittagsgespräch beim Autor

Ich glaube 2007 oder 2008 habe ich angefangen. Für mich gab es mehrere Gründe, die mich animiert haben, ein Buch zu schreiben. Ein Grund war der Film “Garp und wie er die Welt sah” mit Robin Williams. Dieser Film hat in mir etwas ausgelöst.

Der andere Grund war Joga! Joga hat mir eine Disziplin beigebracht, nämlich von innen nach außen zu gehen. Ich konnte mich auf einmal viel besser beobachten, was mit mir abgeht und auch meine Umwelt besser beobachten, wie z.B. Jaffo und alles was damit verbunden ist.

Ich habe selbst, wie der Protagonist in meinem Buch, gefährdeten Jugendlichen Musik beigebracht. Es war eine sehr schwierige Zeit. Die Schüler waren alle – bis auf einen – vorbestraft.

Warum hast du diesen Teil deines Buches ausgesucht?

Ich habe diesen Teil ausgesucht, weil er eine andere Art von Erfahrung aufweist. Mir scheint, das kann ansonsten nicht an einem Ort passieren, der so angespannt ist wie Israel. Weil der Geist des Buches in diesem Kapitel sehr zum Vorschein kommt. Dieses Buch handelt von zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie die Beziehung zwischen G’tt und Mensch. Es ist auch kein Zufall, dass mein Buch mit einem Zitat aus den Psalmen anfängt. G’tt sieht jeden Menschen und nicht nur Juden oder Muslime.

In dem veröffentlichten Teil, geht Schai, der Protagonist, in eine Moschee, um zu beten. Es gibt dort eine Möglichkeit dazu, es scheint ihn, als würde ein Fenster geöffnet, eine neue Welt kennenzulernen, die Welt des Islams. Bevor Shai in die Moschee geht, trifft er sich mit Tarek, einem Freund von ihm, welcher ihm wiederum alles über das Beten in einer Moschee beibringt. Und weil Shai unvoreingenommen in die Moschee geht, ist es ihm möglich, diese Erfahrung aus einer Tiefe zu erleben, die ansonsten nicht möglich gewesen wäre.

Das ist mir persönlich mal in Jaffo passiert. Ein Freund von mir hat mich in die Moschee eingeladen und das hat mich nicht abgestossen, im Gegenteil! Ich bin dann in die Moschee gegangen und konnte all die Unterschiede feststellen – zwischen einer Synagoge und einer Moschee. Synagogen sind für mich vorbelastet mit all den politischen Machenschaften und Motiven der Leute, und als ich in die Moschee gegangen bin, habe ich das nicht gespürt.

Was magst du am Judentum und am Islam?
*Anmerkung der Redaktion hinzufügen: Nach Christentum haben wir nicht gefragt

Ich liebe die tiefe Weisheit, die in beiden Religionen zu finden ist. Ich liebe die Dinge, die man zwischen den Zeilen findet und die Dinge, die jeder für sich nehmen kann ohne Vermittler vom Glauben. Es ist nicht so, dass Interpretation nicht wichtig ist, aber Glaube ist oft mit Macht verkoppelt und was ich mag, ist, wenn die Verbindung zwischen dem Glauben einerseits und Macht und Kontrolle andererseits keine Rolle spielen. Ich mag es, wenn die Liebe ans Licht kommt und nicht der Hass, der so oft geschürt wird von den Vermittlern von Religionen. Religionen sollten eine Verbindung zu Anderen schaffen und nicht eine Trennung der Menschen. Hass ist keine Lösung. Man kann Meinungsverschiedenheiten haben, aber man muss doch den Menschen nicht hassen.

Die Halacha (das jüdische Religionsgesetz) sagt, dass Joga “Awodah Sarah”, also Götzendienst ist. Hast du mal davon gehört?

Ich habe davon gehört, aber das rührt von einem Missverständnis. Ich habe mit Rabbis sogar darüber gesprochen. Joga hinterlässt einen Eindruck, als sei es “Awodah Sarah”, wenn man an die Namen von einigen Jogaübungen denkt, wie z.B. die Sonnenanbeterin – aber Joga hat nichts mit Religion zu tun und aus diesem Grund gibt es keine Überschneidungen.

Was jedoch interessant ist, es gab sogar viele Rabbis, die über einen längeren Zeitraum schweigend saßen, was ja auch eine Art von Mediation ist.

Haben Araber dein Buch kritisiert?

Ich habe Feedback auch von Arabern erhalten. Mein Buch ist nicht patronisierend, und versucht sich nicht als solches.

Ein muslimischer Araber hat mir mitgeteilt, dass mein Buch sein Leben veränderte. Aufgrund meines Buches konnte er endlich ein klärendes Gespräch mit seinem Vater führen, wo er sich als schwul outet. (Wir haben das noch nicht erwähnt, aber Schai, der Protagonist, ist schwul). Ein anderer hat mir geschrieben, dass er im Zug mein Buch gelesen hat und sich oft das Lachen nicht verkneifen konnte, weil er so viele Feinheiten in der arabischen Sprache wiedererkennen konnte, sowie andere Vertrautheiten.

Sami Michael, ein sehr renommierter israelischer Autor, hat mich mal gefragt, ob ich mit Arabern gelebt habe, da er eine sehr intime und vertraute Atmosphäre in meinem Buch vernommen hat, welche man nur bei Autoren entdeckt, die näheren Umgang mit arabischer Bevölkerung haben.

Es gibt mehr als eine Wahrheit auf der Welt, aber wenn wir nicht herausfinden, wie wir uns gegenseitig respektieren, und uns stattdessen weiterhin hassen, dann ist Enttäuschung vorprogrammiert.

Ein Nachmittag in Jaffo mit Muezzin im Hintergrund.

Gibt es irgendwelche israelischen Fernsehsendungen oder Filme, die du unseren Lesern empfiehlst?

Ganz ehrlich, ich habe nicht mal einen Fernseher. Nicht, weil ich ein Snob bin, sondern weil ich mich einfach kenne und dann ständig gucken würde. Ich ziehe es vor zu schaffen anstatt zu konsumieren.

Eine einfache Frage zum Schluss: Wie sieht es mit dem Frieden aus?

Ich sehe Frieden, aber nicht in den nächsten Jahren. Deutschland und Frankreich haben auch ein paar Jahre gebraucht, um Frieden miteinander zu machen – und heute funktioniert es. Und so ähnlich sehe ich es auch hier. Irgendwann wird der Frieden kommen, nämlich dann, wenn beide Seiten das Bewusstsein dazu haben.

Re:Levant (https://www.re-levant.de/) ist eine deutschsprachige Webseite zu Israel und dem Nahen Osten (ehemals „Levant“), geschrieben von fest in Israel lebenden Redakteuren. Themen sind Tagesaktuelles, Hintergründe, Kurzgeschichten u.v.m. Das Motto ist: „Die besten Geschichten schreibt das Leben – die zweitbesten gibt es bei Re:Levant“
Die Online-Zeitung wurde von Leah Grantz und Benjamin Rosendahl gegründet, da sie erkannt haben, dass bei vielen Reportagen wichtige Fakten und Informationen herausgelassen werden und ein anderes Israel dargestellt wird, als das, das sie kennen. Die beiden Gründer sind ursprünglich aus München und haben zu unterschiedlichen Zeiten Aliyah gemacht und leben seither in Israel. 
Die Redaktion freut sich über Leser, Kommentare, Anregungen, Vorschläge für Artikel und Fotos sowie Kooperationen mit potentiellen Geschäftspartnern, Investoren und Werbeträger. Am besten eine Email an relevantredaktion@gmail.com schreiben. 

Kommentar verfassen